Dionysos-Theater.

Das Dionysostheater in Athen nach Umbauten in römischer Zeit, wie es sich ein Zeichner 1891 vorstellte. © cc

Ukraine: Versöhnung nach dem Beispiel der griechischen Tragödie

Nicolai Petro /  Das Mitgefühl muss die Wut ersetzen. Eine Versöhnungskommission könnte wie anderswo die verfeindeten Gruppen befrieden.

upg. Kaum ein Nicht-Ukrainer kennt die Ukraine so gut wie Nicolai Petro, Professor an der US-University Rhode Island. Er kennt Russland und die Ukraine auch aus eigener Anschauung. Sein neustes Buch heisst «The Tragedy of Ukraine»*. Im Folgenden ein Essay, das er auf Englisch für De Gruyter verfasste.

Nicolai.Petro
Nicolai Petro

Im klassischen Athen hatte die «Tragödie» eine therapeutische und heilende Funktion. Sie ermöglichte es den Athenern, sich mit ihren tiefsten Ängsten und ihrem Hass auseinanderzusetzen und durch einen Prozess der Katharsis, der Sinnesänderung, zu überwinden. Eine Versöhnungskommission könnte die Funktion der antiken Tragödie übernehmen und die Entwicklung in der Ukraine beeinflussen.

Die Aufführung von Tragödien wurde im fünften Jahrhundert v. Chr. zu einem wesentlichen Bestandteil des athenischen öffentlichen Diskurses. Dank dieser Institution konnten sich die Bürgern mit den politischen und sozialen Krisen der Zeit auseinandersetzen. Tragödien bildeten das schlagende Herz der athenischen Demokratie, wo das öffentlich zur Schau gestellt wurde. Die Rückbesinnung auf die staatsbürgerliche Funktion der Tragödie könnte auch heute ein wertvolles Instrument sein, um soziale und politische Spaltungen zu überwinden.

Der britische Kulturtheoretiker Raymond Williams definierte die Tragödie ähnlich wie die antiken Athener. Die Tragödie soll sich sich auf die politischen und sozialen Folgen von tragischen Handlungen konzentrieren. Nach Williams «liegt die Tragödie nicht im individuellen Schicksal…, sondern im allgemeinen Zustand eines Volkes, das sich selbst reduziert oder zerstört, weil es sich seines wahren Zustands nicht bewusst ist».

Beim «Zustand» geht es um unser gemeinsames Versagen als Menschen. Der Politikwissenschaftler Hans J. Morgenthau bezeichnete das Versagen als «Schwäche der menschlichen Vernunft, getragen von den Wellen der Leidenschaft. Diese Schwäche betrifft alle Menschen, Griechen und Perser, Amerikaner und Russen.» Wir sind allzu oft besessen von Gerechtigkeit, die oft mit Rache verwechselt wird. Der verständliche Wunsch nach Vergeltung macht uns blind für das Mitgefühl, das notwendig ist, um die Gesellschaft zu verbinden und ihre Wunden zu heilen.

Im Fall der Ukraine hat eine jahrzehntelange nationalistische Politik die Ost- und Westukrainer in Fragen der Sprache, der Religion und der kulturellen Zugehörigkeit gespalten und dabei die Bande der bürgerlichen Identität zerstört. Die destruktiven Erzählungen der beiden Seiten über die jeweils Andere heizte eine tragische Spirale an. Das förderte Konflikte im Namen der Gerechtigkeit.  

Indem beide Seiten darauf beharrten, dass vor jedem Gespräch die Ungerechtigkeiten der Vergangenheit korrigiert werden müssten, trugen beide Seiten unwissentlich dazu bei, dass ihre gegenseitige Tragödie fortbesteht.

Für die alten Griechen kommt es zu einer Tragödie, wenn der Einzelne nicht erkennen kann, wie sehr sein eigenes Handeln zur gegenwärtigen Lage beitrug. Sie sahen die Lösung darin, den Zusammenhang zwischen Handeln und Katastrophe ins Zentrum zu stellen und die Hybris zu entlarven, die Menschen (und Nationen) daran hindert, die wahre Bedeutung von Gerechtigkeit – nämlich Barmherzigkeit – zu begreifen.

Sie versuchten, dies erlebbar zu machen, indem sie auf der Bühne die Schrecken nachstellten, die aus dem unnachgiebigen Streben nach Rache resultieren. Die griechischen Dramatiker hofften so, das Publikum zur Katharsis zu führen, einer Reinigung von Emotionen, die so stark ist, dass sie Raum für Gefühle wie Mitleid und Mitgefühl schafft und anstelle der Wut treten. 

Aristoteles glaubte, dass die Katharsis die Gesellschaft von der endlosen Wiederholung eines tragischen Drehbuchs befreien kann, indem sie den Zuschauern vor Augen führt, wie ihr fehlendes Mitgefühl sie ins Verderben führte.

Bei den öffentlichen Aufführungen an den jährlichen Bürgerfesten, den Dionysien, sollten die Tragödien den Bürgern die verheerenden Folgen von Entscheidungen der Politik vor Augen führen.

Man kann sich die klassische griechische Tragödie als eine Reihe von Dialogen vorstellen, welche die Bürger mit ihren eigenen tragischen Fehlern konfrontierten. Erst wenn die Bürger zu begreifen beginnen, wie ihre eigenen Handlungen den Hass der anderen schüren, können sie einen anderen Weg einschlagen.

Versöhnungskommissionen als moderne Form von Tragödien

Die athenische Polis war klein genug war, um fast jedes erwachsene Mitglied der Gesellschaft in diese bürgerlichen Rituale einzubeziehen. In der modernen Gesellschaft scheint es keinen Mechanismus zu geben, der dieselbe Funktion erfüllen kann. Doch ein vergleichbares Verfahren gibt es seit mehr als vierzig Jahren und wurde in über 50 Ländern eingeführt: Wahrheits- und Versöhnungskommissionen. 

Wie die Dionysien der Antike versuchen solche Kommissionen, tiefe soziale Traumata zu heilen und soziale Versöhnung herbeizuführen. In meinem Buch* untersuche ich, wie solche Kommissionen Südafrika, Guatemala und Spanien veränderten. Jedes dieser Beispiele hat der ukrainischen Gesellschaft etwas zu bieten.

  • In Südafrika spielten die anglikanische Kirche und insbesondere Erzbischof Desmond Tutu eine Schlüsselrolle, damit es statt zu gewaltsamer Vergeltung zu Vergebung und Heilung kam.  
  • In Guatemala trug die Kommission (vor Ort als Historische Aufklärungskommission bekannt) dazu bei, trotz des Widerwillens der Militärregierung eine nationale Diskussion über die umstrittene Völkermordgeschichte des Landes zu fördern. 
  • In Spanien vereinbarte ein Pakt zwischen den politischen Parteien des Landes, die Vergangenheit buchstäblich zu vergessen (Pacto de Olvido). Das gab neuen demokratischen Institutionen Zeit, sich zu entwickeln. Diese brachten schliesslich eine Zivilgesellschaft hervor, die in der Lage ist, die Vergangenheit in einem neuen und konstruktiven sozialen Kontext aufzuarbeiten.

In vielen Ländern waren Wahrheits- und Versöhnungskommissionen in der Lage, als Therapie ergreifende emotionale Zeugnisse aller Seiten zusammenzutragen, öffentlich zu präsentieren und die Öffentlichkeit so zu einer Katharsis zu führen – einer Läuterung des gegenseitigen Hasses, die eine Heilung der Gesellschaft ermöglicht. Dem einst feindlichen Anderen wurde seine Menschlichkeit zurückgegeben. 

Die Ukraine ist durch jahrzehntelange interne Zwietracht zerrissen. Durch Interventionen von aussen wurde diese Zwietracht noch verschlimmert. Eine Wahrheits- und Versöhnungskommission, die den Ängsten und dem Leid aller Seiten eine Stimme gibt, und die darauf abzielt, ein von allen geteiltesbürgerliches Konzept der ukrainischen Identität zu schmieden, das niemanden ausschliesst, könnte einen wertvollen Beitrag zu einem dauerhaften Frieden leisten.

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Übersetzung: Infosperber

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Cover Nicolai Petro

* Petro, Nicolai N. «The Tragedy of Ukraine: What Classical Greek Tragedy Can Teach Us About Conflict Resolution», Berlin, Boston: De Gruyter, 2022. 99.95 Euro.
Aus dem Verlagstext: «The conflict in Ukraine has deep domestic roots. A third of the population, primarily in the East and South, regards its own Russian cultural identity as entirely compatible with a Ukrainian civic identity. The state’s reluctance to recognize this ethnos as a legitimate part of the modern Ukrainian nation, has created a tragic cycle that entangles Ukrainian politics. The Tragedy of Ukraine argues that in order to untangle the conflict within the Ukraine, it must be addressed on an emotional, as well as institutional level.»


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

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7 Meinungen

  • am 21.02.2023 um 11:28 Uhr
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    In Südafrika konnte die Versöhnung beginnen, als die Apartheid im Alltag nicht mehr praktiziert wurde. In Spanien konnte sie beginnen, als die Militärjunta nicht mehr an der Macht war.
    In der Ukraine kann sie beginnen, wenn die russischen Truppen ihren Angriff beenden und auf eigenes Territorium zurückkehren.

  • am 21.02.2023 um 11:50 Uhr
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    Großartig!

    Ein Politologe, der die menschliche Seite zum Ausdruck bringt. Der die so wesentlichen Begriffe ‹Mitgefühl›, ‹Heilung›, ‹Versöhnung›, gar ‹Vergebung› in die festgefahrene Situation einbringt, wo eine veröffentlichte Meinung sonst kaum das Wort ‹Verhandlung› zulassen will und ‹Rache› immer noch ganz offen eine Grundlage politischen Handelns sein darf.

    Ja – nur auf diesem Wege kann wohl wirklicher, belastbarer Frieden, gedeihliches, verbindenden Zusammenleben möglich werden. Dem Hass keinen Raum mehr geben, dem «Feind» seine Menschlichkeit zurückgeben. Schwer vorstellbar in dieser Situation, aber zweifellos notwendig.

    Was Herr Petro nicht vergisst: «Durch Interventionen von aussen wurde diese Zwietracht noch verschlimmert.» Diese Interventionen, welche auch heute noch ganz offensichtlich nicht die Versöhnung zum Ziel haben sondern die Spaltung, ebenso die Gewalt, müssen zweifellos beendet werden, wenn der Weg des Vergebens und der Versöhnung eine Chance bekommen soll.

  • am 21.02.2023 um 19:59 Uhr
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    Ohne Mitgefühl und Verständnis für andere Menschen, andere Kulturen und andere Staaten, kann es kein Frieden geben auf Erden.
    Wer zB. versucht, sich auf das Geschehene im 20. und 21. Jahrhundert emphatisch aus der Sicht Russlands einzulassen (1. und 2. Weltkrieg, die (friedliche) Auflösung der Sowjetunion und des Warschau Paktes, die Ausdehnung der Nato trotz gegenteiligen Zusagen, die Kündigung von Rüstungsbeschränkungsverträgen durch die USA, die Einmischung der USA in der gespaltenen Ukraine, das ignorieren von Vorschlägen Russlands zur Beilegung des Konfliktes durch die USA und Nato usw.)kann verstehen (nicht billigen!) was Russland getan hat und realistische Lösungsvorschläge Formulieren!

  • am 22.02.2023 um 07:06 Uhr
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    Man sollte aufhören zu träumen. Eine Versöhnung, zwischen den Nationalistischen Ukrainern aus der Westukraine und den Russischen Ukrainern im Rest des Landes, im Sinne von im gleichen Staat leben wird es nicht geben, dafür ist zu viel Blut geflossen. Gerne erwähnt man hier den Kosovo als Präzedenzfall – im Falle Ukraine ist das noch viel deutlicher. Zudem ist eine Versöhnung auch nicht mit den Zielen der NATO vereinbar, welche die ganze Ukraine unter ihrer Kontrolle beansprucht. Das ist weder für die in der Ukraine lebenden Russen noch für Russland selbst akzeptabel, und darum sind wir in der Lage, in der wir nun sind. Hier kommt nur die Trennung in Frage – das war in anderen Streitfällen auch nicht anders.
    Wenn es für die Ukraine okay war (formal-rechtlich inkorrekt) aus der Sowjetunion auszutreten, weil sie deren Politik und Einfluss nicht wollte, ist es auch okay für einen Teil der Ukraine nicht zur Ukraine gehören zu wollen, weil sie deren Politik und Einfluss nicht will.

  • am 22.02.2023 um 10:02 Uhr
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    Die (angebliche) Spaltung hat die Ukraine bereits überwunden. ‹Dank› der russischen Agression steht das Land vereint wie nie zuvor. Jetzt geht es darum, die russische Agression zu beenden und die Russen dazu zu bewegen, das Land wieder zu verlassen, wozu sie aber bisher keine Bereitschaft zeigen. Im Gegenteil, es werden ständig mehr Leute und mehr Waffen in die Schlacht geworfen und Angriffe auf zivile Infrastrukturen erfolgen auch weitab von der Front mit dem offensichtlichen Ziel, das Land zu zerstören, zu demoralisieren und zur Kapitulation zur zwingen. Zu diesem vordringlichen Problem enthält der Artikel leider keine Lösungsansätze.

  • am 23.02.2023 um 01:19 Uhr
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    Einen durch Russland gesteuerten Konfikt zwischen Ost- und Westukrainern als nationalistischen Akt herzuleiten, unter dem Aspekt, dass im Donbass 2014 die Unruhestifter aus Russland kamen, ist schon kreativ.

    Die Glasjew Telefonate lassen solche Auslegungen kaum zu:

    „ Im Februar 2014 erteilte Glasjew verschiedenen pro-russischen Parteien in der Ukraine direkte Anweisungen, Unruhen in Donezk, Charkiw, Saporischschja und Odessa anzuzetteln. Er sagte verschiedenen pro-russischen bzw. von Russland kontrollierten Akteuren, sie sollten lokale Verwaltungsbüros einnehmen, was sie danach tun und wie sie ihre Forderungen formulieren sollten, und versprach Unterstützung aus Russland, einschließlich „Senden unserer Jungs“.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Krieg_im_Donbas?wprov=sfti1

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