Doch, Viola Amherd, unser Trinkwasser ist gefährdet

Urs P. Gasche © Peter Mosimann

Urs P. Gasche /  In Landwirtschaftszonen enthält Hahnenwasser Rückstände von durchschnittlich 5 Pestiziden. Das ergab eine Stichprobe des K-Tipp.

In ihrer Abstimmungsbotschaft am Fernsehen meinte Bundesrätin Viola Amherd:
«Ich kann Ihnen versichern, unser Wasser kann bedenkenlos getrunken werden
Kaum damit einverstanden sind die 2500 Einwohnerinnen und Einwohner der Gemeinde Höri im Zürcher Unterland: Ihr Trinkwasser enthält Rückstände von 16 verschiedenen Pestiziden. Es war der höchste Wert einer Stichprobe, die der K-Tipp in zwanzig Haushalten in der Nähe von Landwirtschaftszonen in der Deutsch- und Westschweiz erhoben hat. Im Durchschnitt fand der Kassensturz Rückstände von vier verschiedenen Pestiziden.

Die Schweiz ist das Wasserschloss Europas. Unsere gesamte Gewässerverschmutzung ist hausgemacht. Noch sind wir stolz darauf, dass man in der Schweiz – im Gegensatz zu vielen anderen Länder – das Trinkwasser auch ohne grossen Chlorzusatz bedenkenlos trinken kann. Doch dieses Privileg riskieren wir zu verlieren.

210604 Amherd SRF
Bundesrätin Viola Amherd empfiehlt das Bundesrats-Nein zur Trinkwasserinitiative

Schon vor anderthalb Jahren fanden die Kantonschemiker in über der Hälfte von fast 300 Trinkwasserproben Abbauprodukte von Pestiziden, darunter einige, bei denen eine krebserregende Wirkung vermutet wird.

«Bedenkenlos trinken», meint Bundesrätin Amherd.

Mehrere Pestizide sind äusserst langlebig. Verbietet man sie erst, wenn ein grösserer Schaden angerichtet ist, ist es zu spät. Der Unkrautvertilger Atrazin beispielsweise wurde in der Schweiz bereits 2012 verboten (in der EU im Jahr 2003). Doch noch heute überschreitet die Atrazin-Konzentration an manchen Orten die Anforderungen der Gewässerschutzverordnung. Und noch heute messen Kantonschemiker Atrazin-Rückstände im Trinkwasser.

«Bedenkenlos trinken», meint Bundesrätin Amherd.

Gesetzliche Grenzwerte beziehen sich noch heute lediglich auf die einzelnen Pestizide. Damit keines davon seinen Grenzwert überschreitet, verwenden Bauern einfach mehrere unterschiedliche Pestizide. Für das gesamte Gemisch an Rückständen gibt es keinen Grenzwert, obwohl sich die schädliche Wirkung mehrerer Substanzen im menschlichen Körper potenzieren kann. Dazu kommen Wechselwirkungen mit Rückständen von Arzneimitteln, die an einigen Orten ebenfalls in Spuren im Trinkwasser gefunden werden. Das Vorsorgeprinzip würde gebieten, einen Gesamtgrenzwert für die Summe aller Pestizid-Rückstände einzuführen.

Stattdessen meint Bundesrätin Amherd: «Bedenkenlos trinken».

Vorsorge würde auch bedeuten, dass das Grundwasser möglichst rein gehalten wird. Denn mehr als zwei Drittel des Trinkwassers in der Schweiz wird direkt dem Grundwasser entnommen. 2019 kam das Bundesamt für Umwelt zum Schluss, dass Stoffe aus der Landwirtschaft das Grundwasser «verbreitet und nachhaltig beeinträchtigen». Die Sonntags-Zeitung titelte im Juli 2020 «Pestizide, Dünger und Schmerzmittel: Schweizer Wasser ist bedroht».

«Bedenkenlos trinken», meint Bundesrätin Amherd.

Die Öffentlichkeit darf nicht wissen, wo genau welche Rückstände gemessen wurden. Die meisten Kantonslabors geben die Messresultate nicht pro Messstandort an. Das Persönlichkeitsrecht der umliegenden Bauern gehe vor. Für die betroffene Bevölkerung soll gelten «Was ich nicht weiss…»

Und Bundesrätin Viola Amherd meint: «Bedenkenlos trinken».

Werden an bestimmten Standorten zu hohe Werte an Pestizidrückständen gemessen, kommt die Taktik verdünnen zum Einsatz. Das Wasser wird mit dem Wasser saubererer Quellen vermischt, so dass die Grenzwerte der einzelnen Pestizid-Rückstände eingehalten werden. Solange diese Verwässerungspolitik möglich ist, kann die Bunderätin weiterhin verkünden:

«Bedenkenlos trinken».

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NACHTRAG
Rückstände von Pestiziden im Gehirnwasser aller untersuchten Kinder

Bei Kindern, die am Universitätsspital Lausanne (CHUV) wegen einer Leukämie-Erkrankung behandelt werden, wird routinemässig das Gehirnwasser (Liquor) untersucht. Zwischen August und Dezember 2020 wurde das Gehirnwasser zusätzlich auf Rückstände von Pestiziden untersucht. Die Überraschung war gross: In allen Proben befanden sich Rückstände des Pflanzenschutzmittels Neonicotinoid. Der beteiligte Neuenburger Kinderarzt Bernard Laubscher erklärte dazu in der «NZZ am Sonntag» vom 6. Juni: «Wenn 14 von 14 zufällig untersuchten Hirnen kontaminiert sind, ist vermutlich jedes Kind betroffen.»
In der Schweiz sind die umstrittenen Neonicotinoide Im Obstbau, im Anbau von Zuckerrüben, in Gewächshäusern erlaubt. Es ist bekannt, dass diese Pestizide die Gehirne von Bienen schädigen.

Frühere Artikel über Neonicotinoide auf Infosperber finden Sie hier.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

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Öffentliche Gesundheit

Ob wir gesund bleiben, hängt auch von Bewegungsmöglichkeiten, Arbeitsplatz, Umwelt und Vorsorge ab.

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6 Meinungen

  • am 6.06.2021 um 11:11 Uhr
    Permalink

    Investieren wir doch CHF 6 Mrd. besser in UNSERE Umwelt anstatt in Kampfjets, Frau Amherd.

    1
  • am 6.06.2021 um 13:36 Uhr
    Permalink

    Bei COVID steht Gesundheit über Wirtschaft. Ich hoffe, dass das auch beim Trinkwasser gilt.
    Hoffentlich werden die beiden Initiativen angenommen.

    1
  • am 6.06.2021 um 15:31 Uhr
    Permalink

    Blablabla. Und sie reden unendlich, wenn der Tag lang ist, und die Tage sind sehr lang, und wenn sie nicht gestorben sind, reden sie auch heute noch. Meine Güte!
    Bundesrätin Viola Amherd: «Ich kann Ihnen versichern, unser Wasser kann bedenkenlos getrunken werden.»
    Das erinnert mich an ihre Aussagen zur Militärjets-Abstimmung.
    Ich sehe in der Schweiz leider kein Haftungsrecht mit Zähnen. Versuchen Sie mal, irgendjemanden haftbar zu machen, beispielsweise bei iatrogenen Schäden oder bei 5G ( https://mobilfunkhaftung.ch/ ).
    Wir bräuchten auch schweiz-intern eine Konzernverantwortungsinitiative, die die persönliche Haftung insbesondere der Politiker miteinschliesst.

    0
  • am 6.06.2021 um 16:21 Uhr
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    Wie der Mensch denkt, so lebt er.
    Wenn (mit aus Abhängigkeit gütiger Mithilfe der Medien) Angst und Schrecken verbreitet wird, entfernen wir uns beängstigend schnell von unserer freiheitlichen Demokratie. Der Polit-Alltag ist zu einem unrühmlichen Schwarzpeterspiel verkommen. Zu jedem beliebigen Thema werden zuerst die «Bösen» ausgemacht, diese danach medial an den Pranger gestellt und so scheinbar demokratisch zum Gehorsam gezwungen. Breite Kreise dieser gut gemeinten Ja Stimmen stehen schon beim nächsten Thema selber im Fokus.
    Einem als gefährlich eingestuften Pestizid kann die Behörde ganz einfach die Zulassung verweigern und das «Problem» löst sich.

    4
  • am 6.06.2021 um 19:27 Uhr
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    Wie «Bedenkenlos trinken», meint Bundesrätin Viola Amherd beispielsweise auch «Bedenkenlos Kampf jetten». Sie politisiert «Harmlos gmögig». Wie lange wohl noch?

    0
  • am 7.06.2021 um 11:20 Uhr
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    Wenn ich mir die Leistung und die Aussagen unseres Bundesrates ansehe, nimmt mein Ärger in den letzten 2 Jahren ständig zu. Wenn sich der BR äussert, nimmt er es mit der Wahrheit nicht so genau, wie es das Volk eigentlich erwarten dürfte. In diesem Gremium geht vorwiegend die Angst um, wie soll der BR dem Volk bloss die Wahrheit sagen, damit es nicht noch zu mehr Demonstrationen kommt. Da werden amt. und em. Professoren und Ex-Politiker, die Industrie, Rauchpedarden-Vereinigungen (wie Economiesuisse etc.) und andere Stellen bemüht um derart schwarz zu malen, dass das Stimmvolk annehmen muss, die Schweiz würde nach der Abstimmung tatsächlich untergehen. Schlimm dabei ist, dass gewisse Medien diese Unwahrheiten und Übertreibungen noch unterstützen. Vor allem bei den beiden Volksinitiativen verharmlosen BR und Parlament die eff. Tatsachen mithilfe der Bauernlobby die ja der Anlass dieser beiden Abstimmungsthemen ist. Spätestens am Abend des 13. Juni werden wir sehen, wie wirkungsvoll die Schwarzmalerei der Gegner dieser zwei Volksinitiativen einmal mehr war.

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