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NZZ-online und NZZ Zeitung stellten Entführung als Tatsache dar © nzz

«Entführter Soldat»: So schlampig wird informiert

upg /  Im Krieg gehört Propaganda zu den wichtigsten Waffen. Umso vorsichtiger sollten Medien berichten. Nicht wie NZZ, Tagesschau u.a.

Stimmungsmache, Manipulation, Halbwahrheiten, Irreführungen und Täuschungen gehören bei Konflikten auf allen Seiten zur Tagesordnung.
Es ist fahrlässig, im Palästina-Konflikt den israelischen Informationen mehr zu trauen als den palästinensischen. Ebenso gefährlich ist es in der Ukraine, den Regierungsinformationen mehr zu trauen als denen der Opposition oder denen Russlands. Vor dem US-Einmarsch in den Irak glaubten viele Medien den Informationen der US-Administration mehr als den Informationen des Hussein-Regimes. Es war ein Fehler.
Entführung als Tatsache hingestellt
Am 1. August berichteten viele Medien, die Hamas habe einen israelischen Soldaten entführt. NZZ-online titelte «Israelischer Soldat entführt». In der Meldung selber war dann zu lesen, ein israelischer Militärsprecher habe mitgeteilt, dass «ein Soldat vermutlich entführt» wurde. In ihren eigenen Schlagzeilen ging die NZZ also noch weiter, als das, was Israel sagte, indem die NZZ die Entführung als Tatsache hinstellte und nicht als Vermutung.
Israel nahm die «Entführung» als Anlass, um die soeben begonnene 72-stündige Waffenruhe nach nur anderthalb Stunden zu beenden. Mit der Schlagzeile «Waffenstillstand bereits gebrochen» weckte die SRF-Tagesschau um 19.30 in einem fast dreiminütigen Beitrag den Eindruck, die Schuld liege bei den Palästinensern, die «nach israelischen Angaben», wie eingangs korrekt erwähnt, einen israelischen Soldaten entführt hätten. Die Tagesschau zeigte dann Filmausschnitte der israelischen Armee, welche israelische Soldaten beim Auffinden von unterirdischen Tunnels zeigte. Während dieses Aufspürens sei der Soldat entführt worden. Darauf übernahm das Fernsehen den Ausschnitt eines CNN-Interviews mit Peter Lerner, dem Sprecher der israelischen Armee.
Israels Armeesprecher spricht nicht von Vermutung, sondern berichtet von der Entführung und stellt sie so dar, als ob Israelis die Entführung beobachtet hätten.

Anschliessend zeigte die Tagesschau einen Sprecher des UN-Generalsekretärs, der die Entführung als «schwerwiegende» Verletzung des Waffenstillstands bezeichnete und die «sofortige und bedingungslose Freilassung des gefangenen Soldaten» verlangte.
Da auch die Uno die Entführung als Tatsache darstellte, gab die SRF-Tagesschau ihre letzte Zurückhaltung auf und schloss den Bericht mit dem eigenen Kommentar ab: «Die israelische Armee sucht fieberhaft nach dem entführten Soldaten.» Damit entstand für die Zuschauerinnen und Zuschauer endgültig der Eindruck, dass die Palästinenser den Soldaten tatsächlich entführt haben.
Einen Tag später, am 2. August, titelte die NZZ auf der Frontseite

«Israelischer Soldat entführt». Im Innern des Blattes setzte die NZZ den vorsichtigeren Titel «Israelischer Soldat im Gazastreifen vermisst», doch den Artikel leitete die NZZ mit dem apodiktischen Satz ein «Am Freitag wurde ein israelischer Soldat entführt
Die «Neue Luzerner Zeitung» und weitere Medien übernahmen eine SDA-Meldung mit dem Lead «Militante Palästinenser haben gestern den 23-jährigen israelischen Leutnant Hadar Goldin entführt

Am Sonntag, 3. August, gab Israel bekannt, der Soldat sei am 1. August bei Gefechten umgekommen. Im Klartext: Er wurde nie entführt. Der 23-jährige Hadar Goldin sei am vergangenen Freitag bei Kämpfen nahe der Stadt Rafah ums Leben gekommen, teilte das Militär in der Nacht zum 3. August mit.

1. NACHTRAG: Tagesschau korrigiert frühere Falschmeldungen nur nebenbei
Am Abend des 3. August erwähnte die Tagesschau um 19.30 erst nach einem fast 5-minütigen Beitrag über ein Treffen Gaucks mit Hollande im Elsass zum Gedenken an den Ersten Weltkrieg, sowie nach einem weiteren Bericht über «Mehr Politik an Schulen» in einem dritten Beitrag über einen Teil-Rückzug der israelischen Truppen aus Gaza lediglich nebenbei, dass der «entführt geglaubte» Soldat bereits seit Freitag tot sei.
Anders die ARD-Tagesschau um 20.00 Uhr: Als Aufmacher berichtete der deutsche Sender über die erneute Beschiessung einer UN-Schule in Gaza und informierte: «Zuvor hatte Israel den Soldaten Hadar Goldin für tot erklärt. Der 23-Jährige war zunächst als entführt gemeldet worden.» Erst später in der Tagesschau berichtete die ARD über die Gedenkfeier zum Ersten Weltkrieg im Elsass.


2. NACHTRAG
Radio SRF News zeigte, dass über die israelische Mitteilung, es sein ein Soldat entführt worden, auch korrekt informiert werden kann. So in den Frühnachrichten vom 2. August.


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Keine

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7 Meinungen

  • am 3.08.2014 um 16:59 Uhr
    Permalink

    Und wenn schon. Auch wenn er entführt worden wäre weil man sich die Verteidiger erdreistet hätten, sich gegen das Massaker an 1650 Palästinensern auf diese Art zu wehren, müssten die Medien, wenn sie darüber tagelang berichten, über die 1650 getöteten Palästinenser bis an mein Lebensende jeden Tag berichten!

    (M)ein Licht Im Dunkel des Israel-Palästinakonfl​ikts:

    http://www.vimentis.ch/dialog/readarticle/mein-licht-im-dunkel-des-israel-palaestinakonflikts/

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  • am 3.08.2014 um 22:38 Uhr
    Permalink

    Dass die Schweizer Mainstream-Medien nicht neutral über den Überfall Israels auf den Gazastreifen berichten, ist leider traurige Wahrheit. Israelkritische Kommentare werden entweder schon gar nicht publiziert oder dann gelöscht. So auch auf infosperber.ch, vom Autor dieses Artikels. Tatsache ist aber auch, dass der gleiche Artikel von mir, der von U. P. Gasche auf infosperber gelöscht wurde, auf anderen Portalen publiziert werden konnte, sogar auf der «Times of Israel". Ist da die Zensur von infosperber nicht zu vorschnell an der Arbeit, nach dem Motto, was mir nicht passt, wird gelöscht?

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  • am 4.08.2014 um 08:28 Uhr
    Permalink

    @Amrein.
    Sie verbreiten wiederholt, dass Infosperber einen Meinungseintrag von Ihnen gelöscht hat und damit Zensur ausgeübt habe. Wir unterscheiden zwischen sachlicher Kritik an der Politik des Staates Israel und pauschalisierenden Verunglimpfungen sowie verallgemeinernden Vergleichen mit historischen Massenmorden.
    Die öffentliche Diskussion um den gelöschten Meinungseintrag ist damit abgeschlossen. Wir möchten diesen nicht noch zitieren oder zitiert sehen.

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  • am 4.08.2014 um 10:44 Uhr
    Permalink

    Einmal mehr die NZZ unter Auslandchefredaktor Eric Gujer «In der Sackgasse der Gewalt
    Die Hamas ist eine Mordbande,…..» (Artikel-Anfang gezeichnet Eric Gujer, letzten Samstag auf der NZZ-Titelseite, wo seit Menschengedenken das verkündet wird, was Muslime im Freitagsgebet erfahren: wer die Mächtigen im Lande sind, wessen Name genannt und wessen Name verschwiegen sei und was zu glauben ist).

    Abhilfe: Haaretz, die Zeitung wo INFORMATION gross geschrieben wird. Auch mitten im Krieg bzw. Massacker.

    (Und natürlich Infosperber, DANKE)
    Werner T. Meyer

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  • am 4.08.2014 um 11:41 Uhr
    Permalink

    Und wie ist es mit der Meldung in der Tagesschau von letzter Woche, die Terrorgruppe Islamischer Staat habe durch eine Fatwa die Genitalverstümmelung von Frauen angeordnet?
    Wurde diese Meldung je dementiert?

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  • am 4.08.2014 um 13:49 Uhr
    Permalink

    Lieber Charles Haldi,

    Möchten Sie fortfahren, folgendes Geschäftsmodell zu professionalisieren:
    – Der Gruppe I hat man zu Unrecht etwas vorgeworfen. Das wird widerlegt.
    – Die Gruppe I hat doch sicher etwas anderes verbrochen – nur was und wo finde ich das?
    Der Tip für Sie: http://www.jihadwatch.org/jihad-watch-daily-update von Robert Spencer.
    Da können Sie sich abonnieren und bekommen täglich die neuen Schandtaten der Gruppe I zugemailt. Bingo.
    Nur um Himmels willen wenden Sie das nicht auf die Gruppe J an. Aber warum dann für die Gruppe I?

    Werner T. Meyer

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  • am 4.08.2014 um 17:18 Uhr
    Permalink

    die Journalisten der Mainstream Medien heute leider inkl. NZZ schreiben was Politik und Finanz wünschen. In diesem Sinne lese ich gerne infosperber.ch, auf diese Informations-Quelle möchte ich ebenso wenig verzichten wie auf die Weltwoche und oh Schreck, ich gestehe dass ich auch die Schweizerzeit als Informations-Quelle lese.

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