Putin gratuliert Kirill.Kremlin

Präsident Putin gratuliert dem Patriarchen von Moskau, Kirill, zum Geburtstag. In Russland sind Staat und Kirche wichtige Machtverbündete. © Kremlin

Eindrücke von gelebten und offiziellen «Russischen Werten»

Peter Lüthi /  Präsident Putin setzt westlichen Werten die russischen Werte entgegen, welche die Staatsmacht zu verteidigen habe.

Red. Der pensionierte Lehrer Peter Lüthi spricht perfekt Russisch und reist seit vielen Jahren regelmässig nach Russland. Der folgende Beitrag entstand nach einem längeren Aufenthalt um Moskau und in Sibirien in diesem Sommer. 


Verteidigung russischer Werte


Am 2. Juli erlebte ich in Moskau erstaunt den verbreiteten Ungehorsam gegenüber den Befehlen der Stadtverwaltung zur Eindämmung einer neuen Corona-Welle. Gleichzeitig unterzeichnete Präsident Putin den «Erlass über die Strategie der nationalen Sicherheit». Darin kommt die Sicherheit vor der Pandemie nur in einem Satz vor. Was mit allem Nachdruck hervorgehoben wird, ist hingegen die strategische Aufgabe der Staatsmacht, die «russischen geistig-sittlichen Ideale und kulturell-historischen Werte» zu verteidigen1. Gegen zwanzig Mal erscheint dieses schützenswerte Gut. Manchmal wird präzisiert, dass es sich um «traditionelle», «historische Werte» handelt, die auch «moralische und kulturelle Normen» genannt werden können. 

Die Werte Russlands1 sind nach Auffassung Putins bedroht durch «Einmischungen in die inneren Angelegenheiten Russlands» und die «propagandistische Einpflanzung fremder Werte und Ideale». Der Aggressor wird benannt: Die USA und ihre Verbündeten, auch transnationale Unternehmen, von feindlichen Staaten benutzte NGOs, religiöse Organisationen. Unter der als «Verwestlichung» zusammengefassten Attacke drohe Russland der «Verlust der kulturellen Souveränität».

Welche Ideale und Werte sollen durch «psychologische Manipulationen» der Bevölkerung Russlands «unwiederbringlich genommen werden»? Die Liste ist lang, wodurch sich Russland abhebt vom dekadenten Westen mit dessen «destruktiven Ideen und Stereotypen», mit dessen «Verabsolutierung der persönlichen Freiheit», «Propagierung von Beliebigkeit, Unmoral und Egoismus», «Kult von Gewalt, Konsum und Genuss» sowie der «Vernichtung des historischen Gedächtnisses». 

Russische Werte1 sind dagegen: «Würde, Rechte und Freiheiten des Menschen, Humanismus; Patriotismus und Dienst am Vaterland; religiöse Grundsätze, hohe sittliche Ideale, eine starke Familie, Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, gegenseitige Hilfe und Achtung, Kollektivismus», Treue zur historischen Wahrheit und – «Priorität des Geistigen vor dem Materiellen»! All das nimmt die Staatsmacht unter die gigantischen Fittiche des byzantinischen Doppeladlers.

In der Verfassung, die Putin im Juni 2020 durch ein Referendum bestätigen liess, wird ausser der Annullierung der bisherigen Amtszeiten des Präsidenten festgehalten, dass Russland «zusammengehalten wird durch eine tausendjährige Geschichte» (die SVP-Historiker können mit ihrem 1291 vor Neid erblassen), «das Gedenken an die Vorfahren, die uns von ihnen überreichten Ideale und den Glauben an Gott. … Die Kinder erweisen sich als wichtigste Priorität der staatlichen Politik. Der Staat schafft Bedingungen dafür, dass … in ihnen Patriotismus, Bürgergesinnung und Verehrung der Älteren erzogen wird». 

Auch wenn solche Formulierungen in der Verfassung von 2020 und im Strategiepapier von 2021 neu auftauchen, zeichnet sich schon seit Beginn von Putins Regierungszeit ab, dass der Staat im Bündnis mit der orthodoxen Kirche russische Werte verteidigen will. Man kann noch weiter zurückgehen. Seit zwei Jahrhunderten deklariert die Führung des Zarenreichs, der Sowjetunion und der Russischen Föderation unter Putin Werte, die nur von einem starken Staat gegen die aggressiven Werte des Westens bewahrt werden können. Parallel dazu wird seit zwei Jahrhunderten innerhalb der kulturellen Elite Russlands der Kampf um die Definition westlicher und russischer Werte als ein Glaubenskrieg zwischen «Westlern» und «Slawophilen» ausgetragen.

Und ebenfalls seit zwei Jahrhunderten schafft sich die Staatsmacht die Instrumente, die sie für ihre geistig-moralische Mission braucht: die strikte Kontrolle über das Bildungswesen, eine der Macht untergeordnete Justiz und einen ungewöhnlich grossen Polizeiapparat mit starken Inland-Geheimdiensten, welche die Werte der Bewohner ausforschen. Unter Putin dreht sich die Spirale nur um eine Drehung weiter in der eingefahrenen Spur, beispielsweise 2016 mit der Schaffung neuer Inlandstreitkräfte, der Rosgvardia, unter dem Kommando des Präsidenten selbst. Russische Werte scheinen historisch untrennbar von Aufrüstung der Staatsmacht im Innern.

Bereits seit die Staatsmacht unter Nikolaj I den Kampf gegen die destruktiven Ideale des Westens – im Wesentlichen «Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit» – aufgenommen hat, existiert der berüchtigte, von einem Deutschen geschaffene russische Inlandgeheimdienst, die «Dritte Abteilung», später Ochrana genannt: seit 1826. Auf welchen drei Säulen das russische Wertesystem beruht, formulierte Nikolajs Bildungsminister Uvarov, der in Göttingen studiert hatte: Autokratie (in aktueller Übersetzung: eine Staatsmacht, die von der Kirche geweiht und nicht durch Gewaltenteilung geschwächt ist und über dem Gesetz steht), orthodoxes, das heisst rechtgläubiges, vom «Patriarchen von Moskau und der ganzen Rus’» angeleitetes Christentum und «Volkstum». Selbstverständlich war der KGB, in dem Putin seine berufliche Laufbahn begann, auch in die frühzeitige Erkennung von Angriffen auf das Wertesystem involviert. 

Kirill schreitet mit Schojgu
Moskaus Patriarch Kirill schreitet mit Verteidigungsminister Schojgu anlässlich der Einweihung 2020 der Kathedrale der Streitkräfte Russlands.

Aber was hat es mit Werten auf sich, die nur mit einem immer weiter ausgebauten Polizeiapparat verteidigt werden können – gegen destruktive Werte, die jederzeit von aussen kommen, den russischen oder sowjetischen Menschen zwar fremd sind, aber doch immer wieder Einheimische wie mit einem Virus anstecken, die dann als bezahlte ausländische Agenten das moralisch-geistige Fundament der Macht und des Volkes zu untergraben versuchen? Und das in Kontinuität seit zwei Jahrhunderten ….

Da ich mich gerade am Beginn eines einmonatigen Aufenthalts in Russland befand, war es naheliegend, dass ich meine bevorstehenden Begegnungen auch daraufhin betrachtete: Welchen «Werten» begegne ich heute und welche waren es bei den unzähligen Kontakten mit russischen Menschen in den letzten 30 Jahren? Wie verhalten sich deren Ideale zu den «russischen geistig-sittlichen Idealen», welche die Staatsmacht von jetzt an noch energischer verteidigen will? Sind die Werte, die sich in der «Vertikale der Macht» verwirklichen, tatsächlich «russisch»? 

Erlebte Staatsgewalt

Der gebildete Taxifahrer im sibirischen Irkutsk, der wie die meisten Leute auch im Pensionsalter Geld verdienen muss, erzählt mir auf der Fahrt vom Flughafen in die Stadt, warum er hier wohnt: weil sein Vater als Bauer mit etwas Vermögen von Stalin aus der Ukraine nach Sibirien deportiert wurde. Eine Lehrerin zeigte mir einmal das Originaldokument, mit dem ihr Grossvater 1930 aus der Ukraine «in den Norden» verbannt wurde. Die Politische Polizei hatte «kompromittierendes Material» gefunden über seine «antisowjetische Agitation» im Dorf und den Bauern als «sozial gefährliches Element» eingestuft. Eine andere Lehrerin stammt aus einem Dorf von «Altgläubigen», die vor der mit staatlichem Zwang, samt Tausenden von Hinrichtungen, durchgesetzten Kirchenreform im 17. Jahrhundert in die Taiga geflohen waren, um fern von Moskau ihren vom Patriarchen verdammten christlichen Glauben zu leben. Ausserhalb der Stadt wurde am Ende der Perestrojka am Ort der Massengräber, wo um die 15’000 Menschen von Stalins Polizei erschossen wurden, eine stille Gedenkstätte errichtet; Nachkommen der Opfer erlösten deren Anonymität durch Namen und Bildchen. 

Gedenkstätte Massengräber
Gedenkstätte der NGO «Memorial», welche Toten in Massengräbern bei Irkutsk Namen gibt. Über den Namen steht lediglich «WOZU?» (ЗА ЧТО).

Im ebenfalls sibirischen Tomsk erzählte mir ein Mann, was er von seinen Grosseltern erfahren hat, die als Tataren 1944 aus der Krim nach Usbekistan deportiert wurden, wo er selber dann aufgewachsen ist. Zehntausende sind dabei umgekommen. Es ist fast unmöglich, in Sibirien nicht auf Menschen zu treffen mit Vorfahren, die von der brutalen Gewalt der eigenen Staatsmacht getroffen wurden. Diese Erfahrung von Staatsgewalt im wörtlichen Sinn ist real in den Lebensvoraussetzungen der Nachkommen anwesend. In der «historischen Wahrheit» als russischem Wert, die im Wesentlichen aus patriotischen Heldentaten zu bestehen hat, findet diese Erfahrung keinen Platz mehr.

«Verteidiger des Rechts/правозащитники»

Von eigenen, die Biografie prägenden Erfahrungen mit der Staatsgewalt erzählten mir zwei Russen in Irkutsk, die bei uns abstrakt als «Aktivisten» eingeordnet würden. Sie deklarieren nicht nur Werte, sondern treten für sie ein. Sind es russische Werte? Beide halten sich für Patrioten, indem sie ihrer selbst gewählten Aufgabe in der Heimat nicht durch Emigration ausweichen wollen. 

Svjatoslav Chromenkov/Святослав Хроменков besuche ich zuhause. Seine Mutter, die aus Usbekistan stammt und den Weg ihres Sohnes zum «Verteidiger des Rechts» mutig allein begleitete, hat einen warmen Empfang für die fremden Gäste vorbereitet – das ist wirklich ein «traditioneller Wert»! Svjatoslav wurde mit 19 Jahren zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt und hat die absolute Rechtlosigkeit von Gefangenen gründlich kennen gelernt. Die Rechtlosigkeit erstreckt sich auf die Angehörigen, die erpresst werden, damit sie für die Aufseher eine Leistung erbringen, wenn ihren Nächsten im Gefängnis keine Gefahr drohen soll, gegen die es keinen Rechtsweg geben würde. 

Der Mutter gelang es für kurze Zeit, durch persönliche Absprache mit dem Direktor ein bescheidenes Bildungsprogramm aufzubauen, das die Gefangenen auf die Entlassung vorbereiten sollte – eine im russischen Strafvollzug, sogar im Jugendstrafvollzug, ungewohnte Perspektive. So konnte Svjatoslav schon in der Haft ein Rechtsstudium beginnen, das er nach der Entlassung an der Hochschule fortsetzte und abschloss. Anstatt eine Karriere zu suchen, wählte er sich eine Lebensaufgabe, die ihm nur Schwierigkeiten bringen konnte: die gesetzlichen Rechte auch für unbekannte Gefangene einzufordern. Er gründete die kleine Organisation «Sibirien ohne Folter/Сибирь безпыток», die versucht, schwere Verletzungen der Menschenrechte in Gefängnissen aufzudecken und juristisch dagegen vorzugehen. Sehr selten gelingt es, die Verurteilung folternder Polizeibeamter zu erreichen. Alle mit Rechtsfragen vertrauten Gesprächspartner bestätigen mir, dass auf den Richterstand keine Hoffnung zu setzen sei. Seit Generationen, ungebrochen durch das Ende der Sowjetunion, handle es sich um eine privilegierte Kaste, die selbstverständlich die Direktiven von oben über das Gesetz stelle. 

Dank dem die UNO seine Organisation unter ihren Schutz genommen hat, fühlt sich Svjatoslav einigermassen sicher. Dennoch lebt er mit ständiger Vorsicht. Eine illegale Hausdurchsuchung unter Beteiligung des Inlandgeheimdienstes, bei der alle elektronischen Geräte beschlagnahmt und nicht zurückerstattet wurden, obwohl keine Anklage erhoben werden konnte, haben er sowie seine Angehörigen schon erlebt, und es können weitere folgen.

Bei Zachar Sarapulov/Цахарь Сарапулов war es eine staatliche Jubelfeier zum Anschluss der Krim, die er als Einzelgänger mit dem Hissen der ukrainischen Flagge beantwortete, ausgerechnet am Turm der Moskauer Eliteuniversität MGU, diesem gigantischen Wahrzeichen des Stalinismus. Dabei hatte er keine persönlichen Bindungen an die Ukraine. Die sofortige Verhaftung beendete sein Studium, da er sich weigerte, «Informant» zu werden. Aber dies eröffnete seinen persönlichen Weg zur Aufgabe, die in der Verfassung vorgesehenen demokratischen Rechte lokal zu verteidigen und vom Staat gedeckte Verstösse gegen die ökologische Gesetzgebung in der Region Irkutsk aufzudecken. Bei diesen wirken in der Regel Mitglieder des Staatsapparats und mafiöse Unternehmer in einem mächtigen Filz zusammen. In der Region Irkutsk betrifft das oft den illegalen Holzschlag, von dem z. B. auch IKEA durch Spenden an die Regierungspartei profitiert. Nicht nur ein gewaltfreier Strafvollzug, sondern auch eine ökologische Zukunft ist offensichtlich nicht möglich, ohne dass Aussenseiter auf den Rechtsstaat pochen.

Seit alle Mitarbeit in den mit Navalny verbundenen Organisationen strafrechtlich verfolgt wird, bedient sich Zachar seines persönlichen Telegram-Kanals: «Irkutsk Insider/Иркутский Инсайдер». Aktuell sind die Wahlen sein Hauptthema, täglich neue illegale Behinderungen der Opposition wie beispielsweise Blockierungen von Websites, oder Anordnung an die Internetsuchdienste, gewisse Suchergebnisse nicht anzuzeigen, oder das Bestrafen von Aktivisten mit neun Tagen Arrest, wenn sie einsam mit einem selbst gemachten Plakat gegen die Staatspartei Wache halten. Auch eine trotz Behinderungen mögliche Unterstützung des «klugen Abstimmens» gehört zu den aktuellen Aufgaben des Kanals: Auf noch nicht gesperrten Wegen wird den Wählern im letzten Moment der aussichtsreichste Kandidat aus der zersplitterten Opposition mitgeteilt.

Was sind russische, was sind westliche Werte?

Ich kann nicht nachvollziehen, dass die Ideale Svjatoslavs und Zachars als importierte Ideale einzuordnen seien, die den russischen Menschen fremd sein sollen. Der angebliche Geisteskampf zwischen einheimischen und ausländischen Werten war in Wirklichkeit schon immer eine Auseinandersetzung unter russischen Menschen mit ihren individuellen Werten. Die beiden setzen eine Jahrhunderte alte russische Tradition fort: Starke Individualitäten treten in einen fast aussichtslosen Konflikt mit der Macht. Sie sind nicht veranlagt, Karriere im Apparat zu machen oder Oppositionsparteien zu gründen und sie entsprechen nicht dem Persönlichkeitsprofil von russischen Politikern. Es gab sie im Zarenreich seit Anfang des 19. Jahrhunderts und es sind die Dissidenten in der späten Sowjetunion – immer ohne die Unterstützung einer Mehrheit, immer mit schweren persönlichen Nachteilen konfrontiert und von der Macht als «ausländische Agenten» eingestuft, oft nach Sibirien oder in die Emigration gedrängt. Immer spielte ein menschlich empfundener Begriff des Rechts, untrennbar von der Menschenwürde, bei ihrer «Erweckung» eine entscheidende Rolle – in einem Staat, der seine Macht immer über dem Recht stehend verstand. 

Es sei an Lev Tolstoj erinnert, der als urbildlicher Einzelgänger 1895 dem Zaren das Manifest entgegenhielt «Patriotismus oder Frieden», dessen Gedankengang zur Entscheidung führt: «Patriotismus oder Christus». Weder Tolstojs noch Dostojevskijs Christus, auch nicht der Christus, der in wahrhaft russischer Tradition im Ostergruss immer noch aufersteht, hat etwas zu tun mit dem Christus, der im «Tempel der russischen Streitkräfte/ХВСР», den der Patriarch im Beisein von Putin 2020 einweihte, in seiner dämonischen Verzerrung als Herr eines heidnischen Waffen- und Heldenkults aufersteht. Auch die vielen Menschen – Frauen und Männer jeden Alters –, die täglich ganz uneuropäisch in den vielen neu eröffneten Kirchen und Klöstern bei den Ikonen und in den Gesängen Kraft suchen, unterwerfen sich damit keineswegs dem Patriarchen, der Stalin als «Führer, der am Ursprung der Wiedergeburt des Landes stand» gelten lässt , sondern erneuern ihr unzerstörbares Wissen, dass es in Wahrheit eine geistige Welt gibt, fern von Theologie und Hierarchie. 

Wenn man bedenkt, mit welcher traumatisierenden Grausamkeit die Kollektivierung erzwungen werden musste, erscheint es zynisch von der Staatsmacht zu behaupten, wahre Russen würden den Wert des Kollektiven in sich tragen. Der Massenmensch, der so gerne von der Sowjetelite inszeniert wurde – fortgesetzt von Putin in seinem wichtigsten Jahresfest, der Siegesparade – bewährte sich nicht als Ideal russischer Menschen. Russland ist nicht China. 

Die Geschichte wie meine persönlichen Begegnungen zeigen aber, dass tatsächlich in Russland ein auffallender Wert des Gemeinschaftlichen lebt, der andere Züge hat als das soziale Denken und Empfinden im Westen. Von vielen Russen wurden und werden seine Wurzeln keineswegs in der russischen Staatlichkeit gesucht, sondern in der Obschtschina/община, der alten Dorfgemeinschaft, die sich fortsetze darin, dass auch heute das eigentliche Leben gern gemeinschaftlich am Staat vorbei organisiert wird. 

Der Staat ist in der Alltagserfahrung der meisten Russen gerade nicht «Gemeinschaft», die man patriotisch liebt, sondern in erster Linie bürokratischer Apparat, gegen den zwar nur sehr wenige offen opponieren. Aber sehr viele entziehen sich still dessen Lebensfremdheit und selbstverständlicher Korruption. Der Beamtenapparat demonstriert den Bürgern das Gegenteil der von Putin deklarierten Werte: Achtungslosigkeit gegenüber dem Untertan anstatt Dienst am Bürger. Überraschend opponiert man auch durch Verweigerung von Maskentragen und Impfen. Sowohl die Bürokratie wie die «Symphonia» von Staatsmacht und Kirchenmacht sind kaum Repräsentanten «russischer geistig-sittlicher Ideale», sie lassen sich überzeugender als byzantinisches, wohl auch deutsches und mongolisches Erbe deuten. 

Als Roter Faden durchzieht die russische Geschichte ein Getrenntsein von Macht einerseits und volkstümlichem oder individuellem Leben anderseits. Dieses Getrenntsein ist nicht Putins Schuld. Tragisch ist aber sein verzweifelter Versuch, die Zukunft ausschliesslich auf die Nostalgie der Macht zu bauen. Seine staatstragende Idee verliert sich unlösbar in Widersprüchen und Unwahrhaftigkeiten, wenn die Sowjetnostalgie – inklusive Würdigung Stalins als grossem Patrioten – mit Zarennostalgie und Christentum verschmelzen soll. Ein Spitzenplatz in der globalisierten Internetzivilisation ist nicht vereinbar mit Theokratie und gütigem Landesvater, der an alle Schäfchen ein bisschen Sozialleistungen verteilt. «Moralische Führerschaft», die Putin für Russland anstrebt, ist mit diesem Rezept nicht zu erreichen.

Diese historische Unterscheidung von Staatsmacht und Bevölkerung ist nicht einfach eine Taktik zur Spaltung des Landes, sondern zunächst nur die Anerkennung einer Tatsache, die sich an den Wahlergebnissen nicht ablesen lässt, dafür eine alltägliche Erfahrung sein kann.  Das erfordert eine sehr differenzierte Russlandpolitik von Seiten Europas.

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1 In diesem Beitrag wird nicht unterschieden zwischen russländisch (rossijskij/российский) und russisch (: russkij/русский), wie dies in wissenschaftlichen Texten über Russland gemacht wird.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

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Der Umgang mit Putins Russland

Russland zwischen Europa, USA und China. Berechtigte Kritik und viele Vorurteile.

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8 Meinungen

  • am 18.09.2021 um 12:19 Uhr
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    Anfangs erhoffte ich mir ein Gegenüberstellung russischer und «westlichen» Lebens-Weisen
    insbesondere im Vergleich / in einer Konkurrenz von Putins Russland und Amerika.
    Damit ich selbst «besser im Vergleichen» werden kann.

    Totalst Nada ! Wie schade !

    Was zu lesen blieb war ein Rückblick über russische Grausamkeiten. – Erstens über die Zeit vergangener Jahrhunderte. Zweitens über die Putin-Zeit.

    Der Putin-Schelte stimme ich des-wegen und so lange nur unter Vorbehalt zu,
    so lange niemand fähig ist, beweiskräftig darzustellen, ob und wie Putin
    den Übergang vom «alten Regierungs-Sytem»
    in eine bessere Zukunft -für den einzelnen russischen Bürger-
    viel «eleganter» und «menschenfreundlicher» hätte schaffen können,

    ohne das «das ganze System» endgültig und komplett aus dem Ruder läuft,
    wie bei Goratschov und Jelzin bereits «angestartet».

    Nichts ist leichter als «de-struktive» , nur «schlecht machende» Kritik — auch wenn diese wahr und berechtigt ist-

    aber JEDER intelligente Mensch, der andere kritisiert, MUSS auch w e n i g s t e n s a n d e u t e n , was/weshalb/wann/wie hätte besser gemacht werden können !

    ODER sollte schweigen, weil er sonst anderen Menschen fast nur die Zeit stiehlt !

    Wolfgang Gerlach
    scheinbar.org

    3
  • am 18.09.2021 um 12:32 Uhr
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    Lieber Peter,
    ich war – wie du – Lehrer (geb. 1945); ich habe deinen Text geradezu verschlungen. Ausser im «Infosperber» kann man ja nirgends eine scheuklappenlose Berichterstattung über die «bösen Russen» erwarten. Du gehst «bigoscht nöd» mit geschlossenen Augen regelmässig in das Land, dessen Sprache du sprichst und nach deinem Artikel zu schliessen, dessen Bewohner du offensichtlich in dein Herz geschlossen hast. Ich reise aus verschiedenen Gründen nicht mehr ins Ausland. Im letzten Herbst hatte ich noch als letzte Auslandreise einen Besuch bei meinem Freund Erhard Bellermann (Jhg. 37) vorgesehen – nach meiner Einschätzung der beste Aphoristiker deutscher Sprache, der je in meiner Muttersprache so knapp, so treffend, oft so hintergründig und auch schalkhaft, die bei ihm oft einen neuen Sinn bekommen geschrieben hat. Der Weltenherrscher Covid hat mein damaliges Treffen mit meinem Freund, den ich lediglich durch 12 seiner Aphorismenbüchlein und durch viele Mails kennen gelernt habe, verhindert. Wenn du Lust hast und mir deine Mail-Adresse schickst (josyg@hispeed.ch), schicke ich dir eine Serie seiner Sprüche.
    Zurück zu deinem Russlandbericht. Ich danke dir für deine kritische Offen- und Unvoreingenommenheit. Ich würde es sehr begrüssen, wenn du uns «Minsperbern» Texte von menschlichen Begegnungen mit den uns unbekannten Menschen in Russland, die sich ganz sicher immer wieder über den Besuch eines solchen vorurteilsfreien Freundes freuen. Wenn es doch viele Peter Lüthis gäbe!

    3
  • am 18.09.2021 um 12:48 Uhr
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    Besten Dank, Herr Lüthi. Sehr informativ, da nicht einfach copy-paste. Und mal ein Gegengewicht zu den Beiträgen von Christian Müller über Russland, die einem hin und wieder die Haare zu Berge stehen lassen.

    10
  • am 18.09.2021 um 13:34 Uhr
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    Ich finde keine Analyse, warum es so ist wie es ist, denn alles hat Ursachen, und andererseits, weil es auf eine gewisse Weise, einfach anders strukturiert und eingefärbt, im Westen oft nicht anders war, und zum Teil heute noch ist. Der Westen hatte mehr Zeit, sich zu entwickeln und immer wieder neu zu strukturieren, Russland fängt erst damit an. An der blutigen Vergangenheit Russlands ist der Westen nicht unbeteiligt. Woher kamen Lenin, Marx und andere, und woher bekamen sie ihre Gelder, um aus dem einstigen Zarenreich eine experimentelle politische Fläche zu machen durch Propaganda, vermeintlicher Aufklärung und induziertem Massenmord? Das es im russischen Volk widerstände gibt, welche die Staatsmacht als Übel der Vergangenheit ansehen, ohne die Geschichte zu berücksichtigen und ohne zu differenzieren, scheint beim Staat selbst Sicherheitsmechanismen zu gebären, welche dem ein Gegengewicht entgegen stellen. Aufklärung und Bildung brauchen Zeit, bis dahin magst ruhig sein, lieb Vaterland. Missbrauch von Macht nehmen mit der Grösse eines Staatsapparates oft zu. Der Westen leidet selbst darunter, nebst einer gewissen Arroganz, sich selbst als Masstab aller Dinge zu betrachten. Wie war es bei uns, wenn wir in der Zeit zurück gehen? Auch hier sehen wir das altbekannte Muster der Welt: Die Unfähigkeit zu erkennen, dass die Gewalt jenseits von Notwehr, das grösste Übel und Hindernis von Entwicklung ist. Der Westen ist da leider nicht besser.

    1
  • am 19.09.2021 um 18:31 Uhr
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    Ich lese eben Thomas Röpers Buch «Vladimir Putin». Was da Putin sagt, scheint mir jedenfalls vernünftiger und mehr dem ganzen Volk verpflichtet als was ich von den westlichen Politikern zu hören bekomme. Alles nur geschickte Propaganda? In welchem Land unterstützen denn die Politiker die hehren westlichen Werte? In der Schweiz sehe ich aktuell jedenfalls sehr wenig davon, hingegen massive Manipulation und Ausgrenzung. Dass Putin den zerstörerischen Neokapitalismus bremst, rechne ich ihm hoch an. Jedenfalls scheint es dem Volk seit Putin viel besser zu gehen, während unter der – von der USA unterstützten Jelzin-Herrschaft – die Oligarchen gross wurden. Und angesichts der bellizistischen Haltung der USA und seiner Verbündeten ist es wohl kaum erstaunlich, wenn auch Russland aufrüstet. Wenn Sie alte Geschichten bemühen wollen, kommt wohl der westliche Kolonialismus schlechter weg. Ich unterstütze ganz Herrn Gerlach: was hätten Sie denn im Grossen besser gemacht?

    2
  • am 20.09.2021 um 12:58 Uhr
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    Hallo,
    lese eben diesen Artikel, bin gerade in Russland, 58 Jahre und DDR-sozialisiert.
    Was ich hier erfahre unterscheidet sich in so manchem und tw. sehr von dem was von ‹unseren guten›, will sagen westlichen Politikern und den Medien zu hören/sehen ist. Das fing mit dem Flughafen Pulkowo (St. Petersburg) an. Ähnlich modern wie der Stolz von uns Deutschen, der BER sieht Pulkowo in meinen Augen wesentlich gefälliger aus als der sehr trist wirkende BER.
    Die U-Bahn/Metro dort erlebe ich als sehr preiswert (55Rbl/Trip, ca 70ct, ohne Fahrplan auskommend, was aufgrund der Taktzeiten von Minuten auch keinerlei Problem ist. Denke ich hingegen an Berlin ….
    Ich versuche mit vielen Menschen in Kontakt zu kommen, was am ehesten mit den unter 35jährigen gelingt.
    Das Verhältnis zum Westen, Putin, Navalni, aber auch das tägliche Leben und die Zukunft sind Themen, über die ich mittlerweile mit ca. 20 Menschen hier sprechen konnte.
    Aber auch über russische Geschichte, und hier zeigt sich, daß es damit meist nicht so weit her ist.
    Keine Frage, das Land hat harte Zeiten durchleben müssen, sowohl Stalin und den Überfall durch die Deutschen, aber eben auch die Leibeigenschaftund Verbannung unter den Zaren.
    Was ich erlebe ist ein tolles Land mit lebendigen Menschen worüber im Westen überwiegend nicht korrekt, ja feindlich berichtet wird.
    Ich kann nur empfehlen zB mal ans Schwarze Meer zu kommen wo ich gerade am Strand sitze und inmitten des tobenden Meeres und des Leben ein Bier geniese …

    0
  • am 20.09.2021 um 15:35 Uhr
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    Präsident Putin setzt westlichen Werten die russischen Werte entgegen, welche die Staatsmacht zu verteidigen habe.

    Ja nur sieht dies das Volk noch etwas anders. Was man so zu lesen kriegt aus der RF, zeigt eher auf ein neues Erwachen von Soviet-Zeiten hin….

    3
  • am 22.09.2021 um 17:04 Uhr
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    Ein so langer Text zu ausländischer Einmischung in Russland, und nicht einmal wird das NED (National Endowment for Democracy, ein bezahlter Arm des US Kongress um andere Staaten zu destabilisieren) erwähnt. Ich glaube durchaus dass die einzelnen Idealisten das gut meinen, aber werden sie etwa nicht von den USA finanziert? Und glaubt irgend jemand es gehe einem staatlich finanzierten Organ der USA um eine bessere Welt?

    1

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