Spätsommer Überschwemmungen Pakistan

33 Millionen Menschen mussten ihren Wohnort im Sommer verlassen, um den Wasserfluten in Pakistan zu entkommen. Mindestens 1500 Menschen starben. Noch nie in der Geschichte stand ein Drittel Pakistans unter Wasser. © AA

2022: Ein weiteres Jahr der Kapitulation vor der Klimakrise

Urs P. Gasche /  Politik, Wirtschaft und Medien nehmen die Gefahren für Kinder und Enkel nicht ernst genug. Eine Zwischenbilanz.

Das eine Desaster des vergangenen Jahres ist der Krieg in Europa. Das andere Desaster besteht darin, dass gegen CO2-Emissionen nur noch ein Scheingefecht geführt wird und man eine künftige Erderwärmung um 3 oder 4 Grad in Kauf nimmt. Mit den fatalen Folgen sollen sich dann künftige Generationen herumschlagen.

Um diese ernüchternde Bilanz zu ziehen, braucht es keine wissenschaftliche Abhandlung. Ein paar wichtige Indikatoren genügen.

Kohle bleibt «in»

Dank Kohle konnte das Industriezeitalter eingeläutet werden. Unterdessen brachte die Kohle die Menschheit mit an den Rand einer Klimakatastrophe. Deshalb gilt seit einigen Jahren die Devise: «Möglichst rasch aus der Kohle aussteigen». Zwar haben einige reiche Länder die Förderung von Kohle reduziert, doch von einem globalen Ausstieg ist nichts zu bemerken, wie folgende Grafik zeigt:

Weltweite Kohlenproduktion
Weltweite Produktion von Kohle (ab 2023 geschätzt). Hellgrün: Kohle für Wärme. Dunkelgrün: Kohle für die Stahlproduktion.

Kohle bleibt die weltweit grösste einzelne Energiequelle für die Produktion von Strom. Millionen von Tonnen Kohle sind noch unter der Erde. Einige Staaten subventionieren den Abbau dieser Vorräte, um sie zu verkaufen, bevor es zu spät ist. Grossbanken helfen, den Abbau zu finanzieren. 

Das Schicksal der Kohle entscheidet sich in Asien. Chinesische und japanische Konzerne investieren in mehr als einem Dutzend Ländern in den Abbau von Kohle, beispielsweise in Vietnam, wo fast 100 Millionen Einwohner zu versorgen sind. Das zeigen Daten von Coal Swarm.

Indien, das 1,4 Milliarden Einwohner zu versorgen hat, erhöhte die Kapazität von Kohlekraftwerken in den letzten Jahren laufend. 


Hohe Investitionen in die Förderung von Erdgas und Erdöl

Beim Angebot von fossilen Energieträgern kommt es in den nächsten Jahrzehnten zu keinen Engpässen. Denn die Reserven von Erdöl, Erdgas und Kohle bleiben noch riesig. Auch Grossbanken vergeben weiterhin grosse Kredite zu deren Ausbeutung. 

«Nach wie vor wird langfristig in die Exploration und Erschliessung neuer [Erdgas-]Felder sowie in neue Fördertechniken investiert», erklärte der Geschäftsleiter von Swissgas, Michael Gubler, in der NZZ vom 13. Dezember. Selbst das reiche Norwegen habe nicht die Absicht, sein Öl und Gas im Boden liegen zu lassen.

Dass wie gewünscht markant weniger fossile Brennstoffe verbrannt werden: Davon sind auch am Horizont kaum Anzeichen erkennbar:

Konsum fossile Brennstoffe
Verbrauch fossiler Brennstoffe: Nach einem corona-bedingten Rückgang des Konsums stieg dieser im Jahr 2021 wieder an.

Industrieländer specken viel zu wenig ab

Es ist eine Binsenwahrheit, dass nicht alle Menschen in Asien und Afrika so viel Energie und so viele Rohstoffe pro Kopf verbrauchen und verschwenden können wie die Menschen in den USA, Europa, Japan oder Australien. Es bräuchte sonst drei oder vier Planeten wie die Erde.

Um diesem Dilemma zu entkommen, müssten einerseits Europäer und Amerikaner ihren materiellen Lebensstil stark verändern. Sie dürften pro Kopf nur noch so viel Energie und Rohstoffe brauchen, dass sich die gesamte Erdbevölkerung den ähnlichen materiellen Lebensstil leisten kann.

Andererseits müssten arme Länder und Schwellenländer ihre Wirtschaft so entwickeln, dass sie von Anfang an in möglichst viele erneuerbare Energie- und Rohstoffquellen investieren und nicht den Umweg über fossile Energiequellen nehmen.

Doch weder die eine noch die andere Entwicklung ist in absehbarer Zukunft deutlich erkennbar. Als Folge davon ist die Menschheit weit davon entfernt, den weltweiten Ausstoss von CO2 gemäss den Pariser Zielen zu reduzieren.

Das Sparen und «Entschwenden» von Energie kam dieses Jahr in Europa nur deshalb in die Schlagzeilen, weil wegen der Kriegsfolgen in diesem Winter Lieferengpässe drohten. Dagegen haben die erwarteten Folgen der Klimakrise bis heute zu keinen griffigen Massnahmen geführt, um den Verbrauch zu reduzieren. Im Gegenteil: Behörden, Parlament und Energieunternehmen halten an längst überholten finanziellen Anreizen fest, die einen hohen Energieverbrauch aufrechterhalten und den Konsum sogar fördern.

Der CO2-Ausstoss wird mit Milliarden subventioniert

Tatsächlich werden der Verbrauch und die Verschwendung von fossilen Energieträgern nach wie vor hoch subventioniert anstatt mit Umweltabgaben verteuert. Milliarden-Subventionen fliessen in die Förderung von Kohle, Erdgas und Erdöl, den Transport auf den Meeren und den Verbrauch zum Heizen und im Verkehr. 

  • Allein der Strassenverkehr in der Schweiz verursacht jährlich fast acht Milliarden sozialisierte «externe» Kosten, in Deutschland rund achtzig Milliarden. Diese Milliarden sind versteckte Subventionen. Steuern und Versicherungsprämien auf Autos sind immer noch so festgelegt, dass das Vielfahren finanziell belohnt wird.
  • Ein typisches Detail: In der Schweiz sind neustens sogar Pistenfahrzeuge von der Benzinsteuer befreit.
  • Bedenklicher: Fluggesellschaften dürfen weiterhin mit steuerbefreitem Kerosin herumfliegen und die Passagiere zahlen keine Mehrwertsteuern. Auch dies hat die Wirkung von Subventionen. 
  • Die Massentierhaltung und die Futtermittel- und Fleischproduktion, die ebenfalls für einen wesentlichen Teil der klimaschädigenden Gase verantwortlich sind, werden weiterhin bedenkenlos subventioniert. Damit nicht genug: Das Schweizer Parlament bewilligt jedes Jahr mehrere Millionen, mit denen Werbekampagnen für den Fleischabsatz bezahlt werden.
  • Auch die Gas- und Stromtarife bevorteilen vielerorts immer noch Vielverbraucher, weil die fixen Gebühren für sparsame Verbraucher gleich hoch bleiben. Das hat die Wirkung eines Mengenrabatts. Gefordert wären günstige Tarife für eine lebensnotwendige Menge und für den Mehrverbrauch stark steigende Tarife.

Anstatt das Verbrennen fossiler Brennstoffe zu subventionieren, schlagen marktwirtschaftlich orientierte Ökonomen vor, Kohle, Erdgas und Erdöl weltweit finanziell massiv zu belasten (Umweltabgaben oder CO2-Zertifikate). Exporte aus Ländern, die sich weigern, müssten mit massiven Zöllen sanktioniert werden. Doch welche Regierungen haben dies an Klima- oder G7/G20-Konferenzen mit Nachdruck gefordert?

Mit «klimaneutral» Sand in die Augen streuen

Zwar überschlagen sich bei uns Meldungen, dass Unternehmen und auch Städte und Kantone bald «klimaneutral» seien. Gestritten wird zuweilen nur darum, ob diese «Klimaneutralität» bis zum Jahr 2030 oder erst im Jahr 2040 erreicht werden soll.

Diese Versprechen sind vor allem Beruhigungspillen, weil sie vorgaukeln, dass Erhebliches unternommen werde, um die Klimakrise zu bewältigen. Volkswirtschafts-Professor Mathias Binswanger von der Fachhochschule Nordwestschweiz hat in der NZZ an zwei Beispielen aufgezeigt, welche Illusionen genährt werden.

Beispiel des Migros-Konzerns: Schon Anfang 2022 verbreitete die Migros, sie sei «klimaneutral», und zwar «im Betrieb». «Im Betrieb» bedeutet, dass die Migros nur die von ihr selbst verursachten Emissionen einberechnet. Alle anderen CO2-Emissionen, die beim Anbau von Nahrungsmitteln, bei der Tierhaltung oder bei der Herstellung und dem Transport der verkauften Waren anfallen, bleiben unberücksichtigt.

Damit nicht genug: Selbst der «Betrieb» der Migros ist noch längst nicht klimaneutral. Das «Zauberwort» heisse Kompensation, sagt Binswanger. Praktisch alle Konzepte der «Klimaneutralität» würden davon ausgehen, dass man in Projekte im Ausland investiere, welche dort Emissionen reduzierten, beispielsweise in den Bau von Windkraftanlagen oder in ein Wiederaufforstungsprojekt. «In welchem Ausmass damit tatsächlich eine Reduktion von Treibhausgasen erreicht wird, bleibt unklar – und damit auch der Beitrag zur Klimaneutralität. 

Beispiel Städte, Kantone und Bund: Diese sind mit «Kompensationen» im Ausland vorsichtiger. Sie nutzen jedoch einen anderen Trick, um zu versprechen, bis zu einem bestimmten Jahr klimaneutral zu sein: Sie berücksichtigen einfach nur die Emissionen, die bei ihren Aktivitäten in der Schweiz entstehen. Sie vernachlässigen alle Emissionen, die bei der Förderung, dem Anbau, der Herstellung und beim Transport von importierten Produkten und Energieträgern anfallen. Diese machen gemäss Zahlen des Bundesamts für Umwelt mehr als die Hälfte der gesamten Emissionen aus.

Fazit von Professor Mathias Binswanger: «Man definiert Klimaneutralität möglichst selektiv und lokal, um die Illusion nicht zu zerstören, man könne diese Ziele erreichen.»

Pessimismus ist «vernünftig»

Auch die Zahl der Menschen auf dem Planeten beeinflusst den künftigen Gesamtausstoss von CO2. In nur zwanzig Jahren von 2000 bis 2020 hat die Weltbevölkerung um 27 Prozent auf 7,8 Milliarden zugenommen. Am Ende dieser zwanzig Jahre wurden über 40 Prozent mehr Energie verbraucht. Unterdessen ist Zahl der Menschen auf über 8 Milliarden gestiegen und soll in vierzig Jahren 10 Milliarden erreichen. Eine Folgerung daraus zieht Swissgas-Geschäftsleiter Michael Gubler: «Das Angebot an fossilen Treibstoffen wird weiter auf eine steigende Nachfrage treffen.» Es sei deshalb «vernünftig», sich auf das schlimmste Szenario des Klimarates gefasst zu machen: eine Steigerung der durchschnittlichen Temperaturen um rund 4 Grad.

Eine weitere Folgerung, die einer Kapitulation gleichkommt, zieht Fritz Söllner, Professor für Volkswirtschaft an der Thüringer Technischen Universität Ilmenau: Statt Milliarden zum Reduzieren von CO2-Emissionen zu «verschwenden», sei es sinnvoller, «die knappen Ressourcen in Anpassungen an den Klimawandel zu investieren, etwa um die Deiche an und in der Nordsee zu verstärken oder die Wälder [mit angepassten Bäumen] umzubauen». 

Söllner sagt indessen nicht, wie viel ohne CO2-Reduktion investiert werden müsste, um unsere Nahrungsmittelsicherheit zu gewährleisten oder um Hunderte Millionen Klimaflüchtlinge aus dem Süden von unseren Grenzen fernzuhalten. 

Für Professor Christian Huggel, Hauptautor bei der Arbeitsgruppe II des UNO-Klimarats IPCC, ist das Aufgeben der Klimaziele keine Option: Denn ohne radikale Massnahmen, um weniger CO2 zu erzeugen, würden verschiedene Weltregionen im Verlauf des Jahrhunderts nicht mehr bewohnbar sein, weil es zu heiss wird. Der Anstieg des Meeresspiegels würde die für Menschen bewohnbare Fläche zusätzlich stark reduzieren. 

Marcel Hänggi, Mitinitiant der Gletscher-Initiative, warnte in der NZZ am Sonntag: «Die Klimakrise bedroht unsere Freiheit. Je länger wir fortfahren, fossile Energie zu verbrennen und so das Klima zu erhitzen, desto kleiner werden die Handlungsoptionen.»


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

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Die Klimapolitik kritisch hinterfragt

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5 Meinungen

  • am 31.12.2022 um 11:39 Uhr
    Permalink

    Vielen Dank für den kritischen Beitrag! Als Klimaforscher habe ich mich längst damit abgefunden, dass das 1.5° – Ziel eine Illusion ist. Mit dem Begriff «Klimaneutralität» wird oft geradezu Schindluderei getrieben, man denke nur an die Fussball-WM in Katar. Was mich speziell beschäftigt, ist die Tatsache, dass die Anteile des Flugbenzins, welches durch die Reisen weitgereister Touristinnen und Touristen in unserem Alpenraum emittiert werden, nicht in die Emissionsbilanzen einbezogen werden. Dies sollte unbedingt getan werden und würde bedeuten, dass «neutral null» im Jahre 2050 für die Schweiz eine gewaltige Herausforderung wäre!
    Heinz Wanner, Worb

    3
  • am 31.12.2022 um 13:59 Uhr
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    Die Höllenfahrt in die Klimakatastrophe wird angesichts der niedrigen Gattungsintelligenz der Menschheit weitergehen. Die junge Generation macht fast ausnahmslos mit. Selbst die Einsichtigen darunter reagieren meistens fatalistisch mit «Dann will ich das Leben vor dem Untergang noch geniessen.» Mit 84 spüre ich nichts als Hilf- und Ratlosigkeit, wenn ich an die Zukunft meiner Enkel denke.

    3
  • am 1.01.2023 um 13:17 Uhr
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    Das Augenmerk müsste auf das Klimagas Methan gerichtet sein. Gut 90% des weltweiten Methanausstosses soll durch die Viehhaltung produziert werden! Bring mal dem Bürger bei, was eine drastische Reduzierung dieses anerkannten Klimakillers bedeuten würde..

    0
  • am 1.01.2023 um 23:15 Uhr
    Permalink

    Angesichts der pathologischen Profitsucht der kapitalistischen Wirtschaft und des permanenten ungehemmten Wachstums, um diese zu befriedigen, habe ich auf die Unumgänglichkeit einer globalen Ökodiktatur hingewiesen (berliner-zeitung.de, 10.08.2021: «Um die Hölle zu verhindern, brauchen wir eine Ökodiktatur»), wohl wissend, dass das eine fromme Illusion ist. Mittlerweile hat sich die Geschwindigkeit des Klimawandels rasant beschleunigt. Allein dass sich die Menschheit überhaupt noch den Luxus von Kriegen leistet und dafür Billionen Dollar investiert, gegenüber lächerlichen Alibiveranstaltungen pro Klima, ist ein Verbrechen an der Zivilisation. Es interessiert die Mächtigen nicht, was in 20 oder 30 Jahren für Lebensbedingungen auf dem Planeten herrschen, Hauptsache, ihr Wohlstand wird nicht reduziert und sie müssen auf nichts verzichten. Leider sind 8 Milliarden Menschen weder willens noch in der Lage, diesem suizidalen und mafiösen Verhalten Einhalt zu gebieten.

    1
  • am 5.01.2023 um 11:16 Uhr
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    Danke für den guten Beitrag; der starke Fokus auf die Schweiz ist verständlich, wenn auch aus deutscher Sicht bedauerlich.
    Leider macht auch dieser Artikel den Fehler, den Schwanz vor einem Hauptverursacher der Klimakapitulation einzuziehen: dem weltweiten Militarismus mit seinen ungeheuren Rüstungsausgaben. Ich vermute, dass bei einer substanziellen Reduzierung unseres Bellizismus um einige Prozent, also durch Friedenspolitik, sogar heute noch das 1,5 Grad Ziel erreichbar wäre.

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