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Alte Turnschuhe gelten als schwer zu recyceln. © Andreas Urdl/pixabay

Sneakerjagd – am Ende meistens eingeäschert

Daniela Gschweng /  Was passiert mit unseren Schuhen, wenn sie «recycelt» werden? Meistens genau das nicht, zeigt die Recherche eines Hamburger Mediums

Turnschuhe, neudeutsch: Sneaker, gelten als Symbol der Fast-Fashion-Industrie. Sehr viele Leute tragen sie; es ist schwer, sie zu recyceln, weil sie viele verschiedene Materialien enthalten, die kaum voneinander zu trennen sind. Allerdings gibt es immer mehr Ansätze, gebrauchte Sneaker auf den Second-Hand-Markt zu bringen oder Teile davon wiederzuverwerten und ihnen so ein Weiterleben im Kreislaufsystem zu ermöglichen. «Was passiert mit unseren alten Schuhen, wenn wir sie entsorgen?», wollte das Hamburger Medium «Flip» wissen.

Das Investigativmedium sammelte dazu elf Paar Sneaker von Prominenten und fütterte sie an diversen Stellen ins Recyclingsystem. Um die Schuhe nachverfolgen zu können, wurden sie mit einem GPS-Chip versehen. Weil das gar nicht so einfach ist, ging «Flip» Partnerschaften mit mehreren grossen Medien ein. Schliesslich soll die Manipulation nicht auffallen und der Akku muss lange halten.

Spannend wie ein Krimi

In seinem wöchentlichen Newsletter veröffentlicht «Flip» seit Anfang November jede Woche das Schicksal dreier Schuhpaare und publiziert es auch auf seiner Homepage (mit kostenlosem Login). Beiträge gibt es auch auf dem Instagram-Kanal von «Flip». Geschichten dazu erschienen parallel bei der «Zeit» und dem norddeutschen Rundfunk (NDR), auch die deutsche «Tagesschau» berichtete darüber.

Die Idee mit den verwanzten Schuhen erwies sich als journalistischer Glücksgriff, der einige Ungereimtheiten im Recyclingsystem an den Tag brachte.

«Flip» entlarvt Zaras Recyclingversprechen

Die nach Angabe von «Flip» noch gut erhaltenen Sneaker des Rappers Jan Delay beispielsweise warfen die Reporter in eine Recycling-Box der Modekette «Zara». Ein «neues Leben schenken», so der Marketing-Claim Zaras, konnten sie den Schuhen dadurch nicht. Das Schuhpaar wanderte direkt auf den Hof eines Allerwelts-Abfallunternehmens, wo ihr Signal irgendwann ausblieb. Das Abfallunternehmen, recherchierte «Flip», verbrennt Schuhe zusammen mit Bauschutt.

Auf eine Anfrage an Zara meldet sich nach Wochen eine PR-Agentur, die nicht zitiert werden will. Diese schiebt die Verantwortung weiter an das Deutsche Rote Kreuz (DRK). Zara bezahle das DRK dafür, sich um den Inhalt der Recycling-Box zu kümmern. Von «selbst darum kümmern», «jedes Kleidungsstück klassifizieren» und «bestmöglich weiterverarbeiten» wie in der Zara-Werbung behauptet: keine Spur. Das DRK lässt wissen, dass die Kleidung aus der Zara-Box eigentlich in einen Kilo-Shop des Roten Kreuzes gebracht werden sollte. Warum das nicht geschehen sei, lasse sich nicht nachvollziehen.

Was nicht wiederverkauft werden kann, kostet nur

Das Grossunternehmen Texaid, bei dem das zweite, nicht ganz so gut erhaltene Paar Schuhe über eine C&A-Recycling-Box landet, erklärt im Interview, dass jeder Schuh, der nicht weiterverkauft werden kann, nur kostet. Geld, das für das Sortieren und Verbrennen der Schuhe draufgeht. Das hätte der Musiker Fynn Kliemann, von dem das zweite Paar stammt, auch einfacher haben können. Nämlich über die Restmülltonne.

Genauso wie der SPD-Politiker Kevin Kühnert, dessen laut «Flip» ziemlich ausgelatschte Adidas-Treter von einem Altkleidercontainer in St. Pauli zu einem Entsorgungshof in das südwestliche Bundesland Rheinland-Pfalz reisen. Dorthin, so die Hamburger Stadtreinigung, wurden Altkleider per 2000-Tonnen-Paket verkauft. Nach einem Monat senden sie kein GPS-Signal mehr.

Nike schreddert neue Schuhe

Die Schuhe der deutschen Komikerin Carolin Kebekus, die in eine Nike-Recycling-Box eingeworfen wurden, ortet «Flip» in einer Schredderanlage in Belgien. Das macht Sinn. Nikes Programm «Nike Grind» soll gebrauchten Schuhen ein neues Leben ermöglichen, und zwar in Form von Solen neuer Schuhe, zu denen die alten verarbeitet werden. Diese sehen dann schick bunt gesprenkelt aus – Nachhaltigkeit, die man direkt sehen kann.

In Belgien allerdings sehen die Reporter, wie neue Schuhe auf das Schredder-Band geworfen werden. Das komme regelmässig vor, sagt ein Mitarbeiter vor Ort, der nicht direkt für Nike arbeitet, sondern für einen Verein, der das Schreddern übernimmt. Unverkäufliche Schuhe mit kleinen Defekten oder Muster würden ebenfalls zu «Nike Grind» verarbeitet, sagt eine Sprecherin des Konzerns.

«Flip» will es genau wissen, bestellt bei Nike ein Paar neue Schuhe, versieht sie mit einem GPS-Tracker und schickt sie zurück. Optisch ist kein Makel zu erkennen; die Retoure orten sie kurz darauf ebenfalls in der belgischen Firma, danach in einem Abfallunternehmen in der Nähe.

Möglicherweise sei das ein Verstoss gegen das deutsche Kreislaufwirtschaftsgesetz, nach dem verwendbare Kleidung nicht vernichtet werden darf, sagt ein Sprecher des deutschen Umweltministeriums, dem «Flip» sein Rechercheergebnis präsentiert hat. Nikes Nachhaltigkeitschef, den «Flip» auf der Klimakonferenz in Glasgow abfängt, ist überrascht. «Das ist next Level», sagt Carolin Kebekus perplex.

Sneakerklau und Müllschmuggel

Einen abenteuerlichen Weg gehen die noch gut erhaltenen Sneaker der Influencerin Louisa Dellert. Von einem Altkleidercontainer des Grossunternehmens Soex gelangen sie nach Pinneberg in Schleswig-Holstein, von dort ins Bundesland Nordrhein-Westfalen. Zwei Monate später reisen sie über Polen in die Ukraine – als «unregistrierter Transport», der darauf wartet, dass ein Kunde ihn abhole, deutet ein Schmuggler an.

Dass viele Kleider und Schuhe unverzollt in die Ukraine gelangen, ist den Behörden bekannt. Verzollen müssen Händler aber eigentlich nur Neuware. «Vielleicht sahen die Schuhe aus wie neu», vermutet der Schmuggler. «Flip» verfolgt das Sneakerpaar weiter bis zu einer Halle, wo tonnenweise Schuhe aus Deutschland sortiert werden, von dort gehen die Sneaker in einen Second-Hand-Shop nahe der rumänischen Grenze und fahren schliesslich als Erinnerungsstück zurück nach Hamburg. Gekostet hat das Paar Veja-Sneaker die Reporter noch umgerechnet neun Euro. Der Recyclingkonzern Soex stellt in der Folge fest, dass tonnenweise Altkleider aus dem betreffenden Sammelgebiet verschwinden, spricht von «Problemen mit einem Subunternehmer» und schaltet einen Anwalt ein.

Ungenutzte Recyclinganlage in Sachsen-Anhalt

Ein anderes Paar, immerhin, geht den vorgesehenen Weg. Aus einer Recycling-Box beim Schuhhändler Reno gehen die Nikes des Moderators Michel Abdollahi mit einem Zwischenstopp bei einem Logistikunternehmen in eine Soex-Sortieranlage in Sachsen-Anhalt. Dort, stellt «Flip» fest, steht eine Recycling-Anlage zum Schreddern von Schuhen, über die der «Spiegel» schon 2015 berichtete. Meist steht sie still. Aufträge und Abnehmer, sagt Soex, gebe es nämlich kaum. Schöne neue Recycling-Welt.

Vorläufiges Fazit: Recyclingwunsch ist nicht gleich Müllrealität

So weit das Schicksal von sechs Paar Schuhen, die Flip durch das Recyclingsystem verfolgt hat. Was man jetzt (23. November) bereits sagen kann: Wo Recycling draufsteht, ist oft kein Recycling drin. Die Wieder- oder Weiterverwertung von Schuhen ist also, um diesen Begriff einmal mehr zu bemühen, oft reines «Wishcycling». Das nicht zuletzt «funktioniert», weil es den Konsumentinnen und Konsumenten ein gutes Gefühl und Unternehmen einen Sympathiebonus gibt.

Die Recycling-Boxen der Hersteller sind nur bedingt geeignet, um einen Schuh tatsächlich in den Kreislauf zurückzuführen. Auch beim Bestellen von Schuhen sollte man vorsichtig sein. Selbst einwandfreie Retouren werden oft vernichtet, obwohl das in Deutschland gegen das Gesetz verstösst.

Manchmal ist die Mülltonne die bessere Wahl

Gesetzliche Vorgaben, was mit gebrauchter Kleidung geschehen muss, das zeigt die bisherige Recherche, werden nicht immer eingehalten. Verantwortung verästelt sich weiter an Subunternehmer, Abfallunternehmen, Händler. Schuhe, die nicht zum Wiederverkauf taugen, versenkt man deshalb ehrlicherweise besser im Restmüll.

Gut erhaltene gebrauchte Schuhe sind andererseits so viel wert, dass sie verkauft, sortiert und weiterverkauft, gestohlen und geschmuggelt werden. Dabei legen sie grosse Distanzen zurück. Wie gross diese sind, werde sich in den nächsten Wochen zeigen, teaserte «Flip» Anfang Dezember. Mindestens ein Paar, deutete das Medium an, schickte ein GPS-Signal aus Afrika.

Flip

ist ein kleines investigatives Medium mit Sitz in Hamburg, das sich mit nachhaltiger Wirtschaft beschäftigt. Das Team recherchiert als «nachhaltig» gelabelte Produkte und Geschäftsideen und prüft, wie gut sie wirklich sind, meist durch hartnäckiges Nachfragen und Experteninterviews. «Flip» gibt als bisher einzige Publikationsform einen wöchentlichen Newsletter heraus, der jeweils ein Produkt eingehend beleuchtet. Geprüft hat «Flip» bisher zum Beispiel nachhaltige Banken, Putzmittel zum Selbstanrühren, Anti-Mikroplastik-Wäschebeutel, das Ökostrom-Konzept Enyway oder Jeans zum Abonnieren. Wer seine E-Mail-Adresse hinterlässt, kann per Login auch alle bereits publizierten Flips auf der Website von Flip aufrufen. Die Sneakerjagd ist das bisher grösste Projekt des jungen Mediums.

Flip
Vier Themen, die Flip bereits recherchiert hat.

Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Weiterführende Informationen

Zum Infosperber-Dossier:

goldstein

Plastik-Abfälle für die Ewigkeit

Kunststoffmüll wird zum Problem künftiger Generationen. Weltweit gelangen fast 80% in Umwelt und Deponien.

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