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Alles dabei im Wohnmobil: Neben dem Hausrat wird im Extremfall auch noch das Auto mitgeschleppt © Guggenbühl

Mit Tisch und Bett in die Schweizer Ferienecke

Hanspeter Guggenbühl /  Kurze Rast mit viel Ballast: Graubünden schafft mehr Platz für Gäste mit Wohnmobil. Die «Südostschweiz» freut’s.

An Betten für Gäste fehlt es in Graubünden nicht. Der Auslastungsgrad in Bündner Hotels betrug 2019 lediglich 32 Prozent und damit deutlich weniger als im Schweizer Durchschnitt (40 %), zeigt die Statistik. Noch öfter bleiben die Betten in den zahlreichen Zweitwohnungen kalt. Trotzdem will die lokale Tourismusbranche jetzt vermehrt jene Gäste beherbergen, die ihre Betten, aber auch Tische, Stühle, Küchen und Esswaren gleich mitbringen, nämlich Reisende im Wohnmobil.

Wohnmobil-Reisende entdecken Graubünden

Unter dem Titel «Graubünden entdeckt die Wohnmobil-Gäste» berichtete die Regionalzeitung «Südostschweiz» (SO) in der Ausgabe vom 29. Juni: «Im Zuge der Coronakrise finden die hiesigen Touristiker jetzt einen Zugang zur seit Jahren wachsenden Wohnmobil-Gemeinschaft». Denn vorher, so sagte Rolf Järmann, Präsident des Vereins «Wohnmobilland Schweiz» gegenüber der SO, hätten diese «einen grossen Bogen um Graubünden gemacht», weil es hier zu wenig Stellplätze gebe und wildes Campieren auf öffentlichen Plätzen oder an lauschigen Bachufern in den meisten Gemeinden verboten war.

Die Coronaepidemie steuert nun mehr fahrbare Zweitwohnungen in die «Ferienecke der Schweiz» (Tourismuswerbung). Die Reisenden mit Wohnmobil missachten dabei häufig die Campingverbote auf öffentlichem Grund. Darauf haben jetzt viele Bündner Gemeinden reagiert: Unter dem Motto «anbieten statt verbieten» schufen und schaffen sie bereitwillig neue Abstellplätze oder öffnen bestehende Parkplätze für die mobilen Globetrotter.

Dazu schreibt SO-Redaktor Hans Peter Putzi in seinem Kommentar verständnisvoll: «Reisemobilisten wollen nicht regelmässig auf Campingplätzen landen. Über Tage am gleichen Ort ausharren und ins Ameisennest eines vollen Campingplatzes zu fahren, ist Fahrenden sowieso ein Graus. Sie folgen der Unabhängigkeit und Ungebundenheit. Wenn sie diese Kultur nicht leben dürfen, geben sie ihr Geld andernorts aus.»

Wenig Wertschöpfung, viel Naturverbrauch

Im Vergleich zu Hotelgästen, die per Auto, Bahn oder Velo mit leichtem Gepäck anreisen, tragen Wohnmobil-Reisende allerdings nur wenig zur lokalen Wertschöpfung bei. Als Kompensation konsumieren ihre geräumigen Blechkisten zwei- bis dreimal mehr importierten Treibstoff als Reisende in wohnfreien Autos. Damit wärmen sie nicht nur die Herzen der vermeintlichen Tourismusförderer in Graubünden, sondern auch das globale Klima. Womit die Gletscher noch etwas schneller schmelzen – und damit zusätzlichen Platz für mitreisende Wohnungen schaffen.

Um der «wachsenden Wohnmobil-Gemeinschaft» den Weg in die Natur zu ebnen, braucht es neben Abstellplätzen auch weitere und breitere Strassen. Ihr Bau fördert den Umsatz der Bau- und Betonindustrie, die ebenfalls auf fossiler Energie basiert. Zusätzliche Strassen wiederum erleichtern es den Bauern, die noch verbliebenen blumenreichen Magerwiesen mit überschüssigem Hofdünger zu mästen. Kurzum: Die Gastfreundschaft für Wohnmobilisten fördert die kurze Rast mit viel Ballast, senkt die Auslastung der bestehenden Hotelbetten, beschleunigt den Klimawandel und vermindert die Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten.

Weitere Informationen auf Infosperber zum Tourismus:

DOSSIER: Anders Reisen


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

keine

Zum Infosperber-Dossier:

Velofahrer

Anders Reisen – Umwelt schonen

Wie sich der Konflikt zwischen Reiselust und Klimafrust entschärfen lässt: Alternativen im Tourismus.

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4 Meinungen

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    am 3. Jul 2020 um 12:11 Uhr
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    Ach Herr Guggenbühl.
    Ihre fast endlosen Gedankenketten amüsieren mich jedes mal von neuem.
    Dass der Wohmobilbesitzer schlussendlich daran Schuld trägt, dass der Bergbauer seine Magerwiesen bschüttet, darauf muss man erst einmal kommen.
    Wenn man diese fantastischen Zusammenhänge ganz einfach weiterspinnt, dann kommt man doch zu folgendem Schluss:
    Nachdem der Bauer alle Magerwiesen bschüttet hat, mag der Wohnmobilbesitzer nicht an stinkenden bachlaufnahen Stellplätzen verweilen, macht einen Bogen ums Bündnerland, die weit und breit asphaltierten Feldwege verwuchern zunehmends wieder und wenn der Fahrende langsam alt und komfortliebend wird, so wird er auch zunehmends wieder die Hotelbetten füllen…
    Hat nicht jeder Lauf der Dinge ein stetes auf und ab?

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    am 3. Jul 2020 um 19:17 Uhr
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    Meine Ferien verbringe ich seit Jahrzehnten als Saisonier auf einem Campingplatz.In den letzten 15 Jahren war die Zunahme der Wohnmobile erschreckend, obwohl die viel kosten oder die Miete sehr teuer ist. Trotzdem stellt es offenbar ein Bedürfnis dar.

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    am 4. Jul 2020 um 09:47 Uhr
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    Der Wohnmobilboom hat verschiedene Treiber. Da sind einmal die «echten» Camper, die vom Zweierzelt zum Hauszelt, dann zum Wohnwagen und schliesslich zum Wohnmobil aufstiegen. Sie kennen die Regeln und respektieren die Umwelt. Die andere, mittlerweile berüchtigte Sorte sind jene, welche das Wohnmobil als Einfamilienhaus auf Räder betrachten, in welchem sie schalten und walten können wie zu Hause, ohne Rücksicht auf irgendwen und schon gar nicht die Umwelt. Diese decken sich unterwegs beim Harddiscounter mit Proviant ein, stellen ihr Wohnmobil vorzugsweise auf Gratisparkplätze und am Ende entsorgen sie den Abfall samt WC-Containerinhalt im Wald. Landschafts- und Naturkonsum zum Nulltarif. Die Ferienorte haben nichts von dieser Sorte Touristen – nur ihren Dreck.
    Übertrieben? Mitnichten! Siehe https://www.merkur.de/lokales/garmisch-partenkirchen/garmisch-partenkirchen-ort28711/garmisch-partenkirchen-wildcamper-campingplatz-bayern-gebuehren-bayern-13804784.html

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    am 5. Jul 2020 um 16:05 Uhr
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    Im schönen Kanton Graubünden enthält das Polizeigesetz vieler Gemeinden ein Verbot des Übernachtens in korrekt auf öffentlichem Grund parkierten Fahrzeugen.

    Viele nichtsahnende Wohnmobilisten werden dann mit rund 100 Franken gebüsst… was den Gemeinden ein Mehrfaches der entgangenen Kurtaxen einbringt.

    Aus diesem Grund meide ich den Kanton Graubünden, es gibt viele ebenso schöne Gegenden ohne solche Paragraphenreiterei!

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