Vittel_Hahnen

Erneut steht Nestlé Waters in der Kritik: Im französischen Vittel werden immer mehr wilde Plastik-Deponien gefunden © cc

Nestlé: Schon wieder Ärger in Vittel

Tobias Tscherrig /  Unweit der Abfüllanlage von Nestlé Waters in Vittel kommen immer mehr wilde Deponien mit verrotteten Plastikflaschen zum Vorschein.

Der multinationale Nahrungsmittelkonzern Nestlé mit Sitz in Vevey und die französische Gemeinde Vittel im Département Vosges: Das ist keine Liebesgeschichte. Immer wieder stand der Nahrungsmittelkonzern in der Kritik, weil der Wasserspiegel in der Region seit Jahren sinkt. Die Schuldigen waren rasch gefunden: Nestlé Waters und eine industrielle Käserei pumpen das Wasser ab. Im Fall von Nestlé wird es in Flaschen gefüllt und unter der Marke «Vittel» verkauft.

Die Aufregung um den sinkenden Grundwasserspiegel schlug vollends in Empörung um, als eine Pipeline gebaut werden sollte, mit der die Einwohnerinnen und Einwohner von Vittel mit Wasser aus den umliegenden Gemeinden versorgt werden sollten. Aufgrund des grossen Drucks musste das Projekt begraben werden, Nestlé verpflichtete sich, die geförderte Wassermenge zu reduzieren.

Zusätzlich gab es eine Klage wegen angeblich illegaler Wasserentnahmen und einen Prozess gegen eine lokale Mandatsträgerin wegen illegaler Bevorzugung zugunsten des Nahrungsmittel-Konzerns. Französische und luxemburgische Medien berichteten in grossen Reportagen über ein «System der Einflussnahme», das sich der Konzern in Vittel aufgebaut haben soll.

Klage gegen Whistleblower

Danach kehrte etwas Ruhe ein, die negativen Schlagzeilen um die Geschäftstätigkeiten von Nestlé in Vittel verschwanden aus den grossen französischen Medien. Doch seit Ende April steht dem Nahrungsmittelkonzern weiterer Ärger ins Haus. Die Umweltschutzorganisationen «Eau 88» und «France Nature Environnement» publizierten Bilder, die unweit der Abfüllanlage von Nestlé Waters in Vittel aufgenommen wurden. Darauf sind unzählige verrottete Plastikflaschen zu sehen, die aus dem Boden ragen. Die grossen Medien in Frankreich berichteten prominent über das Thema.

Erst war die Rede von zwei wilden Deponien, die ein Whistleblower entdeckt und gemeldet hatte. Der betreffende Whistleblower, ein ortsansässiger Landwirt, soll daraufhin gemäss Umweltschutzorganisationen von einer Nestlé-Tochtergesellschaft wegen Einbruch und Sachbeschädigung mit einer Klage belegt worden sein. Der Landwirt sei von der Gendarmerie einvernommen worden. Er habe sich auf den Standpunkt gestellt, dass es keinen Einbruch gegeben habe, da das Tor offen gewesen sei. Auch sei kein Schaden entstanden. Das Loch, das man gegraben habe um die unterirdische Deponie zu erreichen, habe man anschliessend wieder aufgefüllt. Zusätzlich habe der Landwirt in einer eidesstattlichen Erklärung gesagt, dass «Nestlé den Standort seiner Mülldeponien immer gekannt hat.»

Erst waren es zwei, jetzt neun wilde Deponien

Inzwischen ist die Zahl der wilden Deponien auf insgesamt neun gestiegen. Die zusätzlichen sieben belasteten Standorte hatte Nestlé selbst bekanntgegeben.

Vier der betroffenen Standorte sollen mit Kunststoffabfällen belastet sein, fünf Standorte mit Bauschutt. Die Deponien sollen aus den 60er- und 70er-Jahren stammen: Damals begann Vittel, von Glas- auf Plastikflaschen umzusteigen. Nestlé Waters wurde 1969 Aktionär der «Société des Eaux de Vittel», bestreitet gemäss französischen Medien aber jegliche Beteiligung an den wilden Deponien: «Wir waren zu diesem Zeitpunkt nicht Mehrheitsaktionär und hatten keine Kenntnis von diesen Deponien.»

Trotzdem verlangen französische Umweltschutzorganisationen die rückstandslose Sanierung der betroffenen Gelände.

Nestlé muss aufräumen

Der Nahrungsmittelkonzern aus der Schweiz hat sich in der Zwischenzeit dem öffentlichen Druck gebeugt: «Nestlé Waters hat sich verpflichtet, diese historischen Abladeplätze zu sanieren und die von den Behörden validierten Empfehlungen umzusetzen», sagte eine Sprecherin gegenüber dem «Beobachter». Obwohl diese Deponien aus einer Zeit stammen würden, als Vittel noch nicht zu Nestlé gehört habe.

Aber Nestlé bleibt auch nicht viel anderes übrig, als zu reagieren und den Image-Schaden zu begrenzen. Mit dem sogenannten Agrivair-Programm, das nach Nestlé-Angaben dafür sorgen soll, «die Qualität der Wasserressourcen in der Gegend von Vittel zu schützen», rühmt Nestlé die Zusammenarbeit zwischen Nestlé Waters Frankreich und dem französischen Nationalen Institut für Landwirtschaftliche Forschung, spricht von «25 Jahren Innovation im Dienste der Umwelt» und erklärt, dass Agrivair eine zukunftsorientierte, innovative Landnutzung geschaffen habe, welche die ökonomischen Aktivitäten und den Schutz der Biosphäre in Einklang bringe.

Zwar geht es bei «Agrivair» in erster Linie um den Einsatz von Unkrautvernichtungsmitteln von Landwirtinnen und Landwirten und die damit einhergehende Gefahr einer Verschmutzung des Grundwassers, was sich natürlich negativ auf das Nestlé-Geschäft in Vittel auswirken würde. Aber wer sich den Schutz der Biosphäre auf die Fahnen schreibt, muss auch die historischen Altlasten im eigenen Vorgarten entfernen. Vor allem auch, da Plastik Grundwasser verschmutzen kann.

«Recycling funktioniert nur, wenn alle mitmachen»

Dann schreibt Nestlé auf der eigenen Internetseite, PET-Flaschen seien «nachhaltiger als ihr Ruf». Das Ziel von Nestlé Waters sei es, global bis 2025 mindestens 50 Prozent recycletes Material einzusetzen. «Klar, dass Recycling nur funktioniert, wenn alle mitmachen», mahnt Nestlé und schreibt von der Kreislaufwirtschaft, zu der es gehöre, dass «Abfälle verwertet und enthaltene Rohstoffe wiederverwendet werden.» Nestlé setze sich durch gezielte Projekte dafür ein, dass «PET-Flaschen auf der ganzen Welt über Mülltrennung und nationale Sammelsysteme richtig entsorgt werden.»

Vor dem Hintergrund derartiger Sätze ist klar, dass Nestlé nicht anders kann, als die Altlasten im eigenen Vorgarten zu entsorgen. Alles andere würde weitere und deutlichere Negativ-Meldungen mit sich bringen. Inzwischen hat sich Nestlé Waters gemäss einem Bericht von «Le Temps» verpflichtet, für die Sanierung von vier ehemaligen Kunststoffdeponien zu zahlen.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

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3 Meinungen

  • am 20.06.2021 um 14:46 Uhr
    Permalink

    Na ja, das übliche Nestlé-Bashing. Selbstverständlich könnte man sich vor Ort informieren und würde sofort merken, dass da vieles nicht so ist, wie es im Beitrag geschrieben steht. Aber die Wahrheit interessiert ja niemanden, wenn es darum geht, Nestlé schlecht zu machen. Aber halten wir uns an die Fakten: Nestlé bezieht sein Wasser für sein Mineralwasser in Vittel aus zwei Quellen. Die „Bonne Source“ und die „Grande Source“. Bei der „Grande Source“ fliesst das Grundwasser in genügender Menge nach. Es ist auch einfach gelogen, wenn behauptet wird, der Grundwasserspiegel sei gesunken. Bei der „Bonne Source“ führen geologische Gegebenheiten dazu, dass die Quelle immer weniger Wasser speist. Da hat Nestlé die Fördermenge um 38 % reduziert. Nestlé bezieht aber nur nur 25 % des Wassers, das diese Quelle speist. Der Rest wir von der öffentlichen Hand und der Lebensmittelindustrie (Käsereien etc.) verbraucht. Es ist vielleicht auch noch erwähnenswert, dass Nestlé sich umgehend bereit erklärt hat, die Deponien zu sanieren, ohne wenn und aber. Nestlé ist gehört weltweit zu den führenden Unternehmen wenn es um die Bereiche Ökologie, Soziales und Ökonomie geht. Genau deshalb ist Nestle in praktisch jedem Angebot für nachhaltiges Anlegen an den Finanzmärkten enthalten.

    2
  • am 20.06.2021 um 16:45 Uhr
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    Es ist interessant zu sehen, dass alles mal ans Licht kommt. Wirklich alles…meine erste Umweltaktion war die öffentliche Kritik an der Säureteer-Deponie in Wildberg, späte 70er Jahre. Ging noch mehr als 15 Jahre, bis alles ausgegraben war… Hier war das Töss-Grundwasser schon immer beeiträchtigt. Man wartete beim Kanton grosszügig ab, bis sich die verantwortliche Firma abgeseilt hatte.
    Auch in der Schweiz hätten wir noch dutzende sogenannter kontrollierter – und hunderte von nicht kontrollierten Deponien, die wir ausgraben müssen. Davon redet kaum eineR. Wir hätten es heute in der Hand, mit den aktuell sehr gut finanzierten Entsorgungswesen hier vorwärts zu machen, anstatt die Gebühren zu senken/sogar rückzuerstatten, wie dies St.Gallen kürzlich getan hat.
    In Magadino kann jeder eine solche Deponie – unmittelbar neben den Bolle di Magadino liegend, knapp über dem Grundwasser….- auf google earth und beim Vorbeifahren mit dem Zug sehen. Ein Berg mit 40.000m2 und ein Berg mit 20.000m2 Grundfläche und etwa 8 m Höhe – etwa 400.000m3 Modert so vor sich hin – und gast seit Jahrzehnten aus. In Bellinzona steht seht längerem nun eine KVA bereit. Da gehört Ladung um Ladung hinein, nach genauer Kontrolle selbstverständlich!
    Wenn die Ticinesi nun dort jeden Tag 2-3 Ladungen zu 10m3 einfeuern, wäre das Ganze nach 15 Jahren abgebaut.
    Und das alte Problem der alten Sackgebühr-Verweigerer endlich behoben.

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