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Wladimir Putin: Wird er den Krieg gegen die Ukraine als Präsident überleben? © Depositenphotos

Putins Krieg – Russlands Krise

Andreas Zumach /  Politisch wird Putin seinen Pyrrhus-Krieg gegen die Ukraine mit grossrussischen Zielen kaum überleben können.

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Andreas Zumach

Über Opfer und Täter gibt es keine Zweifel. Im Fall des russischen Angriffskriegs gegen die souveräne Ukraine ist das Völkerrecht eindeutig. Ob Putin vor einem internationalen Straftribunal landen wird, weiss man nicht. Aber politisch wird er seinen Pyrrhus-Krieg mit grossrussischen Zielen kaum überleben können.

Ein Angriffskrieg ist per se völkerrechtswidrig. Aber die russischen Streitkräfte, die am 24. Februar in die Ukraine einmarschiert sind und das Land bombardieren, haben bereits in den ersten zehn Tagen auch gegen die Regeln des humanitären Völkerrechts verstossen, die einen grösstmöglichen Schutz der Zivilbevölkerung während des Kriegsgeschehens gewährleisten sollen.

Die Angriffe richten sich zunehmend gegen Wohnviertel, zivile Infrastrukturen wie Strom-, Gas-und Wasserleitungen und vor allem auch Krankenhäuser. Wenn sich die Kampfhandlungen lange hinziehen, könnten ukrainische Städte dasselbe Schicksal erleiden wie Grosny, das 1995 im Ersten Tschetschenienkrieg von russischen Streitkräften weitgehend zerstört wurde.

Weil die Menschen einer humanitären Katastrophe entkommen wollen, ist eine weitere Katastrophe bereits in vollem Gange: Nach zwölf Kriegstagen waren bereits über 1,5 Millionen Menschen, vorwiegend Frauen und Kinder, aus der Ukraine in die Nachbarländer Polen, Slowakei, Ungarn und Ru­mä­nien geflohen. Das UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge (­UNHCR) geht davon aus, dass der Krieg am Ende mindestens 4,5 Millionen Menschen aus ihrer Heimat vertreiben könnte.

Wann dieses Ende kommen wird – und mit welchem Ergebnis –, ist derzeit nicht vorhersehbar. Fest steht dagegen, wer diesen Krieg vom Zaun gebrochen hat. Der russische Präsident hat nicht nur den Angriffsbefehl gegen die Ukrai­ne gegeben, Putin hat die Inva­sion auch von langer Hand vorbereitet, wozu auch Lügen und systematische Täuschungsmanöver gehörten.

Westliche Diplomaten und hochrangige Gesprächspartner wie Präsident Macron und Bundeskanzler Scholz, die sich in den Wochen vor dem Angriff in direkten Gesprächen mit Putin und seinem Aussenminister Lawrow um eine Deeskalation bemühten, wurden „eiskalt belogen“ und „ausgetrickst“, wie es die deutsche Aussenministerin audrückte.1

UN-Generalversammlung für die Ukraine

Vor allem Lawrow hatte mehrfach versichert, ein Angriff auf die Ukraine sei „nicht geplant“. Dagegen wurden die Warnungen der US-Geheimdienste, die von der Biden-Administration ungewöhnlich offen kommuniziert wurden, als „blosse Hysterie“ abgetan.

Putin hat aber nicht nur „den Westen“ vor den Kopf gestossen. Auch in der UNO ist Russland komplett isoliert. In der 77-jährigen Geschichte der Weltorganisation ist das noch keinem ständigen Mitglied des UN-Sicherheitsrats passiert. In dem 15-köpfigen Gremium schaffte es Moskau zwar noch, bei einer Dringlichkeitssitzung in der Nacht zum 26. Februar die Verabschiedung einer Resolution mithilfe seines Vetorechts zu verhindern. Aber die russische blieb die einzige Gegenstimme, während sich Indien, China und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) enthielten.

Das Scheitern der Ukraine-Resolution im Sicherheitsrat führte allerdings zu einer Dringlichkeitssitzung der UN-Generalversammlung, auf der am 2. März von den 193 Mitgliedstaaten 141 – also fast eine Dreiviertelmehrheit – für eine Resolution mit dem Titel „Aggression gegen die Ukraine“ stimmten.2 Auch die VAE votierten jetzt mit Ja. Die Resolution fordert einen „sofortigen Waffenstillstand“, gefolgt von einem „bedingungslosen und vollständigen Rückzug aller russischen Streitkräfte vom Territorium der Ukraine innerhalb seiner international anerkannten Grenzen“.

Gegen diese Resolution votierten ausser Russland lediglich Belarus, Nordkorea, Syrien und Eritrea. Zu den 35 Staaten, die sich enthielten, gehörten neben China, Indien und Iran auch Länder wie Kuba oder Nicaragua, die bei früheren Abstimmungen in der Regel die Position Russlands unterstützt hatten.3

In der Resolution A/ES-11/L.1 heisst es, „die militärischen Angriffe der russischen Streitkräfte“ hätten „ein Ausmass erreicht, das die internationale Gemeinschaft seit Jahrzehnten in Europa nicht mehr erlebt“ habe. Sie bekennt sich zur „Souveränität, Unabhängigkeit, Einheit und territorialen Integrität der Ukraine innerhalb ihrer international anerkannten Grenzen“. 

Ausserdem soll die Regierung Putin ihre am 21. Februar verkündete und von der Duma ratifizierte „Anerkennung“ der ostukrainischen Teilrepubliken Donezk und Luhansk wieder rückgängig machen. In der Generalversammlung fiel das Votum für diese Resolution auch deshalb so deutlich aus, weil Putins Angriffsbefehl noch während der Dringlichkeitssitzung des Sicherheitsrats erfolgte, der am Abend des 23. Februar den Krieg noch in letzter Stunde verhindern wollte.

Eine solche in der UN-Geschichte beispiellose Provokation haben sehr viele Mitgliedstaaten als schweren Affront gegen die Weltorganisation wahrgenommen. Wie gross die Empörung über das Verhalten der russischen Vetomacht war, zeigt die Tatsache, dass sich bei der zweitägigen Debatte in der Generalversammlung nicht weniger als 120 Botschafterinnen und Botschafter zu Wort meldeten.

Ein derart eindeutiger „Schuldspruch“ der UN-Generalversammlung bei einem bewaffneten internationalen Konflikt ist äussert selten. Ohnehin liegt laut UN-Charta die „Hauptverantwortung“ bei einer „Bedrohung“ oder gar dem „Bruch des Friedens und der internationalen Sicherheit“ beim UN-Sicherheitsrat. Dieser kann „Massnahmen zur Friedensschlichtung“ nach Kapitel 6 der Charta beschliessen oder sogar nach Kapitel 7 politische, wirtschaftliche oder militärische Zwangsmassnahmen gegen den jeweiligen Friedensbrecher anordnen.

Als der Sicherheitsrat diese Verantwortung 1950 während des Koreakriegs nicht wahrnehmen konnte, weil er durch ein Veto der Sowjetunion blockiert und handlungsunfähig war, zog die Generalversammlung diese Zuständigkeit an sich. Am 3. November 1950 verabschiedete sie auf Antrag der USA und Grossbritanniens die Resolution 377 A („Uniting for Peace“). Darin wurde für den Fall einer blockierten Resolution der Mechanismus einer emergency special session geschaffen.

Eine solche „Notstandssondersitzung“ der Generalversammlung hat es seit 1950 nur elfmal gegeben. Die elfte war die vom 2. März 2022. Mit der Resolution zu Putins Krieg in der Ukraine hat die Generalversammlung allerdings erst zum dritten Mal ein Mitglied des Sicherheitsrats verurteilt – und jedes Mal traf es die Regierung in Moskau: Das erste Mal im Januar 1980 nach der kurz zuvor erfolgten sowjetischen Invasion Afghanistans und das zweite Mal im März 2014, als die Generalversammlung mit 100 gegen 11 Stimmen bei 58 Enthaltungen die völkerrechtswidrige Annexion der Krim durch Russland verurteilte.

Keine ähnlichen Verurteilungen der USA

Das ist den drei westlichen Veto­mächten im Sicherheitsrat, also den USA, Grossbritannien und Frankreich, bislang noch nie passiert. Sie haben es dank ihrer politischen, wirtschaftlichen und militärischen Macht noch immer geschafft, eine Verurteilung ihrer völkerrechtswidrigen Kriege oder ihrer Kriegs- und Besatzungsverbrechen zu verhindern.

Das gilt zum Beispiel für den Vietnamkrieg der USA (1964–1975), Frankreichs Krieg in Algerien (1954–1962) oder die britische Beteiligung am Irakkrieg von 2003. Als Südafrika den Versuch unternahm, diesen Krieg einer „Koalition der Willigen“ in einer Resolution der Generalversammlung als völkerrechtswidrig zu qualifizieren, konnte die damalige US-Regierung von ­George W. Bush diese Initiative mit massiven Drohungen gegen Pretoria im Keim ersticken.

Das Verhalten der fünf ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrats wurde bislang nach sehr unterschiedlichen Massstäben bewertet. Das ist scharf zu kritisieren, aber auf keinen Fall ein Grund, den Krieg gegen die Ukrai­ne zu verharmlosen oder gar zu legitimieren. Für diesen völkerrechtswidrigen und verbrecherischen Angriff gibt es nicht die geringste Rechtfertigung.

Putins Propagandalügen vom „Genozid“ im Donbass oder der „Naziregierung“ in Kiew sind ohnehin zu absurd. Das gilt allerdings nicht für Putins Hinweise auf die Völkerrechtsverletzungen westlicher Staaten, zum Beispiel im Fall des Kosovokriegs der Nato, der ohne UN-Mandat begonnen wurde. Angesichts dessen, was 1999 im Kosovo geschah, sind mehrere der Behauptungen falsch, die derzeit im Westen von der politischen Klasse wie von vielen Me­dien über den militärischen Überfall auf die Ukraine verbreitet werden.

Nicht der erste Krieg gegen die Europäische Friedensordnung

Putin hat weder „den ersten Krieg gegen die Europäische Friedensordnung“ angefangen noch „zum ersten Mal in Europa gewaltsam Grenzen verletzt“ und damit als Erster gegen die UN-Charta, die KSZE-Schlussakte von Helsinki oder die Pariser „Charta für ein neues Europa“ von 1990 verstossen.

Diese Argumentation lässt ausser Acht, dass die Nato bereits 1999 mit ihrem völkerrechtswidrigen Luftkrieg gegen Serbien und Montenegro zum ersten Mal militärische Mittel zur Lösung politischer Konflikte eingesetzt hat. Und dass der Westen mit der Anerkennung der Sezession des Kosovo von Serbien das Prinzip aufgekündigt hat, wonach Grenzen nicht gewaltsam verändert werden dürfen.

Kennans Warnung vor der ­Nato-Osterweiterung

Ernst zu nehmen ist auch die russische Kritik an Fehlentscheidungen und Versäumnissen der westlichen Staaten seit dem Ende des Kalten Kriegs und insbesondere an der Tatsache, dass diese ihre – wenn auch nicht schriftlichen – Zusagen an Moskau, die Nato nicht nach Osten zu erweitern, nicht eingehalten haben.4 

Auch im Westen hat sich also die politische Klasse nicht gescheut, mit Unterstützung der Mainstream-Medien eine Klitterung der Europäischen Geschichte seit 1989 zu betreiben. Jedoch können all diese historisch relativierenden Hinweise Putins Krieg gegen die Ukraine in keiner Weise rechtfertigen oder entschuldigen.

Jenseits der moralischen und völkerrechtlichen Ebene gibt es allerdings auch die Ebene realpolitischer Einsichten und Abwägungen. Und hier muss man leider feststellen, dass Putin mit der Invasion in die Ukraine in überaus brutaler Weise das getan hat, was der US-Diplomat und Historiker George F. Kennan (1904–2005) bereits wenige Jahre nach der Auflösung der Sowjetunion prophezeit hat.

Die vorausschauende Analyse des damals schon über 90-jährigen Veteranen des Kalten Kriegs erschien am 5. Februar 1997 in der New York Times unter dem Titel „A fateful error“ und lief auf eine Warnung hinaus: „Eine Erweiterung der Nato wäre der verhängnisvollste Fehler der amerikanischen Politik in der gesamten Ära nach dem Kalten Krieg.“5

Eine Osterweiterung des westlichen Bündnisses werde nicht nur „die na­tio­na­lis­tischen, antiwestlichen und militaristischen Tendenzen in der russischen Meinung anheizen“ und damit „negative Auswirkungen auf die Entwicklung der russischen Demokratie haben“. Sie werde auch, so Kennan weiter, „die Atmosphäre des Kalten Kriegs in die Ost-West-Beziehungen zurückbringen und die russische Aussenpolitik in Richtungen treiben, die uns entschieden missfallen werden“.

Kennan bedauerte insbesondere, dass diese Expansionsstrategie gegenüber einem Russland betrieben wird, das sich unter dem damaligen Präsidenten Boris Jelzin „in einem Zustand hoher Unsicherheit oder gar Lähmung befindet“. Aber noch bedenklicher sei, „dass es für diesen Schritt überhaupt keine Notwendigkeit gibt“. Warum sollte es in den Ost-West-Beziehungen, gab Kennan zu bedenken, „angesichts all der hoffnungsvollen Möglichkeiten, die das Ende des Kalten Kriegs hervorgebracht hat, vornehmlich um die Frage gehen, wer sich mit wem – und implizit gegen wen – verbündet“. Und das unter der Annahme eines „herbeiphantasierten, völlig unvorhersehbaren und höchst unwahrscheinlichen künftigen Konflikts“.

Ein Vierteljahrhundert später bleibt die Frage aktuell, was der Westen dazu beigetragen hat, dass ein „höchst unwahrscheinlicher Konflikt“ keine Phantasterei, sondern Realität ist. George F. Kennan war kein Pazifist, kein Linker und auch kein Freund der Sowjet­union. Er hatte nach dem Zweiten Weltkrieg das Konzept der „Eindämmung“ (containment) gegen den Ostblock konzipiert. Ein Konzept, das auf militärischer Ebene damals die Doktrin der „massiven Vergeltung“ (massive retaliation) beinhaltete, die der 1949 gegründeten Nato von ihrer Führungsmacht vorgegeben wurde.

Diese Doktrin sah vor, dass die USA selbst bei einem lediglich konventionellen Angriff sowjetischer Truppen gegen die Bundesrepublik oder andere europäische Nato-Staaten sofort ihre strategischen Atomwaffen (landstationierte Interkontinentalraketen, Langstreckenbomber und U-Boote) gegen Ziele in der Sowjetunion einsetzen sollten. Ende der 1960er Jahre wurde diese von Kennan mitkonzipierte Doktrin durch die „flexible Antwort“ (flexible response) abgelöst, die bei einem Angriff sowjetischer Truppen zunächst „nur“ einen Gegenschlag mit in Westeuropa stationierten taktischen Atomwaffen vorsah.

Grossrussische Hasardeure in Moskau

George F. Kennan wirkte von 1926 bis 1963 als Diplomat und zuletzt als aussenpolitischer Chefberater der Regierung Kennedy. Vor dem Zweiten Weltkrieg war er in Tallinn, Riga und Moskau stationiert gewesen, 1939 dann in Prag und bis 1942 in Berlin. In den Jahren 1944/45 war Kennan erneut in Moskau. Er sprach fliessend Russisch und hatte – auch in Berlin – russische Geschichte studiert. Sein analytisches Verständnis für die Sicherheitsbedürfnisse und -interessen Russlands beruhte auf seinen Kenntnissen des Landes und dessen historischer Traumata.

Das unterscheidet ihn von vielen, die in den ak­tuel­len Debatten über Russland und Präsident Putin ohne historisches Hintergrundwissen daherreden und dabei die Erfahrungen und Lehren aus der Ost- und Entspannungspolitik der 1960er und 1970er Jahre nicht etwa relativieren oder überprüfen, sondern vollständig entsorgen wollen.

«Osterweiterung stärkt in Moskau die grossrussischen Kräfte»

Im Übrigen hatte nicht nur Kennan in den 1990er Jahren vor einer Nato-Osterweiterung gewarnt. Auch andere Diplomaten und Politiker aus den USA mahnten damals an, die „legitimen Sicherheitsinteressen“ Moskaus zu berücksichtigen. Und im wiedervereinten Deutschland kritisierte 1995 Peter Glotz, vormals Generalsekretär der SPD, in einem Spiegel-Essay mit dem Titel „Saftige Dummheit“ die Osterweiterungspläne der Nato mit Argumenten, die Kennans Intervention sogar vorwegnahmen: „Das zieht eine neue, willkürliche Grenze durch Osteuropa, stärkt die grossrussischen Kräfte in Moskau, gefährdet die Abrüstungsvereinbarungen mit Russland und schwächt die Entscheidungsfähigkeit des Bündnisses.“6

Mit der Invasion in die Ukraine demonstrieren „die grossrussischen Kräfte in Moskau“ nicht nur, dass sie sich durchgesetzt haben. Sie zeigen auch, dass sie zu vormals unvorstellbaren Risiken bereit sind. Wie steht es an­gesichts dessen um die „Entscheidungsfähigkeit“ des westlichen Bündnisses?

Nach Artikel 51 der UN-Charta hat die von Russland angegriffene Ukrai­ne das Recht auf militärische Selbstverteidigung. Desgleichen erlaubt die Charta eine militärische Unterstützung durch Streitkräfte anderer Staaten, wenn diese von der Kiewer Regierung erbeten wird. Das wird allerdings nicht geschehen. Für die Nato-Staaten scheidet diese Option angesichts des Risikos einer nuklearen Eskalation aus. Aus demselben Grund wird auch die Einrichtung einer Flugverbotszone über der Ukrai­ne abgelehnt: „Um diese durchzusetzen, müssten wir ja notfalls russische Flugzeuge abschiessen“, erklärte der britische Premierminister Boris Johnson am 1. März auf einer Pressekonferenz.

Jenseits der von der EU, den USA und anderen Staaten verhängten Wirtschaftssanktionen gegen Russland sind daher Waffenlieferungen an die ukrainischen Streitkräften das einzige Mittel, um der Ukraine militärisch beizustehen.

Die USA haben die ukrainischen Streitkräfte bereits seit der Annexion der Krim vor nunmehr acht Jahren mit Waffen und militärischer Ausrüstung beliefert. Seit Dezember 2021 haben auch andere Nato-Staaten – wie Grossbritannien, Kanada und die Niederlande – mit Rüstungslieferungen begonnen. Sie reagierten damit auf den bedrohlichen Aufmarsch russischer Truppen an den ukrainischen Grenzen. Die meisten Militärexperten gehen allerdings davon aus, dass diese späten Lieferungen die bestehende militärische Überlegenheit der russischen Angreifer nicht ausgleichen und daher den weiteren Verlauf nicht entscheidend beeinflussen können.

Strategiewechsel der Bundesregierung

Drei Tage nach Kriegsbeginn revidierte auch die Bundesregierung ihre zuvor ablehnende Haltung und kündigte die sofortige Lieferung von Panzerfäusten und Luftabwehrraketen für die ukrainischen Streitkräfte an. Unter dem Druck der Ereignisse endete damit eine langjährige Debatte, in der das Pro und Contra immer stark von historischen Argumenten dominiert war. Bis zu dieser Kehrtwende hatte insbesondere Aussenministerin Baer­bock deutsche Waffenlieferungen mit Verweis auf eine „besondere historische Verantwortung“ abgelehnt.

Im Fall der Ukraine verwies Baer­bock auf die über acht Millionen Menschen, die während des Vernichtungskriegs der Wehrmacht gegen die So­wjet­union auf ukrainischem Boden getötet wurden. Dagegen argumentierte der ukrainische Botschafter in Berlin, Andrij Melnik, genau umgekehrt. Gerade wegen dieser historischen Schuld habe Deutschland nunmehr eine „besondere Verantwortung“, seinem Land bei der „Selbstverteidigung gegen die heutigen Aggressoren“ mit Waffenlieferungen beizustehen.

Baerbock brachte allerdings ein zweites Argument vor, das weitaus angreifbarer ist: Deutschland verfolge „traditionell eine restriktive Rüstungsexportpolitik“ und liefere „grundsätzlich keine Waffen in Spannungs- und Krisengebiete“. Beide Behauptungen sind nachweislich falsch.

Zum einen ist Deutschland nach dem Sipri-Report vom März 2021 der weltweit viertgrösste Rüstungsexporteur (nach den USA, Russland und Frankreich und noch vor China). Zum anderen gingen umfangreiche Waffenlieferungen – entgegen der deutschen Rechtslage – nicht nur in Spannungs- und Krisengebiete wie die Türkei, sondern sogar an kriegsführende Staaten wie Saudi-Arabien.

Führen die Sanktionen in Russland zu einem Machtwechsel?

Jenseits einer militärischen Unterstützung sind wirtschaftliche Sank­tio­nen das einzige Mittel, um auf einen Angriffskrieg zu reagieren. Im aktuellen Fall bleibt allerdings abzuwarten, was die Massnahmen, die seit Beginn des Ukraine-Kriegs von den USA, der EU und anderen Staaten gegen Russland verhängt wurden, mittel- und langfristig bewirken können – und wie hoch die Kosten für die sanktionierenden Länder sind. Dabei ist die grosse Frage, ob die Sanktionen die politischen, wirtschaft­lichen und militärischen Machteliten des Landes derart hart treffen, dass sie sich von Präsident Putin abwenden. Und womöglich sogar so weit gehen, ihn durch eine andere Figur zu ersetzen, die den Krieg beendet, aber weiterhin ihre Privi­le­gien ­sichert.

Völkerrechtlich problematischer wä­re die Kalkulation, dass die Sank­tions­mass­nahmen die russische Bevölkerung schmerzen sollen, um sie gegen den heutigen Präsidenten aufzubringen. Was dann den berühmten „Re­gime­wechsel“ bedeuten würde, den Putin dem Westen ohnehin als dessen Ziel unterstellt.

Eine solche Strategie wäre aber nur dann erfolgversprechend, wenn es in Russland eine gut organisierte und handlungsfähige demokratische Opposition gäbe, die nach einem Sturz Putins die Regierung in Moskau übernehmen könnte, um sich anschliessend durch Wahlen eine demokratische Legitimität zu verschaffen.

Leider gibt es derartige Opposi­tions­kräfte nicht, was kein Wunder ist angesichts der systematischen Repression von Personen, Gruppen und Organisationen, die von der Regierung Putin seit Jahren als „ausländische Agenten“ denunziert werden.

Eine Militärregierung?

Bei diesem Stand der Dinge ist es wahrscheinlicher – oder jedenfalls nicht auszuschliessen –, dass nach einem Sturz oder erzwungenen Rückzug Putins zunächst einmal Kräfte an die Macht kommen, die nach demokratischen Standards ebenso problematisch sind wie das jetzige Regime. Sollte das passieren, wäre die Sorge keineswegs beseitigt, dass bei einer weiteren Eskalation die russischen Atomwaffen zum Einsatz kommen könnten, mit denen Putin auf gezielt missverständliche Weise droht.

Gibt es in der militärischen Führung Russlands besonnene Akteure, die einen eventuellen Befehl Putins zum Einsatz von Atomwaffen verhindern würden? Oder vielleicht sogar Kräfte, die zu einem Militärputsch bereit sind und danach den Krieg gegen die Ukraine beenden würden? Das ist zu hoffen, aber von aussen bislang nicht erkennbar und daher schwer einzuschätzen. Eine Militärregierung in Moskau könnte dann zumindest für eine Übergangszeit die bessere Alternative zu Präsident Putin sein.

Die Annahme, dass der Ukraine-Krieg den Anfang vom Ende der Ära Putin markieren könnte, ist heute zumindest nicht mehr unrealistisch. Der Kremlchef mag sich subjektiv, nachdem er die westlichen Regierungschefs erfolgreich irregeführt und seine überlegene Kriegsmaschinerie in Stellung und zum Einsatz gebracht hat, nahezu allmächtig dünken. Doch dass er, wie angekündigt, noch bis zum Jahr 2036 an der Macht bleiben wird, ist angesichts seiner abenteuerlichen Strategie undenkbar geworden.

Bereits am zweiten Tag nach dem Angriff bekam das Bild des scheinbar übermächtigen Kriegsfürsten erste feine Risse. In einer Fernsehansprache reagierte Putin auf den stockenden Vormarsch seiner Truppen, die auf von ihm offensichtlich unerwartet starken Widerstand stiessen, erkennbar nervös: In einem bizarren Aufruf forderte er die ukrainischen Streitkräfte dazu auf, das „nazistische Regime“ von Präsident Selenski „zu stürzen“. 

Noch zwei Tage zuvor hatte Putin dieselben Streitkräfte beschuldigt, einen „Genozid“ an den russischstämmigen Menschen im Donbass zu begehen. In der ersten Märzwoche zeigten die russischen Streitkräfte, obwohl sie ihrem ukrainischen Gegner in Umfang und Bewaffnung erheblich überlegen sind, weitere Schwächen. Der Vormarsch ihrer Truppen- und Panzerverbände geriet wegen der heftigen ukrai­ni­schen Abwehr und aufgrund erkennbarer logistischer Probleme immer wieder ins Stocken.

Ein zweites Afghanistan?

Selbst angenommen, Russland könnte die ukrainischen Streitkräfte zur Kapitulation zwingen, die Kiewer Regierung durch ein Marionettenregime ersetzen und die ganze Ukraine oder zumindest Teile militärisch unterwerfen – auch dann würde Russland das Land so wenig unter Kontrolle bekommen wie die Sowjetunion damals Afghanistan.

Auch in der Ukraine wird es sowohl gewaltfreien als auch gewaltsamen Widerstand gegen die Besatzer geben. Und Russland wird beides als „Terrorismus“ diffamieren und erfolglos bekämpfen – wie die Sowjetunion in Afghanistan und die USA während ihrer achtjährigen Besatzung des Irak.

Auf keinen Fall wird Russland seine Macht über die Ukraine mit nichtmilitärischen Mitteln konsolidieren können. Denn auf lange Sicht hat man dem besetzten Land weder eine wirtschaftliche noch eine politische Perspektive anzubieten. Die einzige Ukraine, die Putins Russland auf Dauer beherrschen könnte, wäre ein auf die landwirtschaftliche Produktion reduziertes Kolonialgebiet, dessen städtische Bevölkerung grossenteils nach Westen vertrieben wurde.

Eine EU-Perspektive für die ­Ukraine

Das aber wird der ukrainische Widerstand verhindern, der das russische Besatzungsregime – auch ohne ein Eingreifen der Nato – zu einem kostspieligen Unternehmen machen würde. Im Fall eines langen Abnutzungskriegs werden die Folgen für alle entsetzlich, für Putin jedoch existenziell sein.

Die Wirtschaftssanktionen und die zunehmenden Antikriegsproteste in Russland schränken Putins Handlungsmöglichkeiten schon jetzt ein und untergraben auf längere Sicht seine Macht. Selbst Oligarchen, die ihn bislang gestützt haben, äussern sich bereits kritisch – zumindest wenn sie im Ausland sind. Und von nationalistischen Parolen wird die russische Bevölkerung nicht satt.

Kontraproduktive Folgen für Putin

Geschwächt wird Putins Macht auch durch die in diesem Ausmass noch nie dagewesene globale Isolierung Russlands in der UNO. Mit dem Angriffskrieg gegen die Ukraine hat er genau das Gegenteil der von ihm verfolgten Ziele bewirkt. Die transatlantische Militärallianz zwischen den USA und den europäischen Bündnispartnern ist so geschlossen wie schon lange nicht mehr. 

In Schweden und dem mit Russland benachbarten Finnland gibt es erstmals Bevölkerungsmehrheiten und ernsthafte Ambitionen für einen Nato-Beitritt. Deutschland und andere EU-Staaten treffen massive Aufrüstungsmassnahmen zur Verteidigung und Abschreckung gegen die gewachsene Bedrohung durch Russland. Und durch Nord Stream 2 wird auf lange Sicht, wenn überhaupt, kein russisches Gas nach Westeuropa fliessen.

Am vielleicht gefährlichsten für Putins Autorität und Macht könnten sich die kontraproduktiven Folgen seines Angriffs in der Ukraine selbst erweisen. Dort hat der Krieg dem Nationalbewusstsein einen gewaltigen Wachstumsschub gegeben, der irreversibel erscheint. Damit hat Putin die durchaus nicht abgeschlossene Identitätsbildung in der Ukraine gefördert und besiegelt – und mit antirussischen Gefühlen aufgeladen.

Auch das ist eine Premiere: Na­tion-Building mit militärischen Mitteln – und dem Ergebnis, aus einem historischen Brudervolk einen historischen Feind zu schaffen.

Keine europäische Friedensordnung ohne Russland

Seit dem Ende des Kalten Kriegs ist zwar immer wieder von einer „Europäischen Friedensordnung“ die Rede. Doch so etwas gibt es nicht. Es gab bislang lediglich eine teileuropäische Friedensordnung und dies in dauernder Spannung und mindestens in den letzten 15 Jahren zunehmender Konfrontation mit Russland.

Doch eine nachhaltige, dauerhafte und möglichst spannungs- und störungsfreie Friedensordnung auf dem eurasischen Kontinent kann und wird es nicht geben ohne Russland und schon gar nicht gegen Russland. Dafür spricht alle historische Erfahrung nicht nur aus den bald 33 Jahren seit dem Fall der Berliner Mauer, sondern mindestens seit Anfang des 19. Jahrhunderts. Nur wenn der Westen diese historische Erfahrung endlich akzeptiert und seine seit dem „Sieg im Kalten Krieg“ anhaltende Hybris überwindet, besteht für eine derartige Friedensordnung eine realistische Chance.

Mögliche Verhandlungspunkte

Realpolitisch ist aber auch davon auszugehen, dass Putin vorläufig Russlands Präsident bleiben wird und daher derjenige ist, mit dem nach Beendigung des Ukraine-Kriegs zumindest über die ersten Bausteine für diese Friedensordnung zu verhandeln ist.

Dazu gehören all die Massnahmen im Bereich der Rüstungskontrolle und Abrüstung sowie vertrauensbildende und auf Transparenz zielende Schritte, zu denen sich die Nato und die USA in ihren Antworten auf die Vorschläge und Forderungen Putins von Anfang Dezember letzten Jahres bereits grundsätzlich bereit erklärt haben.

Unverzichtbar ist zumindest auch ein Moratorium der Nato mit Blick auf eine Aufnahme der Ukraine und weiterer Staaten. Stattdessen sollte den Ukrainern eine beschleunigte Perspektive in der Europäischen Union angeboten werden. Das wäre eine späte Korrektur der Fehlentwicklung in den 1990er Jahren, als die Nato-­Mitgliedschaft den mittelosteuropäischen Staaten angeboten wurde als Ersatz und – in den Worten von Peter Glotz – „Lückenbüsser“ für einen raschen Beitritt in die Europäische Union.

Für eine künftige Friedensordnung müssen auch einvernehmliche Verfahren vereinbart werden – etwa international organisierte und überwachte Abstimmungen, die zu einer Rückgabe der Krim und der Donbass-Provinzen sowie zu einem Abzug aller russischen Truppen aus den abtrünnigen Provinzen Georgiens und Moldawiens führen, verbunden mit einem Autonomiestatus für die umstrittenen Gebiete.

Und schliesslich gilt es auch in diesem Fall den grössten Kollateralschaden zu vermeiden, den Kriege und internationale Krisen in den meisten Fällen mit sich bringen. Sie bewirken nämlich, dass die grossen, ja existenziellen Probleme in den Hintergrund treten, die die ganze Welt betreffen und nur einvernehmlich und kooperativ zu lösen sind.

Dringend erforderlich ist daher eine langfristig angelegte und klima­freundliche Energiepartnerschaft mit Russland – etwa durch die Produktion von grünem Wasserstoff in Russland, der durch die bestehenden Pipelines nach Westeuropa exportiert werden könnte.

Das wäre auch notwendig, um die fatale Abhängigkeit der russischen Volkswirtschaft von der Exploration und dem Verkauf fossiler Energien in den nächsten 20 Jahren deutlich zu reduzieren. Ansonsten wird Russland und werden wir alle auf unserem gemeinsamen eurasischen Kontinent die Pariser Klimaziele krachend verfehlen.

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Dieser Beitrag erschien am 10. März in der deutschsprachigen Ausgabe des «Le Monde Diplomatique» als Beilage der WOZ und der taz. Zwischentitel von der Redaktion Infosperber.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Andreas Zumach ist Journalist und Autor. Von 1988 bis 2020 war er UN-Korrespondent der taz, anderer Medien und von Infosperber in Genf; zuletzt erschien: „Reform oder Blockade – welche Zukunft hat die UNO?“, Zürich (Rotpunkt) 2021.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Weiterführende Informationen

FUSSNOTEN
1 Annalena Baerbock sagte präzisierend: „Der Kanzler wurde belogen, ich vom russischen Aussenminister, die gesamte internationale Gemeinschaft“, zitiert nach: ­n-tv, 24. Februar 2022.
2 Der Wortlaut der am 2. März verabschiedeten Resolution wurde in sechs Sprachen veröffentlicht, ­siehe undocs.org.
3 12 der 193 Mitgliedstaaten waren bei der Abstimmung nicht anwesend, darunter Venezuela, Aserbai­dschan, Usbekistan und Turkmenistan.
4 Siehe A. Zumach, „Nato-Osterweiterung. Wer wem was in den 1990er Jahren versprach und warum das heute relevant ist“, Beueler-Extradienst, 19. Januar 2022.
5 Siehe George F. Kennan, „A fateful error“, The New York Times, 5. Februar 1997.
6 Peter Glotz, „Saftige Dummheit“, Der Spiegel, 17. September 1995.

Zum Infosperber-Dossier:

Ukraine_Sprachen

Die Ukraine zwischen Ost und West: Jetzt von Russland angegriffen

Die Ukraine wird Opfer geopolitischer Interessen. Die Nato wollte noch näher an Russland. Russland führt einen rücksichtslosen Angriffskrieg und missachtet das internationale Kriegsrecht.

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18 Meinungen

  • am 11.03.2022 um 11:21 Uhr
    Permalink

    Wegen der immer mehr zunehmenden Militarisierung der EU wird ein Beitritt der Ukraine aus Sicht Russlands ebenso problematisch sein wie die NATO-Mitgliedschaft.
    Meines Erachtens sollte die EU eine «zweite Schiene» für Staaten eröffnen, die lediglich eine rein wirtschaftliche, nicht aber eine militärische Zusammenarbeit anstreben. Für diese Staaten gäbe es dann auch keine Beistandsverpflichtung nach Artikel 42.7 des EU-Vertrags, und für diese Staaten auch keine verpflichtende Zusammenarbeit zwischen EU und NATO.

    1
  • am 11.03.2022 um 11:23 Uhr
    Permalink

    Wichtige Frage: Wo kann ich den Spendenknopf für die wegen der Sanktionen gegen Russland leidenden russischen Bevölkerung finden?!

    Danke für einen Hinweis…

    6
    • am 11.03.2022 um 14:13 Uhr
      Permalink

      Via Redaktion hier die Antwort von Andreas Zumach:
      Unter diesem Link finden Sie zwar keinen Spendentopf für die notleidende Zivilbevölkerung Russlands, aber einen Spendentopf zur Unterstützung von Deserteuren.

      https://de.connection-ev.org/article-3485

      Beste Grüße

      Andreas Zumach

      4
    • am 11.03.2022 um 18:28 Uhr
      Permalink

      Es braucht keine Spenden – nur den Stopp der Aggression gegen die Ukraine und das auf Grunde ihres mörderischen Präsidenten leidende Volk wird sicher auch von uns Westlern unterstützt. Den Spendenknopf finden Sie, indem Sie gegen die Machenschaften von Putin sich wehren, ganz einfach.

      6
  • am 11.03.2022 um 11:36 Uhr
    Permalink

    “Denn auf lange Sicht hat man dem besetzten Land weder eine wirtschaftliche noch eine politische Perspektive anzubieten.”

    Bin nicht sicher, ob dies korrekt ist. Die Westbindung seit 2014 hat der Ukraine wirtschaftlich und politisch wenig gebracht. Dies mag daran liegen, dass der Bürgerkrieg im Donbas das Land blockiert hat, aber der Einfall Russlands könnte diese Blockade zumindest theoretisch auflösen.

    Zu wenig prüft der Autor auch das Szenario, das Russland offiziell anstrebt: Eine formelle Abspaltung des Donbas. Sollte es Russland gelingen diese Bedingungen diktieren zu können entfällt das Besatzungsszenario.

    Man mag die Möglichkeit, dass sich Russland militärisch durchsetzen könnte verneinen. Sanktionen alleine werden dies aber kaum verhindern können. Russland könnte wirtschaftlich resilienter als der Westen sein, dem spätestens im nächsten Winter auch Versorgungsprobleme drohen dürften. Auch Rohstoffe wie z.B. Nickel und Stahl könnten knapp werden.

    2
  • am 11.03.2022 um 11:53 Uhr
    Permalink

    3/4 oder nicht mal die Hälfte? Wir in der Schweiz legen ja viel Wert auf Demokratie. Die EU sieht sich demokratisch und auch die USA. 3/4 der Staaten haben der UNO Resolution von anfangs März zugestimmt. Das impliziert, dass die Bevölkerung das auch so sieht.

    Eine andere Rechnung ist, dass 4.15 Mrd. Leute nicht zugestimmt haben. Bei aktuell 7.7 Mrd. Leuten hat also die Hälfte der Menschheit der Resolution nicht zugestimmt.

    5
  • am 11.03.2022 um 12:27 Uhr
    Permalink

    «Ob Putin vor einem internationalen Straftribunal landen wird, weiss man nicht.»
    Sehr wahrscheinlich wird das nicht passieren, denn sonst müssten auch Clinton, W. Bush, Obama, Sarkozy, Netanyahu und Bin Salman wegen ebenfalls begangener Angriffskriegen längst in Den Haag hinter Schloss und Riegel sitzen.

    1
  • am 11.03.2022 um 12:36 Uhr
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    Die Analyse von Andreas Zumach und der Aufriss einer künftigen Sicherheits- und Friedensordnung für Europa (und darüber hinaus) sind brillant. Ich teile sie Punkt für Punkt, habe eine andere Haltung lediglich zum «Luftkrieg gegen Serbien und Montenegro» im Jahr 1999, der nach meiner Überzeugung gedeckt war durch die (nicht unheikle, ich weiss) «responsibility to protect». Die Unterstützung der Sezession des Kosovo ist aber auch aus meiner Sicht nicht annehmbar; leider hat die Schweiz dabei eine unrühmliche Vorreiterrolle gespielt. – Zumachs Text müsste nach meiner Überzeugung ab sofort den Standard für «Infosperber» setzen, also die redaktionelle Leitlinie für den Umgang mit der gesamten Thematik. Er vermeidet jede emotional-parteiliche oder ideologische Einordnung, wendet auf das Geschehen und Verhalten der politischen Akteure dieselben Rechtsprinzipien und Wertmassstäbe, ob West oder Ost, und setzt damit für Infosperber die dringend notwendigen publizistischen Leitplanken.

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  • am 11.03.2022 um 13:25 Uhr
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    Die Ausführungen von Andreas Zumach erscheinen mir plausibel. Man kann die Vorgänge, welche zur jetzigen Kriegskatastrophe führten, auch durchaus anders erzählen: Putin wurde vom korrupten Boris Jelzin als Nachfolger eingesetzt, um die Enteignung seiner Raubgüter aus der Plünderung des Staatsbesitzes zu verhindern. Der junge Präsident entwickelte sich vom Autokraten zum Tyrannen.

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  • am 11.03.2022 um 13:41 Uhr
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    Andreas Zumachs Darlegung kann ich nur unterstützen. Es gibt keine lebbare Alternative zu Verhandlungen. Und es gibt keine Verhandlungen ohne die russische Führung – ob uns deren führenden Nasen nun passen oder nicht.
    Europa hilft den Menschen in der Ukraine am besten mit Massnahmen, welche die Ängste der russischen Führung nicht nähren, sondern abbauen. Die EU müsste daher – hier kann ich Zumach nicht folgen – der Ukraine keine Hoffnung auf einen eh unrealistischen Beitritt machen, ihr aber Formen der Zusammenarbeit vorschlagen, welche die ukrainische Wirtschaft und Gesellschaft unterstützen. Und wenn die EU bzw. ihre Führer wirklich klug sind, bieten sie gleichartige Zusammenarbeit gleichzeitig auch Russland an. Das ist für eine neutrale Ukraine, aber auch für ihre Nachbarn im Osten wie im Westen die beste Garantie für Prosperität, Frieden und freie, selbstbestimmte Entwicklung.

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  • am 11.03.2022 um 14:16 Uhr
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    Eine der besten Übersichten über das Schlamassel, in dem Europa mit den putinschen Überfall auf die Ukraine steckt.
    Dankr für die Seriosität und Gründlichkeit.

    3
  • am 11.03.2022 um 14:46 Uhr
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    Die Geschichte lehrt uns, dass Russia international seit dem WW2 nur ernst genommen wurde, wenn es hart aufschlägt. Neben der zur Genüge bekannten Cuba-Krise wird die neokoloniale Agression 1956 gegen Ägypten regelmässig vergessen. Die Kolonialmächte GB und F unterstützten damals Israel, um Ägypten zu überrennen. Nur die Androhung Chrouchtchows, Paris mit einer A-Bombe zu belegen, hat damals den Frieden im Mittleren Osten wieder hergestellt.

    Als ich 1970, knapp vor Nassers Tod in Kairo war, waren noch alle Vitrinen im ägyptischen Museum mit Plastikklebern gegen eventuelle Bombensplitter gesichert und in Assuan sollten Zeppelline an Kabeln einen Bombenangriff Israels verhindern.

    4
  • am 11.03.2022 um 16:14 Uhr
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    Danke für diese hervorragende Analyse, Andreas Zumach. Strategisch lässt sie nur einen Schluss zu: Putin hat den Fehler begangen, nicht bereits vor acht Jahren in den Donbass einzumarschieren. Da hätte er noch Verständnis für die „Rettung“ der zwei Provinzen gefunden, vor allem beim russischen Militär, das seine Macht schützt. Vielleicht kam er durch die Ungeduld der Armeeführung jetzt in Zugzwang, in einem Spiel, das der Westen zur Zeit besser zu spielen scheint.
    Auch wenn die Sanktionen Russland in die Knie zwingen, wird sich global kaum etwas ändern. Nach wie vor werden wir ohnmächtige Zuschauer von Machtkämpfe globaler Player sein, wobei es immer wieder, wie schon seit Jahrtausenden, um eine Konkurrenz zwischen materiellen und mentalen Interessen gehen wird: Geldgier gegen nationalen Grössenwahn. Egal wer gewinnt, die Demokratie wird dabei immer verlieren, bis die Zivilgesellschaften das einsiehen und dieses Spiel beenden. Wo bleiben die kreativen Lösungen dazu?

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  • am 11.03.2022 um 17:19 Uhr
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    Was hier in vielem geschrieben steht, unterscheidet sich nicht von dem was täglich in Funk und den Tageszeitungen verbreitet wird. Kein Wort darüber, dass Putin Deutschland schon die Hand gereicht hat. Dass den USA aber ein Alarmlicht anging und ein Zusammenkommen dieser Kräfte auf jeden Fall mit allen Mitteln verhindern hat. Wäre die NATO zu einem Kompromiss bereit gewesen und Minsk 2 nicht von den USA von Anfang an torpediert worden wäre, hätte es keinen Krieg gegeben. Bei einem Streit trägt meist nicht einer alleine die Schuld. Und hier liegt es auf der Hand, dass massiv an dem Geschehen gearbeitet wurde. Das Ergebnis wird den USA gefallen. Die Europäer räumen mit Putin auf. Das US-Fracking Gas wird in Europa reisenden Absatz finden Umweltschutz war sowieso gestern. Mit dem Iran schließt man einen Kompromiss. Jetzt kann sich die USA China vornehmen. Ein Fehler darf bei dieser Strategie allerdings nicht passieren, dann ist Europa auf jeden Fall eine Wüste.

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  • am 11.03.2022 um 18:28 Uhr
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    Putin ist exponiert. Es hat aber grosse Teil Asiens, Afrikas und Südamerikas, die den Westeuro-Nordamerikaners zwiespältig eingestellt sind. Die Lösung, welche durch die Welt akzeptiert wäre, scheint in unmöglicher Ferne gerückt zu sein. Für die Schweiz als auch für viele kleine Länder ohne Felder mit Korn, Erdöl und Waffen ist dieser Krieg sicher ein wirtschaftlicher Verlust. Die günstigste Haltung für mich wäre, keine Partei zu ergreifen um sich spätere Versöhnungwege nicht zu verbauen, humanitäre Hilfe im verantwowrtbaren Rahmen zu bieten und sich allseitig als offen und zuverlässig anzubieten.

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  • am 11.03.2022 um 22:38 Uhr
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    Zitat: «Ob Putin vor einem internationalen Straftribunal landen wird, weiss man nicht.»
    Sehr wahrscheinlich wird das nicht passieren, denn sonst müssten auch Clinton,  W. Bush, Obama, Sarkozy, Netanyahu und Bin Salman wegen ebenfalls begangener Angriffskriegen längst in Den Haag hinter Schloss und Riegel sitzen.

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  • am 12.03.2022 um 04:27 Uhr
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    Ein grosses Kompliment an den Autor Andreas Zumach für diese erhellende Aufklärung. Was ich nie verstehen werde ist, die Tatsache, dass sich Menschen, Völker und Staaten bekriegen, um Macht, Potenz, wirtschaftliche oder finanzielle Vorteile zu ergattern, und dies meist mit enorm grossen Zerstörungspotential und Tausenden von unschuldigen, getöteten, verletzten oder sozial entwurzelten Opfern. Die dabei geschädigten Menschen werden als Kollateralschaden in Kauf genommen. Wir alle empfinden Naturkatastrophen als unerwünschte Ereignisse. Aber die grösste Naturkatastrophe ist der Mensch. Er allein ist in der Lage, unbegrenzte Katastrophen herbeizuführen, die mit der Natur absolut nichts zu tun haben. In der Natur gibt es keine Katastrophen, sondern einfach Naturereignisse, die der Natur nicht schaden. Was ich mir als Schreckensszenario vorstellen könnte ist, dass das durch Putin willfährig geschwächte Russland von China einverleibt werden könnte. Ich bin sicher, dass solche Pläne bestehen.

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