Grossmächte

Politikwissenschaftler Herfried Münkler sieht Vorteile einer neuen Weltordnung mit vier Mächten. © Depositphotos

Wenn aus Verbündeten plötzlich Gegner werden und umgekehrt

Jürg Müller-Muralt /  Trump gibt Anlass zu Spekulationen, ob bald ganz neue Allianzen entstehen. Die Geschichte zeigt: Bündnisse sind Rutschgebiete.

Donald Trumps unberechenbares und aggressives Verhalten beflügelt die geopolitischen Analytiker. Spekulationen haben Hochkonjunktur. Der deutsche Politikwissenschaftler Herfried Münkler mutmasst in einem Interview mit der «NZZ am Sonntag» über die Ziele Trumps: «Er möchte die vom Nordkap bis Gibraltar gegenüberliegende amerikanische Atlantikküste schützen. Er braucht diesen geschlossenen Raum des amerikanischen Doppelkontinents, um vielleicht ein Direktorium von drei Grossmächten zu errichten – mit den USA und China auf Augenhöhe, etwas kleiner: Russland – und den Vorsitz dieses Direktoriums führt Trump. Das ist, denke ich, seine Vorstellung. (…) Das Problem ist: Wenn drei Akteure – die USA, China, Russland – die alle autoritär oder autokratisch regiert sind, die Rhythmik der Politik vorgeben, dann erfolgt sie in einem Tempo, dem die Europäer in ihrer gegenwärtigen Verfassung mit dem Einstimmigkeitsprinzip der 27 und anderem mehr nicht folgen können.»

Europa als Zünglein an der Waage

Anders wäre es laut Münkler, wenn die Europäer es schafften, «durch militärische und technologische Anstrengungen ein Akteur zu werden, und möglicherweise Kanada, Australien, Neuseeland, Südkorea und Japan dazugewinnen, dann hätten wir eine weltpolitische Ordnung mit vier Mächten – Europa und seine Verbündeten, die USA, China, Russland –, zu denen Indien als fünfte Macht hinzukommen könnte. Das wäre ein stabileres Tableau als ein Dreiersystem, das immer auf eine Konstellation zwei gegen einen hinausläuft. Bei fünf Mächten ist eine Situation von vier zu eins unwahrscheinlich, drei zu zwei hingegen stabilisierend. Das Zünglein an der Waage ist eine attraktive Position. Die Europäer könnten sie übernehmen.»

Eurasischer Block vom Atlantik zum Pazifik

Die Spekulationen von NZZ-Chefredaktor Eric Gujer zielen in eine ganz andere Richtung. Europa komme nicht umhin, eine Neuorientierung seiner Bündnispolitik in Betracht zu ziehen, wenn Trump in diesem Stil weitermache, denn «ein unberechenbares Amerika ist kein Partner mehr. Die Alternative ist eine Annäherung an China. Es würde sich ein eurasischer Block vom Atlantik bis zum Pazifik bilden, der die grösste Wirtschaftskraft und die meisten Ressourcen auf sich vereint. Für Peking wäre das Szenario verlockend. Russland müsste mitmachen, wenn der grosse Bruder es will. Auch so lässt sich Frieden in der Ukraine erreichen. Die USA wären plötzlich Peripherie. (…) Das klingt heute noch unvorstellbar. Ein ‹Renversement des alliances›, die Umkehr der Bündnissysteme in kurzer Zeit, ereignete sich in der europäischen Geschichte jedoch immer wieder.»

«Renversement des alliances»

Das sind sehr weitreichende Phantasien. Richtig ist allerdings, dass immer wieder Allianzen zerfallen und überraschend neue Bündnisse entstanden sind, wenn auch eher selten in dieser geradezu klassischen Form des «Renversement des alliances». Die «Umkehr der Allianzen» ist ein fester Fachbegriff der europäischen Diplomatiegeschichte und bezeichnet die rasche Neuordnung der Bündnissysteme Mitte des 18. Jahrhunderts. Die Konstellation, die sich seit dem 16./17. Jahrhundert allmählich verfestigt hatte, lautete: Frankreich gegen Habsburg/Österreich und Grossbritannien gegen Frankreich, wobei Preussen meist als Gegner Österreichs auftrat.

Diplomatischer Paukenschlag

Der diplomatische Paukenschlag des «Renversement des alliances» von 1755/56 schuf ein neues Bündnissystem: Ehemalige Erzfeinde wurden Verbündete, frühere Partner standen sich plötzlich gegenüber. So spannten das bourbonische Frankreich und das habsburgische Österreich zusammen, sowie Grossbritannien und Preussen. Die Haupttreiber dieser Entwicklung waren zum einen Österreichs Revanchegelüste nach dem Verlust Schlesiens im Gefolge des Österreichischen Erbfolgekrieges (1740-1748). Zum anderen richtete sich Frankreich neu aus, weil Preussen zur Bedrohung wurde. Eine wichtige Rolle spielte auch der britisch-französische Kolonialkonflikt in Nordamerika und Indien, was dazu führte, dass London einen starken kontinentalen Partner suchte – und diesen in Preussen fand. Die historische Bedeutung des «Renversement des alliances» liegt im Ende der jahrhundertelangen Bourbon-Habsburg-Feindschaft und dem Beginn einer neuen Phase machtpolitisch flexibler Bündnisse. Als einzigartig gilt die Entwicklung, weil sich nicht nur die Achse Frankreich-Österreich vollständig umdrehte, sondern fast gleichzeitig und systemisch das gesamte europäische Mächtekonzert.

Bismarcks komplexes Bündnissystem

Beispiele von nicht vorhersehbaren bündnispolitischen Entwicklungen hat es immer wieder gegeben. Nach der Gründung des Deutschen Reiches 1871 knüpfte Reichskanzler Otto von Bismarck ein komplexes Bündnissystem zwischen Russland, Österreich-Ungarn, Italien und teilweise auch Grossbritannien, wobei Deutschland der Dreh- und Angelpunkt war. Ziel war die Isolation Frankreichs. Nach Bismarcks Entlassung drehte sich die Sache: Es kam 1894 zu einem französisch-russischen Bündnis, 1904 zur «Entente cordiale» zwischen Frankreich und Grossbritannien und 1907 zur «Triple Entente» zwischen Frankreich, Grossbritannien und Russland. Die Entente-Mächte bildeten im Ersten Weltkrieg (1914–1918) das kriegsentscheidende Bündnis gegen die Mittelmächte, im Wesentlichen bestehend aus dem Deutschen Reich, Österreich-Ungarn und dem Osmanischen Reich.

Bruch im sozialistischen System

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg – im Kalten Krieg – kam es zu dramatischen Bündnisentwicklungen. Der chinesisch-sowjetische Bruch in den 1960er Jahren war zwar kein Bündniswechsel im engeren Sinn, aber die Entwicklung ging weg von einer engen Allianz zu strategischer Feindschaft innerhalb des sozialistischen Lagers. Als Auslöser gilt die Entstalinisierung in der Sowjetunion und der Kampf um den Führungsanspruch im Weltkommunismus. Die monolithische Blocklogik des Kalten Krieges wurde aufgelöst. Diese Entwicklung war die Voraussetzung für die Öffnung Chinas Richtung USA. Die chinesisch-amerikanische Annäherung erfolgte zu Beginn der 1970er Jahre. Triebkraft war die gemeinsame Wahrnehmung der Sowjetunion als Bedrohung. Langfristig war dies der Beginn der Integration Chinas in die Weltwirtschaft.

Vom Warschauer Pakt zur Nato

Die wahrscheinlich folgenreichste Bündnisumkehr nach dem Fall der Berliner Mauer 1989 war die Integration der ostmitteleuropäischen Staaten ins westliche Militärbündnis Nato. Es handelt sich ausschliesslich um Staaten, die zuvor Mitglieder des aufgelösten und bisher von der Sowjetunion beherrschten Warschauer Paktes waren. Der Seitenwechsel eines ganzen Militärblockes ohne vorhergehenden Krieg ist einmalig. Er geschah unter der Annahme einer dauerhaften europäischen Friedensordnung. Doch was die Beitrittsstaaten als Sicherheitsgewinn wahrnahmen, wurde in Russland immer mehr als Verlust interpretiert. Die Langfristfolgen der Nato-Osterweiterung wurden zu einem zentralen Konfliktpunkt der europäischen Sicherheitsarchitektur. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 führte die anfängliche Partnerschaftsrhetorik zwischen dem Westen und Russland zu einem Bruch des Narrativs: vom «gemeinsamen Europa» hin zu einem veritablen Zivilisations- und Systemgegensatz.

Entfremdung, aber kein totaler Bruch

Und nun wie weiter? Stehen wir vor den ganz grossen Allianzbrüchen und Neugruppierungen, einem weiteren «Renversement des alliances»? Mit Trumps Unberechenbarkeit ist die ohnehin fragile geopolitische Lage noch delikater und auch gefährlicher geworden. Trotzdem sehen nicht alle Beobachter völlig neue Bündniskonstellationen am Horizont auftauchen. Die Lageanalyse von NZZ-Historiker Ivo Mijnssen kommt mit viel weniger weit ausgreifenden Spekulationen aus als jene von Herfried Münkler und Eric Gujer. Für Mijnssen ist es noch nicht ausgemacht, dass sich die «Fremden Freunde», so der Titel seines Artikels, völlig entzweien: «Dass aus der Entfremdung zwischen Europa und den USA der totale Bruch folgt, ist weiterhin schwer vorstellbar. Zu eng ist die wirtschaftliche Verzahnung, zu gross der gegenseitige Einfluss. Und trotz aller politischer Agitation fühlen sich die beiden kulturell nah. (…) Politisch kann der Republikaner deshalb wenig gewinnen, wenn er die Konfrontation auf die Spitze treibt. Das ist der grosse Hoffnungsschimmer in der fundamentalen Krise: Die europäisch-amerikanische Allianz bleibt populär. Das macht sie robuster, als sie momentan scheint.» Und der Historiker Tobias Straumann, Professor für Geschichte der Neuzeit und Wirtschaftsgeschichte an der Universität Zürich, hält fest: «Die grosse Rivalität zwischen den USA und China wird die Geopolitik dominieren. Somit entsteht eine neue Form des kalten Krieges. Auch wenn die Machtblöcke heute stärker verflochten sind, so werden sich erneut verschiedene Einflusssphären herausbilden. Europa wird weiterhin zur amerikanischen Sphäre gehören und in der zweiten Liga spielen.»

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