Kommentar

Wenn die Märkte "aufgeregt" sind…

Christian Müller © aw

Christian Müller /  Die NZZ am Sonntag propagiert immer noch die uneingeschränkte Freiheit der Finanzmarkt-Gambler und Devisenhandel-Hasardeure.

»Wenn die Ungewissheit in Europa zunimmt, werden die Devisenmärkte ausprobieren wollen, ob die Euro-Untergrenze der (Schweizer) Nationalbank hält.» Der dies sagt, ist der hochrenommierte US-Ökonom Barry Eichengreen. Und eingeholt hat dieses Statement die heutige NZZ am Sonntag.

Man lasse sich das mal auf der Zunge zergehen: «… werden die Devisenmärkte ausprobieren wollen…». Die Märkte!

Es ist an der Zeit, endlich auch einmal die Sprache dieser Finanzwirtschaftsgilde zu hinterfragen. Da werden «Märkte» als Akteure hingestellt, als wären es Individuen mit Fleisch und Blut und mit eigenem Willen. Märkte!

»Im Frühjahr finden Wahlen in Griechenland und in Frankreich statt. Aus früheren Finanzkrisen wissen wir: Die Lage spitzt sich stets um die Wahlen herum zu. Es ist unsicher, wer gewählt wird – und es ist unklar, was die neue Regierung tun wird. Darauf reagieren die Märkte stets aufgeregt.» So steht da weiter unten im Interview mit Barry Eichengreen zu lesen. «Die Märkte reagieren aufgeregt»!

Lass uns doch endlich die Wahrheit sagen: Diese Märkte sind nichts anderes als die versammelten Gambler im internationalen Finanzmarkt-Casino, die gerne aus Geld Geld machen möchten, ohne dass eine Wertschöpfung dahintersteht, ohne zusätzliche Arbeitsplätze, ohne irgend einen Nutzen für unsere Gesellschaft. Geld machen aus Geld, einfach mit der Ausnutzung von Währungsdifferenzen. Was keiner Volskwirtschaft etwas nützt, aber vielen gewaltig schadet.

Warum tun wir nichts, um diesen Devisenhandel endlich einzuschränken? Vierzig Jahre, nachdem sie vorgeschlagen wurde, hat die EU endlich die Einführung der Tobin Tax, der Finanztransaktionssteuer, vorgeschlagen. Merkel ist dafür, Monti ist dafür, Sarkozy ist dafür. Nur England ist dagegen. Die City Banker aus London lassen grüssen.

Barry Eichengreen sagt davon kein Wort. Für ihn sind «die Märkte» Individuen mit uneingeschränkter Freiheit. Und die NZZ am Sonntag verpasst auch diesmal die Gelegenheit, danach zu fragen.

Warum sagt die Schweiz nichts dazu. Seit 2008 haben wir mit unseren hochgelobten Banken vor allem «Lämpen» (für die Nicht-Schweizer: ärgerliche Probleme»), und sie nehmen nicht ab, sie eskalieren sogar. Aber den Devisenhandel einzuschränken, ihn wenigstens ansatzweise zu regulieren, indem er besteuert würde, diese Idee ist in der Schweiz noch immer tabu.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine

Zum Infosperber-Dossier:

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Noch mehr Geldspritzen und Schulden bringen die Wirtschaft nicht mehr zum Wachsen. Sie führen zum Kollaps.

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Eine Meinung zu

  • am 6.02.2012 um 10:43 Uhr
    Permalink

    "Warum sagt die Schweiz nichts dazu?» – Weil die Schweizer Bankenstaat AG es nicht will. Und wenn die AG das nicht will, macht die Schweizerische Eidegnossenschaft GmbH erst recht nichts. Die Medien illuminieren die AG (die kaum noch einer demokratischen Kontrolle untersteht) und machen sich über die schwache GmbH lustig.

    0

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