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Verstrahltes Kind in der Nähe der Atomanlage in Mujak © ss

Die Folgen von Schweizer Atommüll in Russland

upg /  Die Rundschau deckt einen Skandal mit Atommüll auf. Grosse Stromkonzerne und Politiker schwindeln. Doch die Presse schweigt.

«Die Krebsrate ist überdurchschnittlich hoch, ebenso die Zahl der Fehlgeburten. Viele Kinder kommen mit genetischen Schäden und zum Teil schwersten Behinderungen zur Welt.» Das stellte der Zürcher Stadtparlamentarier Bernhard Piller (Grüne) in einer Anfrage an die Stadtregierung fest. Er stützte sich auf Recherchen von Greenpeace.
Die Stadt Zürich sei am AKW Gösgen beteiligt, das mit der russischen Atomanlage in Majak Geschäfte betreibt. Deshalb trage die Stadt «eine Mitverantwortung für das Elend in dieser Region».
Ebenfalls am KKW Gösgen beteiligt sind die Alpiq (Atel, EOS) sowie die NOK und CKW (beide Axpo) und die Stadtberner EWB.
Die Antwort der Stadtzürcher Regierung kam im Juni 2011: «Der russische Teil des aufbereiteten Materials stammt aus den kerntechnischen Anlagen in Elektrostal (etwa 70 Prozent), Seversk (etwa 20 Prozent) und Majak (etwa 10 Prozent). Die Anlagen in Elektrostal und Seversk sind umweltzertifiziert (ISO 14001). Majak ist noch nicht ISO-zertifiziert.»
Stadtregierung als Sprachrohr der Alpiq
Damit gab die Regierung unkontrolliert weiter, was ihr die Alpiq als Antwort vorgetischt hatte. Hätten sie das ISO-Zertifikat selber durchgelesen, hätte es auch den Zürcher Stadträten gedämmert, dass dieses ISO-Zertifikat keinerlei verbindliche Umweltvorschriften enthält, sondern ein Management-Zertifikat ist. Von «umweltzertifiziert» kann keine Rede sein.
Der TÜV Thüringen, der diese Zertifikate erteilt, erklärte ausdrücklich, dass ISO 14001 ein «Management-Zertifikat» und kein «Umwelt-Zertifikat» ist. Es enthalte keine Umweltverpflichtungen.
Offensichtlich standen der Stadtzürcher Regierung als Mitbesitzerin des KKW Gösgen die Interessen der Alpiq näher als das Recht der Bürgerinnen und Bürger auf eine neutrale, sachliche Information.
Im Einklang mit der Atomlobby redet auch die Axpo (NOK, CKW) in ihren Informationsbroschüren von einen «Umwelt»-Zertifikat und streut der Öffentlichkeit Sand in die Augen. An der Axpo sind der Kanton Zürich und die kantonale EKZ massgeblich beteiligt. Trotzdem hat der russissche Konzern Rosatom dem Axpo-Verwaltungsrat und Regierungsrat Markus Kägi und seinen Experten verboten, das Herstellen der Uran-Brennstäbe in Majak an Ort und Stelle zu besichtigen.
In der Rundschau meinte dazu ein Rosatom-Sprecher, die Axpo müsste eine Besuchsbewilligung direkt mit der russischen Regierung verhandeln…
Rundschau hat bei einer weiteren Anlage einen Augenschein genommen
Die Schweizer Kernkraftwerke Leibstadt, Beznau und Gösgen beziehen russischen Brennstoff nicht nur aus den problematischen russischen Orten Mayak und Elektrostal, sondern auch aus der Anlage Tomsk-7 im sibirischen Seversk.
Dort lagern zudem radioaktive Altstoffe aus der Schweiz. Es handelt sich um mehrere hundert Tonnen Wiederaufarbeitungsuran, das von der Aufarbeitung von Schweizer Brennelementen in Sellafield und La Hague stammt, und das per Schiff und Bahn nach Sibirien transportiert wurde. Dieses Wiederaufarbeitungsuran kann in Westeuropa niemand im industriellen Massstab weiterverarbeiten. Solche Anlagen gibt es nur in Russland, wo es keine strengen Vorschriften bezüglich Arbeitssicherheit und Umwelt gibt.
Das Atom-Kombinat Seversk liegt in einem militärischen Sperrgebiet und ist auf die Anreicherung von Uran spezialisiert. Die Rundschau hat an Ort recherchiert und mit Opfern und Professoren gesprochen.

Brennstoff aus verseuchtem militärischem Sperrgebiet
Die 10’000-Einwohnerstadt wurde im Westen 1993 bekannt. Damals setzte ein Unfall erhebliche Mengen Plutonium frei. Doch die Verseuchung der Umgebung stammt auch aus dem «normalen» Betrieb der Anlage. Die Universität Strassbourg hat zusammen mit dem Schweizer Paul Scherrer Institut PSI im 2008 eine Studie gemacht. Resultat: Die Plutonium-Kontamination ist ähnlich gross wie in Tschernobyl – der Grossteil stammt von den kontinuierlichen Emissionen der Fabrik.
Das PSI in Würenlingen wollte sich gegenüber der Rundschau zur brisanten Studie nicht äussern. Man habe nur die Proben analysiert, meinte das PSI.
Kalb mit zwei Köpfen und gehäufte Krebserkrankungen
Die Rundschau fuhr in den Norden der Atomfabrik ins Dorf Naumovka. Es war vom Plutonium-Unfall betroffen, und liegt in der Hauptwindrichtung des Kombinats. In Naumovka wurde 2006 ein Kalb mit zwei Köpfen geboren. Solche Mutationen gelten als typische Folge für den Einfluss radioaktiver Strahlung.
Dorfbewohner erzählen den Rundschau-Reportern, dass hier fast alle älteren Menschen an Krebs-Geschwüren leiden. Bei den Kindern der Region gibt es eine Häufung von kombinierten chronischen Krankheiten. Ihr Blutbild weist auffallende Veränderungen auf, sagte Tamara Madkowskaja. Sie untersucht vor Ort die Auswirkungen erhöhter Strahlung auf Kinder. Das Atomkombinat weigere sich, mit ihr zusammenzu arbeiten: «Es hat Drohungen gegeben, immer dann, wenn ich mit Untersuchungen begann. Man ist in mein Büro eingebrochen, hat meine Forschungsergebnisse durcheinandergebracht, einen Teil gestohlen.»
Die Rundschau fuhr weiter zum Ort, wo das Kombinat seine Abfälle entsorgt. Eine der grössten Atommüllkippen der Welt liegt hinter Stacheldraht und Elektrozaun. Seit 1963 verpresst das Atom-Kombinat Seversk seine flüssigen radioaktiven Abfälle in eine Grundwasserschicht, 200-400 Meter unter die Oberfläche – es sind Abertausende von Kubikemtern im Jahr.
Unwahre Schutzbehauptung der Alpiq
Von der Rundschau mit diesen Tatsachen konfrontiert behauptete Michaël Plaschy, Leiter Nukleare Produktion Alpiq AG, das sibirische Atom-Kombinat verfüge über die ISO-Norm 14’001. Diese Norm sei «ein weltweiter Standard, der die Umweltanforderungen respektiert». Das ist schlicht falsch. Es handelt sich wie bereits erwähnt um ein Management-Zertifikat, das keine verbindlichen Umweltnormen enthält.
Für Professor Leonid Richwanow von der Universität Tomsk ist klar: «Wenn die Schweiz in Seversk angereichertes Uran kauft, erhöht sie die Gefahr für die Umwelt. Indirekt natürlich. Aber man muss eines verstehen: Jedes Land, ob es Brennstoff zur Aufarbeitung hierher schickt oder hier Brennstoff kauft, hat einen Anteil an der Verschlimmerung des Problems.»
Axpo will von nichts gewusst haben…
Erst Ende 2009 hat die Axpo noch einen neuen Direktvertrag über die Lieferung von angereichertem Uran aus Seversk für das AKW Leibstadt abgeschlossen. Der Vertrag läuft bis ins Jahr 2025. Von den anhaltende Emissionen und der unsachgemässe Entsorgung von radioaktiven Abfällen in Seversk will man bei der Axpo nichts gewusst haben. Der Sprecher der Axpo-Holding, Rainer Meier gegenüber der Rundschau: «Zum Zeitpunkt als wir den Vertrag mit Tenex abgeschlossen haben, der über das Werk Seversk führt, hatten wir keinerlei Hinweise, dass dort etwas nicht sachgerecht ablaufen würde, wir haben auch heute noch keine Belege, dass dem so wäre.»
Bis Ende Jahr hat die Axpo einen Schlussbericht zur Russland-Connection versprochen. Wenn sie in Sachen Majak oder Seversk keine Klarheit schaffen kann, wird sie sich wohl gezwungen sehen, aus den Verträgen auszusteigen, was ziemliche Kosten nach sich ziehen könnte. Es wird von rund 100 Millionen Franken gesprochen.
Für Depeschenagentur und Zeitungen kein Thema
Das Fernsehen hat den Rundschau-Beitrag auch in schriftlicher Form veröffentlicht. Doch das Aufdecken dieser bedenklichen Zustände an einem Ort, von wo die Schweizer halbstaatlichen Stromkonzerne Nuklear-Brennstoff beziehen und wo sie Atommüll lagern lassen, war weder der Depeschenagentur noch den Zeitungen eine Meldung wert. Mit Ausnahme der Aargauer Zeitung, die wenigstens einen einzigen Satz aus dem Rundschau-Bericht zitierte, herrscht auch zwei Wochen nach der Ausstrahlung grosses Schweigen.
Die PR-Leute der Atomlobby rund um Beznau, Leibstadt und Gösgen freuen sich und reden unbeirrt weiter vom «sauberen Atomstrom».
Was man daraus schliessen muss:
1. Die Schweizerische Depeschenagentur verbreitet vor allem redigierte Mitteilungen von Behörden, Firmen und Verbänden. Relevante Fakten und Aussagen, die Journalisten in Zeitungen, Radio oder Fernsehen recherchieren und veröffentlichen, haben für die SDA keinen Newswert. (Eine Ausnahme macht unsere Monopol-Nachrichtenagentur fast nur am Sonntag. Weil an diesem arbeitsfreien Tag zu wenig Communiqués eingehen, verbreitet die SDA Wichtiges und Unwichtiges aus den Sonntags-Zeitungen.)
2. Die Zeitungen verbreiten fast ausschliesslich, was die SDA ihnen vorgibt, sowie was die angestellten Redaktionsmitglieder selber zu Papier bringen. Relevante Fakten und Aussagen anderer Medien unterdrücken sie häufig aus Konkurrenzneid.
3. Es braucht eine gemeinnützige Plattform wie Infosperber, welche ohne Interessenkonflikte über alles Relevante informieren kann. Die Plattform steht allen Journalistinnen und Journalisten offen, die unabhängig sind und ihr Handwerk verstehen.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

keine

Zum Infosperber-Dossier:

Atomfass

Atommüll Jahrtausende «entsorgen»

Weltweit werden sichere Lagerstätten gesucht. Künftige Generationen sollen damit nichts zu tun haben.

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Eine Meinung zu

  • am 5.10.2011 um 12:18 Uhr
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    Liebe FDP. Seht Euch solche Bilder an und steht dann hin und bekennt Euch zur Atomkraft. Wegsehen gilt nicht.

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