Obama oder Romney? Die NZZ wünscht sich Romney

Christian Müller © aw

Christian Müller /  Elf Tage vor dem US-amerikanischen Wahltag bekennt die NZZ Farbe: gegen Obama, weil er an der Staatsverschuldung schuldig sei.

Was denkt eigentlich die NZZ zu den amerikanischen Präsidentschaftswahlen? Hat sie einen Favoriten? Und wenn ja, wen und warum?

Seit Freitag, 26. Oktober, elf Tage vor der Präsidentschaftswahl in den USA, wissen wir es. Der Kommentar war zwar nicht auf der Frontseite der Zeitung, wie er tags darauf, am Samstag, leicht hätte platziert werden können. Er stand nur auf der Seite «Meinung & Debatte». Dafür war er nicht nur von einem Ausland-Redaktor, auch nicht vom Leiter der Ausland-Redaktion, sondern vom Chefredaktor selber.

Da lesen wir also, dass die beiden Kandidaten, Obama und Romney, sich in mehreren Punkten gar nicht unterscheiden. Beide seien zum Beispiel Neorealisten. Und für jene, denen dieser Begriff nichts sagt, hat der Chefredaktor gleich selber in Wikipedia nachgeschaut, wie man diesen –ismus kurz definieren könnte. «You have to do it on your own; you can’t count on someone else» (Du musst es selber tun, du kannst auf keinen anderen zählen), kann man da als Kernaussage dieser Geisteshaltung nachlesen, und so steht es jetzt auch in des Chefredaktors Kommentar. Ausgerechnet dieser Satz stammt allerdings, immer gemäss Wikipedia, von Kenneth Waltz, dem geistigen Vater des Neorealismus, und ausgerechnet dieser Kenneth Waltz hat – und dies steht leider nicht in Wikipedia – empfohlen, dem Iran die Entwicklung von Nuklearwaffen zuzugestehen, da ein Gleichgewicht des Schreckens immerhin ein Gleichgewicht sei, während die gegenwärtige Situation im Nahen und Mittleren Osten wegen des alleinigen Nuklearbomben-Besitzes des Staates Israel alles andere als im Gleichgewicht sei. Romney hat einen eventuellen Präventiv-Schlag Israels gegen den Iran relativ klar gutgeheissen, Obama steht wenigstens noch auf der Bremse, wenn auch nicht mit der wünschbaren Deutlichkeit. Beide sind also nicht besonders linientreue Neorealisten.

Wer ist der bessere US-Präsident für Europa?

Dann aber kommt die für die NZZ entscheidende Frage: Wer ist der bessere US-Präsident für Europa? Des Chefredaktors Vorbemerkung dazu: Für beide Kandidaten ist Europa nicht wichtig. «Es wäre () eine Illusion, zu meinen, der nächste amerikanische Präsident werde sich intensiver mit dem alten Kontinent beschäftigen, ihn ‚verstehen‘ und entsprechend wertschätzen.» Dann aber doch die Differenzierung: «Obama mag für Europa nach wie vor der «nettere» Präsident sein. Entscheidender aber ist, welches Konzept die USA zurückführt zu Wachstum und gesunden Staatsfinanzen. Selbst arg gebeutelt, sollte sich Europa bewusst sein, dass ihm direkt und indirekt ein wirtschaftlich starkes, den Freihandel förderndes und prosperierendes Amerika mehr dient als ein von Arbeitslosigkeit und horrenden Staatsdefiziten geschwächtes. In diesen Feldern freilich ist Obama in den ersten vier Jahren den Beweis schuldig geblieben, dass er für Europa auch ein ‚guter‘ Präsident ist.»

Eine subtile Kommentierung, gewiss. Man kann den einen von zweien auch empfehlen, indem man den anderen kritisiert.

Es stimmt natürlich: Obama hat in vielen Punkten enttäuscht. Er hat seine Krankenversicherung nur teilweise zu realisieren vermocht. Er hat Guantanamo nicht geschlossen. Er hat die Versprechungen seiner hoffnungsvollen Kairoer Rede nicht eingehalten. Kurz: Er hatte nicht die Kraft und auch nicht die notwendige Unterstützung, seine hohen Ziele zu erreichen. Aber hat Romney, der Sekten-Missionar und Finanzmarkt-Akrobat, ein taugliches Konzept, die USA «zu Wachstum und gesunden Staatsfinanzen» zurückzuführen?

Ja, er glaubt eines zu haben: Er will die Reichen noch reicher werden lassen und er will das Casino der Finanzwirtschaft unbehelligt ein Casino sein lassen. Und das ist dann, so der Chefredaktor der NZZ, ohne es klar auszusprechen, auch für Europa ein «guter», sprich: der bessere Präsident.

Die Banken sind, man weiss es, für Romney. Da kann wohl auch die NZZ nicht anders.


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Keine

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Eine Meinung zu

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    am 28.10.2012 um 18:16 Uhr
    Permalink

    Ich finde auch, der NZZ-Leitartikel reflektiere nur oberflächlich, der Schluss demzufolge unbrauchbar. Die realen Mächte hinter den Kandidaten wären zu beleuchten!
    Es ist nur Schattenboxen, für die Republikaner sind die Demokraten ausgekochte Kommunisten und umgekehrt…weiss der Geier was. Alles nur Ablenkungsmanöver. Den Mächtigen im Hintergrund sind beide recht, es sind beides ja «ihre Kandidaten". Die Wallstreet sei eher pro Obama. Ist es die Götterdämmerung im Börsenhimmel?
    Wenn das virtuelle Kapital vollends in die reale Wirtschaft dringt, dann implodiert letztere.
    http://www.drs1.ch/www/de/drs1/sendungen/trend/2786.sh10246107.html

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