Sprachlust: «Schweizerdeutsche» fürs Büro gesucht

Daniel Goldstein © Grietje Mesman

Daniel Goldstein /  Deutschschweizer mögen ein eigenes Völklein sein, ein Volk lieber nicht. Ein Inserat und ein Buch scheinen das anders zu sehen.

«Muttersprache: schweizerdeutsch» – diese Anforderung stand neulich in einem Stellen­inserat. Das wird man so verstehen müssen, dass sich nur bewerben solle, wer mit einer Deutschschweizer Mutter gesegnet ist oder in der frühen Kindheit sonst jemanden als nächste Bezugsperson hatte, der Schweizerdeutsch redete, einen stark präsenten Vater vielleicht. Ausserhalb des Sprachgebiets oder in einer sprachlich gemischten Familie aufzuwachsen, wäre demnach noch kein Ausschlussgrund. Wohl aber, wenn jemand zwar hier aufgewachsen wäre und perfekt Schweizerdeutsch gelernt, aber zuhause als Erstsprache etwas anderes mitbekommen hätte – sei es Deutsch in hochdeutscher Form, eine andere Schweizer Sprache oder eine ausländische.
Es sieht ganz danach aus, als hätte der Betrieb jemanden mit Deutschschweizer Stallgeruch gesucht, aber so kann man das ja nicht in ein Inserat schreiben. Jedenfalls geht aus dem Stellenbeschrieb nicht hervor, dass die Arbeit eine mit der Muttermilch eingesogene Perfektion im Schweizerdeutschen verlange. Vielmehr soll da jemand frisch ab Handelsschule in allen kaufmännischen Bereichen ausgebildet werden. Dass dies den Lehrmeistern auf Schweizerdeutsch leichter fällt als auf Hochdeutsch, glaubt man gern, obwohl Letzteres ja ebenfalls zu so einer Ausbildung gehören würde. Damit hätte man auch den Einstieg ins Inserat anders formuliert als (in der männlichen Variante) so: «Wir suchen ein Büropraktikant.»
Verstanden, ohne Standard
Ginge es um die Verständigung im Betrieb oder mit Kunden, so müsste man sich fragen, welches Schweizerdeutsch denn genehm wäre: Jenes aus dem Oberwallis würde wohl mehr praktische Probleme bereiten als, sagen wir, Liechtensteinisch. Ein normiertes Schweizerdeutsch, wie es eine «Schwizer Schproch-Biwegig» in den Dreissigerjahren auch für den schriftlichen Gebrauch einführen wollte, gibt es ja zum Glück nicht. Sonst hätten wir den leichten Zugang zum gesamten deutschen Sprachraum eingebüsst und nicht zuletzt auch den Miteidgenossen anderer Zunge zugemutet, statt Deutsch ein kleinräumiges Standard-Schweizerdeutsch zu lernen.
Dass das gesprochene Deutsch auf beiden Seiten des Rheins ähnlich klingt und dass es in einem (fast) gleichen Standard geschrieben wird, sind für den Sprachwissenschaftler Ulrich Ammon die Gründe, Schweizerdeutsch nicht als eigene Sprache einzustufen, sondern eben als Dialekt, genauer als Sammelbegriff für eine Vielfalt von Dialekten. Er tut dies im monumentalen Werk «Die Stellung der deutschen Sprache in der Welt» (De Gruyter, 2015). Es geht ihm dabei nicht um eine Herabsetzung der Dialekte, sondern um ihre Gemeinsamkeiten und sogar um die Vielfalt im gemeinsamen Sprachstandard: Ammon ist Mitautor des «Variantenwörterbuchs des Deutschen», das namentlich schweizerischem und österreichischem Wortgebrauch breiten Raum gibt.
(Schweizer-)Deutsche Ethnie?
Folgerichtig stellt sich der Autor der verbreiteten Ansicht entgegen, Hochdeutsch sei für Deutschschweizer eine Fremdsprache. Zwar zeigt er Verständnis fürs Bedürfnis, sich von Deutschland abzugrenzen, nicht aber für die Abneigung oder gar Weigerung mancher «Schweizerdeutschen» (sic!), mit Deutschen oder Anderssprachigen Hochdeutsch zu sprechen. So weit, so richtig, nur postuliert Ammon auch eine «deutsche Ethnie», unter anderem gegründet auf den «Glauben an eine gemeinsame Sprache». Als Beleg dient ihm sogar ein anekdotischer Bericht, «Romans» (sic!) bezeichneten mitunter Deutschschweizer als «Allemands», «was sich ja nur im ethnischen Sinn verstehen lässt». Ein Fehlschluss, wie Rückfragen bei seiner Zürcher Quelle und bei Romands zeigen: Wenn überhaupt, wird «Allemands» statt «Alémaniques» als kleine Boshaftigkeit gesagt, ohne ernstgemeinte ethnische Zuordnung. Das Stelleninserat, so wollen wir hoffen, hatte ebenfalls keine ethnischen, diesmal «schweizerdeutschen» Hintergedanken.
— Zum Infosperber-Dossier «Sprachlust»


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Der Autor ist Redaktor der Zeitschrift «Sprachspiegel» und schreibt für die Zeitung «Der Bund» die Kolumne «Sprachlupe», die auch auf Infosperber zu lesen ist. Er betreibt die Website Sprachlust.ch.

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Portrait_Daniel_Goldstein_2016

Sprachlupe: Alle Beiträge

Daniel Goldstein zeigt, wie Worte provozieren, irreführen, verharmlosen – oder unbedacht verwendet werden.

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8 Meinungen

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    am 5.04.2016 um 10:25 Uhr
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    All unsere unzähligen, sog. «Dialekte» (weil die Welschen es nicht hinterfragen und diese so benamsen, anstelle von «Parlers originels», sind 1500 j. Urmuttersprachen, 1000 J. älter als «unser» Lutherdeutsch, das unsere 3 Obrigkeiten mit 250 J. absicht-licher Verzögerung erst ab den 1820ern > Basel 1838 < allgemein-grundschulpflichtig einführten, weshalb sich «Hoch-"Deutsch nicht mehr in den DCHer Hirnen als Schrift-Muttersprache verankert konnte. Das ist der wahre Grund unseres Schriftschlamas-sels, das die Welschen eben für sich nicht kennen, weil ihnen die Neppi-Besetzung 1798-1814 Schriftsprache in der Grundschule einbläute ! die DCHer ab nie einen «gütigen Kultur-Diktator» hatten, der ihnen Schriftsprache vorgeschrieben hätte, wie das in der umliegenden, hochzivilisierten Welt (D/A) der Fall war und dabei auch so Geistesblitze wie Goethe/Schiller; Bach, Mozart v.a. dank fürstlichen Förderern hervorbrachte, die die Schweiz eben bis heute nie hatte! Darum sind die deutsch-sprachlich hiesigen Völkerschaften schrift-"wild» bis heute geblieben, natürlich auch wegen politischen Antisympathien gegen D, ab 1849 bis Kulturkampf 1880er Jahre und ganz besonders ab 1916-1945. Danach, ab den 1960ern, hat Yankee-deutsch den Platz von Schriftdeutsch eingenommen, was sich bis 2050 in der neuen 5. indirekten Landes-VERKEHRS-Sprache (D)Englisch auswirken wird. Die DCH ist ein absoluter, hoffnungsloser Sprachfall in Europa, mit 500 Französismen aus dem täglichen Leben & den Anglizismen

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    am 5.04.2016 um 10:47 Uhr
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    Ich bin schon als (auch hier) Autodidakt etwas bewandert in dieser «Materie», wenn ich es ausdeutsche, was ja so auch stets nirgends erwähnt wird, dass echte Deutsch-schweizer nie «Hoch"-, Standard-, Schriftdeutsch untereinander reden, im Unterschied zu allen andern Kulturvölkern, wie z.B. «unsere» EU-schieligen, in deren schöne Schrift-sprache vernarrten, daher sprachlich unerlösten Welschen. Versuche man doch mal dort als s e h r gut französisch sprachlicher DCHer in einer (halb-)staatlichen Verwaltung eine Lebensstelle zu ergattern > Unmöglich! Dann bekommt man eine Ahnung, was in der Stellenanzeige gemeint ist mit «Deutschschweizer Abstammung». Die «Lateiner», besonders die Westschweizer haben eben eingepropften > ein-ge-borenen Schriftsprachstolz, denen ihre eigene Sprache genügt und nicht ständig andere Fremdsprache an-lernen, wie die seit je nach beliebter Schrift-Sprache suchenden Nord-Schweizer, die sie nun endgültig im Englischen gefunden zu hoffen glauben. Das ist der gewaltige, unüberbrückbare Unterschied in dieser selbster-fundenen Willensnation, die mal vor 725 Jahren in rein deutsch(alemannisch) sprachlichen Landen begann und (durch «Bern» verbrochen, weil sie das Waadtland, FR/NE nicht germanisierten, nein, noch schlimmer, noch deren Sprache teilweise in Wortschatz und Doppelsythetik übernahm) seit 1481 (FReiburg) ab den 1970ern immer mehr – auch geistig – verwelschte, weshalb Hochdeutsch in der ganzen CH wirklich bald mal ein Auslaufmodell werden wird !

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    am 5.04.2016 um 11:26 Uhr
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    Und 3. Meinung, weil die ganze Historik der mutterschriftsprach-ver-be-hinderten Deutschschweiz in keinem Geschichts behandelt wird, nein, die Bildung der deutsche Schriftsprache in der Nordschweiz wird einfach als etwas kaum erwähnenswerte Entwicklung abgehandelt, dabei standen die drei Obrigkeiten der weltlichen, geistlichen und sippischen Gewalt in der 2. Hälft des 18. Jhdt. in einem sehr ernsthaften Dilemma, wie das sog. Volk geistig weiterbilden, ohne dass es durch Lesen von Polit-literatur gewitzt, politisch aufmüpfig würde. Nicht umsonst waren die Berner «francophil», hatten sie doch in dieser Sprache ein gut strukturiertes Geheim-idiom gegenüber ihrem Untertanenvolk und….den übrigen Eidgenossen, v.a. Zürich. Und nicht umsonst kamen ihnen diese 1798 kaum zu Hilfe, um ihr verfilztes «Ancien Régime» weiter zu stützen, auch fehlten die so dringend benötigten Reisläufer, auch Basel taugte da nichts. Kurz: Die ganze Schweiz war ein Uebernahmefall, wie gerufen von Frankreich. Die Waadtländer freute es ungemein, die abwehrenden Berner und besonders die wehrhaften, heldenmütigen Stanser und Sittener überhaupt gar nicht. Dabei wurde halt, mangels durchsetzungfähiger allkantonaler Urmuttersprache wohl oder übel das Lutherdeutsch als Schrift-sprache gewählt, viel zu spät, so dass füglich behauptet werden kann, dass die Alphabetisierung der N-CH glänzend gescheitert ist, die heutigen Jungen schreiben ihre SMS in Mundart, reden Denglisch / balkanisch-deutsch, schreiben Englisch.

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    am 5.04.2016 um 16:49 Uhr
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    Es ist doch traurig, dass manche Leute immer noch das Heil der Welt in einer «Entwicklungsdiktatur» oder «Erziehungsdiktatur» sehen, die für die nötige Zentralisierung und Weltzivilisation sorgen soll.
    Da ist mir ein Schweizerdeutsch Sprechender oder ein Schweizerdeutsche-suchender Inserent doch viel lieber. Es lebe der lokale Widerstand!

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    am 13.04.2016 um 21:55 Uhr
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    Über die vielen Fehler bis hin zur unverständlicher Syntax in den drei Beiträgen des gleichen Autors (sonst mahnt doch Herr Gasche stets die Beschränkung auf 1500 Anschläge an?) sieht man hinweg. Wenn aber der Sprachexperte Daniel Goldstein schreibt: «Wir suchen ein Büropraktikant», dann muss ich meinen unwiderruflichen Vorsatz, mich am infosperber-Forum nicht mehr zu beteiligen, leider fahren lassen, weil es mir den Magen umkehrt. Wenn schon über Sprache philosophiert wird, dann wenigstens mit dem hier korrekten Akkusativ: «Wir suchen einen Büropraktikanten."

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    am 13.04.2016 um 21:57 Uhr
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    Korrektur eines Tippfehlers: es muss in der ersten zeile im letzten eintrag natürlich heissen: …bis hin zur unverständlichen Syntax.
    Also, ich löffle mich: Ich sehe den Balken im eigenen Auge….

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    am 13.04.2016 um 22:36 Uhr
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    Lieber Herr Fröhlich, wenn sich Ihr Magen wieder beruhigt hat, lesen Sie bitte den Beitrag mit dem Zitat aus dem Inserat nochmals.

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    am 14.04.2016 um 09:12 Uhr
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    Lieber Herr Goldstein, ich habe die beanstandete Formulierung im Zusammenhang des Textes – trotz Anführungs- und Schlusszeichen – nicht als Zitat interpretiert. Drum habe ich mich doch sehr gewundert, ausgerechnet von IHNEN einen Fallfehler zu lesen. Da es sich also um ein Missverständnis handelt, entschuldige ich mich bei Ihnen in aller Form….
    … und benutze die Gelegenheit, Ihnen hier einmal mehr für die immer spannenden und lehrreichen Beiträge zu danken.

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