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Weitgereister Intellektueller, aber in der Schweiz begegnete Tony Judt dem Paradies. © MrWonkish/YouTube

Was Tony Judt zu Obama und Romney sagen würde

Jürg Lehmann /  Der unbequeme Historiker schrieb und diktierte todkrank zwei Bücher. Er kritisiert unter anderem die von Ängsten geprägten USA.

Tony Judt wuchs im Londoner Stadtteil Putney in bescheidenen Verhältnissen auf. Als aufgeklärter Jude wurde er erst zum feurigen Zionisten, arbeitete in einem Kibbuz und wurde dann doch zum vehementen Israel-Kritiker. Er war Marxist und distanzierte sich später entschieden davon. Er studierte am King’s College in Cambridge und ging nach Paris. Er lernte Tschechisch, um sich mit osteuropäischen Intellektuellen austauschen zu können. Tony Judt wurde zum Historiker Gesamteuropas und lehrte als Professor in Cambridge, Oxford und Berkeley. Schliesslich gründete und leitete er an der New York University das Remarque-Institut.

Diktate, weil das Schreiben nicht mehr ging

Zwei Jahre vor seinem Tod 2010 diagnostizierten die Ärzte bei Judt eine degenerative Nervenkrankeit, die Amyotrophe Lateralsklerose (ALS). Der Geist bleibt wach, aber die Muskeln verkümmern unerbittlich. Schreiben ist bald nicht mehr möglich. Es bleibt das Sprechen unter schwierigen Umständen. Die Gedanken müssen mühsam formuliert und schliesslich diktiert werden. Judt gelang es noch, in diesem bedauernswerten Zustand und mit tatkräftiger Hilfe von Freunden zwei Bücher zu verfassen.

»Thinking the Twentieth Century» (The Penguin Press, News York) erschien in diesem Jahr. Es ist ein intensiver Austausch mit dem Professorenkollegen Timothy Snyder und reflektiert in Rede und Widerrede eine Epoche von Zerstörung und Hoffnung verbunden mit dem Einstehen für die soziale Demokratie. Bemerkenswert sind Judts Gedanken zu den USA, dessen Bürger er wurde. Er sieht sich als «amerikanischen Moralisten», dem nie gleichgültig war, was sich dort abspielt und wohin sich das Land entwickelt.

Bösartigkeiten im US-Wahlkampf

Was hätte Judt jetzt, noch etwas mehr als drei Monate vor den Präsidentschaftswahlen m 6. November zu den zunehmend bösartigen Auseinandersetzungen zwischen Amtshinhaber Barack Obama und Herausforderer Mitt Romney gesagt? Wohl das, was das Buch ebenfalls zum Thema macht: In den USA regiert die Angst in der Politik.

Der amerikanische Nationalismus, analysiert Judt, war niemals abwesend. Amerikaner, auch gebildete, könnten heftig reagieren, wenn jemand ihre Flagge missachtet oder die Nationalhymne nicht mitsingt: «Solche Gefühle sind im heutigen Europa unbekannt.» Für einen Europäer, der zum ersten Mal in die USA komme, sei es extrem befremdlich, zu erfahren, wie tief die nationale Identifikation auch in den liberalsten Kreisen gehe.

Die amerikanische Angst hat viele Facetten

Die USA seien darum verletzlicher dafür, dass Ängste für politische Zwecke stärker ausgebeutet würden «als jede andere Demokratie, die ich kenne – vielleicht mit Ausnahme Israels». Tony Judt registriert die amerikanische Angst in verschiedenen Facetten:

• als Angst, die Grenzen der eigenen Gemeinschaft zu überschreiten;

• in der Angst liberaler Juden, als anti-israelisch oder antisemitisch zu gelten und darum kritische Äusserungen gegenüber Israel zu unterlassen;

• als allgemeine Angst, von andern als unamerikanisch beurteilt zu werden;

• als Angst, unpopulär zu sein in einem Land, in dem Popularität als Tugend den jungen Menschen schon in der Highschool eingepflanzt werde;

• als Angst, gegen die Mehrheit aufzustehen, weil die Neigung, sich bei der Mehrheit zu befinden, zur Identität des Landes gehöre.

Angstballung machte Bush erst möglich

Diese Angstballung habe es möglich gemacht, dass die Regierung von George W. Bush den Irak-Krieg losgetreten habe und trotzdem acht Jahre lang an der Macht geblieben sei: «Eine Regierung, deren Anziehungskraft auf demagogischer Ausbeutung von Macht beruhte.» Die USA hätten weder nach dem Irak-Krieg 2003 noch nach der Finanzkrise 2008 eine Katharsis durchgemacht. «Amerikaner sind verwirrt und wütend, dass so vieles schlecht ist, aber sie sind nicht in der Lage, etwas dagegen zu tun», analysiert Judt. Auch Barack Obama ist hier mitgemeint.

Judt war ein entschiedener Gegner des Irak-Kriegs und verachtete Intellektuelle, die es ihm nicht gleichtaten, sondern sich mit Bush arrangierten oder gar unterstützen. Der Intellektuelle hat für ihn in der Gesellschaft eine herausragende Rolle zu übernehmen, denn: «Intellektuelle mit Zugang zu den Medien und Job-Sicherheit an einer Universität tragen eine besondere Verantwortung in politisch unruhigen Zeiten.»

Ein Lob dem investigativen Journalismus

Es seien aber keine Intellektuellen gewesen, sondern investigative Journalisten wie Mark Danner oder Seymour Hersh, die hinter der glatten Oberfläche der politischen Entscheidungen und Statements den Dreck aufgewühlt hätten, sagt Judt: zum Beispiel über die angebliche Massenvernichtungswaffen im Irak von Saddam Hussein.

Judt bewundert Intellektuelle wie die Franzosen Albert Camus, Leon Blum oder Raymond Aron, die gegen den Strom der Zeit geschwommen sind. Oder auch den Polen Leszek Kolakowski, der in seinem Buch «Hauptströmungen des Marxismus» mit den ideologischen Realitäten des Kommunismus abrechnete und Freund von Judt wurde.

Er fand in Mürren sein Paradies

Und wo kam dieser unruhige Geist zur Ruhe? In der Schweiz. Das schildert er im Buch «The Memory Chalet» (Das Chalet der Erinnerungen, Hanser Verlag, 2012), in dem Judt auf berührende Weise über sein Aufwachsen und Erwachsenwerden berichtet. Schon als Kind reiste er mit den Eltern aus dem kriegszerstörten London in unser Land und staunte: «Der Krieg schien die Schweiz überhaupt nicht berührt zu haben.»

An Mürren im Berner Oberland hat Tony Judt «die schönsten Erinnerungen». Mit acht Jahren war er zum ersten Mal dort, danach immer wieder, auch mit seiner eigenen Familie. Das Schilthorn-Massiv, der majestätische Eiger, Zahnradbahn und Seilbahn. Ruhe, Stille – das Paradies. Am Ende sinniert er, der weitgereiste, weltgewandte, streitbare Intellektuelle wehmütig: «Dies ist der glücklichste Ort der Welt.»

Tony Judt starb am 6. August 2010 in New York. Er wurde 62 Jahre alt.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

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