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Das Essen in China wird sehr schnell sehr viel teurer. © flickr

Kompliziert: Chinas Boom und die Inflation

Peter G. Achten /  Nicht über politische, aber über wirtschaftliche Fragen gibt es in China eine rege, zuweilen kontroverse Diskussion.

Eine offene politische Debatte ist in China nicht zugelassen, aber eine Auseinandersetzung zu Wirtschaftsfragen findet durchaus statt: in den Medien, an Universitäten, unter Ökonomen der Denkfabriken und, von der Öffentlichkeit natürlich nicht wahrgenommen, innerhalb der Kommunistischen Partei. Der derzeitige Konsensus: Chinas Wirtschaft wird auch in den kommenden fünf Jahren mit fast zehn Prozent pro Jahr wachsen. Eben hat Li Daokui, Berater der Zentralbank («Volksbank») das parteiamtliche Ziel von jährlichen sieben Prozent als zu niedrig eingestuft und bis 2015 neun Prozent prognostiziert. Hauptthema derzeit sind aber nicht Wachstumszahlen sondern die Inflation. Berater Li hat auch da eine andere Meinung als die Regierung. Er rechnet mit mindestens fünf Prozent Teuerung pro Jahr, während die Regierung maximal vier Prozent als Ziel gesetzt hat.

Faktum allerdings ist: Chinas Wirtschafts-Mandarine bekommen auch nach über sechs Monaten die Inflation nicht recht in den Griff. Das jedenfalls lässt sich schliessen aus den eben veröffentlichten Zahlen das Nationalen Statistischen Büros. Die Teuerung ging zwischen April und März nur um einen hauchdünnen Zehntelsprozentpunkt zurück.

Zinserhöhung gegen die Teuerung

Seit gut einem halben Jahr gilt dem Kampf gegen die Teuerung das besondere Augenmerk der chinesischen Zentralregierung und wird als vordringliche Aufgabe dekretiert. Der Erfolg bleibt bescheiden. Der Gouverneur der Chinesischen Volksbank, Zhou Xiaochuan, wird im Zusammenhang mit der Inflation oft und gerne zitiert. Zhou ist nicht zu beneiden, die Zentalbank soll es richten.

Am Rande eines Finanz- und Wirtschaftsforums auf der südchinesischen Ferieninsel Hainan – dem «Hawai Chinas» – sagte Zhou, der Preisanstieg müsse auch weiterhin «entschieden» bekämpft werden. Allerdings sollten die Zinsen nicht allzu stark angehoben werden, um für spekulatives Kapital keinen Anreiz zu schaffen. Zhou dreht bereits seit Oktober viermal kräftig an der Zinsschraube. Zudem werden die Mindestreserven für Grossbanken zum zehnten Mal seit Januar 2010 angehoben auf satte 20,5%. Liquidität soll gebunden werden. Die neueste Direktive an die Banken: noch weniger Geld verleihen und noch mehr Reserven anlegen. Allerdings, die Devisen-Reserven sind Ende April auf den Rekordwert von über drei Billionen US-Dollar angeschwollen, ein Zeichen dafür, dass Investitionen sowie Spekulationskapital trotz allen Bemühungen der Zentralbank weiter zufliessen.

Wachstum 10 Prozent, Inflation 5 Prozent

Der Wirtschaft geht es nach wie vor blendend mit einem Wachstum des Brutto-Inlandprodukts (BIP) im vergangenen Jahr von 10,3% und 9,7% im ersten Quartal 2011. Doch seit rund sechs Monaten sind Partei, Regierung und Zentralbank damit beschäftigt, mit Geldpolitik, administrativen Massnahmen und Schönreden die Inflation zu bekämpfen.

Der Konsumentenpreisindex ist Ende April bei 5,3% im Vergleich zum Vorjahr angelangt. Das ist nur wenig besser als Ende März, als rekordverdächtige 5,4 Prozentpunkte zu Buche standen. China ist in den letzten zehn Jahren anderes gewöhnt: im Durchschnitt maximal 2% Inflation bei 10% Wachstum. Längerfristig betrachtet, nämlich von 1994 bis 2010, beträgt die Durchschnitts-Teuerung 4,25% pro Jahr mit einer Hyperinflation 1994 von 27,7% und einem Rückgang von minus 2,2% 1999 bei einem Durchschnitts-BIP-Wachstum pro Jahr von etwas über 9%.

Beim letzten grossen Teuerungsschub 2008 waren vor allem Energiepreise der Anlass. Diesmal sind es zusätzlich höhere Getreide- sowie Immobilienpreise. Beim städtischen Durchschnitts-Chinesen, dem Laobaixing, fallen die Lebensmittelpreise im April mit einem Anstieg von 11,5% stark ins Gewicht. Gemüse – Piece de Resistance der chinesischen Küche – wurde gar 18% teurer. Wie immer bei der Inflation, es trifft den untern Teil der sozialen Pyramide. Über die Hälfte der chinesischen Bevölkerung gibt fünfzig Prozent und mehr des Haushalts-Budgets für Nahrung aus.

Angst vor sozialen Unruhen

Der Kampf von Partei und Regierung hat deshalb auch einen sozialpolitischen Hintergrund. Die roten Mandarine in Peking erinnern sich nur allzu gut an die neuere Geschichte ihres Landes. Während des Bürgerkriegs (1945-49) trug Hyperinflation zum Sieg von Maos Kommunisten bei. Beim Protest auf dem Platz vor dem Tor des Himmlichen Friedens Tiananmen 1989 erhielten die Studenten nur deshalb Sukkurs von Arbeitern, Angestellten und Regierungsbeamten, weil China inmitten einer überhitzten Wirtschaft unter hoher Inflation litt. Soziale Unruhen drohen so auch jetzt. Wie während Jahrhunderten die Kaiser fürchtet heute die kommunistische Führung Luan – d.h. Chaos, und Chaos führte oft zum Verlust des «Mandats des Himmels», also der Macht.

Der Kampf gegen die Inflation hat also hohe Priorität. Jahresziel: maximal 4%. Streng nach den Regeln der «sozialistischen Marktwirtschaft chinesischer Prägung» – auf Deutsch: Staatskapitalismus – werden seit Oktober auch administrative Massnahmen in die Tat umgesetzt. Die Nationale Entwicklungs- und Reform-Kommission, die zentrale Planungsstelle, führte Gespräche mit über einem Dutzend Detailhandels-Vereinigungen und bat um «Verschiebung von Preiserhöhungen aus sozialer Verantwortung». Man stelle sich vor, Bundesrat Schneider-Ammann würde in einer ähnlichen Situation mit Schweizer Detailhändler das Inflations-Gespräch suchen und «soziale Verantwortung» anmahnen…

Während Ökonomen und Politologen von Regierung und Partei, staatliche Bankiers, Zeitungs-Kommentatoren, Analysten und weitere assortierte in- und ausländische Pundits sich den Kopf über Teuerung und Folgen zerbrechen, nehmen Chinesinnen und Chinesen der lebendigen Blogger-Szene kein Blatt vor den Mund. «Es ist eine extrem komplizierte Situation», schrieb treffend ein Blogger aus der Provinz Jiangsu und rechnete vor, dass sein Mittagessen in einer Strassenkneipe – Reis, Gemüse, Hühnchen – verglichen mit dem Vorjahr 25% teurer geworden sei.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

keine

Zum Infosperber-Dossier:

Flagge_China

Chinas Innenpolitik

Hohe Wachstumszahlen; riesige Devisenreserven; sozialer Konfliktstoff; Umweltzerstörung; Herrschaft einer Partei

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