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Plaza Independencia im Zentrum von Montevideo: Uruguay gilt zusammen mit Costa Rica seit langem als demokratisches Vorbild für Lateinamerika. © cc

Süd- und Mittelamerika: Was in vielen unserer Medien unterging

Red. /  Romeo Rey, früher Lateinamerika-Korrespondent von Tages-Anzeiger und Frankfurter Rundschau, fasst die jüngste Entwicklung zusammen.

Romeo Rey
Romeo Rey

Das jüngste Material, das den lateinamerikanischen Erdteil betrifft, dreht sich mehrheitlich um die Staaten Zentralamerikas. In Costa Rica hat Anfang April die Stichwahl zur Erkürung des neuen Präsidenten stattgefunden. Gewonnen hat der 60-jährige Konservative Rodrigo Chaves mit 53 Prozent der Stimmen, womit das kleine Land am Isthmus seiner seit 1949 für regionale Verhältnisse mustergültigen Tradition ruhiger und geordneter Machtwechsel einmal mehr treu bleibt. Die beiliegende Analyse von BBC News Mundo geht als eine der ganz wenigen, die aus diesem Anlass (unmittelbar vor dem Urnengang) verfasst wurde, ein bisschen in die Tiefe. Sie zeigt, dass häufiges Hin und Her zwischen gemässigt linker Reformpolitik einerseits und Ausschlägen des Pendels in Richtung auf einen wirtschaftlich liberalen, aber ebenfalls moderaten Kurs nicht zwangsläufig Verwirrung stiften muss, wie das – freilich mit anderen Merkmalen (Populismus versus Neoliberalismus) – seit vielen Jahrzehnten in Argentinien der Fall ist.

Zwar hat auch Costa Rica zusehends mit Problemen zu kämpfen, die praktisch den gesamten Subkontinent kennzeichnen. Doch im Vergleich dazu kommen sie in den übrigen Staaten Zentralamerikas mittlerweile echter Sisyphusarbeit gleich. In Honduras zum Beispiel. Dort wiegen alle genannten Mängel und Knacknüsse noch viel schwerer. Man kann es wohl nur als Glücksfall bezeichnen, dass die Neuwahlen relativ schmerzlos über die Bühne gegangen sind, obschon Gewalttätigkeit und soziales Elend in jüngerer Zeit doch dramatische Ausmasse erreichten. Ein entscheidender Umstand, dass diese Bombe (noch) nicht hochgegangen ist, dürfte gewesen sein, dass sich Washington von seiner bisherigen Linie, konservative Regime zu unterstützen, angesichts der Fäulnis im honduranischen Staat entfernen musste. Insbesondere die Tatsache, dass der Rauschgifthandel seine Tentakel bis ins Präsidentenamt ausgestreckt hatte, liess den USA keine andere Wahl mehr offen. In diesem Dilemma musste die Schutzmacht die Kröte schlucken, dass mit Xiomara Castro eine Frau mit linksgerichteten Absichten den Sieg errang – die Gattin desselben Politikers, der 2009 mit US-amerikanischer Unterstützung gestürzt worden war.

Ähnlich gravierend, wenn auch aus ganz anderen Gründen, ist die Lage in El Salvador. Dort regiert seit drei Jahren Nayib Bukele – und er tut es mit eigenwilligen und riskanten Rezepten. Nachdem die lokale Währung, der Colón, schon vor seinem Wahlsieg ausgedient hatte und durch den US-Dollar ersetzt worden war, schien das Vertrauen und die Nützlichkeit auch im Falle des Greenback bald einmal erschöpft zu sein. Jedenfalls fasste der Staatschef den Beschluss, dem Dollar die Kryptowährung Bitcoin als vermeintlich noch besseres Zahlungsmittel zur Seite zu stellen. Damit konnte sich der Internationale Währungsfonds nun nicht abfinden und forderte die Regierung in San Salvador ultimativ auf, von diesem Abenteuer abzulassen. Auch der weltweite Absturz des Bitcoin konnte den Präsidenten bisher aber nicht vom Kurs abbringen.

Mexikos Präsident Andrés Manuel López Obrador ist seit Ende 2018 im Amt. Obwohl sein Reformprogramm gemässigter und realistischer wirkt als dasjenige Bukeles, stösst auch er auf Widerstand. Zwar wurde er im April etwa bei Halbzeit seines sechsjährigen Mandats mittels Referendum als Staatschef vom Volk bestätigt. Doch seine Tätigkeit als solcher scheint schleppend. Was nicht nur ihm zuzuschreiben ist, sondern auch der schwerfälligen Mechanik der Beschlussfassung im mexikanischen Staatswesen. Als Beispiel mag der Konflikt um eine teilweise Verstaatlichung des Energiesektors dienen. Umso erfreulicher ist, dass die Stärkung der Rechte indigener Gruppen allmählich konkrete Formen annimmt, wie die Reportage aus dem Infosperber über Ansätze zu mehr Demokratie und Umweltbewusstsein suggeriert.

Aus Bolivien erreicht uns ein Blog, der in der «taz» erschienen ist und den Problemkreis von wirtschaftlicher Tätigkeit und Umweltschutz in den Tropen an einem konkreten Beispiel ausführlich beschreibt. Dieser Versuch, das komplexe Thema sachlich anzugehen, verdient unsere Aufmerksamkeit. Wie erinnerlich, schliesst es an einen anderen Fall in ähnlicher Umgebung an, wobei die Integrität der Regierung Morales ebenfalls in Frage gestellt wurde.

Dass der Bedarf nach einer neuen Verfassung in Chile gross ist, steht für die überwiegende Mehrheit des 19-Millionen-Landes am Pazifik ausser Zweifel. Wer das neue Grundgesetz schreiben soll, ist ebenfalls auf demokratische Weise entschieden worden. Nach einjähriger Arbeit der Constituyente, also der Verfassunggebenden Versammlung, sollte das Ergebnis in provisorischer Version der Öffentlichkeit demnächst vorgelegt werden. Diese Zwischenbilanz aus linker Quelle lässt mehr Ernüchterung als Euphorie erkennen.

Das kleine Uruguay – 3,5 Millionen Einwohner in einem Land, das gut viermal grösser als die Schweiz ist – gilt zusammen mit Costa Rica seit langem als demokratisches Vorbild für Lateinamerika. Seit zwei Jahren regiert Luis Alberto Lacalle, Sohn eines gleichnamigen Präsidenten, mit der konservativen Nationalpartei in Montevideo. Auch hier werden die politischen Wechsel mit Gelassenheit vollzogen – neuer Zuversicht bei den Einen und natürlicher Resignation bei den Anderen, stets aber ohne Ausbrüche von Fanatismus und Hass. Beredte Beispiele dieser Art von Verfassungsmässigkeit werden im Text aus der Feder einer argentinischen Soziologin genannt, die solche Zustände offensichtlich für ihr eigenes Land wünscht, das jenseits des La Plata Deltas in Sichtweite liegt – jedoch kaum jemals nachgeahmt werden.

Eine überraschende Wende scheint sich in Venezuela anzukündigen. Dreimal raten, was dahinter steckt? Natürlich Erdöl.

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Cover_Rey_Lateinamerika
Romeo Rey, Die Geschichte Lateinamerikas vom 20. Jahrhundert bis zur Gegenwart,
284 Seiten, C.H.Beck 2015, CHF 22.30

Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Der Autor war 33 Jahre lang Korrespondent in Südamerika, unter anderem für den Tages-Anzeiger.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

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Eine Meinung zu

  • am 1.06.2022 um 17:57 Uhr
    Permalink

    Die Sanktionen gegen Russland haben schwere wirtschaftliche Folgen für Lateinamerika. Dazu sind viele konkrete Meldungen vorhanden, auf die im Sperber leider nicht eingegangen wird.
    Die Vereinigten Staaten riskieren, von der ganzen amerikanischen Gemeinschaft auf eine schwarze Liste gesetzt zu werden. Es werden zunehmend Forderungen laut, die von den USA dominierte Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) abzuschaffen, und sie durch eine inklusivere Organisation zu ersetzen. Einige Länder, darunter Mexiko, fordern eine regionale Organisation, die unabhängig ist von den USA.
    Bolivarianische Allianz ALBA verurteilt die Diskriminierung lateinamerikanischer Staaten durch USA.

    Mit freundlichen Grüßen

    Kurt Wolfgang Ringel

    0

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