PFAS: Die Vertuschung begann schon 1944
Die Geschichte beginnt in US-Laboratorien im Zweiten Weltkrieg. Es wird daran geforscht, wie sich Kunststoffe – darunter Teflon und andere PFAS-Verbindungen – gut verarbeiten lassen. Die Forschung ist streng geheim, wird grosszügig gefördert vom US-Militär, ist verknüpft mit dem Atombombenprogramm und dem Raumfahrtprojekt. Sie sollte in Folge vieles auslösen, den US-Kunststoff-Boom zum Beispiel.
US-Bürgerinnen und -Bürger, die in den Fabriken arbeiteten und mit PFAS belastetes Wasser tranken, wurden wissentlich im Unklaren gelassen. Die Journalistin Mariah Blake macht die Entwicklung an der Geschichte der Kleinstadt Hoosick Falls im Bundesstaat New York fest, mit deren Einwohnern sie über Jahre gesprochen hat. Sie hat ausführlich recherchiert, wie die Vertuschung des grössten Chemie-Skandals der Gegenwart begann. Ihr Buch «Die Vergiftung der Welt» («They Poisoned the World») erschien am 25. Februar auf Deutsch.
Im Namen der nationalen Sicherheit
Die Risiken waren von Anfang an bekannt. Brände und Explosionen waren in den Labors des US-Chemiekonzerns DuPont an der Tagesordnung. Gesundheitsprobleme bei Mitarbeitenden und in der umliegenden Bevölkerung gab es schon früh. Genauso wie die Gegenmassnahmen: Studien wurden verschleppt, Kritiker diskreditiert, Untersuchungen blockiert. Die Vertuschung begann schon 1944, im Namen der nationalen Sicherheit.
In Hoosick Falls steht in Folge des Teflon-Booms eine Fabrik, die alles Mögliche mit Teflon beschichtete. Hauptperson von Blakes wahrer Erzählung ist der Versicherungskaufmann Michael Hickey. Blake beschreibt ihn als unscheinbaren Mann, der nicht gerne öffentlich spricht, sich wenig für Politk interessierte und eigentlich nur in Ruhe leben wollte. Die Geschehnisse um seinen Heimatort machten ihn zum Aktivisten, der wesentlich dazu beitrug, PFAS auf die Agenda der Behörden und der Entscheidungsträger zu setzen.
Die Geschichte beginnt mit der Krebserkrankung seines Vaters. Dieser fährt in Hoosick Falls den Schulbus und ist ein bekannter und beliebter Mitbürger. Kurz vor dem Ruhestand wird bei ihm Nierenkrebs festgestellt. Der Krebs wird operativ entfernt, kehrt aber zurück. 2013 erliegt er seinem Leiden.
Vater, Mutter und Sohn Michael hatten in wechselnden Pensen in der Fabrik gearbeitet, die direkt gegenüber liegt. Der Vater nebenbei, der Sohn in den Ferien. Sie reinigten die Anlage von Teflonschlamm. Während sich die Familie 2013 auf die Beerdigung vorbereitet, rollt Blake die Geschichte von PFAS und die Geschichte des einst florierenden Orts auf – und damit auch die Geschichte einer systematischen Vergiftung.
Zu viel Krebs für einen Zufall
Hickey fällt auf, wie viele Anwohner an Krebs erkrankt sind. Nach dem Tod seines Vaters vergräbt er sich fast zwanghaft in Recherchen. Er stösst auf PFOA als eines der ersten bekannten PFAS-Gifte, auf Chemieunfälle und auf die Geschichte der Stadt Parkersburg in Virginia, wo der Anwalt Rob Billot jahrzehntelang gegen die Chemikalie kämpfte («Infosperber» berichtete). Könnte die Fabrik im Ort auch in Hoosick Falls der Grund für die vielen Erkrankungen sein?
Er spricht mit dem Hausarzt Marcus Martinez, der fast alle Bewohner des Orts betreut. Dieser hat bereits einen Verdacht – und kurz darauf selbst Krebs. Die Ärzte stellen eine sehr seltene Krebsart fest, an der auch andere Personen in Hoosick Falls erkrankt sind. Wenn das ein Zufall ist, dann ein aussergewöhnlicher. In Hoosick Falls ist die Rate seltener Erkrankungen gegenüber dem nationalen Durchschnitt um ein Vielfaches erhöht, hat Martinez festgestellt.
Hickey und Martinez sprechen mit dem Bürgermeister, verlangen, dass das Wasser getestet wird. Der aber will gegen die Teflonfabrik des französischen Unternehmens Saint-Gobain – den grössten privaten Arbeitgeber im Ort – nur ungern vorgehen. Er arrangiert halbprivate Treffen mit dem Unternehmen. Weiter passiert lange nichts. Hickey schickt selbst Wasserproben an ein Labor. Das Ergebnis ist eindeutig: Das Trinkwasser der Stadt ist stark mit PFOA belastet.
Selbst die Freiheitsstatue ist mit Teflon beschichtet
Hickey und Martinez wissen da noch nicht, dass sie nicht nur gegen giftiges Wasser, eine Fabrik und einen Bürgermeister kämpfen, sondern gegen Jahrzehnte institutioneller Vertuschung. In der wahren Geschichte von PFAS, wie Blake sie recherchiert hat, kommen vor: der Zweite Weltkrieg, Einstein, das US-Militär, das US-Raumfahrtprogramm, Teflon, Plutonium und die Atombombe. Eine Rolle spielen auch grosse US-Unternehmen wie General Motors und die grossen Universitäten des Landes. Selbst die Freiheitsstatue ist mit Teflon beschichtet.
Die neuartigen Kunststoffe sind anfangs streng geheim, werden mit umfangreichen Mitteln gefördert. Risiken werden in Kauf genommen – es ist ja Krieg. Als das Geheimhaltungsgebot 1945 aufgehoben wird, haben Unernehmen wie 3M, die an den geheimen Projekten beteiligt waren, bereits die Nase vorn. Etliche neue Chemikalien fluteten den Markt. Wie sie auf die Gesundheit wirken, ist oft nicht getestet. Unternehmen wie DuPont und 3M sorgen dafür, dass es so bleibt. Studien werden verschleppt oder ganz unterlassen.
Als es die ersten Gesetze gibt, geniesst die Teflonherstellung bereits Bestandsschutz. Mittelbar führten PFAS zur Gründung der US-Umweltbehörde EPA und trugen zum Toxic Substances Control Act bei, einem folgenschweren Gesetzestext, in dem festgehalten ist, dass eine Substanz in den USA so lange als harmlos gilt, bis ihre Giftigkeit bewiesen ist.
2015 ist längst klar, wie giftig PFOA ist – eigentlich
Die Regierung jedenfalls mauert. Hormonstörende Chemikalien sind in der Wissenschaft bereits seit 20 Jahren ein Thema, als Hickey und Martinez zum Bürgermeister gehen. Die ersten Medienberichte gab es 2003. 2006 wird deutlich, dass PFOA «wahrscheinlich krebserregend» ist und die fötale Entwicklung erheblich stören kann. Geburtsgebrechen bei Kindern von Arbeiterinnen in der Teflonproduktion sind dokumentiert. In der EU gilt das Vorsorgeprinzip. Doch der rechtliche Rahmen in den USA schützt die Industrie.
Saint-Gobain weigert sich, den Einwohnern Flaschenwasser zur Verfügung zu stellen. 2015 bietet das Unternehmen zwar an, Wasserfilter für die öffentliche Versorgung zu bezahlen – im Gegenzug sollen die Bewohner jedoch auf alle weiteren Ansprüche verzichten. Ende 2015 reagiert endlich die US-Umweltbehörde EPA und fordert den Bürgermeister auf, die Bevölkerung zu warnen. Was nicht geschieht.
Hickey und Martinez, der von seiner wiederkehrenden Krebserkrankung geschwächt ist, kommen lange nicht weiter und geben schlussendlich ihre Zurückhaltung auf: 2015 engagieren sie einen Anwalt, gründen die Non-Profit-Organisation «Healthy Hoosick Water» und nehmen Kontakt zu anderen Aktivisten auf.
«Superfund Site», Morddrohungen – und eine Vertrauenskrise
Nach einer turbulenten Gemeindeversammlung wird die Gemeinde schliesslich von der Wasserversorgung getrennt. Gouverneur Andrew Cuomo erklärt Hoosick Falls zur «Superfund Site», das heisst, zu einem stark mit gefährlichen Abfällen verschmutzten Standort. Was zur Folge hat, dass Hoosick Falls finanzielle Mittel der Regierung erhält. 2016 wird die PFAS-Verschmutzung der weiteren Umgebung offenbar: Auch weit entfernt von den Teflonfabriken finden sich PFAS-Belastungen. Viele weitere Gemeinden sind betroffen.
Bewohnerinnen und Bewohner, die ihr Blut testen lassen, stellen fest, dass sie riesige Mengen PFAS im Körper haben. Immer mehr Menschen erkennen, dass sie wissentlich vergiftet wurden, was eine tiefe Vertrauenskrise auslöst. Überregionale Medien berichten, die Geschichte von Hoosick Falls wird auf Social Media geteilt. Der Bürgermeister erhält Morddrohungen. Es gibt die ersten Kundgebungen. Und endlich wird auch der US-Kongress aufmerksam.
Wenn sauberes Wasser zur Nachricht wird
Vor allem aber erzählt Blake, was PFAS für Menschen bedeutet, die mit den Folgen einer Vergiftung leben müssen: mit giftigem Wasser, vergiftetem Boden und vergifteter Luft. Mit Krebs und anderen Erkrankungen. Mit der Frage, ob es überhaupt noch ratsam ist, Kinder zu bekommen und dem Wissen, dass man sie keinesfalls stillen sollte. Mit Nachbarn, die jung gestorben sind. Und mit der Gewissheit, dass Geburtsgebrechen bei Kindern von Arbeiterinnen in der Teflonproduktion längst dokumentiert waren – und verschwiegen wurden.
Es gibt auch gute Nachrichten: Hoosick Falls habe erstmals seit Jahren sauberes Wasser, postete die Autorin und Journalistin im April 2025 auf Linkedin und verlinkte das Video eines Nachrichtensenders, der Reaktionen der Bewohner einfing. Keine Wasserfilter, sondern ein komplett neues, unabhängiges System. «Ich glaube, mein Vater wäre stolz auf mich», sagt Michael Hickey in die Kamera.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.









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