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Aus Pannen in Spitälern wird zu wenig und zu spät gelernt © nbc

Abseits von Corona: Der Bund hat Tausende Tote auf dem Gewissen

Urs P. Gasche /  Hätte man vor bald zehn Jahren auf Patienten- und Konsumentenorganisationen gehört, gäbe es viele Behandlungsfehler weniger.

«Das elektronische Patientendossier kommt nicht vom Fleck», meldeten Tamedia-Zeitungen am 18. Juli. Damit nicht genug: Die geplanten Dossiers taugen nichts. Das ist dramatisch, denn auf ihnen beruhte ursprünglich die Hoffnung, die Qualität von Behandlungen stark zu verbessern und von Fehlern rasch zu lernen und Konsequenzen zu ziehen.

Das wäre dringend nötig: In den letzten zehn Jahren starben in der Schweiz rund 25’000 Spitalpatienten wegen vermeidbaren Pannen, Irrtümern und Operationsfehlern. Das schätzt das Bundesamt für Gesundheit. Dazu kommen im vergangenen Jahrzehnt etwa 600’000 vermeidbare gesundheitliche Schadenfälle. Noch immer herrscht wenig Transparenz darüber und noch immer wartet man auf strikte Massnahmen wie in anderen Bereichen.

Kommt es zu einem Flugzeugabsturz mit Toten, werden die Daten sofort zentral ausgewertet, Schwachstellen weltweit publiziert und die Flugzeuge des gleichen Typs bei allen Fluggesellschaften der Welt gegroundet, kontrolliert und verbessert – wie gegenwärtig die Maschinen des Typs Boeing 737 MAX.
Oder Unfälle auf Baustellen: Verunfallen mehrere Bauarbeiter am gleichen Gerüsttyp oder mit der gleichen Maschine, so werden alle diese Unfälle der Suva zentral gemeldet, sodass diese sofort Massnahmen anordnen kann, um weitere Unfälle zu vermeiden.

Aus Fehlern wird zu wenig und zu spät gelernt

Ganz anders in Spitälern. Für eine aktive Politik der Schadenvermeidung gibt es zwar auch im Gesundheitsbereich gesetzliche Grundlagen. So gab das Krankenversicherungsgesetz KVG schon seit 1996 dem Bund die Kompetenz, «systematische wissenschaftliche Kontrollen zur Sicherung der Qualität» durchzuführen. Allerdings hätte der Bundesrat einheitlich erfasste Daten über Behandlungsergebnisse einfordern müssen, um solche Kontrollen überhaupt möglich zu machen. Er tat es nicht.
Seit 2009 sind die Spitäler sogar verpflichtet, Statistiken zur Überwachung der Qualität zu liefern. Doch der Bund schrieb keine einheitliche, vergleichbare Datenerfassung vor. Deshalb taugen die vorhandenen Daten nicht dazu, sie gesamtschweizerisch auszuwerten. Als Folge davon werden

  • schlechte Behandlungsmethoden,
  • Behandlungen, die mehr schaden als nützen,
  • überdurchschnittlich viele Infektionsfälle,
  • schlechte Implantate und andere Medizinalprodukte,
  • gravierende Medikamenten-Nebenwirkungen
  • etc.

viel später erkannt als es möglich wäre – oder manchmal überhaupt nicht. Zu Schaden kommen nicht Ärzte, Spitäler oder Pharmafirmen, sondern die behandelten Patientinnen und Patienten.

Das Hoffen auf elektronische Patientendossiers

Schliesslich setzten Patienten- und Konsumentenorganisationen eine Hoffnung auf die Einführung elektronischer Patientendossiers. Nordische und baltische Länder haben solche schon längst eingeführt und sind daran, deren Inhalte anonym und zentral auszuwerten. Zudem ermöglichen elektronische Patientendossiers allen Menschen, ihre Krankheitsgeschichte mit allen Behandlungen, Arztberichten, eingenommenen Medikamenten, erhaltenen Impfungen, Laborbefunden und Dokumenten wie etwa Röntgenbilder jederzeit einzusehen. In der Schweiz können wir im Internet alle unsere Steuer- und Bankdaten konsultieren, nicht aber unsere Krankheitsgeschichte.

Nach jahrelangem Hin und Her beschloss das Parlament zwar im Jahr 2015 endlich ein Bundesgesetz über das elektronische Patientendossier (EPDG). Doch dieses taugt wenig: Es schreibt weder eine einheitliche Codierung der erfassten Daten vor, noch eine zentrale anonymisierte Auswertung, noch das obligatorische Mitmachen von Arztpraxen, noch eine benutzerfreundliche Aufbereitung. Fünf Jahre nach Einführung nannte Andreas Gattiker, Direktor des Kantonsspitals Obwalden, das bisherige Resultat einen «PDF-Friedhof». Es würden einfach PDF-Dateien abgelegt, die keine rasche und systematische Konsultation erlauben. Technisch sei das Dossier «eine gigantische Fehlinvestition», sagte Gattiker im «Tages-Anzeiger».
Fazit: Es dürfte noch eine weitere Generation dauern, bis eine Auswertung der Daten möglich wird mit dem Zweck, Schwachstellen der Gesundheitsversorgung frühzeitig zu erkennen.

Gemeinsame Forderungen der wichtigsten Patienten- und Konsumentenorganisationen
Als bereits im Jahr 2012 absehbar war, dass der Bundesrat angesichts der starken Lobbys von Ärzten, Spitälern und IT-Dienstleistern den Mut nicht aufbringen würde, ein patientenfreundliches und auswertbares e-Health-System auch nur vorzuschlagen, haben Patienten- und Konsumentenorganisationen schon vor acht Jahren gemeinsam eine zentrale Auswertung der anonymisierten Daten durch eine Stelle verlangt, die von den Leistungserbringern unabhängig ist. Eine zentrale Forderung bestand darin, dass Ärzte und Spitäler die anonymisierten Daten nach einheitlichen Kriterien und Kodierungen auf elektronischem Weg obligatorisch an diese zentrale Stelle des Bundes liefern müssen, beispielsweise an das Bundesamt für Statistik.
Bei den nicht anonymisierten persönlichen Daten sollen die Betroffenen autonom entscheiden können, wem sie diese Daten zugänglich machen.
Die vollständige Liste der gemeinsamen Forderungen, auf die sich der Dachverband Schweizerischer Patientenstellen DVSP, das Westschweizer und Tessiner Konsumentenforum und die Stiftung für Konsumentenschutz SKS geeinigt hatten, unterbreiteten diese Organisationen damals Gesundheitsminister Alain Berset:

  1. Der Bund muss formale, einheitliche und vergleichbare Kriterien für die Datenerfassung erlassen, möglichst identisch mit einem ausländischen Vorbild, damit Vergleiche der Behandlungsqualität möglich werden.
  2. Der Bund muss den Leistungserbringern eine Frist setzen zum obligatorischen Mitmachen.
  3. Die Patientinnen und Patienten entscheiden autonom und freiwillig, welche Daten gegenüber den einzelnen Leistungserbringern einsehbar sind.
  4. Eine zentrale Stelle, die von den Leistungserbringern unabhängig ist, muss die anonymisierten Daten auswerten und die Resultate veröffentlichen.
  5. Die PatientInnen und KonsumentInnen wollen das «gläserne Spital» und den «gläsernen Spezialisten».
  6. Die Zeit drängt. Die e-Health-Patientendossiers sind beschleunigt zu verwirklichen.

«Es geht um Tausende von vermeidbaren Todesfällen und Zehntausende von vermeidbaren Komplikationen, Infektionen, Unverträglichkeiten, Medikationsfehlern und Irrtümern – mit häufig schweren Folgen für Patientinnen und Patienten», erklärte damals Erika Ziltener, Präsidentin des Dachverbands der Patientenstellen. Sara Stalder, Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz SKS meint heute enttäuscht: «Weil der Bundesrat die verschiedenen Lobbys viel zu lange in ‹Eigenverantwortung› am e-Health-Projekt nach dem System Jekami werkeln liess, werden die elektronischen Patientendossiers noch lange keinen Beitrag dazu leisten können, um die Qualität der Behandlungen zu verbessern.» Bund, Parlament und Kantone müssten zusammen mit Spitälern und Ärzten dafür sorgen, dass in den kommenden zehn und zwanzig Jahren weniger Patientinnen und Patienten an vermeidbaren gesundheitlichen Schäden leiden und an vermeidbaren Todesursachen sterben.

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Weitere Informationen dazu im Infosperber-DOSSIER
Vermeidbare Arzt- und Spitalfehler
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LES EXIGENCES COMMUNES EN FRANÇAIS
Les exigences des patients et des consommateurs sont les suivantes :
1 La Confédération doit édicter des critères formels, uniformes et comparables pour la collecte des données, aussi identiques que possible avec un modèle étranger.
2. La Confédération doit fixer un délai aux fournisseurs de prestations pour leur participation obligatoire.
3. Les patients décident de manière autonome et volontaire quelles données peuvent être consultables par les différents fournisseurs de prestations.
4. Un organe central, indépendant des fournisseurs de prestations, doit évaluer les données anonymisées et publier les résultats.
5. Les patients et les consommateurs veulent «l’hôpital de verre» et les «spécialistes de verre.»
6. Le temps presse. Les dossiers de patients e-health doivent devenir réalité de manière accélérée. Il s’agit de centaines de décès évitables et des dizaines de milliers de complications, d’infections, d’allergies et de fautes et d’erreurs de médication évitables – souvent avec des conséquences graves pour les patients.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine

Zum Infosperber-Dossier:

Arztfehler_Schere

Vermeidbare Arzt- und Spitalfehler

In Schweizer Spitälern sterben jedes Jahr etwa 2500 Patientinnen und Patienten wegen vermeidbarer Fehler.

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10 Meinungen

  • am 30.07.2020 um 11:53 Uhr
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    Auch hier, wie in vielen anderen Bereichen: digitales Entwicklungsland Schweiz

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  • am 30.07.2020 um 13:34 Uhr
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    "Der Bund» habe Tote auf dem Gewissen, schreiben Sie. Im Spital hatte ich bisher immer Glück, da waren fleissige Schwestern, Ärzte und Pfleger tätig. vom «Bund» habe ich nichts gemerkt. Sie meinen wohl «die Politik», ja, die überzeugt nicht und verhindert viel. Aber das sollten doch in der Demokratie die Bürger korrigieren, möglichst bevor sie geschädigte Patienten sind? Von Notrecht beim «Bund» für Gesundheitsfälle halte ich sehr wenig. Bisher hat mir nie «der Bund» geholfen.

    0
  • am 30.07.2020 um 16:21 Uhr
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    Gratulation zu diesem Artikel. Ich liefere Morgen

    Gratulation zu diesem Mut

    0
  • am 30.07.2020 um 16:43 Uhr
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    Jaja Ärzten klopften man ungern auf die Finger und wenn dann noch die Pharma von solche Fehlern Konsequenzen aufgebürdet bekäme, dann ist sowieso so, dass man es lieber als PDF-Salat liegenlassen möchte, da könnte zB noch mehr Mauscheleien zB. bei Swiss-Medic auftauchen – und diese ist ja mit der Politik verheiratet. Los Investigators schaut da mal genauer hin. Die Nachkommen der Toten wären Ihnen vielleicht dankbar.

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  • am 30.07.2020 um 17:24 Uhr
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    Danke, ein sehr wichtiges Thema. Es gibt viele sehr gute und kompetente Aerzte. Aber es gibt auch die Anderen. Die welche nicht aus Berufung Arzt geworden sind, die welche die grosse Macht genießen, welche Aerzte inne haben. Da gibt es sehr viele traurige Themen und Ereignisse aus der Vergangenheit, welche noch aufgearbeitet werden müssten. Damit sich diese Ereignisse nicht wiederholen können. Auch der Missbrauch von Studentinnen und Patienten/innen durch Aerzte und Professoren ist ein Thema, welches immer wieder unter den Tisch gekehrt wurde. Ich verweise hier auf die Bücher von Dr. Peter Zihlmann in Basel, Ombudsmann und Justizkritiker, welcher mit seinen einfühlsamen Büchern Einblick in Systemfehler gestattet, welche schon lange behoben sein sollten. Hier ein Link zu einem Teil seiner Arbeiten: https://peter.zihlmann.com/category/zwangspsychiatrie/

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  • am 31.07.2020 um 06:25 Uhr
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    Solange das Personal vor lauter Hetze nur noch im automatisierten Modus funktionieren kann werden die dümmsten Fehler unvermeidbar. Jede weitere Kontrolle bläht den Bürokratieapparat auf und es bleibt noch weniger Zeit am Krankenbett.
    Ohne jede Statistik stelle ich fest, dass seit DRG die Behandlungsqualität in Spitälern drastisch abgenommen hat.
    Dekubitus (Wundliegen) früher eine Schande für jede Abteilung, wo so etwas vorkam, ist z.B. vollkommen normal und akzeptiert. Dies bedeutet, dass auf der Skala der Pflegequalität in den meisten Betrieben nicht einmal die unterste – sichere Pflege – erreicht wird.
    Das Grundproblem ist die Ökonomisierung des Gesundheitssystems, an dem so viele mitverdienen und mitbestimmen, die keine direkte Gesundheitsleistung erbringen.
    Wenn Ärztinnen und Pflegende wieder in Ruhe ihrer Arbeit nachgehen könnten ohne ständig auf die Stoppuhr zu schielen ginge es allen besser.
    Leider ist mit dem Kostendach eine weitere Gefährdung der Patientinnen und Patienten geplant.

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  • am 31.07.2020 um 07:51 Uhr
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    Bei Corona zählt jeder einzelne Infizierte. Ansonsten ist den Politkern die Gesundheit der BürgerInnen ziemlich egal. Das wirft Fragen auf.

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  • am 31.07.2020 um 07:57 Uhr
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    Pfarrer, Lehrer und Ärzte; die historischen Dorfkönige legitimieren ihr Handeln noch bis heute mit ihrer vermeintlich ganz besonderen Stellung in der Gesellschaft. Und ziehen als Beruf die dementsprechende Menschen an: Jene die gerne bewundert werden, ohne eine bewundernswerte Fähigkeit zu haben
    Transparenz, Qualitätskontrolle und Rechtstaatlichkeit wird niemals aus diesen Kreisen selber entstehen. Wie müssen sie wohl oder übel dazu zwingen.

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  • am 3.08.2020 um 02:23 Uhr
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    Leider ist es mit Pfarrern, Lehrern und Ärzten nicht mehr so weit her. Sie werden heute als Pädophile, linke Selbergelismete und Quacksalber wahrgenommen. Dementsprechend werden Alldiesen selbsternannte Fachleute und Projektmanager vor die Nase gesetzt, die vorgeben, was zu tun ist. Das Misstrauen ist so gross, dass die Entscheidungsfreiheit dieser Berufsgattungen schon seit Jahren sehr beschnitten ist.
    Und ja, auch ich als Spezialarzt würde das EPD sehr begrüssen. Da ich aber jetzt schon pro Jahr für die EDV in meiner Praxis 25‘000.- aufwende, überlege ich mir bei den seit 2018 massiv sinkenden Einnahmen, ob ich nicht wieder auf Papier wechseln soll…

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  • am 8.08.2020 um 19:13 Uhr
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    Nennen wir doch das Kind beim Namen. Der unregulierte Raubtierkapitalismus und der Elitärismus haben aus der Schweizer Qualitätsmedizin und aus den Krankenkassen profitorientierte Schnellabfertigungsorganisationen gemacht, damit von den 10% welche heute 70% der Schweiz besitzen morgen 5% die ganze Schweiz besitzen und sogar noch die Exekutive privatisiert und somit käuflich wird. Das ist das Grundübel, warum heute Pfleger und Aerzte am Anschlag sind und ihres Lebenssinnes beraupt werden durch die Existenzangst. Einer Berufung zu folgen und als Berufener Qualitätsarbeit zu produzieren kann sich heute fast keiner mehr leisten, er muss das tun was «Schnelles Geld» bringt, sonst geht er unter. Mein Vater hat trotz 2 abgeschlossener Berufslehren 1965 3 Jobs machen müssen um unsere 5 Köpfige Familie durch zu bringen, damit er nach seiner Pension den Heldentod des Herzinfarktes sterben konnte. Helvetia dreht sich jeden Tag im Grabe um, wenn sie sieht das unsere Bundesräte diesen Missstand nicht beheben und nur auf ihre Pension warten. Die Schweizer sollten sich mal wieder so richtig «Empören» und genau hinschauen wo das Geld hinfliesst. Schon Nietzsche warnte vor 100 Jahren vor dem Elitärismus, und nicht nur Kant kündigte seinen blutigen Untergang an, falls er nicht einsichtig werden würde.

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