Pietro Supino x.

Tamedia-Verleger Pietro Supino am «Tages-Anzeiger»-Meeting vom 15. Januar 2026 © tamedia

Tamedia-Verleger will dem Publikum noch mehr aufs Maul schauen

Urs P. Gasche /  Pietro Supino rief seine Journalisten auf, sich auf die Meinung der Leserschaft zu konzentrieren. Kein Wort von Vierter Gewalt.

Am traditionellen «Tages-Anzeiger»-Meeting vom 15. Januar im Zürcher Schiffsbau rief Supino dazu auf, den Journalismus «weiterzuentwickeln». Die Redaktionen sollen gezielt erfassen, «was die Bevölkerung beschäftigt und wie die Stimmung ist». Journalismus dürfe keine Meinungen vorgeben, sondern solle erfassen, was die Bevölkerung bewegt. 

Dazu stellte Supino eine Meinungsumfrage vor, wonach sich die Bevölkerung am meisten Sorgen mache um die Kaufkraft, die Gesundheitskosten, die Einwanderung und Bevölkerungszunahme. Künftig müsse der «Kontakt mit dem Publikum» Priorität haben. Das Motto müsse lauten «A nation talking to itself».

Die Kunst des Journalismus bestehe darin, «möglichst offene Fragen zu stellen». Das biete «phänomenale Chancen». 

Vor dem eingeladenen Gastredner, UBS-Chef Sergio Ermotti, verlor der Verleger und Verwaltungsratspräsident des marktmächtigen und börsenkotierten TX-Konzerns kein Wort darüber, dass es in einer Demokratie eine wesentliche Aufgabe der Medien als «Vierte Gewalt im Staat» wäre, die Mächtigen in Politik und Wirtschaft zu kontrollieren und ihnen auf die Finger zu schauen.

Kein Wort auch darüber, dass Medien prioritär so informieren müssten, dass die Bürgerinnen und Bürger in der Lage sind, möglichst gut informiert abstimmen und wählen zu können. 


Gewinne, Dividenden und Börsenkurs 

Doch Verwaltungsräte und CEOs grosser Medienkonzerne diskutieren nicht etwa darüber, wie sie es Bürgerinnen und Bürger ermöglichen können, informiert mitentscheiden und wählen zu können. Tamedia, NZZ, Ringier, CH-Media, Axel Springer, SWMH, Holtzbrinck oder Pro Sieben/Sat.1-Media verhalten sich wie andere Grosskonzerne. Es zählen die Maximierung der Gewinne, das Ausschütten von Dividenden und der Börsenkurs. 

Die Einnahmen aus Stelleninseraten und Kleinanzeigen fliessen zwar wie früher üppig – jetzt online –, aber die Konzerne finanzieren damit nicht etwa wie früher die Redaktionen, sondern häufen dieses Manna in separaten Profitcenters an. Sie sprechen von unerwünschter Quersubventionierung, wenn ein Teil dieser Profite in den Geschäftsbereich Journalismus fliessen würde.

Qualitätsmedien seien «so systemrelevant wie Banken», hatte Heribert Prantl, ehemaliger Chefredaktor der «Süddeutschen Zeitung», bereits vor sechzehn Jahren gewarnt. Angesichts der Informationsflut gehe es mehr denn je darum, Informationen einzuordnen.

Heute sind es noch viel mehr als früher unabhängige Nischenmedien wie Republik, Infosperber, Inside Paradeplatz, Bajour, Zentralplus, Tsüri, Hauptstadt u.a., die mit bescheidenen Mitteln versuchen, die Rolle der Vierten Gewalt zu übernehmen. Die gemeinnützige Online-Zeitung Infosperber etwa will grosse Medien ergänzen und möglichst nach politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Relevanz gewichten und informieren. 


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