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«Paid Post»: Wie viele LeserInnen merken, dass sie einen PR-Artikel der Postfinance lesen? © tamedia

«20-Minuten» verbreitet PR der Postfinance

Urs P. Gasche /  Postfinance finanziert die Wirtschaftsseiten des Gratisblatts mit mindestens 1 Million Franken, enthüllt die Zeitschrift «Saldo».

Die Gratiszeitung «20-Minuten» lässt sich die Wirtschaftsseiten in der gedruckten und in der Online-Ausgabe mit mindestens einer Million Franken jährlich von der Postfinance zahlen. Gegenüber der Konsumentenzeitschrift «Saldo» wollten Postfinance und «20-Minuten» diese Summe weder bestätigen noch dementieren noch kommentieren. Gegenüber Infosperber bestätigte Tamedia-Sprecherin Nicole Bänninger, dass «die Kooperation mit der Postfinance auch das Sponsoring der Wirtschaftsrubrik von (der französischen Ausgabe) ‹20 Minutes›, Print und Online, in der Romandie» umfasst.
«20-Minuten» und «20 Minutes» gehören dem Tamedia-Konzern, der für letztes Jahr einen Gewinn von 122 Millionen Franken auswies.
Die gesponserten Artikel sind in der Aufmachung mit redaktionellen Artikeln zu verwechseln. Doch für Leserinnen und Leser sei «immer transparent» ersichtlich, wenn ein Artikel von der Postfinance gesponsert ist. Es stehe «Paid Post» (siehe roter Pfeil im Bild oben) oder «Sponsored» darüber geschrieben, erklärte Chefredaktor Marco Boselli gegenüber «Saldo».
Die Konsumentenzeitschrift kritisiert die «Kleinstschrift» dieses Hinweises. Doch auch der Tamedia-Konzern erklärt, die von der Postfinance bezahlten und gelieferten Artikel seien «stets transparent und gut ersichtlich als solche gekennzeichnet». «Wir sind überzeugt, dass unsere Leserinnen und Leser zwischen journalistischen Beiträgen und Werbung unterscheiden können», meint Tamedia-Sprecherin Bänninger.

In der Fachsprache bezeichnet man diese PR-Artikel als «Native Advertising». Frei auf deutsch übersetzt: Werbung, die wie ein redaktioneller Beitrag daherkommt.
Gesponserte Redaktion

Postfinance finanziert nicht nur «Native Advertising», sondern den gesamten Wirtschaftsteil von «20-Minuten».
Das Bezahlen der Wirtschaftsseiten macht sich nicht nur bei den direkt bezahlten PR-Artikeln bemerkbar, sondern gelegentlich auch bei den redaktionellen Artikeln. Ein Beispiel, das «Saldo» nennt: Als Postfinance bekanntgab, bis zum Jahr 2020 Stellen abzubauen, titelte die Handelszeitung «Bei der Postfinance sind Hunderte Stellen in Gefahr». Der Landbote schrieb: «Die Mitarbeiter zittern».
Anders «20-Minuten»: Das Gratisblatt titelte «PostFinance braucht künftig weniger Personal».
Sponsering der Seiten «Wissen» in «20-Minuten» beendet
In «20 Minuten» waren bis im Februar 2017 jeweils am Freitag zwei Seiten «Wissen» erschienen, die von der «Scitec-Media GmbH» des früheren TV-Journalisten Beat Glogger produziert wurden. Im Jahr 2015 hatte die «Scitec-Media GmbH» für 45 Doppelseiten stolze 368’000 Franken erhalten, was pro Doppelseite rund 8’200 Franken beziehungsweise abzüglich Mehrwertsteuer 7’523 Franken ergab (siehe Infosperber «Lukratives Sponsoring»). Diese Zusammenarbeit sei im Februar aufgelöst worden, erklärt Tamedia-Sprecherin Nicole Bänninger. Die beiden Seiten «Wissen» waren lange von der «Stiftung Mercator Schweiz» und der «Gebert Rüf Stiftung» finanziert worden. Dies sei als Anfangsfinanzierung gedacht gewese, teilt Bänninger mit: «Es war stets das Ziel, die ‹Wissen-Seiten› langfristig über eigenständige Werbeerträge zu decken.» Dies habe sich aber als unmöglich erwiesen.
Beauftragt mit der Inseraten-Beschaffung für die Seiten «Wissen» war die «print-ad kretz gmbh». Auf der Webseite dieser Agentur heisst es: «Wir vermitteln gerne bestens geeignete Partner … für die Redaktion». Sie rühmt die «enge Zusammenarbeit mit Redaktionen und Verlegern».

Der Tamedia-Auftrag an die «print-ad kretz gmbh» ist jetzt aufgekündigt, erklärt die Tamedia-Sprecherin. Die beiden Seiten «Wissen» erscheinen nicht mehr. Aktuelle «Wissen»-Inhalte würden von der Redaktion verfasst und nicht mehr auf speziellen Seiten platziert, sagt Nicole Bänninger.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine

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