Bild Elektroauto aus Film Arte

Im "sauberen" Elektroauto stecken viele unsauber abgebaute seltene Metalle. © Arte

Die hässlichen Kehrseiten der vermeintlich sauberen Energie

Hanspeter Guggenbühl /  Der Umstieg auf CO2-freie Energie endet politisch an den Landesgrenzen. Darum kann die Energiewende global zum Bumerang werden.

„Netto null CO2“. Dieses Ziel künden viele Staaten an, um die Klimaerwärmung zu begrenzen. Dazu wollen sie Kohle, Erdöl und Erdgas  durch Elektrizität aus Solar-, Wasser- und Windkraft ersetzen und von Benzin- oder Diesel- auf Elektroautos umsteigen.

Für reiche und technisch hochentwickelte Staaten ist dieser Umstieg zwar aufwendig und schwierig, aber unter gewissen Annahmen machbar. Das zeigen etwa die neusten Energieperspektiven für die Schweiz. Doch diese Szenarien und ihre politische Umsetzung enden jeweils an den Landesgrenzen. Global hingegen hat die grüne Wende ihre Kehrseiten. Das zeigt der eindrückliche französische Dokumentarfilm „La face cachée des énergies vertes“, den der TV-Sender Arte unter dem deutschen Titel „Umweltsünder E-Auto?“ kürzlich ausstrahlte. Interessierte können den 90-minütigen Film noch bis am 22. Januar 2021 unter folgendem Link anschauen.

Grüne Energie oder Grünwasch-Marketing?

Der Inhalt zusammengefasst: Um die sogenannt grüne Energietechnik – von Solarpanels über Windkraftwerke bis zu Elektroautos – in den westlichen Industriestaaten bereitzustellen, braucht es viel Energie und Material, insbesondere seltene Metalle. Diese Bodenschätze befinden sich mehrheitlich in Schwellenländern und werden teilweise mit umwelt- und menschenschädigenden Methoden abgebaut. Zudem können einige dieser Metalle schon mittelfristig knapp und teuer werden. Nach der Abhängigkeit von Erdöl und Kohle entstehen damit neue Abhängigkeiten von Rohstoffen, die oft nur in wenigen Staaten verfügbar sind.

Es gebe keine saubere Energie. Vieles, was als grüne Technik dargestellt wird, entpuppe sich als Grünwasch-Marketing. Diese Thesen belegen die Autoren des Films mit Reportagen aus verschiedenen Gegenden der Welt. Sie zeigen etwa, wie gigantische Graphit-Minen in Nordchina die Umwelt und die Lungen der dort arbeitenden und lebenden Menschen belasten oder wie der Abbau von Kupfer in Chile den Bau von zusätzlichen fossilen Kraftwerken nach sich zieht, die mit importierter Kohle befeuert werden.  

Ins Zwielicht geraten nicht nur private Bergbaukonzerne, sondern auch vermeintlich umweltfreundliche Staaten. Norwegen etwa treibt auf der einen Seite die Elektrifizierung seiner inländischen Autoflotte voran, fördert und exportiert aber auf der andern Seite weiterhin viel Erdöl.  

Dem alten folgt ein neues Übel

Das Fazit des Dokumentarfilms, unterlegt mit vielen Beispielen und dezidierten Aussagen von Wissenschaftlern: Mit dem Wechsel von fossiler auf erneuerbare Energie ersetzt die Wirtschaft ein altes durch ein neues Übel. Statt primär auf grüne Technik und Elektrizität zu setzen, um den Klimawandel zu bremsen, sollte die Menschheit auf eine weniger umweltbelastende Lebensweise mit tieferem Energie- und Materialverbrauch umschwenken.  

Vertieft wird diese Analyse am Beispiel der Elektroautos. Deren Umweltbilanz sei insgesamt nicht besser als diejenige von Autos mit fossil betriebenen Verbrennungsmotoren, analysieren im Film befragte Fachleute. Damit bestätigen sie Artikel von Infosperber aus den Jahren 2018 und 2019 über die Ökobilanz von Elektroautos in der Schweiz: Einem Rückgang der Treibhausgas-Emissionen im Betrieb, (sofern die dafür eingesetzte Elektrizität wie hierzulande mehrheitlich aus Wasserkraft stammt) steht eine höhere Umweltbelastung bei der Produktion von Elektromotoren und Batterien gegenüber.

Unter dem Strich ist damit die Umweltbilanz von Elektroautos im Durchschnitt lediglich um 10 bis 20 Prozent besser als die Umweltbilanz von Benzin- und Dieselautos. Das zeigt eine Studie vom Oktober 2018 unter dem Titel „Aktualisierung Umweltaspekte von Elektroautos“, welche die auf Ökobilanzen spezialisierte Firma Treeze im Auftrag des Bundesamtes für Umwelt erarbeitete (siehe nachfolgende Grafik)

Grafik Verkehrsmittel Umweltbelastungspunkte treeze
Umweltbelastungsvergleich gemäss Bafu-Studie von 2018: Der E(lektro-)PW schneidet nicht viel besser ab als der Benzin- und Diesel-PW.

Diese magere Bilanz hinderte aber die Gesetzgeber in der Schweiz und in der EU nicht daran, den Autoimporteuren zu erlauben, die hohen CO2-Emissionen von grossen benzinbetriebenen Autos mit dem Verkauf von Elektroautos zu kompensieren und damit reinzuwaschen (mehr darüber hier und hier auf Infosperber). In Deutschland, wo der Kohleanteil im Strommix viel höher ist als in der Schweiz, profitieren die Käufer von Elektroautos von hohen Subventionen; ähnlich verhält es sich in andern EU-Staaten.

Masse wiegt ökologisch mehr als Energie

Das alles zeigt: Weit weniger relevant als der Grünstich der eingesetzten Energie ist die Masse, sei es in Form von Gebäudevolumen oder Transportverpackung. So belastet ein benzinbetriebenes Leichtfahrzeug mit tiefer Motorenleistung oder ein muskelbetriebenes Fahrrad die Umwelt insgesamt um ein Vielfaches weniger stark als ein vermeintlich sauberes Elektroauto mit mehr als zwei Tonnen Gewicht.


Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

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6 Meinungen

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    am 25.12.2020 um 11:23 Uhr
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    Interessant ist im Zusammenhang mit „Masse“ auch die Relation Gewicht in t. zu durchschnittlicher Personenschaden in Fr. 1000 bei Kollisionen. Ein grosser E-SUV schützt also die Insassen ‚relativ‘ gut. So viel zu „gleich lange Spiesse“ und der Verlängerung der besonders langen in die und in der Zukunft.

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    am 25.12.2020 um 11:25 Uhr
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    Das E-Auto und dessen Drum und Dran war und ist in zu hohem Anteil noch im EntwicklunsStadium.
    Was Sie gut beweisen. Danke!
    Viel besser wäre gewesen, „Benziner“ auf Umwelt-freundlichere Brennstoffe umzustellen
    wie Gase (ausser Wasserstoff !) oder Alkohole.

    Die Umwelt wäre dann aus mehreren Gründen besser geschont worden, als mit den E-Autos —
    weil der gigantische Aufwand für deren neue Produktions- und Betriebs-Weisen
    und die Vernichtung „kost-barer“ guter Benziner obendrauf
    über die ersten ca 5 – 10 Jahre weit mehr Umwelt verbraten,
    als die „bösen“, ver-schrotteten Fahrzeuge je hätten „anstellen“ können.

    Also stellt sich die Frage, wem und was nutzte die Umstellung auf E-Autos wirklich ?
    Der Umwelt jedenfalls längst noch nicht !

    Wolfgang Gerlach, Ingenieur

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    am 25.12.2020 um 11:51 Uhr
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    Lieber Herr Guggenbühl
    Einmal mehr ein sauber recherchierter Artikel. Doch was bringt er dem Leser wirklich?
    Viele von uns erkennen, wir sind eine Menschheitsfamilie. Die globalen Krisen sind nicht mehr nur die Krisen Einzelner. Es sind Krisen der Menschheitsfamilie, die wiederum persönliche Krisen auslösen, verstärken und oft das Verdrängen von Krisen nicht mehr erlauben. Ich muss gestehen, dass ich Krisen liebe. In Krisenzeiten funktionieren unsere bisherigen Wege nicht mehr, unsere selbst erfundene Ordnung wird zum Chaos. Wenn täglich tausende von Menschen verhungern, Millionen auf der Flucht sind, wir viermal mehr Ressourcen verbrauchen, als dies die Erde erträgt, die Menschen Angst haben ihr Einkommen zu verlieren, wir glauben, wir könnten die Dinge nicht selbst in die Hand nehmen, ist das Ordnung? Es ist wohl eher eine Kultur des Verdrängens und nicht der Ordnung. Doch es gibt noch ein ganz anderes globales Chaos, das Misstrauen unter uns. Doch wer will in einer Familie leben, wo keiner dem anderen vertraut. Viele beklagen, dass wir uns in diesen Zeiten uns nicht umarmen dürfen. Doch sind wir bereit die Menschheitsfamilie zu umarmen, den Andersdenkenden, Menschen am Rand der Gesellschaft. Ja sind wir bereit uns selbst zu umarmen, uns selbst zu lieben so wie wir sind. Das Gute in uns zu entdecken und dieses anderen zu verschenken. Warum schrieiben sie nicht über das Gute, über Träume, Visionen, Wege Möglichkeiten. Wie gerne würde ich es mit Ihnen wagen zu träumen.

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    am 25.12.2020 um 23:02 Uhr
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    Übrigens: einem Kind ist es egal, ob es von einer Fossil-Karre oder von einem E-Auto tot- oder zum Krüppel gefahren wird…..

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    am 29.12.2020 um 15:10 Uhr
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    Ich bin auch sehr dafür, dass man erst mal über unsere Mobilität nachdenkt, bevor man dann das, was übrig bleibt, elektrifiziert.

    Gegen die Elektrifizierung allerdings die völlig missglückte Arte-Doku anzuführen, ist alles andere als seriöse Recherche.

    Zum Film:
    Voll technischer Fehler: So wussten die nicht mal den Unterschied zwischen seltenen Metallen und Seltenen Erden.
    Als Beispiel für Seltene Erden zeigten sie ausgerechnet einen Teslamotor, der KEINE Seltene Erden enthält. Es wurde auch behauptet, ohne dieses Metall seien, E-Fahrzeuge nicht möglich. Genau das gezeigte Teslamodell beweist das Gegenteil.
    Ebensowenig stimmt es, dass Lithium ein seltenes Metall ist. Sogar Seltene Erden sind nicht selten, sondern kommen lediglich nicht in konzentrierter Form in der Erde vor. Und auch nicht nur in China, sondern dort ist einfach der Abbau am billigsten.
    Es gibt im Film kein Vergleich mit dem Benzin- und Dieselauto. Allein in der Ölindustrie könnte man viel schlimmere Bilder zeigen. Ressourcen benötigen sie auch, sogar Lithium und Graphit wird z.B. in Schmierölen und Legierungen gebraucht.
    Es gab auch keinen Vergleich zu Gesamtindustrie. Kupfer wird z.B. nicht in erster Linie für Elektroautos gebraucht, sondern für die Elektrifizierung der ganzen Gesellschaft. Überall werden Stromnetz hochgezogen oder verstärkt, sogar in armen Ländern wie Bangladesch.

    Die Liste könnte ich fast beliebig weiterführen, habe jetzt aber die erlaubten Zeichen aufgebraucht 🙂

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