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Nicht nur Mäuse und Ratten verwendet die Forschung in Tierversuchen. Vermehrt setzt sie auch Fische und Rinder ein. © public-domain rawpixel.com, CC0 1.0 Deed

Zahl der Tierversuche steigt in der Schweiz ungebremst

Pascal Derungs /  Seit Jahrzehnten verspricht der Bund, Tierversuche einzuschränken. Doch diese Programme greifen nicht – im Gegenteil.

Im Jahr 2022 wurden 585’991 Tiere in Versuchen eingesetzt, rund 2% mehr als im Vorjahr. In 366’750 Fällen waren es «belastende» Versuche, die den Tieren Leiden oder Schäden zufügten. Das sind 5 % mehr als im Vorjahr. Diese Zahlen zeigt die Tierversuchsstatistik des Bundes. Daraus geht auch hervor, dass die Versuchszahlen aktuell nicht niedriger liegen als schon vor gut zwanzig Jahren. Und das, obwohl der Bund seit 40 Jahren in die Entwicklung von Alternativmethoden investiert.

Die Schweiz finanziert ein Kompetenzzentrum und ein Nationales Forschungsprojekt. Beide agieren nach der Formel «drei R»: «Replace» soll Tierversuche ersetzen, «reduce» soll die Anzahl Tiere pro Studie senken und «refine» soll ihr Leiden mildern.

Die «drei R» sind ein Abwehrschild gegen drohende Verbote

Der Philosoph Nico Müller ist Projektleiter im Nationalen Forschungsprogramm 79 «Advancing 3R – Tiere, Forschung und Gesellschaft». Er befasst sich aus ethischer Perspektive mit dem Thema der Ausstiegsplanung bei Tierversuchen. Auf der Plattform «Geschichte der Gegenwart» hat er eine Zwischenbilanz gezogen – und spart nicht mit Kritik an der Politik.

In der Geschichte der Schweizer Tierversuchspolitik gebe es ein auffälliges, wiederkehrendes Muster, schreibt Müller: Der Bund habe Gelder für die «drei R» immer dann zur Verfügung gestellt, wenn eine Initiative für ein radikales Tierversuchsverbot lanciert worden sei.

«Die drei R verhindern Verbote, nicht Versuche», analysiert Müller. Werde im Rahmen von Abstimmungskampagnen nahegelegt, dass die Schweizer Forschung dank der «drei R» irgendwann tierfreundlicher werde, beruhige dies offensichtlich das Gewissen der Abstimmenden. Doch der Drei-R-Ansatz könne sein Versprechen nicht halten, er habe sich «als radikales Laissez-Faire» entpuppt.

Ein neues strategisches Denken ist gefragt

Das Problem liege darin, dass «drei R» nur die Forschungsmethode betreffe, moniert Müller. Doch die entscheidenden Weichen für oder gegen Tierversuche in der Forschung würden vorher gestellt: bei der Festlegung des Forschungsthemas und der zentralen Fragestellung. Hier ortet Müller den eigentlichen Grund für die anhaltende Stagnation der Reduktionsbemühungen. Das gelte insbesondere für die Grundlagenforschung, welche in der Schweiz anteilmässig die meisten Versuchstiere einsetzt (57% im Jahr 2022).

In diesem Bereich gehe es primär darum, laufend neue Hypothesen zu entwickeln, um den Menschenkörper besser zu verstehen. Die Grundlagenforschung sei geprägt von diversen Sachzwängen struktureller und finanzieller Art. Für die meisten Forschenden zahle es sich aus, konservativ zu sein und mit etablierten Methoden wie dem Tierversuch zu arbeiten, statt mit neuen Ansätzen ein Risiko einzugehen. Müller plädiert für ein Umdenken, eine Neuorientierung – weg von den «drei R», hin zu einer strategischen Tierversuchspolitik.

Es braucht konkrete Reduktionsziele und Ausstiegspläne

Es brauche konkrete Reduktionsziele und Massnahmenpakete. So fordern es seit 2021 das Europaparlament, eine europäische Bürgerinitiative, eine Petition an die britische Regierung und gleich zwei laufende Petitionen ans Schweizer Parlament. Doch die entscheidende Diskussion in Sachen Tierversuche drehe sich weder um pauschale Verbote noch um die «drei R», sondern um realistische Ausstiegspläne.

Um die Tierversuchszahlen der Schweiz effektiv zu senken, müsste der Gesetzgeber gezielt tierversuchsfreie Methoden fördern. Entsprechende Bestrebungen gebe es bereits, diverse Forschungsteams arbeiteten an Methoden mit Tierzellen in Petrischalen, mit nachgebauten menschlichen Organen oder mit Computersimulationen. Hier müsste eine gezielte Finanzierung und Förderung ansetzen, ist Müller überzeugt. «Man könnte zum Beispiel neue Studiengänge einrichten, spezielle Geldtöpfe reservieren und Stellen schaffen durch neue Lehrstühle, Institute und Netzwerke. Es brauchte nicht einfach eine Ausstiegsstrategie, sondern eine Transformations- und Profilierungsstrategie mit tierversuchsfreiem Fokus», postuliert Nico Müller.


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Eine Meinung zu

  • am 30.01.2024 um 20:02 Uhr
    Permalink

    „[D]iverse Forschungsteams arbeiteten an Methoden mit Tierzellen in Petrischalen, mit nachgebauten menschlichen Organen oder mit Computersimulationen.“

    Das ist eine naive Aussage. Ich arbeite in der Grundlagenforschung und habe Computersimulationen durchgeführt. Erstens sind in vitro Experimente wenig aussagekräftig in Bezug auf Vorgänge im Körper – beispielsweise gibt es ständig Studien zu Substanzen, die in der Petrischale Krebszellen abtöten, im menschlichen Körper dagegen keinen Effekt haben. Als nächstes wurde noch kein einziges menschliches Organ nachgebaut – sogenannte Organoide sind so weit entfernt vom Organ wie ein Passagierflugzeug von der Mondlandung. Zuletzt sind Computersimulationen immer datenbasiert, das heisst sie haben nur im Vergleich mit experimentellen Daten einen Nutzen und für sich allein keine Aussagekraft.

    Ich selbst strebe auch eine Abkehr von der Dominanz des Menschen über Fauna an, aber Senkung des Fleischverzehrs ist deutlich leichter und effektiver.

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