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Nikita Chruschtschow im Berliner Werk für Fernsehelektronik1963 © pl_wikipedia_org

Feindpropaganda bestätigt_Die Schiwoff-Affäre 5_10

Jürgmeier /  1956 bestätigte Chruschtschow am 20. Kongress der KPdSU Stalins Verbrechen. Ein Schock für die KommunistInnen der ganzen Welt.

Red. Am 19. Dezember 1956 wurde der VPOD-Sekretär Victor Schiwoff verhaftet, später «wegen unwahrer Behauptungen gegen die Interessen der Schweiz zu einem Monat bedingt verurteilt» (Historisches Lexikon der Schweiz), sowohl aus der Sozialdemokratischen Partei und der Gewerkschaft VPOD ausgeschlossen. Sechzig Jahre danach publizieren wir auszugsweise die ihn betreffenden Fichengeschichten aus dem Buch «Staatsfeinde oder SchwarzundWeiss – Eine literarische Reportage aus dem Kalten Krieg» von Jürgmeier als Serie.

  • Hier finden Sie alle Folgen der Serie «Die Schiwoff-Affäre – vor 60 Jahren»

1956: Ein «Unfehlbarer» wird vom Sockel gestürzt

«Genossen. Es ist unzulässig und dem Geist des Marxismus-Leninismus zuwider, eine Person herauszuheben und sie zu einem Übermenschen zu machen, der gottähnliche, übernatürliche Eigenschaften besitzt, zu einem Menschen, der angeblich alles weiss, alles sieht, für alle denkt, alles kann und in seinem ganzen Verhalten unfehlbar ist. Ein solcher Glaube an einen Menschen, und zwar an Stalin, ist bei uns viele Jahre kultiviert worden» (1), rief der damalige Generalsekretär Nikita Chruschtschow am 25. Februar 1956 den Delegierten des zwanzigsten Kongresses der Kommunistischen Partei der Sowjetunion zu. Und bald danach wusste alle Welt, was nur für GenossInnen gedacht war. «Wir dürfen dem Feind keine Munition liefern, wir dürfen unsere schmutzige Wäsche nicht vor seinen Augen waschen», hatte Stalins Nachfolger seine GenossInnen in der «geschlossenen Sitzung» ermahnt. Das amerikanische Aussenministerium fühlte sich verständlicherweise sowjetischer Geheimhaltung nicht verpflichtet und machte weltöffentlich, was der französische Historiker François Furet (2) für den bedeutendsten Text der kommunistischen Geschichtsschreibung des zwanzigsten Jahrhunderts hält und Victor S. im Sommer 1956 wie viele seiner Schweizer GenossInnen mit erschreckenden Augen in der Roten Revue las. Denn da wurde «die Stimme gegen Stalins Verbrechen», so Furet, «nicht mehr im Westen, sondern in Moskau – noch dazu im Allerheiligsten Moskaus, im Kreml – erhoben.»
Wahrscheinlich nahm Victor S. in diesem Sommer, wenn nicht schon früher, das Bild von «Väterchen Stalin» von der Wand, das der «grossen Sowjetunion» bekam Risse. «Mit der Idee hatte das nichts zu tun», hält S. vierzig Jahre danach fest. Er, sie hätten einfach nicht glauben können, dass «gute Kommunisten» zu Tausenden, Zehntausenden, wie man heute wisse – zu Millionen vernichtet, in den Gulag getrieben wurden, «Menschen, die das Gleiche geglaubt haben wie wir, nur weil da ein Verrückter oben an der Spitze war.» Wer jubelte dem Verrückten zu? Wer vollzog seine Verrücktheiten? Zum Beispiel: «Wurde festgestellt, dass von den auf dem 17. Parteitag gewählten 139 Mitgliedern und Kandidaten des Zentralkomitees der Partei 98 Personen, das sind 70 Prozent, in den Jahren 1937 und 1938 verhaftet und liquidiert wurden. (Entrüstung im Saale.) Von 1966 stimmberechtigten oder beratenden Delegierten wurden 1108 Personen, also über die Hälfte aller Delegierten, unter der Beschuldigung gegenrevolutionärer Verbrechen verhaftet», rechnete Chruschtschow vor, der sich Jahre später mit einem Schuh in der Hand, den einen Fuss nur noch in der Socke steckend, am Rednerpult der UNO-Vollversammlung in die Schlagzeilen der Weltpresse tobte. «Viele Tausende ehrlicher und unschuldiger Kommunisten», hielt er im Winter 1956 fest, «kamen infolge dieser ungeheuerlichen Rechtsbeugungen ums Leben, weil jedes noch so verleumderische ‹Geständnis› akzeptiert wurde und weil man Selbstbeschuldigungen und Beschuldigungen anderer Personen durch Gewaltanwendung erpresste.»

«Davon haben wir nichts gewusst»

Als einen von vielen nannte Chruschtschow den «ehemaligen Politbürokraten, den hervorragenden Funktionär der Partei und der Sowjetregierung, den Genossen Eiche, der seit 1905 der Partei angehörte», im April 1938 verhaftet und «durch Folterungen gezwungen wurde, von vornherein ein Geständnisprotokoll zu unterzeichnen, das die Untersuchungsrichter ausgearbeitet hatten und in dem er antisowjetischer Tätigkeit beschuldigt wurde». Eiche bestritt jede Schuld, verlangte eine Überprüfung seines Falles, schrieb an Stalin, der den Terminus des «Volksfeindes», so Chruschtschow, erst eingeführt habe, was die «Anwendung grausamster Unterdrückung, die Verletzung aller Normen der revolutionären Gesetzlichkeit» ermöglicht habe. Der «Volksfeind» Eiche schrieb dem Genossen Generalsekretär: «Es gibt kein grösseres Elend, als im Gefängnis des Staates zu sitzen, für den ich immer gekämpft habe.» Schrieb es im Namen vieler und wurde, wie viele, erschossen. Er am 4. Februar 1940.
«Davon haben wir nichts gewusst.» Der Satz fällt bei Victor S., fällt bei vielen, die geglaubt, und erinnert an deutsche Worte nach Sobibor. «Das ist nicht dasselbe!» Entrüstet weisen sie jeden Vergleich zurück. Der Nachgeborene konnte noch nicht lesen, liess sich noch Geschichten erzählen, vom Vater, der das Märchen vom Fischer un syner Fru direkt vom Plattdeutschen in Schweizer Mundart übersetzte, als Chruschtschows Rede die Hoffenden zu Blauäugigen machte, die sich den antifaschistisch geschärften Blick im Kalten Krieg, der beidseitig unzimperlich geführt wurde, hatten trüben lassen. Natürlich, geben viele zu, hätten sie auch früher schon von Säuberungen, Schauprozessen, Lagern gehört, hätten es aber nicht für möglich gehalten, dass solches im Namen des Sozialismus geschah, hätten es in diesem Kampf der beiden grossen Systeme für Propaganda gehalten. Die KommunistInnen in aller Welt taten die von bürgerlichen Zeitungen angeprangerten Schauprozesse als Gräuelmärchen ab, sodass es den Genossen Eiche weder als Staatsfeind noch als Erschossenen gab, bis ihn postum, Jahre nach dem «Grossen Vaterländischen Krieg», der Generalsekretär der KPdSU persönlich der Weltöffentlichkeit als Beispiel präsentierte. Der «Überwinder des Faschismus», Stalin, war jetzt plötzlich, so Genosse Chruschtschow, «ein sehr argwöhnischer, krankhaft misstrauischer Mensch», der nach dem Krieg noch launischer, reizbarer und brutaler geworden, «sein Verfolgungswahn erreichte unglaubliche Ausmasse. Er sah es förmlich vor Augen, wie seine Mitarbeiter zu seinen Feinden wurden.»
Eine «tiefe Erschütterung» muss es gewesen, dass die kapitalistischen Lügen sich als kommunistische Wahrheiten entpuppten, dass der «erste Staatsmann» der Sowjetunion, Chruschtschow, Feindpropaganda bestätigte, bestätigen musste. Andrerseits habe er aber auch aufgeatmet, habe, so Victor S., Morgenluft gewittert, als Stalin vom Sockel geschmissen wurde. «Jetzt kann man wieder Vertrauen zu dieser Partei und zu diesem Staat haben», zu Chruschtschow, der nur wenige Monate später für die «grausame Niederschlagung des ungarischen Aufstandes» (3) verantwortlich zeichnen sollte.

  • Der nächste Teil der Serie «Die Schiwoff-Affäre – vor 60 Jahren» erscheint in wenigen Tagen.

(1) Rote Revue, Heft 8/9, 35. Jahrgang, 1956

(2) François Furet: Das Ende der Illusion, München: Piper Verlag, 1996

(3) Michail Gorbatschow: Erinnerungen, München. btb-Taschenbuch/Goldmann-Verlag, 1996

Victor S.: Victor Schiwoff, geboren am 22. November 1924 in Meiringen. Der Vater war Russe, die Mutter Polin; beide schlossen ihr Medizinstudium in Zürich ab. Kurz vor Matura-Abschluss wurde Victor Schiwoff vom Militär einberufen – 300 Aktivdiensttage. 1945 als jüngstes Parteimitglied bei der Gründung der Partei der Arbeit dabei. 1946 den Matura-Abschluss nachgeholt. 1947 bis 1951 Studium mit Abschluss als Dr. rer. pol. Nach verschiedenen Tätigkeiten 1954 erste Arbeiten für den VPOD, u.a. die Studie zum 50-Jahr-Jubiläum «Das Mitsprache- und Mitbestimmungsrecht des Arbeitnehmers im öffentlichen Dienst», 1955 Wahl zum Sekretär der VPOD-Sektion Luftverkehr, 1956 die sogenannte «Schiwoff-Affäre», mit Ausschluss aus VPOD. Nach einer kurzen Zeit der Stellenlosigkeit verschiedene Arbeiten, u.a. als Hilfsmaler und Packer in einer Buchhandlung. 1960 bis 1971 Redaktor beim «Vorwärts» in Genf, wo er als Mitglied der PdA in den Gemeinderat von Meyrin und in den Grossrat des Kantons Genf gewählt wurde. 1971 bis zu seiner Pensionierung 1989 Zentralsekretär VPOD, in Zürich. Am 5. April 2006 gestorben.

Elsi S.: Elsi Schiwoff, geborene Wettstein. Am 3. Januar 1925 in Meilen geboren. Ausbildung: Handelsmatura in Neuenburg, Latein-Matur in Zürich, Diplom für französische Sprache und Zivilisation an der Sorbonne in Paris. Tätigkeit als Verwaltungsangestellte in Treuhandbüros, Wohn-Bau-Genossenschaft und Gewerkschaft GBI. Politisches Engagement: hauptsächlich in Genf-Cointrin. Am 20. März 2004 gestorben.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Das Buch «Staatsfeinde oder SchwarzundWeiss – Eine literarische Reportage aus dem Kalten Krieg» von Jürgmeier ist 2002 im Chronos-Verlag, Zürich, erschienen.

Zum Infosperber-Dossier:

Cover_Staatsfeinde

Die Schiwoff-Affäre – vor 60 Jahren

Am 19.12.56 wird VPOD-Gewerkschafter Victor Schiwoff verhaftet. Eine Fichengeschichte aus dem Kalten Krieg.

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Eine Meinung zu

  • am 25.12.2016 um 14:32 Uhr
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    Es ist ja nicht so, als hätten sie von den Greueln nichts gewusst. Aber die Greuel waren in ihren Augen ganz okay, solange die Opfer bloß russische «Faschisten» waren und keine Menschen (sprich: jüdische Kommunisten). Das war das einzig Neue, was Chruschtschow ihnen offenlegte.

    Ich würde da ja nicht von einem «antifaschistisch geschärften» und dann durch den Kalten Krieg «getrübten» Blick reden. Eher von einem antifaschistisch getrübten Blick.

    Und wie intensiv Jürgmeier immer aus der Perspektive der zeitgenössischen Schiwoffs berichtet, wenn es um komplett irrelevante Details geht. Und wie schnell er sich da rausschleicht, wenn es wirklich drauf ankäme (und dann auf einmal vom «Nachgeborenen», wohl ihm selber, erzählt, was uns gar nicht interessiert)! Lass doch die Schiwoffs mal ehrlich darüber reden, wie sie das zwischen 1945 und 1956 gesehen haben!

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