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Grosse Teile Kolumbiens sind von Regenwald bedeckt. Der Nationalbaum ist die seltene Quindio-Wachspalme. © cc-by-3 Diego Andrés Alvarez Marín

Kolumbien: die Farc ist weg, der Wald bald auch

Daniela Gschweng /  Seit die Guerilla 2016 abzog, wird der kolumbianische Wald nun rücksichtslos abgeholzt. Anti-Entwaldungs-Programme sind chancenlos.

Lange war Kolumbien eines der am wenigsten von Entwaldung betroffenen Gebiete Südamerikas. Aus wenig erfreulichen Gründen: Jahrzehntelang herrschte Krieg zwischen der Farc-Guerilla und der kolumbianischen Regierung. 2014 erklärte die Farc einen Waffenstillstand, 2016 folgte der Friedensvertrag mit der Regierung.

Mit dem Frieden kam aber auch die Abholzung. Ab 2015 schoss die Zahl der gerodeten Hektaren in die Höhe. 2018 und 2019, die letzten Jahre, für die Zahlen vorliegen, gelang es, die Abholzung wieder zu bremsen. Kolumbien ist jedoch noch immer eines der zehn Länder, in denen weltweit am meisten tropischer Regenwald vernichtet wird.

Es sei schrecklich, wieviel gerodet werde, beschreibt «Victoria Márquez», mit der «Die Zeit» ein Zoom-Interview geführt hat. Innerhalb weniger Tage seien Hunderte Hektaren Wald in einem Nationalpark für die Viehzucht abgeholzt worden. Die Tierzuchtexpertin arbeitet seit 15 Jahren in den Wäldern und versucht, Bauern waldfreundliche Tierhaltung beizubringen. Es würden konstant sehr grosse Flächen gerodet, aber keiner kontrolliere es, sagt sie.

Wenig Staat und viel wilder Westen

Ihren richtigen Namen kann Márquez nicht nennen, das wäre zu gefährlich. Ihre Arbeit war schon immer schwierig. Sie hat die Zeiten der Guerilla erlebt, danach kamen paramilitärische Gruppen. Beide Seiten misstrauten ihr und ihren Kollegen.

Inzwischen kann sie sich zwar freier bewegen, ihr Sicherheitsgefühl ist seit dem Friedensabkommen aber nicht gestiegen. Zu unübersichtlich sind die Verhältnisse: «Heute stehen wir Menschen gegenüber, von denen wir nicht wissen, wer sie sind, wie sie heissen, wer hinter ihnen steht», erklärt sie. Das klingt nach wenig Staat und viel wildem Westen.

Einer der Hauptgründe für die ungebremste Zerstörung des Regenwaldes ist die schwache kolumbianische Regierung, aber auch die wirtschaftlichen Notwendigkeiten. Kolumbien brauche Geld, um den Frieden zu finanzieren, sagt Torsten Krause, der sich in mehreren Arbeiten mit dem kolumbianischen Friedensprozess und seinen Auswirkungen auf Bevölkerung und Natur beschäftigt hat.

Waldschutzprogramme zeigen kaum Wirkung

Anders als durch die Nutzung natürlicher Ressourcen sei das kaum möglich, erklärt der Wissenschaftler, der für die schwedische Lund Universität forscht. Der Abzug der Farc hat eine Gelegenheit geschaffen, legale wie illegale Wirtschaftszweige nützen sie aus.

Internationale Waldschutzprogramme, die vor allem von Norwegen, Deutschland und Grossbritannien finanziert werden, zeigten in Kolumbien kaum Wirkung, stellt Krause fest. Kleinbauern und Landlose seien im Transformationsprozess einmal mehr benachteiligt.

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Von 2013 bis 2019 hat Kolumbien 1,4 Prozent des ursprünglichen Regenwalds verloren. Abgeholzte Flachen erscheinen rötlich.

Die Landreform lässt auf sich warten

Der grösste Teil der Abholzung geht auf das Konto der Viehwirtschaft und der Palmölproduktion. Ob den Bauern das Land gehört, das sie roden, ist oft zweifelhaft. Eine wesentliche Vereinbarung des Friedensvertrags, die Landreform, ist bisher nicht umgesetzt. Es gibt kein Kataster und kein Landrechtsregister, die Besitzverhältnisse sind unklar.

Diejenigen, die abholzen, versuchen Tatsachen zu schaffen, um das gerodete Land später registrieren zu können. Hinter ihnen stünden Investoren, die ihnen Saatgut und Vieh zur Verfügung stellten und sie im Gegenzug an den Gewinnen beteiligten, sagt Márquez. Wer diese Investoren sind, sei nicht immer klar.

Legale und illegale Wirtschaft legen Hand an

Dazu kommen legaler und illegaler Bergbau. Besonders die illegale Goldgräberei geht mit Umweltschäden und unsicheren Verhältnissen einher. Manche Farmen würden auch zur Geldwäsche genutzt, zählt Krause auf.

Die Fläche, auf der Kokasträucher angebaut werden, stieg schon nach 2014 an. Die unter erheblichem Aufwand betriebene Anti-Koka-Politik Kolumbiens sei im Wesentlichen gescheitert. Für Bauern gebe es jedoch mancherorts kaum Alternativen.

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Für 2020 gibt es noch keine Zahlen über gerodete Flächen in Kolumbien. Die Anzahl der aufgenommenen Waldbrände von 2016 bis März 2021 spricht dafür, dass Rodungen eher zugenommen haben.

Die Lage ist komplex und Corona hat sie nicht einfacher gemacht, das zeigt die Anzahl der Waldbrände, die 2020 zugenommen haben. Es wird noch weniger kontrolliert und Kolumbien hat momentan nachvollziehbar andere Prioritäten als den Schutz des Regenwalds – eine schwierige Ausgangslage für eine stabile, nachhaltige Politik.

Der Wald kann sich erholen – wenn man ihn in Ruhe lässt

Bis 2030 will Kolumbien seinen Treibhausgasausstoss dennoch halbieren, bis 2050 will das Land klimaneutral sein. Derzeit sieht es eher nicht danach aus, im ersten Quartal 2020, zitierte der «Tagesanzeiger» im Mai 2020 den kolumbianischen Umweltwissenschaftler Rodrigo Botero, sei vermutlich mehr abgeholzt worden als im gesamten Jahr 2019. Aktuelle Zahlen gibt es noch nicht.

Márquez ist dennoch optimistisch: Würden die Rodungen gestoppt, könne sich der Wald fast ebenso schnell erholen. Höfe, die vor 20 Jahren aufgegeben worden seien, seien heute wieder so bewaldet, dass sie bis vor Kurzem selbst geglaubt habe, es handle sich um naturbelassenen Urwald.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine.

Zum Infosperber-Dossier:

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