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Social Media versus Massenmedien: Gaddafis TV-Ansprache an das Volk © focus

@Gerüchte.com

Christof Moser /  Facebook und Twitter werden zu Kampfzonen der Informationsgesellschaft. Das Gerücht von gestern ist die Waffe von heute.

Die Nachricht, die keine war, startete ihre Weltkarriere am 27. Februar 2011 und platzte mitten in die Unruhen im Mittelmeerraum. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hatte aufgrund der anhaltenden Gewalt in Libyen gleichentags einstimmig Sanktionen gegen das Regime von Muammar al-Gaddafi beschlossen. In Tunesien musste Ministerpräsident Mohamed Ghannouchi nach heftigen Protesten gegen seine Übergangsregierung zurücktreten. Wer als Diktator in diesen Tagen noch in Amt und Unwürden war, bekam es langsam mit der Angst zu tun. Das war der fruchtbare Boden, auf den die angebliche «Breaking News» fiel, die in jenen Tagen seltsamste Blüten trieb.

Der saudische König Abdallah bin Abdul Aziz al-Saud wolle für 150 Milliarden Dollar Facebook kaufen und das Social Media-Portal dann sogleich vom Netz nehmen, um Unruhen in seinem Land zu verhindern, meldete die Website Dawnwire.com. Nicht ohne Hinweis, dass es sich dabei um eine Jux-Meldung handle – was allerdings alle übersahen. Innert Stunden wurde die Nachricht 25000 Mal via Facebook geteilt, 3000 Twitter-Nachrichten thematisierten die angebliche Konterrevolution der Öl-Diktatur im persischen Golf. Als dann auch etablierte Medien in Ägypten, Libyen und Tunesien die Meldung prominent auf ihren Websiten platzierten und selbst US-amerikanische Journalisten Facebook mit Anfragen eindeckten, sah sich der Google-Manager und inzwischen weltweit bekannte ägyptische Revolutions-Aktivist Wael Ghonim genötigt, die Nachricht zu korrigieren. Auf Twitter schrieb er: «Einige Journalisten brauchen ernsthaften Nachhilfeunterricht».

Information wird zur Schnellfeuerwaffe

Selbst jene, die professionell mit Informationen umgehen, Journalisten also, sind der wachsenden Informationsflut im Internet kaum noch gewachsen. Was ist Nachricht, was Gerücht? Via Facebook und Twitter verbreitet sich jede Meldung, ob wahr oder falsch, in sekundenschnelle rund um den Globus. Eher selten ist der Hinweis, dass es sich bei einer Nachricht um einen Jux handelt, in der Internetfachsprache «Hoax» genannt, dessen ungeprüfte Weiterverbreitung Journalisten dann gerne mit Zeitnot entschuldigen, letztlich aber simpler Ausdruck von Unprofessionalität ist. Häufiger sind gezielte Desinformationen. Bewusst gestreute Falschmeldungen waren schon vor dem Internet Feinde des Journalismus. Neu ist jedoch deren rasante Verbreitung ohne Zutun etablierter Massenmedien. Dass auch mit Gerüchten in Social Media Politik gemacht werden kann, zeigte sich jüngst in einer Äffäre, die den chinesischen Machtzirkel der kommunistischen Partei durchgewirbelt hat.

«Putschgerüchte: China verschärft Internetzensur», meldeten die internationalen Medien Ende März. Während dreier Tage konnten die 300 Millionen Nutzer des Kurznachrichtendiensts «Weibo», die täglich 200 Millionen Nachrichten durchs abgeschottete chinesische Internet jagen und immer mit staatlicher Zensur rechnen müssen, nur noch eingeschränkt kommunizieren. «Weibo» ist die chinesische Konkurrenz zu Twitter, das in China ebenso wie Facebook und Youtube gesperrt ist, und «Weibo» ist noch mehr Nachrichtenkanal als sein westliches Pendant: Anders als in den auf 140 Zeichen beschränkten Twitter-Nachrichten lässt sich mit den chinesischen Schriftzeichen bei «Weibo» drei bis sechsmal so viel schreiben. Umso aufmerksamer liest der Staat mit. Am 27. März begannen die chinesischen Behörden damit, 210000 «Weibo»-Tweets zu löschen, die verbreitet hatten, in der Hauptstadt Peking seien Militärfahrzeuge aufgefahren. Von einem Putsch war die Rede. Sechs Personen wurden festgenommen, 41 Websites geschlossen. Ein Behördenvertreter liess verlauten, die Gerüchte seien «bösartige Tumore». Die Blogger schlugen zurück: «Das Gerücht von gestern ist die Wahrheit von heute». Und so war es denn auch. Wobei Wahrheit ein ebenso grosses Wort ist wie China ein grosses Land.

Hintergrund der Putsch-Meldungen war der Sturz des Spitzenpolitikers Bo Xilai und der «dringenden Mordverdacht» gegen dessen Frau, die in der rasanten Entwicklung der chinesischen Internetöffentlichkeit ein neues Kapitel aufgeschlagen haben. Noch während die Behörden Putsch-Gerüchte zensierten, sickerten auf «Weibo» plötzlich Details des Machtkampfs in der kommunistischen Führung durch, die allesamt den aufstrebenden Funktionär Xilai, der ein Gegenspieler des Premiers Wen Jiabao ist, in ein schlechtes Licht rückten. Chinesische Blogger vermuten dahinter eine offensive Gegenstrategie der Behörden: statt einen letztlich aussichtslosen Kampf gegen die Putsch-Gerüchte zu führen, streut der Staat selber gezielt Indiskretionen. «Alles ist von offizieller Seite gesteuert», schreibt der bekannte chinesische Blogger Michael Anti auf seiner Website. Die chinesische Führung zensiere das Internet nicht nur, sie nutze es auch, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Die Regierung eröffne dafür eigene «Weibo»-Konten und engagiert Firmen, zu deren Dienstleistung gehört, Propaganda zu verbreiten. «Wenn es in China mal ein Fenster der Meinungsfreiheit gibt, dann ist das Absicht», schreibt Anti. Wer heute im chinesischen Web nach dem abgesetzten Xilai sucht, stösst kaum auf Ergebnisse: es gibt ihn offiziell nicht mehr.

Mit Gerüchten 2.0 in den Wirtschaftskrieg

Gezielte Falschmeldungen werden auch in der Wirtschaft eingesetzt, und wie in der Politik können sie dank Social Media heute ungeahntes Potenzial entfalten. Gerüchte bewegen die Börsenkurse, entscheiden über Gewinne oder Verluste – auch das war schon immer so. Als im Sommer 2010 mitten in der Finanzkrise via SMS, Facebook und Twitter das Gerücht kursierte, «zuverlässige Informationen» würden berichten, dass die Banco Comercial Portugês (BCP) kurz vor dem Zusammenbruch stehe und die Nationalbank eingreifen müsse, zeigte sich, wie schnell daraus im Internet-Zeitalter ernste Probleme entstehen können. Der Börsenkurs des Finanzinstituts sackte ab, die Portugiesen begannen damit, ihr Geld von den Konten abzuziehen. Das Gerücht war drauf und dran, sich zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung zu entwickeln. Die Bank reagierte mit einer Strafanzeige gegen unbekannt, Finanzminister Teixeira dos Santos bezeichnete die Streuung der Gerüchte als «kriminelle Handlungen», die der Wirtschaft des Landes insgesamt Schaden zufüge.

Welche Hebelkräfte sich im Internet in einer Wirtschaftswelt entwickeln können, in denen die Märkte sekundenschnell und höchst volatil auf Nachrichten reagieren, zeigt das Beispiel des US-Bloggers und früheren Banken-Analysten Henry Blodget, der an einem Dienstag morgen im Sommer 2011 in seinem Blog die Nachricht verbreitete, die Bank of America brauche 200 Milliarden Dollar frisches Kapital, sonst drohe der Kollaps. Am Mittag lief die Meldung bereits über den Finanzsender Bloomberg-TV. Die Aktienkurse stürzten ab, Spekulant Warren Buffet stieg als Retter ein, streute seine Finanzspritze für die Bank – und verdiente damit am ersten Tag eine Milliarde. Die Bank hatte die Spekulationen vergeblich zurückgewiesen.

Internet-Experten und Juristen stellen eine rasante Zunahme von so genanntem «Wettbewerbs-Mobbing» im Internet fest, Meldungen also, die nur das Ziel haben, auf sozialen Netzwerken und Videoplattformen wie Youtube Konkurrenten zu schädigen. Es werden diffamierende Gerüchte über die Produktequalität gestreut, Facebook-Gruppen eröffnet, die unwahre und geschäftsschädigende Nachrichten verbreiten – oder eben: abzukassieren. Banken sind damit besonders angreifbar, und kleine Firmen können damit ruiniert werden. Aber der Kapitalismus wäre nicht der Kapitalismus, gäbe es nicht Firmen, die sich darauf spezialisiert haben, Gerüchte zu streuen, und andere Firmen, die anbieten, sie zu bekämpfen.

Journalismus ohne Wahrheit

Im Kampf gegen derartige Falschmeldungen ist der Grat zwischen berechtigten und propagandistischen Gegenmassnahmen allerdings äusserst schmal. In der Schweiz sind Online-Trendmonitoring-Firmen, die im Auftrag ihrer Kunden im Internet Gerüchte aufspüren und auch gleich bekämpfen, erst eine aufstrebende Branche. Im englischen Sprachraum sind sie bereits stärker verbreitet und werden gerne auch damit beauftragt, in Foren und Social-Media-Portalen berechtigte Kritik von Kunden nachträglich zu schönen oder Kritik von Natur- und Menschenrechtsorganisationen an problematischem Profitgebaren als Gerüchte zu diffamieren. Was ist Nachricht, was Gerücht, was Gegengerücht?

In der Welt des People-Journalismus, der über Stars und Sternchen berichtet, ist dieser Unterschied längst nicht mehr feststellbar. Vier Tage vor Weihnachten 2011 ging die Falschmeldung um die Welt, US-Rockstar Jon Bon Jovi sei gestorben. Als auch Medien über seinen Tod zu spekulieren begannen, meldete sich der Sänger auf seiner Facebook-Seite auf einem Foto, das ihn vor einem Weihnachtsbaum zeigt. In den Händen hielt er ein Schild, auf dem geschrieben stand: «Der Himmel hat eine grosse Ähnlichkeit mit New Jersey. Seid versichert: Jon lebt und es geht im gut». Das US-amerikanische Klatsch-Portal TMZ.com hat solche Geschichten zu seinem Geschäftsmodell gemacht und bietet Informanten «Top-Honorare» für die neusten Gerüchte. Im Fall des Todes von Michael Jackson überholte TMZ.com damit sogar die Wirklichkeit: Die Exklusivmeldung, der King of Pop sei gestorben, jagte das Portal damals Minuten vor dem später offiziell festgesetzten Todeszeitpunkt durch das Internet.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Der Text erschien zuerst im Strassenmagazin «Surprise». Erhältlich für 6 Franken beim Strassenverkäufer Ihres Vertrauens.

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