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Nicht nur in Basel quellen die Müllcontainer über. Falls sie überhaupt benutzt werden. © Frantisek Matous

Tut endlich was gegen Littering – nur was?

D. Gschweng /  Der «Corona-Sommer» ist der Sommer des Litterings. Wirklich wirksame Gegenmassnahmen gibt es bisher keine.

Der Sommer 2020 ist gut sichtbar vor allem ein Sommer des Mülls. In Parks liegen Dosen, an Ufern Besteck, auf der Strasse Chipstüten. Naturschützer beschweren sich über Littering von Wildcampern, Autofahrer über Littering an Raststätten. Die Lokalmedien sind sich beim desolaten Zustand der Grünflächen einig. «Der unschöne Sommer der Basler Parkbesucher», titelt beispielsweise die «bz Basel», «Reisst euch zusammen», kommentierte die «Basler Zeitung».

Gutes Wetter, viele Menschen und etwas Alkohol sind schon fast eine Littering-Garantie. Zu fortgeschrittener Stunde wird ebenfalls mehr gemüllt. Die Corona-Pandemie verstärkt den Trend, man ist – und isst – lieber draussen als drinnen.

Wo Littering in den sozialen Medien thematisiert wird, gehen die Emotionen umgehend hoch. Verwünschungen, Unverständnis und Drohungen wechseln sich ab. Zwischendurch ruft gelegentlich jemand nach Toleranz. Wer sich spät in der Nacht betrunken auf den Heimweg mache, dem möge man es doch nachsehen, wenn er seinen Müll nicht entsorge, schreibt ein Nutzer auf Twitter. Nicht ohne darauf zu bestehen, wer das nicht einsehe, sei eben «nicht richtig jung» gewesen. Diese Ausrede haben Autofahrer, Pendler und Camper nicht.

Das Draussen-Menü wird reichhaltiger – der Müll auch

Früher, da sind sich scheinbar alle einig, war alles besser. Es gab weniger Müll an Ufern, Rastplätzen und Rasenflächen und weniger Ärger deswegen. Früher muss dabei länger her sein. Selbst in Woodstock wurde gelittert. Seit wenigstens zehn Jahren aber

  • wächst die Anzahl derer, die sich ausser Haus verpflegen. Der Anteil von Ein- bis Zwei-Personenhaushalten, in denen werktags nicht gekocht wird, soll nach Prognosen bis 2035 weiter zunehmen. Die Gastronomie insgesamt macht dabei etwas weniger Umsatz.
  • wird mehr draussen konsumiert. Laut Gastrosuisse wächst die Schnellverpflegungs-Gastronomie stetig und hatte 2018 einen Marktanteil von etwa 20 Prozent am gesamten Ausser-Haus-Konsum. Dazu kommen die Convenience-Abteilungen der Detailhändler, die längst zu Take-Away-Zonen geworden sind.
  • wächst die Auswahl an Take-Away-Gerichten. Viele Betriebe retteten sich damit auch über die coronabedingten Schliessungen und behielten den Vertriebskanal bei.

Schon 2003 bestand mehr als die Hälfte des Littering-Mülls in fünf ausgewählten Schweizer Städten aus Take-Away-Abfällen und Einweg-Getränkeverpackungen.


Insgesamt bestand schon 2003 die Hälfte des Littering-Mülls aus Take-Away-Gefässen und Einweggetränkeverpackungen (rot) (Uni BS, Litteringstudie Zwischenbericht 2004)

Seither sind Wegwerfverpackungen grösser und vielfältiger geworden. Ein Dutzend To-Go-Lunches verstopft einen öffentlichen Müllkübel im Nu. Und je grösser die Kübel werden, desto mehr illegal entsorgter Hausmüll kommt dazu.

Kurz gesagt: Wer vor zwanzig Jahren mit einigen leeren Bierdosen und einer leeren Zigarettenschachtel samt ausgedrückter Stummel zum öffentlichen Müllaufkommen beitrug, legt heute noch eine leere Chipstüte und eine To-Go-Verpackung drauf. Und wo einmal ein Müllhaufen ist, wird er schnell grösser.

Grössere Kübel? Helfen nicht.

Auf den Kampf gegen Littering können sich Parteien von rechts bis links einigen. Die einen sprechen dabei von fehlender Kinderstube, die anderen von wenig ausgeprägtem Umweltbewusstsein, ab und zu spricht einer von Ausländern. Das gewünschte Resultat ist das Gleiche.

Nur dass es sich trotz aller Massnahmen nicht einstellen will. Städte und Gemeinden weltweit gehen gegen Littering vor – meist mit einem ganzen Massnahmenbündel. Erfolge gibt es, sei es durch Dosenpfand, Müllskulpturen, Partyverbote, Plakate, öffentliche Aufräumaktionen, Bussgelder oder alles zusammen. Nur sind sie meist zeitlich oder räumlich begrenzt.


Vor einem Jahr liess Basel den Müll einfach mal liegen. (Videoscreenshot, Telebasel)

2019 hatten Passanten in Basel eine Woche lang ihren eigenen Müll vor Augen. Die Stadtreinigung machte drei stinkende Haufen daraus, statt ihn wegzuräumen. Die deutsche Stadt Münster versuchte das Gleiche und räumte ein Naherholungsgebiet statt frühmorgens erst nachmittags auf. Der Effekt war eindrucksvoll, nachhaltig war er nicht.

Die Müllfachleute sind mit ihrem Latein am Ende

Was man noch tun könnte? «Ich weiss es nicht» sagte der Geschäftsführer der Abfallbehörde in Freiburg (D), Michael Broglin, ganz offen in einem Interview mit der «Badischen Zeitung». Die Stadt ist stolz darauf, eine der saubersten und recyclingfreundlichsten Städte Deutschlands zu sein. Sie hat längst Unterflurcontainer mit grossem Fassungsvermögen, der Müll staple sich derzeit um die halbleeren Behälter herum, sagt Broglin. Dass grössere Kübel nicht helfen, stellte 2004 auch eine Studie der Universität Basel bei der Untersuchung in fünf Schweizer Städten fest. Der Weg zum nächsten Müllbehälter spielt ebenfalls keine Rolle.

Letztes Mittel Busse – erwischt werden aber nur wenige

In Freiburg soll als letztes Mittel demnächst gebüsst werden. So weit sind Schweizer Städte schon länger. Selbst eine ausgedrückte Zigarette auf öffentlichem Boden kann vielerorts empfindlich teuer werden. Beim Littering erwischt werden jedoch nur wenige. Auf Grillplätzen, Raststätten und spätnachts sind die Gemeinden ohnehin machtlos. Um all diese Orte bei warmem Wetter rund um die Uhr zu kontrollieren, bräuchte es entweder viel Personal oder eine ganze Menge Überwachungskameras, die dann auch keiner will. Sie finanzieren schon gar nicht. Die Kosten für die Müllentsorgung steigen ohnehin regelmässig.

Vorschriften bringen wenig

Der fast letzte noch nicht ausgereizte Punkt setzt beim Handel an. Dieser soll Pfandsysteme einführen, Mehrwegverpackungen oder umweltfreundlichere Lösungen. Also wieder Pommes und Wurst im Pappschälchen, Sushi in der Mehrwegdose und Gipfeli mit Serviette. Sogar McDonalds experimentiert mit alternativen Verpackungen, teilweise mit Erfolg. Einige Überlegungen sind allerdings hygienisch nicht tragbar oder so unpraktisch, dass sie kaum durchführbar sind – zum Beispiel die Rücknahme und Reinigung von Mehrwegverpackungen in einem kleinen Imbiss.

Bio-Verpackungen wegzuwerfen bleibt nebenbei Littering. Pappschachteln, Holzlöffel und Papiertüten sind vielleicht nachhaltiger, verstopfen Müllkübel aber genauso wie Plastik oder landen auf der Strasse. Und da wäre noch der Mensch: dem To-Go-Gedanken widerspricht es, die leere Verpackung dorthin zurückzubringen, wo sie herkommt. Eine weitere eigentlich sinnvolle Massnahme, die nur bedingt erfolgversprechend klingt.

Oder doch einfach nur Littering-Kultur?

Also doch an der Wurzel ansetzen? «Littering ist eine Art Gesellschaftskritik», sagt die Umweltpädagogin Barbara Schumacher. Dazu komme Gruppendruck. Als Pädagogin sensibilisiert Schumacher vor allem bei den Jüngsten. Mit Erfolg, wie sie sagt. Im urbanen Raum habe aber auch das Grenzen, weil dort zu viele Menschen unterwegs seien. Vorschriften, findet sie, brächten gar nichts.

Schumacher könnte recht haben. Eines der wenigen positiven Beispiele ist Japan, dessen Plastikverbrauch ist anhaltend hoch, die Strassen und Parks sind dennoch sauber. 1995 wurden viele öffentliche Mülleimer abmontiert. Nicht, weil die Behälter überliefen oder weil es zu wenig Müll gab, sondern weil bei einem Terroranschlag Giftgasbomben darin versteckt worden waren.

Im japanischen Hausmüll werden mindestens acht Müllsorten akribisch getrennt, unterwegs anfallenden Müll können auch Touristen fast nur in Supermärkten und auf Bahnhöfen entsorgen. Oder eben mit nach Hause nehmen, was ein Grossteil der Japanerinnen und Japaner auch tut. Reiseportale und -blogs sind voll von Tipps, wie Reisende in Japan ihren Müll loswerden können. Im Gehen zu essen ist in Japan allerdings unüblich, das Rauchen ausserhalb gekennzeichneter Flächen auch.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

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Zum Infosperber-Dossier:

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Sie machen wenig Schlagzeilen, weil keine «akute» Gefahr droht. Doch die schleichende Belastung rächt sich.

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13 Meinungen

  • am 24.08.2020 um 11:58 Uhr
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    Ein weiteres Ärgerniss betreffend Littering: das Wegwerfen von Zigarettenstummel (eigentlich ja Sonderabfall) hat ein unglaubliches Mass angenommen. Überall und immer sieht man Kippen, es scheint einfach normal zu sein, diese nicht zu entsorgen. Ein erster Schritt könnte sein, dass mit jeder «Stange» Zigaretten ein Aschenbecher mit verkauft/gegeben wird, der dann in der Tasche oder im Hosensack mitgetragen werden kann, um zu Hause entleert zu werden. Doch irgend etwas muss auch hier geschehen – das ist kein akzeptabler Zustand.

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  • am 24.08.2020 um 13:15 Uhr
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    Das Mittel das garantiert hilft, will die Mehrheit nicht. Lieber bezahlen alle via Steuern das Aufräumen. Ich bin für das Verursacher-Prinzip: Die Entsorgungskosten wälzt man auf die Erwischten ab und stattet die Ordnungshüter mit einem Bonus aus. Und die Verpackung bekommt die vorgezogene Entsorgungsgebühr wie bei der Elektronik.

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  • am 24.08.2020 um 14:08 Uhr
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    Bei einem klaren Verbot des Litterings und guter überzeugender medialer Vorbereitung der Gesamtbevölkerung, liesse sich das Problem m.E. rasch entschärfen.
    Wer hätte damals geglaubt, dass Rauchverbote in Zügen und Restaurants
    sofortige nachhaltige Wirkung erzielen. Auch die Einführung der Maskenpflicht im ÖV konnte sofort fast zu hundert Prozent umgesetzt werden.

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  • am 24.08.2020 um 15:09 Uhr
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    Dass, wie oben beschrieben, in Japan die Strassen und Plätze trotz komplizierten und aufwändigen Verpackungen von allem und jedem frei von Abfall sind, ist eine Mentalitätsfrage. Sauberkeit in der Öffentlichkeit, von Kleidern, Wohnungen und Badeeinrichtungen gehören in Japan zur nationalen Tugend.
    Das Gegenstück sind die Städte und Strassen im arabischen Raum – mit Ausnahme von Saudi-Arabien und dem Oman, wo Arbeiter aus Pakistan oder Bangladesh den Abfall der Einheimischen wegräumen. Kairo ist eine riesige Müllkippe; gäbe es nicht die Kopten als unterste Schicht, die von der Müllabfuhr leben und den Abfall nach Wiederverwertbarem durchsuchen, wäre diese Metropole längst im Abfall erstickt. Links und rechts der ägyptischen Landstrassen bleibt der fortgeworfene Müll einfach für immer liegen. Niemandem käme es dort in den Sinn, selbst vor dem eigenen Haus den Abfall einzusammeln und zu entsorgen.
    Diese extrem auseinander liegenden Beispiele zeigen, wie die unterschiedlichen Mentalitäten für den Umgang mit Abfall entscheidend sind. Davon steht im Artikel von Daniela Gschweng kein Wort. So weit reicht mittlerweile der Arm der Political Correctness, dass unbestrittene Tatsachen nicht mehr genannt werden dürfen.

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  • am 24.08.2020 um 16:06 Uhr
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    Ein solcher Artikel ohne die Erwähnung von Pfand-Mehrweg-Ess- und Trinkgefässen von reCicle, ist lückenhaft. Diese werden an Events (beispielsweise Stadtfest in Frauenfeld) eingesetzt. Auch die Coop-Restaurants verwenden sie für Takeaway. Der Bequemlichkeit im Stil von Mitnehmen und Wegwerfen entsprechen sie allerdings nicht.

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  • am 24.08.2020 um 16:13 Uhr
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    Die sauberste Lösung ging da wohl vergessen: Jeder bringt sein eigenes Geschirr und Besteck mit und erhält dafür einen Rabatt! Ergibt null Abfall und jeder ist sein eigener Hygieniker. Wenn ich nicht irre, wird (oder wurde?) beim Kaffee über die Gasse auch so verfahren, mindestens wenn vom Kunden gewünscht.

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  • am 24.08.2020 um 17:22 Uhr
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    Ich weiss, dass sich solche Ausdrücke in diesem Blog nicht geziemen, aber wie soll man es denn sonst sagen? Es ist ganz einfach jeder, der seinen Müll einfach in die Natur wirft und nicht ordentlich entsorgt ein riesengrosses Arschloch! Mir fällt dazu wirklich kein anderes Wort ein!

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  • am 24.08.2020 um 21:20 Uhr
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    Für was hat man einen Staat und Politik die Regulierend tätig werden können? Es wird ja die ganze Zeit reguliert wenn es um andere Themen wie Steuern oder Privatisierungen geht.

    Ein Depot auf all den Abfall, separat auf den Quittungen ausgewiesen und das Sinnlose Zeug geht zurück zum Händler… wegwerfen kann man ja immer noch, aber jeder der sammelt und retourniert verdient daran und dort wo diese seltsamen Profitkonzepte (Auslagern von Kosten an die Gesellschaft) herkommen wird man sich dann schon Gedanken machen.

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  • am 24.08.2020 um 21:54 Uhr
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    Man muss wohl in den 40er- und 50er-Jahren sozialisiert worden sein, um nicht am öffentlichen Littering teilzunehmen. Trotzdem gibt es, mit schlechtem Gewissen, manchmal Plastikverpackungen wegzuwerfen, die es so früher nicht gab.

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  • am 25.08.2020 um 12:10 Uhr
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    Wenn jeder seinen Abfall mit nach Hause nehmen würde, gäbe es das Problem des Litterings nicht. Damit diese Handlungsweise aber wieder in die Köpfe der Menschen einfliessen kann, braucht es eine Nationale Stopp-Littering-Kampagne. Siehe: http://www.umfeldschutz.ch/downloads/version4warumeinenationalestopplitteringkampag.pdf
    Leider hat der Ständerat eine entsprechende Motion 2014 abgelehnt. Ein weiterer Vorstoss ist hängig.

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  • am 26.08.2020 um 10:24 Uhr
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    Sich in einer Wegwerfgesellschaft über Müll beschweren ???
    Eine Lösung kann man nur finden, wenn man das Problem genau isoliert. Das Meer ist voll Plastik, die Luft stinkt, die Böden sind vergiftet, genau wie das Trinkwasser. Weniger Müll produzieren bringt trotzdem nur mehr Müll, und der kommt nun zu uns in die Städte. Recyceln heisst nicht wiederverwerten, es bedeutet dass es im Kreislauf wiederbenutzt wird. Wir recyceln nicht, wir verwerten. Müll ist die Differenz zwischen Oekologie und Oekolonomie.

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  • am 2.09.2020 um 22:26 Uhr
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    Das Problem lässt sich einfach lösen.
    Wer erwischt wird darf einen Tag lang mit neongelber Weste mit der Aufschrift «Ich habe gelittert» beim Einsammeln des Abfalls helfen.

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  • am 4.09.2020 um 21:04 Uhr
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    Andere Städte haben das Littering im Griff, ich nenne mal Singapur. Empfindliche Bussen schon beim Wegwerfen von Zigarettenstummeln und Kaukummi. Und es wirkt.

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