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Stress © stuartpilbrow/flickr

Arbeitsstress wuchs stärker als die Wirtschaft

Hanspeter Guggenbühl /  Die Zahl der Erwerbstätigen, die unter chronischem Stress am Arbeitsplatz leiden, stieg seit dem Jahr 2000 um dreissig Prozent.

Wirtschaftlich hat die Schweiz ein ausgezeichnetes Jahrzehnt hinter sich: Das teuerungsbereinigte Bruttoinlandprodukt (BIP) und die Zahl der Erwerbstätigen wuchs seit 2000 weit stärker als in den 1990er-Jahren. Die Krisen überwand die Schweiz besser als die EU. Unsere Wirtschaft zog Arbeitskräfte aus dem Ausland an wie der Honig die Bienen. Fortschritt und Technik, so schien es, erleichterten das Arbeitsleben.

Doch das Wohlbefinden an den Arbeitsplätzen ist darob nicht grösser geworden – im Gegenteil. Das zeigt die am Montag veröffentlichte Stress-Studie*, die ein Team von Wissenschafterinnen und Wissenschaftern im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) durchführte. Die Studie basiert auf der Befragung von rund tausend Erwerbstätigen in allen Landesteilen, Altersgruppen und Wirtschaftszweigen.

30 Prozent mehr Stress

Auf die im Sommer 2010 gestellte Frage, «wie häufig haben Sie sich in den letzten 12 Monaten gestresst gefühlt», antworten 34,4 Prozent mit «häufig» oder «sehr häufig». Im Detail: Mit «sehr häufig» antworteten 11 Prozent, mit «häufig» 23 Prozent.

Die Autorinnen und der Autor der Studie interpretieren diesen häufigen als «chronischen» und «negativ erlebten» Stress, «bei dem ein unmittelbares Gesundheitsrisiko besteht». Sie unterscheiden damit gegenüber gelegentlichem Stress, der «leicht verkraftet werden kann» – und bei einigen Leuten sogar stimulierend wirkt.

Aufschlussreicher als der heutige Zustand ist die Entwicklung: Im Jahr 2000 waren es erst 26,6 Prozent der Befragten, die auf die gleiche Frage antworteten, sie seien «häufig» oder «sehr häufig» gestresst. Gegenüber dem Jahr 2000 stieg damit die Zahl der Personen, die sich bei der Arbeit chronisch gestresst fühlen, um annähernd 30 Prozent. Diese Stress-Wachstumsrate war damit fast doppelt so hoch wie die Wachstumsrate der Wirtschaft, gemessen am teuerungsbereinigten BIP (plus 16 % von 2000 bis 2010).

Während der Anteil der chronisch Gestressten zwischen 2000 und 2010 auf 34,4 Prozent stieg, nahm der Anteil der andern beiden Gruppen entsprechend ab: Im Jahr 2010 fühlten sich nur noch 13,2 Prozent der Befragten «nie» und 52,4 Prozent «manchmal» gestresst.

Ein Viertel «Burnout-gefährdet»

Wie negativ Stress erlebt wird, hängt auch davon ab, wie gut die Betroffenen ihn bewältigen können. Auf diese Frage antworteten in beiden Untersuchungen je rund sieben Prozent, sie könnten den Stress «überhaupt nicht» oder «schlecht» bewältigen. 20 Prozent der Befragten hingegen meinten 2010, sie könnten den Stress «völlig» bewältigen, während sich 73 Prozent eine «ziemlich gute» Fähigkeit zur Stressbewältigung attestierten. Auch hier stellt die Studie einen klaren Zusammenhang fest: «Je häufiger die Erwerbstätigen Stress empfinden, desto geringer schätzen sie ihre Stressbewältigungs-Kompetenzen ein, und desto eher fühlen sie sich bei der Arbeit emotional verbraucht.»

Auf die konkrete Frage, «haben Sie in den letzten 12 Monaten bei der Arbeit das Gefühl gehabt, emotional verbraucht zu sein», antworteten vier Prozent: «Das trifft völlig zu», weitere 21 Prozent, das treffe «eher zu». Die Autorinnen interpretieren die Antworten beider Gruppen als «Indiz für Burnout-gefährdete Personen».

Bleibt die Frage nach den Ursachen des Stresses: Am meisten genannt werden «Arbeitsunterbrechungen», «hohes Arbeitstempo», «Termindruck» und «Neuorganisationen». Erst weiter hinten folgen «organisatorische Probleme» oder «Dissonanzen» am Arbeitsplatz. Zusammenhänge bestehen auch zwischen Stress und Gesundheitsproblemen der Erwerbstätigen. Trotzdem bleiben Gestresste der Arbeit nicht öfter fern, denn, so folgert die Studie: «Leute, die sich gestresst fühlen, gehen oft mit Gesundheitsproblemen zur Arbeit.»

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