Japan_Fotoalbum

Die 60-Jährige fand nach dem Tsunami nur noch dieses Fotoalbum. © Andreas Seibert

Nach dem Tsunami fand sie noch dieses Fotoalbum

upg /  Noch schlimmer: Viele Tsunami-Opfer können ihr Haus nicht mehr aufbauen, weil die Gegend radioaktiv verseucht ist.

Von seinem Wohn- und Arbeitsort Tokyo aus hat sich der Schweizer Fotograf und Dokumentarfilmer Andreas Seibert in die zerstörten und verseuchten Regionen hinaus gewagt, um die Geisterstädte und die Not der Opfer in Bildern festzuhalten.
Über 15’000 Opfer und mehr als 300’000 mussten flüchten
Seibert, der auch für die gemeinnützige Informations-Plattform Infosperber arbeitet, reiste 500 Kilometer entlang der Pazifischen Küste: «Ich war mit manchmal surrealistischen und meist sehr traurigen Eindrücken und Erlebnissen konfrontiert». Das Erdbeben und der ausgelöste Tsunami haben über 15’000 Menschen getötet. 8000 weitere gelten immer noch als vermisst. Über 300’000 Menschen mussten flüchten. Die Überlebenden verloren über Nacht ihre ganze Existenz. Der Tsunami hat insgesamt rund 470 Quadratkilometer Land überschwemmt.
Radioaktivität verhindert Rückkehr
Ein Teil dieser Gebiete bleibt auf unabsehbare Zeit auch nach den Aufräumarbeiten unbewohnbar, weil aus dem zerstörten AKW Fukushima noch für längere Zeit Radioaktivität entweicht. Im Gegensatz zu Tschernobyl, wo ein Reaktor in Sekunden aus dem Betrieb heraus explodierte und zerstört wurde, findet in den Reaktoren von Fukushima eine langsame Kernschmelze statt. «Die Notsituation kann sich über Monate hinziehen», erklärte die Internationale Atomenergiebehörde IAEA.
In Tschernobyl vergingen neun Tage, bis das Entweichen von Radioaktivität weitgehend eingedämmt war. In Harrisburg hatte es eine Woche gedauert, bis die Lage unter Kontrolle war.
ETH-«Experte» Professor Prasser beruhigte voreilig
Der in Schweizer Medien viel zitierte Professor Horst-Michael Prasser, dessen Lehrstuhl an der ETH die Atomlobby zahlt, hat drei Wochen nach dem Tsunami beruhigt: «Die Lage hat sich zumindest stabilisert». Wahrscheinlich habe sie sich also sogar verbessert. «Der abnehmende Strahlenpegel ausserhalb der Anlage zeigt, dass die Auswürfe an radioaktivem Material zurückgegangen sind», erklärte Prasser am 29. März in Schweizer Zeitungen. Und er setzte noch einen drauf: «Der japanische Staat hat sehr gut reagiert.»
«Ebenso verzweifelt wie hilflos»
Fassen wir einige Fakten, die seither bekannt wurden, kurz zusammen.
31.3.2011. Am gleichen Tag, an dem die Interviews mit Prasser erschienen, berichtete die NZZ: «Es tritt laufend Radioaktivität aus. Der Kampf dagegen wirkt ebenso verzweifelt wie hilflos.» Die NZZ zitierte einen amerikanischen Wissenschaftler von Genereal Electric, welche die Reaktoren in Fukushima baute: Es sei möglich, dass der Reaktorkern durch den Betonboden geschmolzen sei.
13.5.2011. In einer Grube in der Nähe des Reaktors 3 wurde ein Cäsium-Wert gemessen, der 620’000 mal höher war als der erlaubte Wert. Im Meerwasser neben der Wassereinleitungsstelle des KKW war der Wert 32’000 mal höher als der erlaubte. («Wieder Rückschläge in Fukushima», NZZ)
30.5.2011. Die Verseuchung des Meerwassers in der Umgebung des KKW ist höher als die japanische Regierung bisher zugegeben hatte. Sogar in 30 Kilometer Entfernung lagen die Cäsium-Werte in einer Tiefe von 45 Metern 100 mal höher als der Normalwert. Das Plankton würde die Radioaktivität absorbieren. Kleine Fische essen das Plankton und grössere Fische die kleinen Fische. Trotzdem hat die japanische Regierung das Fischen ausserhalb einer 30-Kilometer-Zone wieder zugelassen. («Neuer Störfall in Fukushima», NZZ)
9.6.2011. Japans Regierung nennt es eine «Notmassnahme»: Die KKW-Betreiberin Tepco musste die Türen zum Reaktor 2 öffnen, obwohl im Innern sehr hohe Radioaktivität gemessen worden war. («Vorübergehender Stromausfall in Fukushima Daiichi», NZZ)
9.6.2011. Die IAEA bestätigt zum ersten Mal offiziell, dass es in den Reaktorblöcken 1, 2 und 3 nicht nur zu einer Kernschmelze, sondern auch zu einem Durchbruch der Druckkammer gekommen ist und die Brennelemente jetzt auf dem Boden liegen. (NZZ)
Die japanische Regierung gab bekant, dass die in den ersten Tagen angegebene Menge der ausgetretenen Radioaktivität mit 770’000 Tera-Bequerel mehr als doppelt so hoch war als noch im April behauptet. (NZZ)
Gleichzeitig gab Japans Ministerium für Wissenschaft zu, dass es die Radioaktivitäts-Daten vom 16. März bis zum 4. April nicht veröffentlicht hatte. Diese Daten hätten dazu gedient, Einschränkungen des Wasser- und Lebensmittelkonsums zu erlassen.
19.6.2011. Im zerstörten AKW kann kein radioaktives Kühlwasser mehr gereinigt werden. Tepco «nimmt an», dass entweder stark verseuchter Dreck in die Aufbereitungsanlage gedrungen sei, oder dass das Wasser stärker verseucht ist als bisher gemessen. Die Auffangbecken drohen bald überzulaufen. (NZZ am Sonntag)


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

keine

Zum Infosperber-Dossier:

1103_Fukushima

Fukushima: Verharmlost und vergessen

Die Atomkatastrophe von Fukushima und deren Folgen für Hunderttausende.

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