Offener Brief ans Nuklearforum

Thomas Angeli © zvg

Thomas Angeli /  Das Nuklearforum, früher «Vereinigung für Atomenergie», zahlt Politikern und ausgewählten Journalisten eine PR-Reise nach London.

« Liebes Nuklearforum
Wenn die Zeiten hart sind, muss man mit den Ressourcen sparsam umgehen. Ich verstehe daher nur allzu gut, dass du für deine nächste Medienreise nicht Kreti und Pleti eingeladen hast. Stattdessen nimmst du nur eine auserlesene Schar Journalistinnen und Journalisten mit, um am 6. und 7. Juli in London britische Parlamentarier zu treffen. Die Lords und Commons sollen dann via Nuklearforums-Reisegrüppchen den Schweizerinnen und Schweizern (und vor allem den Ständeräten, die im Herbst über den Atomausstieg abstimmen werden), die Vorteile erklären, die ein Festhalten an der Atomenergie angeblich haben.
Ganz ehrlich, liebes Nuklearforum: Ich wäre sowieso nicht mitgekommen, selbst wenn du mich eingeladen hättest. Parlamentarier, die daran glauben, dass die Atomenergie eine Zukunft hat, habe ich vor dem 11. März genug gehört und gesehen. Und spätestens nach den Wahlen im Herbst werde ich sie wieder hören und sehen, dessen bin ich mir sicher. Ob die jetzt in Westminster oder im Bundeshaus sitzen – besonders interessant stelle ich mir das Programm nicht vor (ok, ich kenne es mangels Einladung auch nicht).
Da wüsste ich schon ein paar spannendere Reiseziele, liebes Nuklearforum, und wenn du dorthin mal einen Ausflug organisierst, bin ich gerne dabei:
• Attraktiv wäre zum Beispiel das ehemalige Salzbergwerk Asse, wo die Atommüllfässer still vor sich her rosten und die nukleare Brühe steigt und steigt.
• Fast um die Ecke liegt das ehemalige AKW Greifswald. Dort könnte man am strahlenden Objekt betrachten, was es heisst, ein Werk zurückzubauen (und sich mit den Verantwortlichen über die Kosten unterhalten, die marginal über Budget liegen).
• Oder wäre es mal mit einer Reise nach Arlit, im Norden von Niger? Man könnte dort einmal die Arbeits- und Lebensbedingungen in den grossen Uranminen anschauen und ein paar Messungen anstellen. Das wäre doch etwas ganz anderes als mit Parlamentarieren zu konversieren, findest du nicht, liebes Nuklearforum?
• In Musljumovo bei Majak war ich übrigens schon. Wenn du Schweizer Journalistinnen und Journalisten zeigen willst, wie man dort in der kontaminierten Zone lebt, so würdest du, liebes Nuklearforum, sicher auch Dosimeter und Schutzanzug organisieren, oder?
Freundlich grüsst
Thomas Angeli »


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Dieser Betrag stammt vom Blog auf angelisansichten.ch. Dort veröffenticht der Journalist Thomas Angeli Beobachtungen und Meinungen zu Energie- und Umweltthemen.

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2 Meinungen

  • am 18.06.2011 um 20:07 Uhr
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    Super Geschichte! Bravo!

    Nur: Wer aus den Gilden der Parlamentarier und der Journalisten geht mit?

    Das wäre eine interessante Info.

    Und dann noch dies: Was immer die Atom-Industrie mitsamt Lobby jetzt noch macht, sind Rückzugsgefechte. Denn: Es wird in den nächsten 30 bis 40 Jahren nie mehr eine Volksmehrheit für ein neue AKW geben. Was einmal mehr beweist: AKW ist eine zentral gesteuerte Grosstechnologie, die zu «gelenkten» (und geschmierten) Scheindemokratien passt – und zu Diktaturen. N.R.

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  • am 20.06.2011 um 15:41 Uhr
    Permalink

    Die Atomlobbisten werden wohl nicht nach Calder Hall reisen (Windscale 1957), da dort alles radioaktiv verseucht wurde, musste der Ort umbenannt werden. Er heisst jetzt Sellafield… lol – Es war der erste Atom-GAU im Westen und wird, wie Tschernobyl, bis heute mit viel Geld runtergespielt… Leiden eigentlich alle schon an Alzheimer?

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