Es ist nicht China, Dummkopf, es ist die Fed!

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Philipp Löpfe /  Trotz Kursstürzen sind Aktien in China noch so viel wert wie Anfang Jahr. Bedrohlicher ist die Leitzins-Blockade der US-Notenbank.

Vom römischen Kirchenfürsten Augustinus stammt der nicht ganz so fromme Wunsch: «Herr, lass mich keusch werden – aber nicht schon morgen.» Gut möglich, dass Janet Yellen, die Präsidentin der US-Notenbank (Fed) derzeit abends ein ähnliches Stossgebet gen Himmel richtet: «Herr, lass mich die Leitzinsen erhöhen – aber nicht schon im September!»

Boom und Crash der Börse in China haben gezeigt: Das internationale Finanzsystem und die Weltwirtschaft stehen nach wie vor auf wackligen Füssen. Das liegt nicht bloss an den extremen Kurs-Ausschlägen in Schanghai. Beinahe erschreckender ist die Tatsache, dass der Fed die Kontrolle über die Geldpolitik offenbar entgleitet.
Was ist gemeint? Nach den Turbulenzen der letzten Tage ist es derzeit wieder unwahrscheinlich geworden, dass die Fed Mitte September die Leitzinsen erhöhen wird. Dabei galt diese Zinserhöhung in Marktkreisen als so gut wie beschlossen. Schon im Herbst 2013 musste Yellens Vorgänger Ben Bernanke das gleiche Vorhaben abbrechen. Als er damals das Wort «Tapering» in den Mund nahm – gemeint ist eine Erhöhung der Zinsen in kleinen Schritten – liefen die Märkte ebenfalls Amok. Bernanke gab klein bei.
Die US-Notenbank als Nothelfer
Das billige Geld der Fed war stets als Notmassnahme gedacht. Damit sollten Banken und Unternehmen zu Investitionen animiert und so die Wirtschaft angekurbelt werden. Die US-Regierung hatte zwar zuvor auch ein staatliches Konjunkturprogramm verabschiedet, aber es war viel zu klein. Aus politischen Gründen konnte kein zweites nachgeschoben werden. Die Fed musste in die Lücke springen.

Die Politik des billigen Geldes – in Fachkreisen Quantitative Easing genannt – war beides: umstritten und erfolgreich. Die Haushalte begannen, ihren Schuldenberg abzutragen, die Unternehmen horteten Cash, und die Börsen boomten, und zwar so stark, dass die Aktien auf dem Höhepunkt im historischen Vergleich 30 Prozent überbewertet waren. Ein klares Anzeichen einer Blasenbildung.

Die Fed richtet ihre Geldpolitik jedoch nicht nach den Börsen, sondern nach den Arbeitslosenzahlen aus. Aber auch hier hat sich die Lage normalisiert. Die Arbeitslosenquote ist von knapp zehn Prozent nach der Krise wieder auf aktuell knapp fünf Prozent gesunken, ein Wert, der in den USA als Vollbeschäftigung gilt.
Eine Zinserhöhung könnte verheerend Folgen haben
So gesehen müsste die Fed jetzt ihr Versprechen einlösen und zu normalen Verhältnissen zurückkehren, will heissen: Die Leitzinsen in einzelnen Schritten wieder zu erhöhen. Damit würde sie auch signalisieren, dass sich der Patient US-Wirtschaft definitiv von der Krise erholt hat und die Reha wieder verlassen kann.

Daraus wird wohl wieder nichts. Erhöht die Fed nämlich jetzt die Leitzinsen, dann werden ihr alle beweglichen Teile um die Ohren fliegen: Der Dollar wird noch stärker, noch mehr Kapital flieht aus den Schwellenländern, die Aktien- und Bondmärkte werden unberechenbar. Selbst hartnäckige Kritiker der Fed flehen Yellen deshalb an, auf keinen Fall jetzt schon den Zinsschritt zu wagen. Zu viel steht auf dem Spiel.

Die Märkte gehen offenbar ebenfalls davon aus, dass die Fed auf eine Zinserhöhung verzichten wird. Alles ist wieder im grünen Bereich. Analysten sprechen einmal mehr von einer «längst fälligen Korrektur», die ja bekanntlich gesund sein soll. Doch Vorsicht: Sollte die Fed die Zinserhöhung tatsächlich erneut verschieben, dann lässt sich auch nicht mehr leugnen: Ohne das Doping des billigen Geldes geht der Weltwirtschaft der Schnauf aus. Langfristig ist das keine erbauliche Perspektive.

Dieser Artikel ist auf watson.ch erschienen.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Philipp Löpfe war früher stellvertretender Chefredaktor der Wirtschaftszeitung «Cash» und Chefredaktor des «Tages-Anzeiger». Heute ist er Wirtschaftsredaktor von «Watson.ch».

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Eine Meinung zu

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    am 25.08.2015 um 17:55 Uhr
    Permalink

    Augustinus, Bischof von Hippo, heute Algerien, vom Christentum ist fast nichts mehr übrig, war nicht Kirchenfürst, diesen Status hatte ein Bischof in Nordafrika im 4. Jahrhundert noch nicht, im Gegensatz zum Bischof von Chur, der sich als «Gnädiger Herr» anreden liess, aber auch erst viel später und heute kaum mehr.

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