Artikelbild-hpg-fxs

Sind 227 Tote und 3793 Schwerverletzte viel oder wenig? Wie wir diese Frage beantworten, hängt auch von den Journalisten ab, die über Unfälle schreiben. © li: fxs; re: zvg

in memoriam hpg: Die Grammatik der Verharmlosung

Felix Schindler /  Jedes Jahr sterben 210 Menschen im Verkehr. Die Sprache, mit der wir diese Ereignisse beschreiben, macht die Opfer zu Schuldigen.

«Aigle VD Ein 72-jähriger Velofahrer ist am Mittwochnachmittag auf der Strasse zwischen Aigle und Le Sépey im Kanton Waadt von einem Motorradfahrer angefahren worden. Der Deutschschweizer stürzte schwer und starb noch an der Unfallstelle.» 

Diese Kurzmeldung erschien am 28. Mai im «Tages-Anzeiger», ganz unten auf der Kehrseite. Der 72-jährige Deutschschweizer, der noch an der Unfallstelle starb – das war der Journalist Hanspeter Guggenbühl (siehe Box «in memoriam hpg»). In der Kurzmeldung steht nichts über die Ursache der tödlichen Kollision. Und trotzdem ist es wahrscheinlich, dass ungefähr vier von zehn Leser*innen Hanspeter zu Unrecht für seinen Tod verantwortlich machten. 

Das legt die Studie der amerikanischen Wissenschafterin Tara Goddard nahe. Sie belegte mit einer Forschergruppe der Texas A&M University im Jahr 2019, dass bestimmte Muster in der Berichterstattung die Einstellung der Leser beeinflussen [1]. Die Forscher legten 999 Probanden jeweils einen von drei kurzen Artikeln über einen Unfall vor, bei dem ein Fussgänger gestorben war. Die Fakten waren identisch, die Unterschiede marginal – doch der Effekt dieser Unterschiede war beachtlich. Hier ein Auszug der Texte, die zwischen 500 und 700 Zeichen lang waren.

A: Autofahrer handelt, KontextB: Autofahrer handeltC: Fussgänger handelt, Passivsatz
(…) Nach Angaben der Polizei wollte ein 46-jähriger Mann die Main Street zwischen einer Bushaltestelle und dem Walgreens überqueren, als der Autofahrer ihn mit seinem Wagen rammte. (…)

Dies ist der achte Todesfall eines Fussgängers in der Stadt in diesem Jahr, das sind 20 % mehr als im letzten Jahr um diese Zeit. (…)
(…) Nach Angaben der Polizei wollte ein 46-jähriger Mann die Main Street überqueren, als der Autofahrer ihn mit seinem Wagen anfuhr. (…)(…) Laut Polizei wollte ein 46-jähriger, dunkel gekleideter Mann die Main Street überqueren, als er angefahren wurde. (…)
28 Prozent der Probanden sahen die Schuld für den Unfall beim Fussgänger. 93 Prozent unterstützten Massnahmen wie breitere Bürgersteige, markierte Zebrastreifen und tiefere Geschwindigkeitsbegrenzungen.30 Prozent der Probanden sahen die Schuld für den Unfall beim Fussgänger. Die Unterstützung von Infrastrukturmassnahmen aber ist 85 Prozent signifikant geringer als beim Text A. Der Anteil der Probanden, welche die Schuld für den Unfall beim Fussgänger, war mit 43 Prozent eineinhalb mal so gross wie beim Text A. Die Unterstützung von Infrastrukturmassnahmen war gleich ausgeprägt wie bei Text B.

Dass ein Teil der Probanden aller Gruppen das Opfer vorverurteilen, dürfte sich mit einem Phänomen erklären lassen, das in der Psychologie seit den 1970er-Jahren unter der Bezeichnung «Victim Blaming» beschrieben wird. Es ist nicht mit unserem Ideal einer gerechten Welt zu vereinbaren, wenn Menschen ohne eigenes Verschulden so schlimme Dinge widerfahren. Eine Möglichkeit, dieses Dilemma aufzulösen, ist, dem Opfer eine Mitverantwortung für sein Schicksal zuzuschreiben. Das geschieht insbesondere bei Opfern von sexueller Gewalt. Doch auch Unfallopfer sind von Victim Blaming betroffen.

Na und?

Doch bloss geringfügige sprachliche Eingriffe können diese Vorverurteilung deutlich verstärken, wie Goddard zeigte. «Na und?», werden Sie sich vielleicht sagen. Sind ein paar Verkehrsunfallmeldungen wirklich relevant? Nehmen wir an, gestern wären bei einem Ereignis hier in der Schweiz 28 Menschen getötet worden – heute hätte kein Thema mehr Gewicht in den Medien. Das Unglück würde uns und die Medien noch während Wochen beschäftigen. So war es im Juli 2010, als an der Streetparade in Duisburg 21 Menschen starben. Oder im März 2012, als bei einem Busunglück im Sierre-Tunnel 22 Kinder und sechs Erwachsene getötet wurden.

28 Tote – das ist ein Schock. 227 Tote – das ist «daily business». So viele Menschen starben letztes Jahr im Verkehr, unter den Opfern sind Kinder und Jugendliche oder Menschen, die einen Fussgängerstreifen überquert hatten. Das ist «daily business», denn sie sterben tröpfchenweise. Im Durchschnitt sterben Verkehrstote 31 Jahre zu früh [2]. Für ihre Familien und Freunde sind das beispiellose Tragödien, die häufig Traumatisierungen verursachen. 3796 weitere wurden schwer verletzt. Viele leiden für den Rest ihres Lebens unter den Folgen. Verkehrsunfälle kosten die Allgemeinheit jedes Jahr 4 Milliarden Franken, mehr als 1000 Franken pro Haushalt. 17-mal so viel wie die Kosten des Vaterschaftsurlaub, über den wir lange gestritten haben und schliesslich abgestimmt hatten. Sind Kurzmeldungen wirklich eine adäquate Reaktion auf ein gesellschaftliches Problem dieser Grössenordnung?

Wenn wir das Sterben auf den Strassen nicht einfach so hinnehmen wollen, dann müssen wir uns zwingend mit den Ursachen auseinandersetzen. Dazu gehört auch die dysfunktionale Sprache, mit der wir über Verkehrsunfälle sprechen und schreiben. Denn sie hat nicht nur einen erheblichen Einfluss auf unsere Einstellung, wie Goddard belegte – sie ist auch allgegenwärtig. Marco te Brömmelstroet, Professor für Stadtplanung an der Universität Amsterdam, analysierte im vergangenen Jahr 368 Artikel über Verkehrsunfälle niederländischer Zeitungen. Er konnte belegen, dass die Muster, welche die Vorverurteilung der Opfer verstärken, in den Niederlanden flächendeckend auftreten [3]

  • 92 Prozent der Zeitungsberichte stellten den Unfall als isoliertes Ereignis dar und lieferten keine Informationen über die dahinter liegenden Muster und systemischen Ursachen.
  • In fast acht von zehn Schlagzeilen von Texten über Kollisionen fehlt jeder Hinweis darauf, dass neben dem Opfer eine zweite handelnde Person am Geschehen beteiligt war. Die Schlagzeilen erwähnen meist nur die Opfer («Radfahrer bei Kollision in Lunteren verletzt») oder das Opfer und ein Fahrzeug («Fussgänger durch Kollision mit LKW in Ede verletzt»). 
  • Die Aufmerksamkeit wird auf die Opfer gelenkt, sie werden als handelnde Person dargestellt. 
  • Die zweite am Unfall beteiligte Person bleibt abstrakt und im Hintergrund, als wären sie am Unfall nur passiv beteiligt gewesen. Oft ersetzen Journalisten die Person mit dem Fahrzeug («Radfahrer von Auto angefahren») und vernachlässigen die Verantwortung des Autofahrenden. 
  • Die Berichte lenken den Fokus oft weg von der menschlichen Tragödie hin zu den Auswirkungen auf den Verkehrsfluss. Das impliziert, dass Verkehrsunfälle eher eine Frage der Effizienz und weniger eine Frage der Gerechtigkeit sind. 

In der Hauptrolle: das Opfer

Seine Studie bestätigt die Ergebnisse von vier Studien aus den USA und Kanada. Und es ist sehr wahrscheinlich, dass die Befunde auch für hierzulande zutreffen. Eine kurze Recherche in der Schweizerischen Mediendatenbank zeigt, dass diese sprachlichen Muster auch in unseren Medien weit verbreitet sind. Ein erdrückend grosser Anteil der Artikel beschreiben die Unfälle als zufällige, kaum beeinflussbare Einzelereignisse. In der Hauptrolle ist stets das Opfer, was impliziert, dass das Opfer auch auf der Strasse die Hauptrolle spielte. Zum Beispiel so: 

Velofahrer prallt mit Kopf in Frontscheibe – verletzt ins Spital

Ein 15-jähriger Velofahrer ist am Sonntagmittag auf einer Kreuzung in Hägglingen seitlich in ein Auto geprallt. Er schlug mit dem Kopf auf die Frontscheibe des Autos auf. Nach Polizeiangaben trug er einen Helm. Eine Ambulanz brachte ihn ins Spital. (…) [4]

Der Junge prallt in ein Auto. Erst im zweitletzten Satz des Textes wird erwähnt, dass laut ersten polizeilichen Erkenntnissen die 55-jährige Autofahrerin den Vortritt des 15-Jährigen missachtet hat. Die mutmassliche Verursacherin bleibt im Hintergrund, als wäre sie bloss eine passive Statistin. 

Manchmal wird die zweite Person auch ganz eliminiert, sogar, wenn sie als Hauptverursacherin für einen schweren Unfall eindeutig in Frage kommt.

Fussgängerin in Zürich nach Kollision mit Auto schwer verletzt

(…) Gemäss jetzigen Erkenntnissen überquerte die 86-jährige Frau die Strasse auf dem Fussgängerstreifen Richtung Airgate-Center. Dabei kam es zu einer Kollision mit einem Personenwagen, der auf der Thurgauerstrasse in Richtung stadtauswärts unterwegs war. (…) [5]

Im gesamten Text wird neben der 86-jährigen Frau nur ein Fahrzeug erwähnt. Von der Person, die das Auto lenkte, erfahren wir im Gegensatz zum Opfer weder Alter, Geschlecht noch ihre Handlungen. Man kann nicht einmal mit Sicherheit sagen, ob sie überhaupt existierte, denn sie kommt im ganzen Text nicht ein einziges Mal vor.

Die Texter der Schadensprache

Wie in diesem Beispiel ist die Quelle solcher Texte meist eine Medienmitteilung der Polizei. Informationen über die dahinterliegen Muster von Verkehrsunfällen enthalten diese Medienmitteilungen – ausnahmsweise scheint diese Verallgemeinerung zulässig – nie. Die weiteren Muster wie Fokussierung auf die Opfer, die passive Darstellung der Beteiligten und haufenweise Passivsätze: Das alles ist in Polizeimeldungen omnipräsent. 

Die Präferenz für abstrakte Formulierungen hat allerdings einen nachvollziehbaren Hintergrund. Durch eine «neutrale» Sprache soll die ungerechtfertigte Vorverurteilung der unverletzten Person verhindert werden. Ausserdem will die Polizei keine blutrünstige Medienberichterstattung provozieren, die die Gefühle von Hinterbliebenen verletzen würde. Das ist legitim. Verkehrsunfälle sind komplexe Ereignisse, die durch eine Vielzahl von Faktoren beeinflusst werden können. Das Verschulden der Beteiligten steht so kurz nach dem Unfall in der Regel nicht fest. Doch anstatt dass die Polizisten diese Komplexität abbilden und sagen, was sie wissen, und – genauso wichtig – was sie nicht wissen, kulminiert die polizeiliche Medienmitteilung im Satz: «Es kam zur Kollision». Einfach so.

Ohne Zweifel: Eine präzise Schilderung eines Vorgangs mit vielen Unbekannten ist schwierig, die richtige Formulierung gibt es nicht in jedem Fall. Falsche, unangebrachte, verzerrende und verharmlosende Formulierungen hingegen gibt es durchaus. Und sie sind in den Medienmitteilungen nicht die Ausnahme, sondern die Regel (siehe Box).

Fordernde Unfälle, berührende Autos, ziehende Opfer

Hier nur eine kleine Auswahl von Formulierungen, die in vielen Texten über Unfälle auftauchen, obwohl sie sprachlich fragwürdig sind und den tatsächlichen Sachverhalt entstellen. Bemerkenswert ist nicht nur die Tatsache, dass professionelle Mediensprecher und Journalisten solche Formulierungen verwenden, sondern auch der Umstand, dass wir sie lesen, ohne uns daran zu stören. 

  • «Dabei wurde die Velofahrerin so schwer verletzt, dass sie noch am Unfallort verstarb[6]
    Das Verb «versterben» beschreibt in der Regel einen inneren und allmählichen Prozess. Laut Duden kann das Verb nicht zusammen mit der Todesursache gebraucht werden («er verstarb an einer Blinddarmentzündung»). «Verstarb» entkoppelt den direkten Zusammenhang zwischen dem Tod und der äusseren, gewaltsamen und unmittelbaren Ursache.
  • «Verkehrsunfall fordert schwerverletzten E-Bike-Fahrer» [7]
    Unfälle sind keine selbstständig handelnden Akteure, sie fordern nicht. Mit dieser Formulierung beschreiben wir normalerweise Naturkatastrophen, auf die Menschen keinen Einfluss hatten («Hurrikan ‹Ida› fordert acht Tote»). Der Strassenverkehr hingegen unterliegt der Kontrolle des Menschen.
  • «Ein Velofahrer wurde von einem vorbeifahrenden Auto leicht touchiert. Dabei kam er zu Fall und verletzte sich leicht.» [8]
    Touchieren ist eine Ableitung des französischen «toucher» (berühren, befühlen), in diesem Fall ist es sogar noch mit «leicht» abgeschwächt. Das mag einem Autofahrer so vorkommen, doch für einen Betroffen ist «leichte Berührung» eine Verharmlosung der gewaltsamen Natur eines Verkehrsunfalls. 
  • «Der Fussgänger überquerte gegen 10:15 Uhr auf Höhe der Flüelerstrasse 72 den dortigen Fussgängerstreifen. Dabei wurde er von einer 32-jährigen Frau, welche mit ihrem Personenwagen in Richtung Zentrum von Altdorf unterwegs war, übersehen[9]
    «Übersehen» gibt die Perspektive des Autofahrers wieder. Ob die Autofahrerin den Fussgänger nur übersehen oder allenfalls nicht beachtet hat, ist so kurz nach dem Unfall nicht belegbar. Doch der semantische Unterschied ist erheblich: Das Verb entlastet die Frau zum Beispiel vom Verdacht, statt auf die Strasse auf ihr Mobiltelefon geschaut zu haben.
  • Dieselbe Meldung: «Beim Aufprall auf die Frontscheibe des Fahrzeuges zog sich der 76-jährige Mann schwere Verletzungen zu[9]
    «Sich zuziehen» ist eine aktive Handlung des Opfers («ziehen») und setzt gemäss Duden eigenes Verschulden voraus. Z. B. «Ich zog mir eine böse Erkältung zu.»

Die Aufgabe der Journalisten wäre es, diese Defizite zu korrigieren, die Ereignisse präzise darzustellen und einzuordnen. Dazu gehört, alle relevanten Fakten zusammenzutragen und zu nennen. Doch in einen Text über einen Verkehrsunfall kann heute kein Journalist mehr viel Zeit investieren. Die abstrakte Polizeisprache landet so direkt in der Zeitung. 

Bei der Meldung über Hanspeters Tod war das anders. Die Kantonspolizei Waadt schilderte den Hergang in der Medienmitteilung ungewöhnlich detailliert und verbreitete einen Text, an dem sich andere Medienstellen orientieren sollten [10]

«Nach ersten Erkenntnissen überholte ein 21-jähriger Motorradfahrer aus dem Wallis, der in Richtung Le Sépey fuhr, ein anderes Motorrad, das mit einem deutschen Ehepaar im Alter von 55 und 61 Jahren besetzt war. Dabei fuhr er auf die Gegenfahrbahn und stiess heftig mit einem 72-jährigen Radfahrer zusammen, der in die entgegengesetzte Richtung unterwegs war. (…) Durch den Aufprall wurde der Motorradfahrer nach rechts geschleudert und stürzte auf die Fahrbahn. Dabei brachte er auch die deutschen Motorradfahrer zu Fall.» 

Nicht elegant, aber klar und verständlich. Erst im redaktionellen Prozess wurde daraus die abstrakte Formel: «Ein Velofahrer ist von einem Motorradfahrer angefahren worden». Die redaktionellen Weglassungen lassen praktisch jede Interpretation über die Ursache von Hanspeters Tod zu. 

Die Ungefährlichsten werden am ehesten vorverurteilt

Diese Verkehrsgrammatik wird auf alle Arten von Opfern angewendet, egal, ob sie zu Fuss, auf dem Velo oder in einem Auto verunfallt sind. Betroffen davon sind trotzdem überproportional häufig Fussgänger und Velofahrer. Der jüngste Bericht «Sicherheitsniveau und Unfallgeschehen im Strassenverkehr Sinus» der Beratungsstelle für Unfallverhütung zeigt, dass an fast allen Kollisionen mit schweren Personenschäden Autofahrer beteiligt sind [11]. Die Opfer jedoch, das sind sehr häufig andere. In fast 80 Prozent aller Kollisionen, bei denen Menschen schwer verletzt oder getötet werden, sind neben dem Autofahrer schwächere Verkehrsteilnehmer beteiligt, die – Fussgänger, Velofahrer und Motorradfahrer. Auf sie fokussieren die Medienmitteilungen der Polizei und die Berichte in den Medien. Und weil der oder die zweite Unfallbeteiligte in einem Auto sass, blieb er nicht nur unverletzt, sondern auch im Hintergrund des öffentlichen Diskurses.

Wie weiter?

Die britische Journalistengewerkschaft NUJ hat das Problem erkannt und veröffentlichte in diesem Sommer zehn Grundsätze für die Berichterstattung über Verkehrsunfälle [12]. Mehrere Empfehlungen der NUJ zielen insbesondere auf die Muster ab, die Goddard und te Brömmelstroet identifizierten. Das Papier an dieser Stelle zu vertiefen, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, doch die ausdrückliche Empfehlung, es zu lesen, muss hier Platz finden: Media Reporting Guidelines for Road Collisions.

Ganz am Schluss seiner Studie formuliert te Brömmelstroet folgende Forderung: «Wir sollten versuchen, die Gesellschaft dafür zu sensibilisieren, welchen Einfluss die Entscheidungen von Journalisten haben – welche Macht sie haben, die Wahrnehmung eines Phänomens zu beeinflussen, das auf die Gesellschaft so schwerwiegende Auswirkungen hat.»

Ich vermute, Hanspeter hätte dem zugestimmt. 

***

in memoriam hpg: Serie im Gedenken an Hanspeter Guggenbühl

HPG

Hanspeter Guggenbühl (2. Februar 1949 – 26. Mai 2021) gehörte zu den profiliertesten Schweizer Journalisten und Buchautoren für die Themen Energie, Umwelt, Klima und Verkehr. Hanspeter Guggenbühl engagierte sich seit den Gründerjahren mit viel Leidenschaft für Infosperber – er schrieb mehr als 600 Artikel und prägte die Online-Zeitung ganz wesentlich. Sein unerwarteter Tod ist ein grosser Verlust für den Journalismus, für Infosperber und für alle, die ihm nahestanden.

Um einen Beitrag an das Andenken von Hanspeter Guggenbühl zu leisten, haben sich mehrere Schweizer Autor:innen bereit erklärt, einen Text mit der Vorgabe zu schreiben, dass Hanspeter ihn gerne gelesen hätte. «Gerne gelesen» heisst nicht, dass er nicht widersprochen hätte – war ihm die argumentative Auseinandersetzung doch ebenso wichtig wie das Schreiben.

Diese Texte werden in den kommenden Wochen in loser Folge publiziert und sind an der blauen Grafik erkennbar, die auch in diesem Text enthalten ist. Alle Beiträge werden als Serie «in memoriam hpg» zusammengefasst und im hier verlinkten Dossier vereint.

Die Beitragenden (in alphabetischer Reihenfolge):

  • Marcel Hänggi, Journalist und Autor mit Fachbereich Umwelt und Klima, Lehrer, Mit-Initiant der Gletscher-Initiative, Zürich. 
  • Reto Knutti, Professor für Klimaphysik, ETH Zürich, Zürich. 
  • Jürgmeier (Jürg Meier), Schriftsteller, Winterthur. 
  • Rudolf Rechsteiner, alt Nationalrat (SP, Basel), Ökonom (Dr. rer. pol.), selbständiger Berater und Dozent für Umwelt- und Energiepolitik mit Schwerpunkt erneuerbare Energien, Basel.
  • David Sieber, Journalist, Chefredaktor von «Die Südostschweiz» (bis 2015), Chefredaktor «Basellandschaftliche Zeitung» (bis 2018), Chefredaktor «Schweizer Journalist» (bis 2021), Basel. 
  • Felix Schindler, Journalist mit Fachbereich Mobilität, Zürich.
  • Billo Heinzpeter Studer, Sozialforscher und Journalist, Gründer und Präsident der Organisation fair-fish, Adria.
  • Jakob Tanner, emeritierter Professor für Geschichte der Neuzeit und Schweizer Geschichte, Universität Zürich, Zürich.
  • Jakob Weiss, war zwanzig Jahre lang in der kleinbäuerlichen Landwirtschaft tätig und ist Autor des Buches «Die Schweizer Landwirtschaft stirbt leise. Lasst die Bauern wieder Bauern sein».

Den Nachruf, den sein langjähriger Freund und Weggefährte Urs P. Gasche schrieb, finden Sie hier: Adieu, lieber Hanspeter.

(fxs.)

Quellennachweise

1. Does news coverage of traffic crashes affect perceived blame and preferred solutions? Evidence from an experiment, Tara Goddard et al., Dezember 2019.

2. Sinus 2020 – Sicherheitsniveau und Unfallgeschehen im Strassenverkehr 2019, Seite 8, Beratungsstelle für Unfallverhütung BfU, Oktober 2020.

3. Framing systemic traffic violence: Media coverage of Dutch traffic crashes, Marco te Brömmelstroet, Universität Amsterdam, Mai 2020.

4. Seitlich-frontale Kollision: Velofahrer prallt mit Kopf in Frontscheibe – verletzt ins Spital, Aargauer Zeitung und andere Titel der CH Regionalmedien, 21. Juni 2020.

5. Fussgängerin in Zürich nach Kollision mit Auto schwer verletzt, Nau.ch, Stadtpolizei Zürich, 22. April 2021.

6. Schwerer Verkehrsunfall im Kreis 9 fordert ein Todesopfer – Zeugenaufruf, Stadtpolizei Zürich, 10. Juni 2020.

7. «Verkehrsunfall fordert schwerverletzten E-Bike-Fahrer», Kantonspolizei Zürich, 16. April 2021. 

8. Zeugenaufruf – Verkehrsunfall zwischen Auto und Velofahrer, Luzerner Polizei, 6. Juni 2018.

9. Altdorf: Fussgänger auf Fussgängerstreifen schwer verletzt, Kantonspolizei Uri, 19. Dezember 2020.

10. Accident mortel de la circulation sur la commune d’Aigle, Etat de Vaud, 27. 5. 2021.

11. Sinus 2020 – Sicherheitsniveau und Unfallgeschehen im Strassenverkehr 2019, Seite 62, Beratungsstelle für Unfallverhütung BfU, Oktober 2020.

12. Media Reporting Guidelines for Road Collisions, 2020. 


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

HPG

in memoriam hpg

Mehrere Schweizer Autor:innen leisten einen Beitrag zum Andenken an den Journalisten Hanspeter Guggenbühl (2.2.1949 - 26.5.2021).

War dieser Artikel nützlich?
Ja:
Nein:


Infosperber gibt es nur dank unbezahlter Arbeit und Spenden.
Spenden kann man bei den Steuern in Abzug bringen.

IBAN: CH 0309000000604575581

8 Meinungen

  • am 26.09.2021 um 12:25 Uhr
    Permalink

    Eine lesenswerte Analyse der polizeilich-journalistisch-sprachlichen Gepflogenheiten mit Unfällen, die durch Motorfahrzeug-Lenker*innen verursacht werden. Mein Gefühl sagt mir, diese Gepflogenheiten könnten auch damit zu tun haben, dass das Gewaltpotenzial von Autos und Motorrädern verdrängt werden soll.

    0
  • am 26.09.2021 um 12:31 Uhr
    Permalink

    Ich hatte zu Risiken im Strassenverkehr geforscht und dabei kaum Daten gefunden, welche Kollisionen oder Stürze mit schweren oder tödlichen Verletzungen nach deren unmittelbaren Ursachen aufschlüsselte. Ausser einem dänischen Paper («The Safety of different Means of Transport in Urban Traffic», Jorgensen N. O., Aachen 1993), welcher u.a. folgende Vergleiche erlaubte, aufgeschlüsselt nach Fahrzeug, Eigenrisiko und Risiko für andere, hier für durchschnittliche Wege innerorts:

    Tote pro Milliarde Wege (gerundet):
    90 Fussganger, 1 anderer (wegen Fussgänger)
    110 Velofahrer, 3 andere (wegen Velo)
    175 Autofahrer, 190 andere
    4 Busbenutzer, 40 andere
    7 Bahnbenutzer, 60 andere

    D.h. Autofahren war sowohl für die Insassen als als auch für andere Verkehrsteilnehmende weitaus am tödlichsten, noch vor Berücksichtigung der Luftverschmutzung. Am sichersten war der ÖV, aber nur für Passagiere. Der Langsamverkehr war für Fussgänger und Velofahrer leicht sicherer als Autofahren, aber sehr viel sicherer für alle, noch vor Berücksichtigung der Gesundheitsvorteile. Das Autofahren war für die Allgemeinheit weitaus tödlicher als alles andere, und ich nehme an, das ist trotz Verbesserungen noch ähnlich. Für mich persönlich ist das Risiko, durch ein Auto getötet zu werden, wohl das grösste, und vor allem weitaus das grösste fremdverschuldete.

    Die Behörden und Medien kehren die Schuldfrage um, wenn sie z.B. Velohelme fordern und Tempobeschränkungen ablehnen, neben den erwähnten Formulierungen.

    0
  • am 26.09.2021 um 12:57 Uhr
    Permalink

    Danke für den fundierten Beitrag, Felix. Für alle, die sich für Sprache und Verkehr interessieren: Die Uni Bern organisiert am 19. November die Tagung «Verkehrssprache – verkehrte Sprache? Wie der Sprachgebrauch unsere Mobilität mitprägt». Hier anmelden: https://diktum.ch/tagung-sprachkompass/.

    0
  • am 26.09.2021 um 13:21 Uhr
    Permalink

    Vielen Dank für diesen Artikel. – Als ich bei Radio SRF anregte über die Formulierung «die Unfallstelle wurde geräumt», Standard bei den Verkehrsmeldungen, nachzudenken, bin ich auf Null Verständnis gestossen. Ich finde diese Formulierung nur bei reinen Sachschäden zulässig, wurden Menschen verletzt oder getötet, ist sie völlig unangebracht. Vielleicht versucht noch jemand zuständige Stellen darauf aufmerksam zu machen?

    0
    • am 26.09.2021 um 23:39 Uhr
      Permalink

      Ich habe vor einigen Jahren in WOZ und Velojournal zum Thema geschrieben (http://www.mhaenggi.ch/texte/unter-die-rader-gerat-man-halt). Darauf lud mich die Verkehrsabteilung der Kantonspolizei Basel-Stadt zu einem Referat an einer internen Weiterbildung ein. Da hatte ich Gelegenheit, zuständige Stellen darauf aufmerksam zu machen.
      Außer beim Kommandanten, der mich eingeladen hatte, stieß ich bei allen auf Unverständnis. Und weil ich zu der Veranstaltung im Schwarzwald mit dem Velo anreiste (alle Beamten kamen mit dem Auto), hielt man mich eh für einen Veloextremisten … ein Verkehrspolizist warf mir vor, das Velo in meinem Referat verherrlicht und das Auto verteufelt zu haben – dabei hatte ich gar nichts über Velos gesagt. Das offenbarte ein Denkschema: Es gibt die «richtigen», motorisierten Verkehrsteilnehmer*innen, und es gibt Fußgänger, Velofahrerinnen etc.

      0
    • am 27.09.2021 um 10:05 Uhr
      Permalink

      Die Mehrheit sagt, was recht ist … und das auch dann, wenn es nicht das Richtige ist: so geht das. Ähnlich wie Sie Herr Hänggi mit der Polizei, erlebe ich es beispielsweise mit Schulen, wenn ich sage, dass sie so, wie sie organisiert sind, der Verblödung und nicht der Bildung dienen: nur wenige wollen das wissen und andere Wege gehen (aber es gibt sie!).

      0
  • am 26.09.2021 um 15:00 Uhr
    Permalink

    Danke, ein sinnvoller Beitrag. Marshall Rosenberg, Psychologe, Autor und Sprachforscher stellte in seinen Werken immer wieder die Gewalt, Lügen, Verzerrungen und Manipulationen induzierende Wirkung unserer Sprache dar. Aus Opfern Täter zu machen und aus Schwerverbrechen Kavaliersdelikte, es ist dasselbe wie mit den Bildern und Fotos. Die grösste Ursache allen Elendes der Welt ist jegliche Gewalt jenseits von Notwehr. Die Sprache ist Gewaltinstrument Nummer 1 ohne das dies gross auffällt. Man vergleiche nur mal die Schlagzeilen (Schlag=Schlagen) mit dem tatsächlichen Inhalt einer Meldung. Bei den Nürnberger Prozessen wurden Akteure befragt, wie sie so einfach Massenhaft Todesurteile aussprechen konnten ohne davon berührt zu sein. Die Antwort war: Dafür hatten wir die Amtssprache. Die Sprache kann Menschen entmenschlichen und zu Objekten degradieren. Ein Bewusstsein darüber, wie eine Darstellung und Formulierung sich auswirken kann, wird in der Schule leider ebenso wenig erarbeitet wie die dem Menschen inne liegende Gewaltbereitschaft und die Gewalt unserer Sprache als Verzerrungsinstrument.

    0
  • am 27.09.2021 um 20:48 Uhr
    Permalink

    Als ich im April 1962 ein paar Fahrstunden nahm, sagte mir der Fahrlehrer: «Unfälle passieren nicht einfach, Unfälle werden verursacht, haben also immer eine Ursache.» Diesen Satz habe ich bis heute nicht vergessen. Und dann fügte er noch an: «Wenn alle so Auto fahren würden, wie sie es in der Fahrschule gelernt haben, gäbe es praktisch keine schweren Verkehrsunfälle mehr.» Auch dieser Satz ist mir nie aus der Erinnerung entwichen.

    0

Ihre Meinung

Lade Eingabefeld...