kartoffelfeld

Sorgsam behält die junge Bäuerin das Gepflanzte im Blick. © titov/depositphotos

Bäuerinnen wären wahrscheinlich bessere Bauern

Hans Steiger /  Zeit zum Säen und Pflanzen. Hier im Uno-Jahr der Bäuerinnen zwei passende Bücher samt frühlingshaft zuversichtlichem Blick zurück.

Dass «der Bauer im Märzen die Rösslein einspannt» – das ist vorbei, wie vieles aus dem Liedgut unserer Chöre. Doch noch immer beginnt dann auf Höfen und in den Gärten die neue Saison. Methodisch lässt sich dabei Alt und Neu bestens mischen, wie die Bücher über Bäuerinnen bestätigen. Zu den Lektüren animiert wurde ich durch die FAO, die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen. Sie proklamierte 2026 zum «Internationalen Jahr der Bäuerinnen», um die Leistungen der Frauen in der Landwirtschaft ins Licht zu rücken. Auf ihrer Website wird dazu «Empowering women in food and agriculture» rund um die Welt präsentiert. Ein farbenfroher Bilderbogen!

Bioexperimente am Greifensee

Doch meine Buchexkursion beginnt mit einem schwarz-weiss bebilderten Band, der an eine fast vergessene Pionierin erinnert, die im Zürcher Oberland wirkte. Mina Hofstetter zog 1915 mit ihrem Mann Ernst nach Ebmatingen, um nah beim Greifensee einen kleinen Hof zu übernehmen. Sie selbst charakterisierte sich einmal als «Schuldenbäuerin», die dank der einträglicheren Schreinerei von Ernst mit neuen Formen von Landbau experimentieren konnte.

Hofstetter
Peter Moser: Mina Hofstetter. Eine ökofeministische Pionierin des biologischen Landbaus.

Als erstes wollte sie weg von der Viehwirtschaft, weil diese ihrem Wunsch nach besserer, gesünderer Ernährung widersprach. Aber sie war nicht stur, hielt wenig von städtischen Reformern, die absolut «dungloses Gemüse» propagierten, oder Vegetariern, die zwar den Einsatz menschlicher Exkremente ablehnten, «aber unbedenklich Tier- und Kunstdünger» nutzten. Auch zur «bio-dynamischen» Schule aus dem Umfeld von Rudolf Steiner hielt sie Distanz, schlug eigenständig einen Weg ein, für den später «biologischer Landbau» als Dachbegriff aufkam. 1948 stellte sie im letzten veröffentlichten Text fest, dass dies «eine aussichtsreiche Art» der Bodenbearbeitung sei, «eine Abkehr von gewissenloser Ausbeutung der Natur zum eigenen Schaden».

Sicher lag die Gemüse-Rohköstlerin in der auf Fleischkonsum fixierten Nachkriegszeit nicht im Trend, aber sie trug publizistisch und mit unzähligen bei ihr durchgeführten Kursen und Hofbesichtigungen dazu bei, dass alternative Methoden auch in einem zunehmend agroindustriell orientierten bäuerlichen Umfeld nicht völlig verschwanden. «Von der Bio-Szene (wieder-)entdeckt» wurde sie jedoch erst in den 90er-Jahren, stellt der Agrarhistoriker Peter Moser fest, der die Sammlung aller auffindbaren Texte mit dem Wunsch vorlegt, Mina Hofstetter aus der «Marginalisierung» zu holen.

Eine ökofeministische Pionierin

Tatsächlich spiegelt dieser Band, der auch nicht publizierte Notizen, Briefe, faksimilierte Dokumente und wunderschöne Fotografien enthält, die Entwicklung einer inspirierenden, praxisnah agierenden Selbstdenkerin. Inhaltlich gibt es Doppelungen, die Veränderungen ihres Schreibens und Handelns zeigen.

Moser präsentiert in seiner biografischen Skizze eine «Ökofeministin avant la lettre». Dieser schillernde Begriff, den er nicht präzis begründet, wirkt stimmig. Auch die eigenwillige «Inkohärenz der Spontaneität», welche 1942 eine Kritikerin rügte, passt. In einer von Hofstetter verfassten Broschüre über «Neues Bauerntum, altes Bauernwissen» sei Praktisches, Theoretisches und chinesische Philosophie unverbunden nebeneinander gestellt. Aber da stehe eben auch viel präzis und differenziert Dargelegtes, betont Moser. Oder einfach Wichtiges, etwa über die Böden als Grundlage menschlicher Existenz. «Der Boden ist nicht etwas Totes, zufällig Daliegendes, ist nicht Dreck. Jeder Kulturboden ist im Gegenteil voller Leben und dieses Leben ist von ganz bestimmten Gesetzen abhängig, denen wir gerecht werden müssen.» Davon habe jede Bodenbearbeitung auszugehen. Und das ist nur der Anfang eines Gedankenganges, dessen agrarökologischer Ansatz noch immer vorbildlich wirkt.

Für eine fraulichere, freiere Welt

1936 war eine Mitbegründerin der feministisch-pazifistischen «Women’s Organization for World Order» nach Ebmatingen gekommen, um die dort wirkende «Landreformerin» zu besuchen. Ohne je etwas über das Matriarchat gehört zu haben, so berichtete sie einer Kollegin, «aus innerster Initiative», wirke diese Bäuerin auf eine Art, die bestens zu den Bestrebungen ihrer Organisation passe. Also wurde sie zu internationalen Kongressen eingeladen, konnte da ihre Anliegen ins Programm einbringen. Viele wollten auch vor Ort erfahren, wie eine «von Frauen bestimmte Landwirtschaft» aussehen könnte.

Wurde die Praktikerin damit eingebunden, zu einer Politikerin, gar zu einer Linken? Bei aller Freude, endlich ernst genommen zu werden, blieb es meist bei eher losen Kontakten. Das war auch in Bezug auf sogenannte Freiwirtschafts-, Freigeld- und Freilandbewegungen so. Mehr zu reden gab im heimischen Umfeld, dass sich am nahen See eines Tages die Freikörperkultur bemerkbar machte. Da wurde gar der Dorfpolizist aufgeboten und das «Luft-, Licht- und Sonnenbaden» fand fortan diskret beim von den Hofstetters für den Kursbetrieb errichteten Holzhaus statt.

Mehrheitlich eher zuversichtlich

Verbindungsmann zum zweiten Buch, das Frauen in der Landwirtschaft allgemeiner im Blick hat, ist erneut Peter Moser. Der von einschlägigen Verbänden unabhängige Experte wurde von den Herausgeberinnen dieses Bandes der Reihe «genderwissen» beigezogen, um den Wandel bäuerlicher Familienbetriebe im 19./20. Jahrhundert zu beschreiben.

Frauen Landwirtschaft
Von Bäuerinnen, Landwirtinnen und Betriebsleiterinnen.

An der dokumentierten Tagung wurde die Lage von Bäuerinnen im deutschsprachigen Raum erörtert. Obwohl da überall viel im Umbruch sei, steht in der Einleitung, blieb das Bild von der «Bäuerin» in den Köpfen der Allgemeinheit «seltsam unverändert». So ist es längst nicht selbstverständlich, dass eine Tochter den Hof weiterführt, nicht der Sohn. Frauen hätten zwar im wichtigen Bereich der Direktvermarktung viel Verantwortung, doch das werde von Familienangehörigen «tendenziell unsichtbar gemacht und die finanzielle Bedeutung für den Betrieb abgewertet». Zwei kritische Anmerkungen von vielen.

Aus dem Umfeld des Bundesamtes für Landwirtschaft hingegen kommt ein tendenziell positives Statement zur Entwicklung in der Schweiz. Bei einer 2022 schon zum dritten Mal durchgeführten Studie zum Stellenwert sowie zur sozialen Absicherung der Bäuerinnen in den Betrieben sind die Ergebnisse von Zuversicht geprägt: Die grosse Mehrheit sei «mit ihrem Leben zufrieden», die persönliche wie die betriebliche Zukunft werde günstiger eingeschätzt als auch schon. «Am meisten Sorgen bereiten den befragten Frauen die Agrarpolitik und das von ihnen als negativ empfundene Image der Landwirtschaft.»

Besonders bemerkenswert fand ich einen Beitrag, der sich mit der Arbeitsmigration im Agrarbereich befasst. Die zwei Autorinnen sehen im Einsatz extrem schlecht bezahlter saisonaler Hilfskräfte eine zusätzliche, quasi «unsichtbar gemachte» Subventionierung unserer Landwirtschaft. Die krass ausbeuterische Praxis werde damit verteidigt, dass diese Menschen hier immer noch weit mehr verdienten als in ihren Herkunftsländern. Doch nachdem sie kurze Zeit körperliche Höchstleistungen erbringen, müssen sie die Schweiz wieder verlassen. Sollten sie einen Arbeitsunfall haben oder völlig erschöpft zurückkehren – wer kümmert sich um sie? Diesen kritischen Fragen folgt das Exempel einer Gruppe in Moldawien, die Land für ein Projekt erwarb, das Möglichkeiten «jenseits einer kapitalistischen, kolonialen und patriarchalen Logik», solidarische Landwirtschaft zeigen soll. Offenbar bauen auch bei uns besonders Frauen vermehrt Höfe «queer zur Norm» auf. Mina Hofstetter würde sich freuen.

Als ein «Pflanzblätz» gefragt war

Beiläufig sei noch auf ein Chronos-Buch hingewiesen, in dem ein alter agrarpolitischer Mythos hinterfragt wird: die hehre Anbauschlacht im Zweiten Weltkrieg. Béatrice Ziegler sichtete dazu Material vor allem aus Gemeinden im Kanton Aargau und stellte fest, dass da längst nicht alles nach dem berühmten Plan Wahlen lief. Ja, dieser «Ackerbauminister» habe damals «vom grünen Tisch aus befehlen» können, erinnerte sich ein Zeitzeuge im Gespräch. Da und dort sei auch dies und jenes angebaut worden. Aber bei den Bauern gab es viel Widerstand. Wald für mehr Ackerfläche abholzen? Sicher nicht freiwillig. In «katholischen und viehwirtschaftlichen Gebieten» sei die Förderung des Getreideanbaus vehement als «Staatssozialismus» abgelehnt worden.

Ziegler
Béatrice Ziegler: Nationaler Ausnahmezustand und individuelle Lebensbewältigung.

Die später oft und gern gerühmte, geeinte, verzichtbereite, solidarische Schweiz empfindet die Autorin – wie der Historiker Jakob Tanner – als ideologisches Konstrukt. Interessant auch, dass die «immobilisierten Frauen» die Phase der Mobilmachung in den Kriegsjahren anderes in Erinnerung haben als Männer. Zumal in der Landwirtschaft hatten sie oft neben den ihnen zumeist zugewiesenen häuslichen Aufgaben gleich den ganzen Betrieb zu übernehmen. Doch diese situationsbedingte «Frauenemanzipation» war bald vorbei.

In der Zeit allgemeinen Mangels wurde übrigens die Rationierung allgemein als gerecht empfunden, der Bauernstand etwas beneidet, weil dort mehr Selbstversorgung sowie Schwarzhandel möglich waren. In den Erzählungen kam zudem «der Pflanzblätz» als für viele wichtiges Element zur Krisenbewältigung, aber auch Ort der Erholung vor. Könnte von da ein Bogen zum aktuellen Aufblühen des Gärtnerns gezogen werden? Selbst im Kleinen anbauen, was man möchte, und zwar so, wie wir es im Grossen gern hätten – immerhin. 

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Dieser Text ist auch in der «P.S.»-Frühlings-Buchbeilage erschienen.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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