Noam_Chomsky_2011

Noam Chomsky anlässlich einer Rede an der Universität von Toronto im Jahr 2011. © Andrew Rusk (Wikimedia Commons)

«Statt zu terrorisieren ein humanitäres Programm starten»

Redaktion /  Noam Chomsky: Ziehen die USA aus ihrer teuren, mörderischen, aber erfolglosen Aussenpolitik jetzt die Konsequenzen? (Folge 2)

(Red.) Noam Chomsky ist emeritierter Professor an der weltberühmten US-University MIT, ist Autor zahlreicher Bücher über die Politik, speziell auch über die Aussenpolitik der USA. Er ist einer der wenigen prominenten Publizisten, die sich weigern, sich dem US-amerikanischen Mainstream-Denken – die Welt soll so leben, wie es die USA vorgeben – zu unterwerfen. In einem ersten Teil anwortete Chomsky im linken US-amerikanischen «Jacobin Magazine» auf Fragen zu Afghanistan. In diesem zweiten Teil zeigt Chomsky auf, dass die USA stets im Krieg waren und erörtert die Rolle der Antikriegsbewegung. (cm)


Jacobin: Wir fragen uns, ob es humanitäre Projekte gibt, die Ihrer Meinung nach von Progressiven unterstützt werden sollten – abgesehen von der Beendigung der Sanktionen gegen verschiedene Länder und der Aufnahme weiterer Flüchtlinge –, Projekte, die nicht in die Falle der Fortsetzung der Interventionen tappen.

Noam Chomsky: Nehmen Sie George W. Bush, der für die Invasion Afghanistans und die spätere Invasion des Irak verantwortlich war – Millionen von Menschen wurden getötet, Länder zerstört, die ganze Region durch ethnische Konflikte verwüstet, die es vorher nicht gab.

Wir könnten jetzt ein humanitäres Programm starten, indem wir zum Beispiel Impfstoffe für Lateinamerika, die Karibik, Afrika und Asien zur Verfügung stellen. Auch Bush hat einige gute Dinge getan. Seine Gesundheitsprogramme in Afrika zum Beispiel waren sehr hilfreich. Das war eine humanitäre Intervention. Biden hat zumindest einige kleine Schritte in diese Richtung unternommen. Aber nicht die grossen Schritte, die von der «People’s Vaccinemovement» gefordert werden, wie die Ausserkraftsetzung der Patente von den exorbitanten geistigen Eigentumsrechten. Diese Rechte patentieren nicht nur das Produkt, sondern auch das Verfahren. Das ist etwas Neues, das von Bill Clinton und anderen neoliberalen Fanatikern in der Welthandelsorganisation eingeführt wurde. Es ist eine radikale Verletzung des Freihandels, wie es sie in der Vergangenheit nie gegeben hat. Und das alles im Dienste von mehr Profit für die Pharmaunternehmen. Nun, wir können das abschaffen und anderen Ländern erlauben, die Impfstoffe herzustellen, die ohnehin grösstenteils (an den Universitäten, Red.) mit öffentlichen Geldern entwickelt wurden.

Wirtschaftsblockade gegen Kuba als Bestrafung für Ungehorsam

Doch kommen wir zu Kuba: eine der schlimmsten Gräueltaten der Neuzeit. Die ganze Welt – im wahrsten Sinne des Wortes – ist entschieden gegen das, was wir tun. Die letzte Abstimmung bei den Vereinten Nationen fiel mit 184 zu 2 Stimmen zugunsten der Beendigung der Wirtschaftsblockade der Vereinigten Staaten gegen Kuba aus. Israel war das einzige Land, das mit den Vereinigten Staaten stimmte, weil es ein US-Vasallenstaat ist. Niemand sonst tat dies. Wurde darüber überhaupt berichtet?

Bei der Blockade geht es darum, Kuba dafür zu bestrafen, dass es sich uns widersetzt hat – was das Aussenministerium in den 60er-Jahren als «erfolgreiche Missachtung» bezeichnete. Die Vereinigten Staaten lassen niemanden damit durchkommen, also erfinden sie alle möglichen Geschichten über Menschenrechte. Es gibt tatsächlich Menschenrechtsverletzungen in Kuba – in der Tat einige der schlimmsten in unserer Hemisphäre. Sie finden in der südöstlichen Ecke Kubas statt, an einem Ort namens Guantanamo Bay, den die Vereinigten Staaten mit vorgehaltener Waffe eingenommen haben und sich weigern, ihn an Kuba zurückzugeben. Was in Guantanamo geschieht, sind vielleicht die schlimmsten Menschenrechtsverletzungen in der ganzen Hemisphäre.

Wir sollten aufhören, die Menschenrechte an einem Ort zu verletzen, den wir Kuba mit vorgehaltener Waffe entrissen haben und nach wie vor besetzt halten, weil dort ein wichtiger Hafen liegt. Auch das wäre eine humanitäre Intervention.

Sie können sich in der Welt umsehen und unendlich viele solche Dinge finden. Aber eine wirkliche humanitäre Intervention? Die gibt es kaum.

Es ist sehr schwer, einen echten Fall von humanitärer Intervention zu finden. Natürlich wird jede Aktion einer Grossmacht als «humanitär» bezeichnet. Das ist universell. Als Adolf Hitler in Polen einmarschierte, geschah das, um die Menschen vor dem wilden Terror der Polen zu schützen. Wenn wir Aufzeichnungen des Hunnen Attila hätten, wäre er wahrscheinlich auch «humanitär» gewesen.

Jacobin: Sie erwähnen George W. Bush. Er ist in den Augen des liberalen Establishments rehabilitiert worden. Bush war anfangs das personifizierte Böse, das uns in zwei Kriege stürzte, die wir nicht hätten beginnen dürfen. Dann wurde er zu einer Art stümperhaftem Trottel, der Dick Cheney, dem wahren Drahtzieher hinter den Kulissen, in die Quere kam. Jetzt ist Bush eine Art liebenswerte Figur geworden – ein volkstümlicher Maler, der mit Michelle Obama befreundet ist.

Wir haben in den Medien gesehen, wie Biden den Abzug aus Afghanistan verpfuscht hat. Sie sagen, dass er sich davon nicht mehr erholen kann. Das könnte die Chancen der Demokraten bei späteren Wahlen zunichte machen. Aber Bush ist, wie es scheint, von jeglicher Schuld für seine Rolle als Kriegsverbrecher verschont geblieben. Können Sie darüber sprechen, wie und warum die Medien ihre eigene Rolle in der jüngsten Geschichte weisszuwaschen versuchen?

Die Medien umgehen die Namen der Kriegsverbrecher

Noam Chomsky: Was ist mit Henry Kissinger? Er wird geehrt, obwohl er einer der schlimmsten Kriegsverbrecher der modernen Geschichte ist. Im Jahr 1970 folgte Kissinger loyal seinem Herrn Richard Nixon und übermittelte Befehle, die meines Erachtens in der Geschichte so vorher nie aufgetaucht sind. Die Befehle an die amerikanische Luftwaffe lauteten: «Massive Bombenkampagne in Kambodscha. Alles, was fliegt, gegen alles, was sich bewegt.»

Schauen Sie, ob Sie in den historischen Aufzeichnungen eine Entsprechung dazu finden – bei den Nazis, bei irgendjemandem. Und es waren nicht nur Worte. Es führte zu einer entsetzlichen, grausamen Bombenkampagne. Oder gehen Sie nach Indien. Henry Kissinger unterstützte die pakistanische Zerstörung von Ostbengalen. Eine gigantische Anzahl von Menschen wurde getötet, vielleicht eine Million oder sogar mehr. Und Kissinger drohte Indien mit Bestrafung, falls es wagen sollte, das Gemetzel zu stoppen. Was waren die Gründe dafür? Kissinger hatte einen Fototermin mit Mao Zedong in China geplant. Sie wollten sich treffen, die Hände schütteln und die Entspannung verkünden. Doch um dorthin zu gelangen, musste Kissinger Pakistan durchqueren. Und dieses ganze Gemetzel hat seinen Fototermin unterminiert.

Und was ist mit Chile? Kissinger war der Mann, der sich für den Sturz der Regierung von Salvador Allende stark machte. Dabei ging er zweigleisig vor: Ein Weg war reine Gewalt – ein Militärputsch. Dann gab es eine sanfte Schiene: «Lasst die Wirtschaft aufschreien!» – es den Menschen wirtschaftlich unmöglich machen, zu leben. Nun, die USA bekamen schliesslich, was sie wollten, und errichteten 1973 eine brutale Diktatur. Der militärisch inszenierte Putsch fand übrigens ebenfalls an einem 11. September statt, er war also das erste Ereignis «9/11». Was im Jahr 2001 geschah, war das zweite «9/11» – wobei das erste 9/11 in Chile in jeder Hinsicht viel schlimmer war. Umgerechnet auf die Pro-Kopf-Belastung wäre es so, als wären bei unserem 11. September im Jahr 2001 30’000 Menschen auf der Stelle getötet und weitere 500’000 gefoltert worden. Eine Regierung wurde gestürzt, eine brutale Diktatur wurde errichtet, und Terror, Folter und Schrecken waren an der Tagesordnung. Und die USA feierten. Sie unterstützten die neue Diktatur mit Geldern. Verschiedene internationale Organisationen, die Allende Gelder vorenthalten hatten, taten dies nun ebenfalls. Die Neoliberalen, die in den letzten vierzig Jahren die Welt regiert haben, waren begeistert. Sie zogen in Chile ein, um die neue Regierung zu beraten. Selbst Friedrich Hayek, der moralische Führer des Neoliberalismus (und 1974 mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet, Red.) kam 1981 zu Besuch und sagte, er sei von der Freiheit unter Augusto Pinochet beeindruckt und könne keinen einzigen Menschen in Chile finden, der nicht der Meinung sei, dass es unter der Pinochet-Diktatur mehr Freiheit gebe als unter Allende. Offensichtlich konnte er die Schmerzensschreie aus der Via Grimaldi und anderen Folterkammern nicht hören. (Hayek besuchte Chile 1977 und 1981 und traf den Diktator General Augusto Pinochet persönlich. In einem Interview in der Zeitung «El Mercurio» vom 4.4.1981 verteidigte der Nobelpreisträger das System der Diktatur ausdrücklich, wenn sie zur Einführung einer «liberalen» Wirtschaftsordnung notwendig sei. Anm. der Red.) – Das war die Reaktion auf den ersten 9/11.

Ich bin sicher, dass es Dschihadisten gibt, die den zweiten 11/9, jenen im Jahr 2001, gefeiert haben. Wir halten sie deshalb für schrecklich. Aber wir selbst sind noch viel schlimmer. Hat irgendjemand am Jahrestag von 9/11 über 9/11 im Jahr 1973 gesprochen? Der erste 11/9 war viel schlimmer als das, was im September 2001 geschah.

Die «ewigen Kriege» begannen 1783

Wenn Sie wissen wollen, was wir tun können, können wir damit beginnen, uns selbst zu erziehen und zu bilden. Nehmen Sie nur diesen Begriff der «ewigen Kriege», der immer wieder ins Gespräch gebracht wird. Biden hat die ewigen Kriege beendet. Wann haben die ewigen Kriege begonnen? 1783. Damals zogen sich die Briten zurück. Sie hatten die Siedler daran gehindert, in das so genannte «Indianerland» einzudringen: die Indianervölker westlich der Appalachen. Die Briten hatten diese Expansion blockiert, und das wollten die Einwanderer nicht hinnehmen – schon gar nicht Leute wie George Washington, der ein grosser Grundstücksspekulant war und die Indianer, die er zum Verschwinden bringen wollte, sogar unbedingt ausrotten wollte. Unverzüglich begannen die Einwanderer mörderische, brutale Kriege gegen die Indianer. Ausrottung, Vertreibung, Bruch von Verträgen – ich meine, alles, was man sich an Grausamkeiten vorstellen kann. Und die Siedler wussten, was sie taten.

Die führende Figur –der intellektuelle Architekt –der Ideologie des «Manifest Destiny» (der Verpflichtung, die kulturellen Werte der USA zu verbreiten, Red.), US-Präsident John Quincy Adams, beklagte in seinen späteren Jahren das Schicksal der «unglücklichen Rasse […] die wir mit solch gnadenloser und perfider Grausamkeit ausrotten». Das war lange nach seinen eigenen wichtigen Beiträgen zu diesem Prozess. Und das war noch vor dem Schlimmsten, was passiert ist. Die Verbrechen gingen weiter bis nach Kalifornien, wo sie wirklich einem Genozid gleichkamen. Es gibt eine berühmte diplomatische Geschichte der Vereinigten Staaten von Thomas Bailey, der sich mit diesem Thema befasst. Er sagt, es war defensiv. Er sagt, dass sich die Kolonisten, nachdem sie ihre Freiheit erlangt hatten, der Aufgabe zuwandten, «Bäume und Indianer zu fällen» und ihr Territorium zu erweitern. Dabei nahmen sie halb Mexiko in Besitz und beraubten die Ureinwohner Hawaiis.

Die Vereinigten Staaten waren seit ihrer Gründung praktisch jedes Jahr im Krieg. Und immer gab es Opfer. Warum fragen sie diese nicht nach den Kosten? Niemand wird das tun, glaube ich. Wir scheinen uns nur für die ewigen Kriege zu interessieren, die uns zu viel kosten.

In einer der letzten Ausgaben von «Foreign Affairs» gibt es einen guten Artikel. Darin werden die sehr hohen Kosten des Afghanistan-Krieges für die Vereinigten Staaten erörtert. Es wurden Billionen von Dollar ausgegeben. Aber was ist mit den Menschen, die wir seit 250 Jahren, seit der Gründung des Landes, ausrotten, angreifen und zerstören?

In der «New York Times» hat ein netter Mensch, Samuel Moyn, einen Artikel darüber veröffentlicht, wie die USA zu mehr humanitären Kriegen übergehen. Er sagt, sie sind immer noch schrecklich, aber sie sind humaner als früher. Und er gibt ein Beispiel: George W. Bushs Invasion in Kuwait. Er sagt, sie sei deutlich menschenfreundlicher gewesen als frühere Kriege.

War sie das? Als sich die irakischen Wehrpflichtigen aus Kuwait zurückzogen, setzte die amerikanische Armee Bulldozer ein, um sie in Gräben zu schaufeln und zu ersticken, damit sie sich nicht bewegen konnten. Die Luftwaffe zerstörte die unverteidigte Infrastruktur im gesamten Irak vollständig. Im Übrigen war dies ein Krieg, der nie hätte geführt werden müssen. Es gab genügend Möglichkeiten für eine diplomatische Lösung. Aber die Presse hat sich geweigert, darüber zu berichten, und die US-Regierung hat alles einfach nur von der Hand gewiesen.

Der Krieg hätte vermieden werden können. Tatsächlich unterschied sich die irakische Invasion in Kuwait nicht allzu sehr von der US-Invasion in Panama ein paar Monate zuvor. Das ist aus der Geschichte verschwunden.

Haben Sie gesehen, dass in der «New York Times» darüber geschrieben wurde? Nein. Die Leute, die es erwähnten, wurden einfach lächerlich gemacht und als unpatriotisch denunziert. Es hat sich nichts geändert. Dieselben Institutionen, dieselben Doktrinen, dieselben Überzeugungen.

In der Bevölkerung regt sich Widerstand

Natürlich ist die Welt heute etwas anders. Ein Unterschied ist die Bevölkerung. Dass die Kriege heute humanitärer sind, verdanken wir Leuten wie Ihnen (also den Journalisten von Jacobin, Red.). Und das Umdenken kommt von den Menschen vor Ort. Das Land ist durch den Aktivismus der 1960er-Jahre zivilisierter geworden. Dafür gibt es viele Beweise, auch wenn sie nicht diskutiert werden. Es ist eben nicht die richtige Geschichte.

Nehmen Sie die kriegerischen Auseinandersetzungen in Mittelamerika. Schreckliche Gräueltaten. Hunderttausende von Menschen wurden getötet. Es wurde gefoltert, massakriert – alles, was man sich vorstellen kann. Aber es gab Dinge, die die Vereinigten Staaten nicht mehr tun konnten. Sie konnten nicht mehr tun, was John F. Kennedy zwanzig Jahre zuvor in Südvietnam noch tun konnte. Sie haben es versucht, aber sie konnten es nicht tun. In diesem Fall gab es einfach zu viel Widerstand. Als Ronald Reagan sein Amt antrat, versuchte er, das zu wiederholen, was Kennedy zwanzig Jahre zuvor getan hatte. Es gab sofort heftige Reaktionen in der Bevölkerung. Sie hat das nicht mehr akzeptiert. Was in Mittelamerika geschah, war etwas völlig Neues in der gesamten Geschichte des Imperialismus. Es war das erste Mal, dass die Menschen im Land des Aggressors nicht nur protestierten, sondern zu den Opfern gingen. Ich habe kirchliche Organisationen aus den USA in Mittelamerika besucht, in denen die Menschen mehr über Mittelamerika wussten als die Akademiker, eben weil sie dort arbeiteten.

Das ist vorher nie passiert. Niemand aus Frankreich ist in ein algerisches Dorf gegangen, um dort zu leben. Niemand aus den Vereinigten Staaten ging in ein vietnamesisches Dorf. So etwas gab es noch nie. Aber diese neue Aktivität veränderte den Spielraum dessen, was die US-Regierung tun kann. Artikel von Akademikern in politischen Fachzeitschriften reichten nicht aus; es waren Aktivisten vor Ort, die etwas erreichten. Auch jetzt können Aktivisten etwas bewirken. Das ist es, was die Welt verändert.

Die Antikriegsbewegung – einfach gescheitert?

Jacobin: Sie sind seit Vietnam in der Antikriegsbewegung aktiv. Wenn ich an die Antikriegsbewegung zurückdenke, die nach Afghanistan und vor allem im Vorfeld des Irakkriegs entstanden ist, hat sie keinen der beiden Kriege gestoppt oder auch nur verlangsamt. Aber gibt es trotzdem etwas, das wir von der Antikriegsbewegung dieser Zeit mitnehmen können?

Noam Chomsky: Das Erste, was die Anhänger der Antikriegsbewegung lernen sollten, ist, wie effektiv die Bewegung war. Die gängige Meinung ist, die Antikriegsbewegung sei gescheitert. Das ist nicht richtig. Wir Mitglieder der Antikriegsbewegung haben vor kurzem aus hochrangigen deutschen Quellen erfahren, dass die Bush-Regierung den Einsatz von Atomwaffen in Afghanistan plante. Aber das konnte sie nicht tun, weil die US-Bevölkerung das nicht toleriert hätte.

Der Irakkrieg hatte auch etwas Neues in der Geschichte des Imperialismus. Es gab massive Proteste, an denen auch Sie (gemeint sind die Leute von Jacobin, Red.) sich beteiligt haben, bevor der Krieg offiziell begonnen wurde. Tatsächlich lief der Krieg schon lange – seit Bill Clinton 1998 den Irak bombardierte –, aber offiziell wurde er im März 2003 begonnen.

Am Tag zuvor forderten meine Studenten am Massachusetts Institute of Technology MIT, den Unterricht ausfallen zu lassen, damit wir alle an den Massendemonstrationen teilnehmen konnten, bevor der Krieg offiziell erklärt wurde. So etwas hat es in der Geschichte des Imperialismus noch nie gegeben.

Was im Irak geschah, war zwar schlimm genug, aber es hätte noch viel schlimmer kommen können. Wir wissen nicht, was passiert wäre, wenn Rumsfeld, Cheney und Konsorten entfesselt worden wären. Aber sie wurden durch die öffentliche Opposition vor Ort gebremst. Das ist immer wieder passiert. Es wird nicht darüber geschrieben, es ist die falsche Geschichte. Aber es ist eine Geschichte, die wir anerkennen sollten.

Ich glaube also nicht, dass die Antikriegsbewegung ineffektiv war. Ich denke, sie war sehr effektiv. Sie ist ein echter Faktor, der zu dem sehr begrenzten Rückgang von Gewalt, Terror und Zerstörung geführt hat, den wir sehen. Die Lehre daraus ist: Wir müssen hartnäckig bleiben!

Nehmen wir die sehr ernste Bedrohung durch Atomwaffen, die unter Donald Trump erheblich zugenommen hat. Bislang verfolgt Biden dieselbe Politik. Nun, schauen wir zurück. In den frühen 1980er-Jahren gab es grosse öffentliche Demonstrationen, die die Aufstellung von Kurzstreckenraketen in Westdeutschland verurteilten. Diese Raketen konnten Moskau innerhalb von zehn Minuten erreichen. In Europa gab es ähnliche Proteste dagegen, die ebenfalls enorm waren. Das hatte Wirkung. Es führte dazu, dass Reagan das Angebot von Michail Gorbatschow annahm, einen Vertrag über nukleare Mittelstreckenwaffen zu schliessen. Das war ein enormer Schritt in Richtung Frieden. Er reduzierte die Bedrohungen erheblich, die leicht zu einem Atomkrieg hätten führen können.

Im Rahmen seiner allgemeinen Zerstörungswut, die alles zerstört, was einen Wert hat, hat Trump den Vertrag demontiert. Unmittelbar danach, am Jahrestag der Hiroshima-Bombe, liess er Raketen starten, die gegen den Vertrag verstossen.

Die Demonstrationen in den frühen 80er-Jahren haben dem eine Art Grenze gesetzt. Auch das ist eine Lektion. Sie können jetzt stattfinden und dazu beitragen, den Wettlauf in die Katastrophe zu stoppen, der im Gange ist.

Dasselbe gilt für die Klimazerstörung. Der Druck der Bevölkerung – vor allem der jungen Leute – hat Biden dazu veranlasst, offiziell Programme zu unterstützen, die nicht allzu schlecht sind. Sie sind letztlich unzureichend, aber dennoch viel besser als alles, was vorher da war.

Am 9. August veröffentlichte der Zwischenstaatliche Ausschuss für Klimaänderungen seinen neuesten Bericht. Er ist sehr düster und wurde (in den USA) nicht annähernd angemessen behandelt. Das war an einem Montag. Was geschah am Mittwoch? Am Mittwoch appellierte Biden an die OPEC – das Ölkartell –, die Produktion zu erhöhen, weil er möchte, dass die Benzinpreise in den Vereinigten Staaten sinken, um seine Wahlchancen zu verbessern.

Das ist der Grund, warum Aktivismus vor Ort einen Unterschied macht. Aktivisten der Sunrise-Bewegung haben das Büro von Nancy Pelosi übernommen. Sie bekamen Unterstützung von Alexandria Ocasio-Cortez, sodass sie nicht einfach rausgeworfen wurden. Das führte zu einer tatsächlichen Resolution im Kongress. Sie liegt jetzt vor. Ocasio-Cortez und Ed Markey haben eine Resolution verfasst, die ein sehr vernünftiges Programm enthält, das der ernsthaften Bedrohung durch die Umweltzerstörung wirksam begegnen würde. Es ist eine Resolution, aber man muss über eine Resolution hinaus zu einer Gesetzgebung kommen. Das wird eine Menge Arbeit erfordern.

Die Republikaner werden natürlich zu 100 Prozent dagegen sein. Ihr Engagement besteht derzeit darin, sklavisch dem Unternehmenssektor zu dienen und Trumps Stiefel zu lecken, damit die von ihm organisierten Massen nicht auf sie losgehen. Das ist die Republikanische Partei. Es spielt keine Rolle, was mit dem Land oder der Welt passiert. Sie sind zu 100 Prozent dagegen, und es kann keine Abweichung geben. Dann gibt es ein paar Demokraten, die alles blockieren können. Wir wissen, wer sie sind. Aber eben, das bedeutet Arbeit.

Jacobin: Was ist linke Aussenpolitik? Wie setzen wir uns für eine linke Aussenpolitik ein? Wie behalten wir einen klaren Kopf, wenn wir von schlechten Akteuren mit rosigen Versprechungen überschüttet werden?

Noam Chomsky: Nun, man veröffentlicht Artikel in der Zeitschrift Jacobin, und man organisiert Leute, die nach dem, was sie erfahren, handeln. Es gibt keine Geheimnisse. Wir wissen, wie man es macht. Es ist immer wieder gemacht worden. Jede Volksbewegung, jede grosse Sache, die im Laufe der Jahrhunderte Erfolg hatte, wurde von Menschen getragen, die an der Basis arbeiten.

Nehmen wir zum Beispiel die Bürgerrechtsbewegung. Wenn man die Bürgerrechtsbewegung erwähnt, fällt einem sofort der Name Martin Luther King ein, der eine grosse Persönlichkeit war. Er hat es verdient. Aber ich bin sicher, er wäre der Erste gewesen, der gesagt hätte, dass er auf einer Welle ritt, die von Menschen ausgelöst wurde, deren Namen niemand kennt – Aktivisten, die in Alabama in Freiheitsbussen fuhren, ein schwarzer Farmer, der den Mut hatte, in einem rassistischen Land eine Wahlkabine zu betreten, und so weiter und so fort.

Mein alter Freund Howard Zinn hat es einmal sehr gut ausgedrückt. Er sagte: «Was zählt, sind die unzähligen kleinen Taten unbekannter Menschen, die den Grundstein für die Ereignisse der Geschichte legen.» Ich glaube, das ist der Punkt. Wir kennen nicht einmal die Namen der Menschen, die die wirklich bedeutenden und wichtigen Taten vollbracht haben, so wie wir auch nicht die Namen der Menschen in Übersee kennen, die unter schrecklichen Bedingungen mutig für ihre Rechte kämpfen. Wir können ihnen in vielerlei Hinsicht helfen. Das wurde in der Vergangenheit getan und kann in Zukunft noch mehr getan werden. Aber wir haben jetzt nicht mehr viel Zeit. Die Probleme sind viel dringlicher als in der Vergangenheit.

Wenn wir uns in ein paar Jahrzehnten nicht um das Klimaproblem kümmern, werden wir den «Point of no Return» überschreiten. Und die Republikaner werden wahrscheinlich nächstes Jahr oder vielleicht 2024 wieder an die Macht kommen. Das bedeutet reine Verleugnung des Klimaproblems.

Ich habe über Biden gesprochen. Aber zumindest die Demokraten können unter Druck gesetzt werden. Jüngere Republikaner können das übrigens auch. Unter den jüngeren Republikanern gibt es weniger feige, brutale Hingabe an die massive Zerstörung im Interesse des privaten Reichtums. Das ist der ältere Teil der republikanischen Führung – die Lindsey Grahams. Aber jüngere Menschen sind etwas anders. Sie können erreicht werden. Sie können etwas bewirken.

Jacobin: Wir schulden Ihnen wirklich grossen Dank für alles und für all die unbekannten Namen und Meinungen, die Sie hier ins Licht der Öffentlichkeit gerückt haben.

Noam Chomsky: Ich danke Ihnen vielmals.

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Dieser Text erschien erstmals im US-Magazin Jacobin. Das Interview führten die Journalistinnen J. C. Pan und Ariella Thornhill. Die Übersetzung ins Deutsche besorgte Christian Müller. – Das vollständige Interview kann (in englischer Sprache) hier gelesen und auch auf Youtube angesehen und gehört werden.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

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7 Meinungen

  • am 21.10.2021 um 12:23 Uhr
    Permalink

    Herzlichen Dank für alle Informationen und Kommentare.

    Ich hoffe für Amerika, dass deren künftige Enkel-Generationen nicht die ganze glühend heisse, höllisch scharfe Suppe auslöffeln müssen, welche deren Vorfahren in die Töpfe kotzten !

    Aber der «ZahlTag» wird -auch für Amerika- kommen, so wie für alle «grossen Völker» in der Geschichte der Menschheit. Denn nichts lässt sich bewahren. Alles, was einmal aufstieg, wird wieder fallen müssen. Und für JEDEN, der offene Rechnungen ansammelte, kam -und kommt- die Zeit, wo zu bezahlen war.

    Ich hoffe für Dich, «Amerika first», dass dann NICHT nach dem Prinzip
    «Auge um Auge — Zahn um Zahn » verfahren wird —
    sondern, dass Dir D A N N niedrige Zinsen
    und teilweiser Schulden-Erlass gewährt werden !

    Wolf Gerlach
    scheinbar.org

    2
  • am 21.10.2021 um 13:03 Uhr
    Permalink

    «Wir könnten jetzt ein humanitäres Programm starten, indem wir zum Beispiel Impfstoffe für Lateinamerika, die Karibik, Afrika und Asien zur Verfügung stellen.» – Es kursieren Gerüchte, wonach diese Länder zu Lockdowns und anderen zerstörerischen Corona-Massnahmen genötigt wurden. – Bevor wir diese Völker jetzt noch mit der Impfung und den damit verbundenen «grünen Pässen» beglücken, sollte man die Evidenz dieser Gerüchte überprüfen und entsprechend handeln.

    3
  • am 21.10.2021 um 14:14 Uhr
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    Herzlichen Dank dem Infosperber und Christian Müller, dass Sie die deutschsprachige Öffentlichkeit in Kenntnis dieses Interviews setzen. Seit Jahrzehnten macht Chomsky auf die kriegerische und imperialistische Politik seines Landes aufmerksam und setzt sich dafür ein, dass die entfesselte mörderische US-Politik nicht ignoriert werden kann. In diesem Interview kommt allerdings der Menschenrechts- und Kriegsverbrecher George W. Bush zu gut weg, seine Gesundheitsprogramme in Afrika dienten imperialem Interesse und waren nicht so pauschal hilfreich, was Nebenwirkungen betrifft, verdienen sie kritischere Betrachtung. Die Menschenrechtsverletzungen in Guantanamo wirft er den USA, nicht dem Initiator G.W. Bush vor und als Jacobin nachhakt, lenkt Chomsky auf Kissinger ab. Bei Kuwait wird Vater und Sohn Bush verwechselt, dass laut Moyn US-Kriege „deutlich menschenfreundlicher“ geworden seien, stellt Chomsky zwar angesichts eingesetzter amerikanischer Bulldozer gegen irakische Soldaten und mit Verweis auf die gleichzeitige US-Invasion in Panama in Frage. Direkt im Anschluss aber behauptet er selbst, dass „die Kriege heute humanitärer sind“, was er auf die protestierende Bevölkerung und die Antikriegsbewegung in den USA zurückführt. Es stimmt dass „die unzähligen kleinen Taten unbekannter Menschen“ zählen und es macht Mut, wenn er darauf hinweist, aber deren Erfolg liegt sicher nicht in der contradictio in adiecto, wonach Kriege menschenfreundlicher geworden seien.

    2
    • am 22.10.2021 um 09:45 Uhr
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      Kriege, wer immer sie führt, und wie auch immer sie geführt werden, sind nie menschenfreundlich oder „humanitärer“.

      1
  • am 21.10.2021 um 15:02 Uhr
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    Die Geschichte – pars pro toto seien dafür die Friedensnobelpreisträger erwähnt, die Kriegstreiber waren – an der auch die Schweiz sich orientiert, ist voller Brutalität und eigentlich nichts als Lug und Trug. Das Ganze ist so scheusslich, dass es die Mehrheit nicht wahrhaben will!

    2
  • am 21.10.2021 um 17:57 Uhr
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    Danke für den Beitrag hier. Vielleicht kommen noch mehr Menschen mit seinem Werk in Berührung.
    Vor allem die Jüngeren unter uns und uns bleibt, sie so gut wie möglich in ihren Bemühungen zu unterstützen!

    0
  • am 22.10.2021 um 10:52 Uhr
    Permalink

    Danke, Christian Müller, dass Sie uns auf diese Botschaft aufmerksam machen. Sie kann nicht oft genug wiederholt werden: Jeder und jede kann zu einer besseren Welt beitragen. Reden und Schreiben ist immer wichtig, aber das Handeln ist letzten Endes wichtiger. Nicht jeder ist ein Noam Chomsky, aber jeder und jede, selbst im fortgeschrittenen Alter, kann eine entsprechende NGO oder eine lokale Gruppe unterstützen, entweder durch aktive Mitarbeit oder durch eine finanzielle Unterstützung, und die am besten mittels eines monatlichen Betrags, auch wenn dieser gering ist.

    Was die „humanitärere Kriege“ betrifft, so gibt es sie nicht. Auch ein Verteidigungskrieg ist inhuman – ich töte, um nicht getötet zu werden. Das ist unser animalischer Instinkt, nicht unser sozialer Instinkt. Wir haben begonnen, ihn mit der Demokratie weiter zu entwickeln. Es ist noch ein langer Weg, aber zum ersten Mal in der Geschichte betreten wir ihn global. Wenn wir die Demokratie nicht nur erhalten sondern weiter verbessern wollen, dann ist jeder und jede gefragt. Aber ohne Krieg, sondern durch Zusammenarbeit.

    Wie es Chomsky andeutet: Resignieren wäre fatal.

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