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Der Schlüssel zur Energiewende liegt in erster Linie beim Sparen, sagt Buchautor Guggenbühl. © nechbi/flickr/cc

«Der Energiepfad führt in die Sackgasse»

Urs Zurlinden /  Das Buch zur Energiewende: nach dem Buchauszug (Infosperber vom 16.4. 2013) folgt das Interview mit Autor Hanspeter Guggenbühl.

Herr Guggenbühl, haben Sie Ihr neues Buch bei Kerzenlicht geschrieben?
Hanspeter Guggenbühl: Ich arbeite in einem sonnigen Büro.
Sie gelten als radikaler Energiesparer. Geht das Licht im Kühlschrank inzwischen wieder?
Ein defektes Lichtlein spart wenig, denn Strom braucht vor allem die Kühlung.
Ein Schweizer verbraucht im Haushalt durchschnittlich 2200 Kilowattstunden (kWh) Strom pro Jahr – Sie kommen mit einem Drittel aus. Wie machen Sie das?
Ich nutze effiziente Geräte und lasse unsinnigen Stromeinsatz weg.
Welches sind denn die grössten Stromfresser im Haushalt?
Am meisten Strom verbrauchen Geräte, die Wärme oder Kälte produzieren, also Boiler, Elektroöfen, Herd, Waschmaschinen, Tumbler, Tiefkühler und Kühlschränke.
Braucht es ein Verbot von Elektroheizungen?
Ich bin – wie auch die kantonalen Energiedirektoren – für ein Verbot von Elektroheizungen. Es gibt viel effizientere Techniken, um Raumwärme herzustellen.
Sie fordern grundsätzlich «Verbote von offensichtlich unsinnigen Stromanwendungen». Woran denken Sie noch?
Unsinnig sind beispielsweise Fassadenbeleuchtungen. Oder: Es ist unsinnig, mit Strom im Tumbler warme Luft zu produzieren, um die Wäsche zu trocken anstatt sie an die Sonne zu hängen.
Liesse sich der Energieeinsatz nicht einfach über den Preis steuern?
In den Energiepreisen sind die wahren Kosten oft nicht enthalten. Beim Ölpreis etwa wird die zukünftige Verknappung nicht berücksichtigt. Wir bezahlen der Natur nichts dafür, dass wir ihr das Öl, das sie in Jahrmillionen gebildet hat, abgraben und nachher in C02 umwandeln. Die Steuerung allein über den Markt funktioniert eben nicht, weil der Markt das Naturkapital ausblendet. Deshalb plädiere ich dafür, das Naturkapital mittels Lenkungsabgabe in die Energiepreise zu integrieren.
Für das umweltbelastende C02 gibt es inzwischen Abgaben. Wären solche Vorschriften auch für die Elektrizität einzuführen?
Ja, sicher. Immerhin gibt es für einige Elektrogeräte bereits Grenzwerte für den zulässigen Stromverbrauch. Jetzt geht es darum, diese Vorschriften auf alle Gerätekategorien auszuweiten.
Müssen die Konsumenten also zum Stromsparen gezwungen werden?
Da die Stromproduktion aus Atom-, Kohle- oder Wasserkraft auf Ausbeutung der Natur basiert, finde ich es richtig, wenn man die Konsumenten über den Preis – Stichwort Lenkungsabgaben – oder über Verbrauchsvorschriften dazu anhält, diese Natur nicht über Gebühr zu plündern.
Sie schreiben im Buch von «Energiesklaven». Was meinen Sie damit?
Wir leben ja über unsere körperlichen Verhältnisse. Da wir aus eigener Kraft nicht alles erreichen, was wir wollen, setzen wir Energiesklaven ein – einst vor allem in Form von Holz, heute in Form von nicht nachwachsendem Erdöl, Erdgas, Uran etc. Je nach Berechnung beschäftigt der Durchschnitts-Schweizer zwischen 50 und 150 Energiesklaven. Das sind zu viele. Mit Intelligenz und Masshalten könnten wir die Hälfte dieser energetischen Zwangsarbeiter entlassen.
Wie hat sich die Energieversklavung entwickelt?
Es gab Zeiten, da musste der Mensch mit der Energie auskommen, die er sich über die Nahrung zuführte. Dann kam das Feuer, kamen Wind- und Wassermühlen hinzu. Diese ersten Energiesklaven konnte man noch mit nachwachsenden Energieträgern füttern. Dann begannen wir, die unter dem Boden schlummernden Vorräte auszubeuten. So hatten wir zusätzliches Futter für zusätzliche Energiesklaven. Weil wir für dieses Futter nicht den wahren Preis bezahlten, wurden diese Energiesklaven gemessen an der Kaufkraft der Menschen immer billiger. Und deshalb haben wir immer mehr Energiesklaven eingestellt – und ausgebeutet.
Das Wirtschaftswachstum ist aber auf eine stetige Energieversorgung angewiesen. Wollen Sie das Rad zurück drehen?
Es gibt tatsächlich einen Trend: Je stärker die Wirtschaft wächst, desto stärker wächst der Energieverbrauch. Aber diese Tendenz lässt sich korrigieren, indem man die Energieträger effizienter einsetzt. Pro Wirtschaftsleistung braucht eine Durchschnittsperson in Europa nur halb so viel Energie wie eine Person in den USA. Und ein Chinese braucht immer noch viel weniger Energie als ein Europäer – nicht weil er sie effizienter einsetzt, sondern weil er sich schlicht weniger Energiesklaven leisten kann.
Glauben Sie denn nicht an eine Energiewende dank technischem Fortschritt?
Der technische Fortschritt ist zu nutzen, um die Effizienz des Energieeinsatzes zu erhöhen. Das Problem ist nur: Je effizienter der Energieeinsatz ist, desto mehr Energie verbrauchende Geräte und Anlagen setzen wir ein. Die Effizienz allein reicht also nicht, um die Zahl der Energiesklaven zu verringern.
Wo wird denn am meisten Energie verschwendet?
Im Autoverkehr. Das Durchschnitts-Auto verschlingt rund 1’200 Liter Benzin pro Jahr. Das entspricht der Leistung von zehn Energiesklaven. Aber nur einer sorgt für den Transport der im Auto sitzenden Personen. Die andern neun Energiesklaven werden gebraucht, um die 1,5 Tonnen schwere automobile Verpackung zu befördern. 90 Prozent Energie allein für den Transport der Verpackung – das ist nicht sehr effizient.
Der Bundesrat hat nun eine Energiewende eingeleitet. Die Zeichen der Zeit sind also erkannt?
Diese bundesrätliche Energiestrategie bis 2050 steht vorläufig auf dem Papier. Im Moment ist da noch nichts umgesetzt.
Bis 2050 will der Bundesrat den Endenergieverbrauch um gegen 50 Prozent senken. Ist das noch nicht genug?
Das wäre eine Trendwende. Es kommt aber darauf an, wie diese restliche Energie gewonnen wird. Wenn wir dafür weiterhin mehrheitlich nicht nachwachsende, fossile Energieträger verwenden, dann genügt es nicht. Was der Bundesrat vorschlägt, ist ein Ziel. Nur: Ziele sind wohlfeil, vor allem wenn sie für eine Zeit formuliert werden, in der die heutige Generation nicht mehr am Ruder ist.
Der Bundesrat will im Jahr 2050 den Gesamtenergie-Verbrauch zu 80 Prozent mit erneuerbarer Energie abdecken. Gelingt das?
Das wird wohl gelingen – sonst wird Doris Leuthard die volle Verantwortung für das Scheitern übernehmen und im Jahr 2050 zurücktreten.
Die bundesrätliche Energiestrategie kostet 25,5 Milliarden Franken. Ist das eine realistische Zahl?
Ach diese Kostenrechnungen! Man kann sagen: Diese 25,5 Milliarden sind sehr viel Geld, das können wir uns nicht leisten. Man kann aber auch sagen: Das ist Geld, das in die Wirtschaft fliesst – und das ist hoch willkommen. Um die Energiewende herum gibt es Dutzende von ökonomischen Studien, die Tausende von Seiten füllen. Es ist schon spekulativ, Energieziele über 40 Jahre hinaus festzulegen; will man jetzt zusätzlich noch die Auswirkungen in Franken bemessen, ist das noch viel spekulativer. Ich empfehle deshalb im meinem Buch: Misstrauen Sie allen diesen Kostenberechnungen!
Dennoch: Wer sollte denn diese Kosten bezahlen?
Es stellt sich die Frage: Welche Kosten? Wir brauchen heute etwa 30 Milliarden Franken, um unsere Energiesklaven zu ernähren. Nach einer Energiewende wird die Zahl der Energiesklaven halbiert. Das darf auch einige Investitionen nach sich ziehen. Mit einer Energiewende kann man sogar Kosten sparen. Beispiel: Wer den Stecker beim Tumbler rauszieht und die Wäsche an die Leine hängt, vollzieht eine kleine Energiewende und spart obendrein noch Geld!
Die Vorlage des Bundesrates kommt nun im Herbst ins Parlament. Harte Diskussionen sind angesagt.
Das ist so: Die Meinungen darüber gehen weit auseinander. Das hat mit Interessenpolitik zu tun.
Die Stromlobby will den definitiven Atomausstieg noch nicht wahrhaben.
Auch die Stromlobby sagt inzwischen: Der Atomzug ist abgefahren. Aus ordnungspolitischen Gründen lehnen sie es zwar ab, dass man ein Technologie-Verbot ins Gesetz schreibt. Aber die Stromlobby geht heute davon aus, dass in der Schweiz keine neuen Atomkraftwerke mehr gebaut werden können. An der Atomenergie hängen heute nur noch einige pensionierte Atomphysiker.
Sie sehen im Solarstrom das grösste Potenzial, um den Atomstrom zu ersetzen. Und die Wasserkraftwerke?
Falsch. Das grösste Potenzial sehe ich darin, Strom nicht zu ersetzen, sondern einzusparen. Der Restbedarf lässt sich dann mit Solarstrom und anderen Technologien ersetzen. Aber ich bin nicht jemand, der auf eine blinde Anbauschlacht mit Solar-Panels auf allen Wiesen und Alpweiden setzt. Und der Ausbau der Wasserkraft ist ohnehin eng begrenzt.
Wie viel Zeit bleibt uns noch für die Energiewende?
Der Energiepfad führt in die Sackgasse. Je länger wir auf diesem falschen Pfad weiter gehen, desto schmerzhafter ist die Umkehr. Es ist einfacher, eine Energiewende heute einzuleiten und möglichst schnell die Abhängigkeit von allzu vielen Energiesklaven zu reduzieren, als morgen dazu gezwungen zu werden.

Siehe auch «Das unabhängige Buch zur Energiewende»


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Hanspeter Guggenbühl ist regelmässiger Infosperber-Mitarbeiter. Das Interview erschien zuerst in der Südostschweiz.

Zum Infosperber-Dossier:

SolaranlageBauernhof-1

Energiepolitik ohne neue Atomkraftwerke

Erstes, zweites und drittes Gebot: Der Stromverbrauch darf nicht weiter zunehmen.

Bohrinsel_ST33VO

Wir hängen am Tropf von Rohstoffen

Rohstoffe lagern in der Erde noch viele. Doch deren Ausbeutung schafft Risiken und wird fast unbezahlbar.

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2 Meinungen

  • am 5.05.2013 um 15:12 Uhr
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    In der Schweiz werden bereits mehr als 0.5% Solarstrom produziert. Es sind rund 400 MW installiert. Die BFE Perspektiven gehen für 2020 von 600 MW aus. Dieser Wert dürfte im Jahr 2014 erreicht werden. Die Renditen von KEV-Anlagen können locker über 10% betragen, dies vor allem auch unter Beachtung der Steuerabzüge. Mit der KEV sollen sehr viel Anlagen gefördert werden, insbesondere im PV-Bereich.

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  • am 31.08.2013 um 22:15 Uhr
    Permalink

    Das Buch von Hanspeter Guggenbühl kann ich wärmstens empfehlen. Es liest sich leicht, ist auch für «thematische Neueinsteiger» gut verständlich und findet den angenehmen Mix zwischen Überblick/Vereinfachung und detaillierte Herleitung/komplexe Zusammenhänge.

    Nur schade, dass Guggenbühls eigentliche Empfehlung, die Einführung einer zentralen Lenkungsabgabe als Alternative zu vielen Subventions- und Fördermechanismen, so wenig Platz bekommt. Gleichzeitig ist das wohl auch symptomatisch dafür, wie komplex Steuerungsmechanismen herauskommen, die derart zahlreiche politische Hürden zu überwinden haben.

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