Kommentar

Das ewige Pendeln zwischen Gleichgewicht und Hegemonie

Jürg Müller-Muralt © zvg

Jürg Müller-Muralt /  Bei der Ukraine-Krise geht es auch um ein Grundproblem der europäischen Geschichte, das zu wenig beachtet wird.

Was haben Wilhelm III., Prinz von Oranien und König von England (1650-1702), und Russlands Präsident Wladimir Putin gemeinsam? Mehr als man auf den ersten Blick vermuten würde. Beide sind in ein Grundproblem der europäischen Geschichte der Neuzeit verstrickt – natürlich in ganz unterschiedlicher Art und Weise. Es geht um die andauernde Suche nach einem labilen Gleichgewicht der Grossmächte und einem immer wiederkehrenden Anspruch auf Hegemonie.

Der Sonnenkönig sucht die Hegemonie

Am Anfang dieser Entwicklung steht das England Wilhelms III. Er wandte sich vor etwas mehr als 300 Jahren gegen Frankreichs Machtstreben. Ludwig XIV. hatte die Position seines Landes als stärkste Macht in Europa gefestigt, zur Sicherung seiner Hegemonie ging der Sonnenkönig unzimperlich vor. Militärische Potenz stand ganz oben auf seiner Agenda: 400 000 Mann stark war sein Heer, das stärkste auf dem Kontinent seit der Antike. Selbst Frankreichs Seestreitkräfte konnten es mit der britischen Marine aufnehmen.

Wilhelm III. als «Genius Europas»

Das gefiel England nicht. Wilhelm III. betrachtete es als seine zentrale Aufgabe, die protestantischen Mächte Europas gegen die Hegemonialansprüche Frankreichs in Stellung zu bringen. Dieser Umstand verwickelte die Niederlande und England in jahrzehntelange Kriege. Damals begann aber auch die Idee des Gleichgewichts der Mächte Kontur anzunehmen – mit weitreichenden Folgen für die europäische Geschichte. In pathetischen Worten schildert der Historiker Ludwig Dehio diesen historischen Moment und die Rolle Wilhelms III.: «Da war es nun das Glück des Systems, dass der Genius Europas sich in einer Persönlichkeit verkörperte, die hinausgewachsen war aus dem Egoismus eines einzelnen Staates und für alle von Frankreich bedrohten Staaten plante und wirkte. Immer wieder hat im Laufe der grossen Hegemonialkämpfe das Solidaritätsgefühl der Bedrohten die Schranken ihrer Sonderinteressen niedergerissen: aber vielleicht nie so vollkommen, wie in der Person Wilhelms von Oranien. Monarch in Holland durfte er nicht werden; so wurde er europäischer Staatsmann. Seine zarte, geduldige Diplomatenhand knüpfte Masche für Masche das elastische Netz, in dem sich der von dem Sonnenglanz eigener Macht verblendete Sonnenkönig ermatten sollte.»

Ein Klassiker der Geschichtsschreibung

Ludwig Dehios Buch mit dem Titel «Gleichgewicht oder Hegemonie: Betrachtungen über ein Grundproblem der neueren Staatsgeschichte» (siehe Angaben unten) wurde erstmals 1948 veröffentlicht und gilt als Klassiker der historischen Literatur, wenn auch seine Sprache etwas antiquiert wirkt. Das Werk versucht, die Erfahrungen der beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts in die weite Perspektive des europäischen Staatensystems zu rücken.

«Zentrale Lehre der europäischen Geschichte»

Auch NZZ-Chefredaktor Eric Gujer scheint von der Lektüre dieses Buches profitiert zu haben, wenn er in seinem kürzlich veröffentlichten Leitartikel zur Russland-Ukraine-Krise die Gleichgewichtsproblematik anspricht: «Der Westen ignorierte eine zentrale Lehre der europäischen Geschichte, wonach die beste Voraussetzung für Stabilität ein Gleichgewicht der Mächte ist, das von den Beteiligten als fair erachtet wird. Nach dem Fall der Berliner Mauer hat sich jedoch ein Ungleichgewicht ausgebildet. Das russische Imperium wurde mit dem Untergang der Sowjetunion weit nach Osten zurückgedrängt. Die osteuropäischen Staaten des Warschauer Paktes und die früheren Sowjetrepubliken im Baltikum traten der Nato und der EU bei. Die Ukraine wandte sich ebenfalls dem Westen zu. Aus russischer Warte ist das kein Gleichgewicht und fair erst recht nicht. Seit dem Kollaps der Sowjetunion war klar, dass ein erstarktes Russland auf eine Revision hinarbeiten würde. Inzwischen ist es so weit.»

Der Kreml werde nicht ruhen, sein strategisches Vorfeld an der Bruchlinie von Ost und West zu vergrössern, schreibt Gujer weiter. «Nur selten hat eine europäische Grossmacht einen als ungerecht empfundenen Zustand hingenommen. Auch Deutschland akzeptierte den Versailler Vertrag nicht. Nato und EU taten gut daran, das Selbstbestimmungsrecht der Osteuropäer zu respektieren und sie mit offenen Armen zu empfangen. Das Ungleichgewicht hätte Anlass sein müssen, den Dialog zu suchen und so den Konflikt zu entschärfen. Die vermeintlichen Sieger der Geschichte liessen die Dinge indes schleifen. Moskau wird nicht aufgeben.»

Die fünf hegemonialen Wellen in Europa

Es ist richtig und wichtig, die Ursachen gefährlicher internationaler Konflikte nicht nur in einer kurzen Zeitspanne vor ihrer akuten Phase zu suchen. Die Lektüre historischer Werke kann durchaus mithelfen, etwas Tiefenschärfe in die Debatte zu bringen und auch die Augen für mögliche Lösungsansätze zu öffnen. Ludwig Dehios Werk mag dazu einen kleinen Baustein liefern. Der Historiker diagnostizierte, spätestens seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, Pendelbewegungen zwischen einem labilen Gleichgewicht der Mächte und dem Streben nach Vormachtstellung. Er sah darin gar ein zentrales Bewegungsgesetz des europäischen Staatensystems seit der frühen Neuzeit.

Insgesamt fünf Mal, so schreibt Ludwig Dehio, wurde Europa – und jeweils auch Teile der restlichen Welt – durch Hegemonialbestrebungen massiv erschüttert: durch den spanischen Habsburger Philipp II., durch das Frankreich Ludwigs XIV., nochmals durch Napoleon Bonaparte; und dann durch das Deutschland Wilhelms II. und schliesslich durch Hitlers Drittes Reich. Bei der Bekämpfung dieses Dominanzstrebens trugen immer die von Dehio so genannten «Flügelmächte» die Hauptlast, in erster Linie Britannien, seit den napoleonischen Kriegen immer auch Russland und seit dem Ersten Weltkrieg ebenso die USA.

Nur «altes Hegemonialproblem» gelöst

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs war gemäss Dehio «das alte europäische Hegemonialproblem» verschwunden. Aus der Welt geschafft war es damit allerdings nicht. Der 1963 verstorbene Historiker erlebte noch den wachsenden Konflikt der Siegermächte USA und Sowjetunion. Auch dieses Kapitel ist zwar überwunden. Aber dass der Zusammenbruch der Sowjetunion und die nachfolgenden ungenierten Hegemonialbestrebungen der USA und der Nato irgendwann zu Frustrationen und gefährlichen Entwicklungen führen könnten, das sollte nicht erstaunen.

Ludwig Dehio: «Gleichgewicht oder Hegemonie: Betrachtungen über ein Grundproblem der neueren Staatsgeschichte»; Manesse Bibliothek der Weltgeschichte, 1996. (Nur noch antiquarisch erhältlich).


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2 Meinungen

  • am 25.01.2022 um 21:03 Uhr
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    Irgendwie habe ich das Gefühl im falschen Film zu sein. Das ganze erinnert mehr an die Vorgeschichte zum WW1 als zu irgend einer anderen Periode menschlichen kollektiven «verirrens». Die Rolle der Nato und ihres Generalsekretärs ist in diesem Szenario besonders störend. Wenn auch immer wer versucht, etwas Rationalität in die internationalen Beziehungen zu bringen, steht auch bereits wieder Stoltenerg dabei, um etwas mehr an (Shale-) Öl ins Feuer zu giessen.

    Dabei dürfte es auch den meisten vernunftbegabten Europäern klar sein, dass positiv orientierte Zusammenarbeit die einzige Lösung bietet, um eine sehr kalte Periode der Kulturgeschichte Europas überleben zu können. Auch mit Flüssiggas aus Norddakota oder Kalifornien, wird Deutschland die Klimawende nicht realisieren können. Bestefalls wird Deutschland ein paar weiter US-Öl-Barone finanzieren können. Bezahlen werden es die Bürger.

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    • am 26.01.2022 um 10:24 Uhr
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      Es ist wohl so wie Herr Hunkeler schreibt, von einem Frieden in Europa könnten alle profitieren. Von normalen Handelsbeziehungen mit Russland hätte unsere Wirtschaft nur Vorteile. In Russland fahren über eine Million Autos aus Japan, Korea, China herum. Es könnten europäische Fahrzeuge sein, wenn die EU nicht den Boykott der USA mitmachen würden. Normale Beziehungen mit Russland, da hätte Onkel Sam natürlich etwas dagegen.

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