kontertext: Politische Publireportage

Guy Krneta ©

Guy Krneta /  Der «Blick» schickt eine SVP-Leserreporterin nach Eritrea und freut sich mit ihr über «gut gekleidete Menschen».

Menschenrechtsorganisationen und Migrationsbehörden misstrauend, setzen VolkspolitikerInnen zunehmend auf Selbstrecherche. Sie bereisen Länder, in denen perfide Verfolgungs- und Folterregimes herrschen, und stellen vom Hotelzimmer aus fest, dass alles doch nicht so schlimm ist. Mittlerweile ist das Phänomen auf Ebene Regionalpolitik angekommen. Und Medien, statt die Dümmlichkeit des Unterfangens aufzuzeigen, spielen fröhlich mit.

«Alle haben genug zu essen, sind gepflegt und gut gekleidet»

Frau G. ist Grossrätin des Kantons Bern und Mutter einer Nationalrätin. Da sie in ihrer politischen Funktion auch über die Unterbringung von Asylsuchenden mitentscheidet, reist sie drei Wochen nach Eritrea, um sich ein eigenes Bild über die Menschenrechtslage vor Ort zu machen. Ihr Fazit: «Alle haben genug zu essen, sind gepflegt und gut gekleidet.»

Frau G. räumt zwar ein, dass sie einige ihrer «Wunschdestinationen aus Sicherheitsgründen» nicht habe bereisen können. Doch das Klischee des «Schurkenstaats» setzt sie ironisierend in Anführungszeichen. Und Gespräche «mit jungen Einheimischen» überzeugen sie davon, dass viele Familien ihre Jugendlichen als «Verdingkinder» in die Schweiz schicken würden. Dort sollten diese rasch zu Geld kommen und den verbliebenen Clan per Familiennachzug später nachholen. Frau G. empfiehlt, statt familiäre Tragödien zu unterstützen, den «Schleppern das Handwerk» zu legen und die «Einführung unserer dualen Berufsbildung» in Eritrea zu fördern.

Ziegen und Kamele

Mit Selfies aus Spital und Schule belegt Frau G. die «hohe ärztliche Versorgung» und das «lobenswerte Bildungswesen». Sie kümmert sich persönlich um den würdigen Transport einer zur Schlachtung bestimmten Ziege im Privatauto und lässt sich gut gelaunt mit Kamel abbilden. Der «Blick» (in seiner Ausgabe vom 10. Mai 2017) räumt ihr eine ganze Doppelseite ein für diesen – ja, was denn nun? Subjektiven Journalismus? Leserinnenreporterbericht? Oder vielleicht doch eher Publireportage?

Natürlich gibt’s auch ein Kästchen mit der offiziellen Lagebeurteilung des Schweizerischen Staatssekretariats für Migration (SEM). Aber dass das SEM seine Praxis gegenüber eritreischen Asylsuchenden aufgrund eines ähnlichen Reisleins (organisiert von einem Eritrea-Lobbyisten) im vergangenen Sommer massiv verschärft hat, steht mit keinem Wort.

Und natürlich darf zwei Tage später eine «Menschenrechtsaktivistin» kritisieren: «Der Mangel an Professionalität und die Amateurhaftigkeit dieser Trips ist himmelschreiend.» Womit der angeblichen – wenn auch nicht im gleichen Umfang – Ausgewogenheit Genüge getan ist. Und als ob die «Menschenrechtsaktivistin», selber aus Eritrea stammend, den unschuldigen Ferienföteli zwei Tage später noch was anhaben könnte.

Zynische Pointe des Medienwandels

Das Entwürdigen von eritreischen Asylsuchenden hat System – insbesondere in Blochermedien: Alle paar Monate startet die «Basler Zeitung» eine neue Kampagne mit dem Ziel, EritreerInnen Fluchtgründe und Asylrecht abzusprechen. Und auch hier dienen immer wieder Parlamentarierreislein als Beleg, wie jenes von SVP-Nationalrat Thomas Aeschi im vergangenen Jahr.

Überrascht bin ich, dass der «Blick» unter Chefredaktor Andreas Dietrich solcher Propagandaschreibe prominente Plattform bietet. Und dass Journalisten, die selber nicht mehr recherchieren, die Recherche nun dilettierenden PolitikerInnen überlassen, finde ich eine ziemlich zynische Pointe des «Medienwandels».


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Guy Krneta, geboren in Bern, lebt als freier Autor in Basel. Er schreibt Theaterstücke und Spoken-Word-Texte. Eben erschienen ist eine Sammlung mit Theatertexten: "Stottern und Poltern" (Verlag der Autoren, Frankfurt M.). Der Band enthält u.a. Texte zum Theaterprojekt "In Formation", das im Dezember im Schauspielhaus Zürich zur Aufführung kam. Krneta ist Mitbegründer von Kunst+Politik und der Aktion Rettet-Basel.

  • Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe Autorinnen und Autoren über Medien und Politik. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Zur Gruppe gehören u.a. Bernhard Bonjour, Rudolf Bussmann, Silvia Henke, Anna Joss, Mathias Knauer, Guy Krneta, Corina Lanfranchi, Johanna Lier, Alfred Schlienger, Felix Schneider, Linda Stibler, Ariane Tanner, Heini Vogler, Rudolf Walther.

Zum Infosperber-Dossier:

GegenStrom_2_ProDirectFinance_XX_heller

kontertext: Alle Beiträge

kontertext widerspricht Beiträgen anderer Medien aus politischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen.

War dieser Artikel nützlich?
Ja:
Nein:


Infosperber gibt es nur dank unbezahlter Arbeit und Spenden.
Spenden kann man bei den Steuern in Abzug bringen.

IBAN: CH 0309000000604575581


Die Autorin / der Autor wünscht keinen Meinungsaustausch (mehr) über diesen Artikel.

Eine Meinung zu

  • Avatar
    am 19.05.2017 um 13:23 Uhr
    Permalink

    Danke für diese klare Analyse eines unqualifizierten Blickberichtes. Wer je in einem anderen Land war, und anschliessend pauschale Beurteilungen für ein ganzes Land und dessen Bevölkerung und politisches System abgab, hat keine Ahnung von der Vielfältigkeit eines Landes und dessen Bevölkerung. Oder andersherum: ist eine politische und gesellschaftliche Analyse der Schweiz irgend einer ausländischen Touristin mehr als ein subjektiver Eindruck derjenigen Orte, wo sie war und derjenigen Leute, die sie getroffen hat?

    0

Comments are closed.

Ihre Meinung

Lade Eingabefeld...