Kommentar
Hoffnung auf das andere Amerika
Kürzlich habe ich mir auf Youtube die Antrittsrede von John F. Kennedy angeschaut. Wieder hat sie mich bewegt. Sie hat mich angerührt und ergriffen. Kennedy hat sie vor genau 65 Jahren gehalten, gleich nach seinem Amtseid als 35. Präsident der Vereinigten Staaten; am 20. Januar 1961 vor dem Kapitol in Washington.
Kennedys Inaugurationsrede ist nicht lang, sie dauert keine 15 Minuten. Es ist eine Gänsehaut-Rede, zum Weinen schön fast – obwohl es sich eigentlich um eine Kalter-Krieg-Rede handelt – allerdings um eine aussergewöhnlich gelungene und kluge.

Zum Weinen schön? Das liegt nicht nur an der Zuversicht, die sie schafft; das liegt nicht nur an der Hoffnung, die sie weckt; das liegt nicht nur an der Solidarität mit den Verbündeten, die sie verspricht. Das liegt auch am Kontrast zum rhetorischen Getrampel des amtierenden US-Präsidenten Trump.
Es ist der grösstmögliche Kontrast, den man sich vorstellen kann.
Kennedys Rede hat einen internationalen Grundton, Trumps Reden und Handeln sind nationalistisch durchtränkt. Der eine redet von Werten, der andere leugnet sie. Deshalb hört man die Kennedy-Rede heute mit Wehmut; man schaut sie mit Nostalgie. Und doch kann diese Rede ein wenig dabei helfen, an der Gegenwart, an der polternden Aggressivität eines Donald Trump nicht zu verzweifeln.
Das Pathos der Solidarität und das Pathos der Brutalität
Die USA, so sagte Kennedy vor 65 Jahren, würden «jeden Preis zahlen, jede Bürde auf sich nehmen, jede Härte ertragen, jedem Freund helfen und jedem Feind entgegentreten», um deren Freiheit und deren Bestand zu sichern. Das war Pathos. Aber es war das Pathos der Solidarität. Kennedy hat den US-Führungsanspruch eingebettet in Bündnisse und multilaterale Institutionen.
Trump will seinen Führungsanspruch verstärken, indem er diese Bündnisse und Institutionen verlässt und auf die Territorien anderer Staaten zugreift. Diese will er den USA einverleiben. Es ist dies das Pathos der Brutalität. Solche Brutalität beherrscht nicht nur die Aussenpolitik, sondern auch die Innenpolitik Trumps, wie sich beim Einsatz der ICE-Einheiten, also der US-Einbürgerungspolizei, zeigt.
Das Trump-Amerika ist nicht das Land, das Kennedy in seiner Rede angesprochen und das Martin Luther King zweieinhalb Jahre später in seiner grossen Rede «I have a dream» beschworen hat. King träumte von der Überwindung der Rassendiskriminierung und von sozialer Gerechtigkeit, er appellierte an die «Seele Amerikas».
Man darf heute auch daran erinnern, weil gestern in den USA der Martin-Luther-King-Tag als Feiertag begangen wurde. Man darf also daran erinnern, dass es nicht nur das Trump-Amerika gibt, sondern auch das John-F.-Kennedy-Amerika und das Martin-Luther-King-Amerika.
Die Gesellschaft verändert
Kennedy und King haben die US-Gesellschaft verändert. Das Kennedy- und King-Amerika zeigt sich in den Grossdemonstrationen in Minneapolis gegen die Brutalität der Einwanderungspolizei. Die lokalen Proteste haben sich landesweit ausgebreitet. Es wurden über tausend Protestaktionen organisiert, sie richten sich gegen die harte ICE-Praxis und die politische Linie dahinter.
Es gibt Mahnwachen und Kunstaktionen an der Stelle, an der die 37-jährige Mutter Renée Good hinter dem Steuer ihres Autos vom ICE-Beamten Jonathan Ross erschossen wurde. Bundesstaatsanwälte sind zurückgetreten, weil die Trump-Regierung die Ermittlungen gegen den Todesschützen behindert und blockiert.
Das Gesicht des Donald Trump sieht man in den hiesigen Medien unentwegt und überall, die Gesichter des Protests gegen ihn und seine Politik sieht man viel zu wenig. Diese Gesichter machen Hoffnung auf das andere Amerika.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.










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