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Nach "Postdemokratie" ein neues, sehr lesenswertes Buch von Colin Crouch © Suhrkamp

Der neue Colin Crouch – ein "Must"

Christian Müller /  Ein Buch zur Zeitgeschichte. Ein Nachschlagewerk. Eine akribische Analyse. Und - für Freiwillige - eine Anleitung zum Handeln.

Er eigne sich nicht zum Star für Studenten, stand in der «Zeit» zu lesen. Und in der Tat: Wo Andere den Weg zum Erfolg über die Vereinfachung und die Zuspitzung suchen, analysiert der Politikwissenschafter Colin Crouch, emeritierter Professor an der Universität Warwick, die Situation vorbehaltlos und akribisch. Nicht, um billige Aha-Effekte zu erreichen. Nicht, um zu beweisen, was seine grosse These ist. Ein Brite halt, kein Amerikaner. Einer, der keinen Bestseller landen wollte, sondern einer, der zum besseren Verständnis der gegenwärtigen Situation unserer globalisierten Welt einen Beitrag leisten will.

Sinnsuche statt Schlagwörter

Crouch hantiert nicht mit plakativen Schlagwörtern. Im Gegenteil. Er hinterfragt die Wörter, sucht deren Bedeutung, beobachtet deren Sinnwandel im Lauf der Zeit. Was heisst «liberal» – im Englischen, im Deutschen? Oder was ist die Zivilgesellschaft – damals, im Florenz des 16. Jahrhunderts, die societas civilis, und heute, die civil society, die Bürgerinitiative?

Der Markt und die Marktversagen

Vor allem aber: Was ist der Markt? Und welches sind die Marktversagen? Der Reihe nach, systematisch, detailliert. Selbst wer Krugmann, Stiglitz, Flassbeck, oder auch Naomi Klein, Michael Lewis und wie sie alle heissen, auch schon gelesen hat: die Lektüre von Colin Crouch ist erhellend, seine differenzierten Darstellungen machen Vieles verständlich, zeigen unbeachtete Zusammenhänge auf und legen Paradoxien offen.

Und all das auf weniger als 250 Seiten. Schon sein letztes – grosses! – Buch, die «Postdemokratie», hatte keine 200 Seiten. Kein Wort zu viel, und keines zu wenig. Crouch schildert in seinem neuen Buch zuerst den Aufstieg des Neoliberalismus, wie es dazu kam, was der eigentliche Unterschied zum (normalen) Liberalismus ist. Und er beschreibt, wie die Chicagoer These, allein der gesamtwirtschaftliche Nettogewinn sei massgebend für die Wohlstandsmehrung, zur Vormachtstellung der internationalen Konzerne geführt hat – unter Vernachlässigung der ganz anderen, jetzt viel einseitigeren Verteilung der Gewinne. Crouch analysiert die engen Interdependenzen von Staat und Wirtschaft. Er widmet ein längeres Kapitel dem «neoliberalen Keynesianismus», der Privatverschuldung statt Staatsverschuldung. Und er untersucht die Auswirkungen des Lobbyismus und der «Corporate Social Responsibility», bei der die Unternehmen selber entscheiden, in welchen Punkten sie «sozialverantwortlich» sein wollen – und in welchen eben nicht.

What’s left of what’s right?

What’s left of what’s right? Die Mehrdeutigkeit dieser Frage (»Was ist links von was rechts ist?» bis «Was ist übriggeblieben von was richtig ist?») gibt Colin Crouch Gelegenheit zu einigen grundsätzlichen Gedanken zur gegenwärigen politischen und wirtschaftlichen Situation, so wie er im ganzen Buch eben konsequent diese beiden Bereiche im Auge hat, die Verflechtungen von Politik und Wirtschaft, ihre gegenseitigen Abhängigkeiten.

Colin Crouch ist der mehrsprachige, der gebildete, höchst belesene Gelehrte einerseits, der genaue Beobachter und Chronist der äusseren Realitäten andererseits, und er ist der – im Auftritt bescheidene – Intellektuelle, der versucht, aus seinen Erkenntnissen Schlüsse zu ziehen, wie ein gangbarer Weg in die Zukunft aussehen könnte.

Nicht nur für Wissenschafter

Das Buch ist ein Muss für alle politisch und wirtschaftlich Interessierten, vorab für die Politiker und Politikerinnen selber. Aber auch für die Journalisten, deren Berufsethos des Transparenz-Schaffens – auch diese Beobachtung findet sich in Colin Crouchs Buch – unter dem profitorientierten Einfluss des Neoliberalismus weitestgehend verlorengegangen ist und durch den heutigen Boulevard-Journalismus ersetzt wurde.

Geeignet ist das Buch schliesslich auch für die vielen stillen und verständlicherweise besorgten Beobachter der gegenwärtigen Finanz-, Wirtschafts- und Polit-Krisen: zu deren tieferem Verständnis – und ein wenig auch zur Rückgewinnung der Hoffnung auf «bessere» Zeiten.

Angaben zum Buch:

Colin Crouch: The Strange Non-Death of Neoliberalism, Polity Press, Cambridge.
Deutsch: Colin Crouch: Das befremdliche Überleben des Neoliberalismus. Suhrkamp Paperback-Ausgabe 2011, ca. CHF 27.45


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine

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Eine Meinung zu

  • am 4.02.2012 um 14:13 Uhr
    Permalink

    Ich habe das Buch gekauft und gelesen und empfehle es wärmstens weiter. Es ist realistisch, klug, gut geschrieben und auch dem Laien verständlich.

    0

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