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Oskar Freysinger (SVP), Nicolas Voide (CVP), Jean-Luc Addor (SVP), Jean-René Fournier (CVP) © parlament/kanal9

Im Land der «griechisch-christlichen» Doppelmoral

Kurt Marti /  Christophe Darbellays Seitensprung hat die rechtskonservativen Familien-Ideologen von SVP und CVP im Unterwallis entfesselt.

Wer erinnert sich noch an den früheren Walliser CVP-Grossrat und dreifachen Familienvater Xavier Bagnoud, der in einem peinlichen Video splitternackt eine Linie Kokain in die Nase zog? Das war 2008. Seine gekränkte Geliebte hatte das Video per Handy verschickt. Schliesslich landete das Video in den Medien, so dass sich die ganze Schweiz am entblössten Familienmenschen ergötzen konnte.

Eigentlich wäre das eine persönliche Angelegenheit gewesen, welche die Öffentlichkeit überhaupt nichts anginge, aber Bagnoud wurde das Opfer der eigenen Doppelmoral und jener sämtlicher moralinsauren Rechtskonservativen im Wallis von SVP bis CVP. Denn der Weinfachmann Bagnoud hatte sich bis dahin über den moralischen Zerfall empört und aus katholisch-konservativer Perspektive eifrig für die traditionelle Familie geworben.

Und wie es bei rechtskonservativen Moralisten oft der Fall ist, zerschellten die hehren Ideale kläglich an den evolutionären Realitäten der menschlichen Fortpflanzungstriebe und entlarvten das aufdringliche Werte-Gedusel als das, was es in Wirklichkeit war: Wahltaktische Opportunität.

Das Moral-Pendel schlägt zurück

Bagnoud mimte zunächst den Unschuldigen und sofort rannte der damalige CVP-Fraktionschef Nicolas Voide dem gestrauchelten Moralapostel zu Hilfe und übernahm auch dessen anwaltschaftliche Verteidigung. Erst als sich die Affäre unvorteilhaft zuspitzte und die Justiz sich einmischte, zog Voide sein Mandat zurück und überliess den erklärten «Familienpolitiker» seinem Schicksal.

Doch der ewige Regierungsanwärter Voide wurde für diesen politischen Fehler hart bestraft: Er verlor die parteiinterne Ausmarchung für die Staatsrats-Kandidatur gegen den damaligen CVP-Nationalrat und -Präsidenten Christophe Darbellay, der in den Medien aus seiner moralischen Empörung im Fall Bagnoud keinen Hehl machte.

Aber jetzt schlägt das Moral-Pendel auf die andere Seite aus. Voide kontert: Als CVP-Mann kandidiert er auf der Liste der SVP zusammen mit Oskar Freysinger für die bevorstehenden Regierungswahlen und fordert Darbellay zum Duell. Wie 2008 geht es auch jetzt um Familienpolitik. Doch diesmal ist Darbellay das Opfer der katholisch-konservativen Doppelmoral. Jahrelang hatte er sich in den farbigsten Illustrierten des Landes als glücklicher Familienmensch etabliert bis herauskam, dass er Vater eines unehelichen Kindes wurde.

Dominanz des Familienideals

Im Treibhaus der Walliser Doppelmoral sorgt Darbellays Seitensprung für reichlich Salz und Pfeffer im Wahlkampf. Ein Steilpass für den gemeinsamen Wahlkampf von Freysinger und Voide, die in ihrem «Wahlprogramm» zielorientiert auf die «Verteidigung der Familie als grundlegende Zelle eines gesunden und ausgeglichenen Staates» setzen, und zwar «auf der Grundlage der griechisch-christlichen Werttradition», was das auch immer heissen mag.

Das rechtskonservative Duo Freysinger-Voide spielt geschickt auf der Klaviatur der Doppelmoral, in der Hoffnung, das Walliser Volk hätte noch nicht genug von diesem bloss wahltaktischen und wirklichkeitsfremden Familienideal, das im Grund die Ursache vieler Tragödien ist. Denn die Opfer dieser Dominanz der «griechisch-christlichen» Ideale beschränken sich nicht auf die Polit-Prominenz.

Weitere Opfer der Doppelmoral

Auch der Amokläufer, der vor vier Jahren im Unterwallis drei Menschen erschoss, teilte die Werte der rechts-konservativen Politiker: Familie, Sicherheit, Armee, Waffen und Alkohol. Umso schmerzhafter war für ihn der Ausschluss aus diesem Kreis. Mit der Scheidung seiner Eltern verlor er einen wichtigen Anker in dieser geschlossenen, katholisch geprägten Gesellschaft. Keine guten Voraussetzungen in einem Kanton, wo Familienbeziehungen und Vetternwirtschaft, Parteifilz und Vereinsmeierei von grosser Wichtigkeit sind.

Selbst der ehemalige Chef der Walliser Gendarmerie, Franziskus Escher, tappte in die Falle der Doppelmoral: Der dreifache Familienvater präsentierte sich dem Keystone-Fotografen demonstrativ vor dem Kruzifix und der aufgeschlagenen Bibel, bis er sich wegen sexuellen Handlungen mit der dreizehnjährigenTochter seiner ausserehelichen Geliebten vor dem Richter verantworten musste. Und weil das nicht ins konservative Familienbild passte, wollte ihn der CVP-Staatsanwalt springen lassen. Doch die «Rote Anneliese» verhinderte diesen Deal.

Sympathisant der Piusbrüder plädiert für Voide

Die Kandidatur Voides auf der SVP-Liste empörte selbst CVP-Präsident Gerhard Pfister, der sich hinter Darbellay stellte. Zu Recht empörte sich darauf Voide über Pfisters Parteinahme, denn auch dieser befindet sich eigentlich wie Voide und Freysinger auf einem Kreuzzug für die «christlichen» Werte.

Der Walliser CVP-Ständerat Jean-René Fournier hingegen stellte sich hinter Voide. Was nicht erstaunt, denn Fournier ist – wie auch etliche Unterwalliser SVP-Mitglieder – ein Sympathisant der erzkonservativen Piusbruderschaft, die ihren Sitz in Ecône in der Nähe von Sitten hat. Auch der Weinhändler und Anhänger der Piusbruderschaft Dominique Giroud trat vorerst als katholisch-konservativer Moralprediger und militanter Abtreibungsgegner auf, bis sich die Justiz mit seinen Methoden der Steuerhinterziehung näher befasste.

SVP-Nationalrat Addor will mehr Tote

Die extremen Werte der Piusbruderschaft (Gegen Ehebruch, Abtreibung, Homosexualität, Sterbehilfe, Sexualunterricht, Religionsfreiheit usw.) sind der geistige Nährboden für die rechtskonservativen Vertreter der SVP und CVP. Verbissen kämpfen sie mit christlich-fundamentalistischen Werten gegen die islamisch-fundamentalistischen Werte, die beide erstaunliche Gemeinsamkeiten aufweisen.

Ein besonders militanter Strippenzieher wider die islamische Gefahr ist der frühere Untersuchungsrichter und heutige Unterwalliser SVP-Nationalrat Jean-Luc Addor. Was Addor konkret unter den «griechisch-christlichen» Werten versteht, hat er mit einem erschreckenden Tweet demonstriert: Eine Meldung zu einer Schiesserei mit einem Toten in einer St. Galler Moschee kommentierte er mit den Worten «On en redemande!» (Wir wollen mehr davon!). Damit handelte er sich ein Strafverfahren wegen Rassendiskriminierung ein. Im Nationalrat forderte er: «Schweizer, bewaffnet euch!»

Freysinger vergleicht Sozialarbeiter mit Abführmittel

Auch Freysinger gab kürzlich ein Müsterchen für seine «griechisch-christlichen» Werte: Anlässlich einer Rede zur Diplomübergabe des Fachs «Soziale Arbeit» an der Fachhochschule Wallis hatte er die diplomierten SozialarbeiterInnen mit «Imodium», einem Mittel gegen akuten Durchfall, verglichen sowie mit dem Grippemittel «NeoCitran». Ein Vergleich, der nicht nur für die SozialarbeiterInnen wenig schmeichelhaft ist, sondern auch für jene Menschen, die von ihnen betreut werden.

Sofort kommen einem dabei die menschenverachtenden Aussagen von Piero San Giorgio über Kranke und Behinderte in den Sinn, den Freysinger zunächst als Berater engagiert hatte und von dem er sich dann unter massivem öffentlichem Protest distanzieren musste. Dabei zeigte sich: Wenn die Doppelmoral allzu durchsichtig wird, verlassen die selbsternannten Moralapostel aus wahltaktischen Überlegungen meist schnell das sinkende Schiff.

San Giorgio als Menetekel an der SVP-Wand

Auch wenn sich Freysinger von San Giorgio distanzierte, bleibt der rechtsextreme Wirrkopf und Retter des Abendlandes ein Menetekel an der Wand der Unterwalliser SVP. San Giorgio ist ein Warnsignal. Er zeigt auf, wo die Gesellschaft mit den «griechisch-christlichen» Werte-Zauberern und Populisten der SVP-CVP-Allianz im Extremfall landen könnte.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Kurt Marti ist Autor des Buches «Tal des Schweigens: Walliser Geschichten über Parteifilz, Kirche, Medien und Justiz»

Zum Infosperber-Dossier:

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Parteien und Politiker drängen in die Öffentlichkeit. Aber sie tun nicht immer, was sie sagen und versprechen.

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2 Meinungen

  • am 20.01.2017 um 09:52 Uhr
    Permalink

    Der Ausdruck von Kurt Marti «griechisch-christliche Doppelmoral» ist eine Trouvaille, weil es Mode ist seit einigen Jahren, statt von abendländisch geprägter Kultur von «christlich-jüdischen Grundlagen» zu sprechen. Allerdings steht «griechisch-christlich» an katholisch geprägten Schulen nicht mehr im Vordergrund, weil fast niemand mehr Griechisch lernt, was bei jüngeren Theologen Fähigkeit zu philologischer Bibelkritik behindert.

    Im Wallis gab es zwar auch Antisemiten, doch ist spannend, dass das Wallis bei den Abstimmungen über «Judenangelegenheiten» im 19. Jhd. im Gegensatz zu Aargau und Innerschweiz nicht antijudaistisch stimmte, sogar als Minderheit in der Schweiz das Schächtverbot 1893 abgeschmettert hat, freilich wohl auch, weil man gegen Einmischung in Metzgereiföderalismus war. Meine Vorfahren, Metzger (im Aargau), waren ebenfalls das Schächtverbot.

    Mutmasslich ist es von Anti-CVP Marti etwas tendenziös zu sagen, Pfister führe einen Kreuzzug für «christliche Werte», die notabene Jahresthema des katholischen Schweiz. Studentenvereins sind. Auseinandersetzung mit ihrer Wertebasis ist für CVP so unentbehrlich wie die soziale Frage für die SP, ob es Pfister nun gerade richtig mache oder nicht. Am Aschermittwoch spricht er im Wallfahrtsort Heiligkreuz (Entlebuch) über Bruder Klaus, was, obwohl nicht so geplant, als Gegenveranstaltung zu späterem Auftritt Blocher/Huonder interpretiert wird. Reflexion zu «C» und Konservatismus bleibt für CVP traditionelle Hausaufgabe.

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  • am 20.01.2017 um 09:57 Uhr
    Permalink

    Korr. unvollständiger Satz: «Meine Vorfahren, Metzger im Aargau, waren 1893 ebenfalls g e g e n das Schächtverbot.» PS. Polarisierende Diskussion um «christliche Werte» hat selbstverständlich Kulturkampf-Charakter, weswegen für Martis Darstellung Verständnis aufzubringen ist. Bei solchen Fragen ist im Wallis noch heute kaum jemand nur neutral.

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