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Mehr als zwei Fünftel aller deutschen Journalistinnen und Journalisten schätzen ihren Beruf als prekär ein. © public-domain Haynie C., Pixabay

Studie: Prekarisierung im deutschen Journalismus nimmt zu

Daniela Gschweng /  Drei Fünftel der Befragten empfinden ihre Arbeitssituation als unsicher, eine grössere Ausgabe könnten die meisten nicht stemmen.

Zu beobachten, was Medien in anderen deutschsprachigen Ländern umtreibt, lohnt sich nicht nur inhaltlich. Schon deshalb, weil sich Entwicklungen in der Schweiz oft mit ein paar Jahren Verzögerung wiederholen.

Falls das so ist, sieht die Zukunft der Medienbranche nicht rosig aus, das zeigt eine Umfrage der Ludwig-Maximilians-Universität in München (LMU). Demnach prekarisieren sich die Arbeitsbedingungen im deutschen Journalismus zunehmend.  Nur die Hälfte von mehr als 1000 befragten deutschen Journalistinnen und Journalisten verfügt über ein Einkommen, mit dem sie ihren Lebensunterhalt sicher finanzieren können.

Die meisten bezeichnen ihre Arbeitsverhältnisse als unsicher und für den journalistischen Nachwuchs sind die immer schlechter werdenden Arbeitsbedingungen alles andere als attraktiv. An der Umfrage teilgenommen haben festangestellte und freischaffende Journalistinnen und Journalisten aus allen Mediengattungen, darunter auch «feste Freie» und 7 Prozent nebenberufliche Journalisten.

Die Einkommen sanken schon vor Corona

«Feste Freie» oder Pauschalisten sind eine deutsche Spezialität. Sie sind zwar selbständig, belegen aber Schichten im Redaktionsbetrieb oder verrichten andere regelmässige Aufgaben. Sie werden dafür mit einem Honorar oder pauschal bezahlt. Die Grenze zur Scheinselbständigkeit ist fliessend, weshalb es immer wieder zu Klagen kommt. Der grösste Teil der Befragten arbeitet für eine Tageszeitung, nur ein Viertel hat eine unbefristete Vollzeitstelle.

In der Zeit vor den Corona-Einschränkungen verdienten die Befragten netto durchschnittlich 2340 Euro monatlich, das heisst abzüglich Steuern und Sozialversicherungen wie Kranken-, Renten-, und Pflegeversicherung. Zum Vergleich: 2019 lag das durchschnittliche monatliche Nettoeinkommen eines Vollzeitbeschäftigten in Deutschland bei 2075 Euro (Statista), nach dem GfK Kaufkraftindex war es etwas weniger.

Festangestellte Journalisten verdienen im Durchschnitt 880 Euro mehr als Freischaffende, Männer etwa 500 Euro mehr als Frauen. Am besten bezahlt wird beim Fernsehen, am schlechtesten bei Sonntags- und Wochenzeitungen, noch schlechter bei Anzeigenblättern.

Der Abstand zwischen Festen und Freien ist dabei seit 2015 grösser geworden. Freiberufler haben im Monat noch 1942 Euro zur Verfügung, festangestellte Journalistinnen und Journalisten 900 Euro mehr.

Der Grossteil könnte unvorhergesehene Ausgaben nicht stemmen

Das bemerkenswerteste Ergebnis: Normalerweise steigt das Einkommen einer Berufsgruppe über die Zeit an – nicht so bei Journalistinnen und Journalisten. Nach den Daten der LMU ist es seit 2015 um 560 Euro monatlich gesunken. Der Beruf rutscht weiter in den Niedrigverdiener-Bereich. Vor allem für Journalistinnen und Journalisten, die in den teuren Metropolregionen wohnen, ist das schwierig.

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Die Zahl der niedrigverdienenden Journalistinnen und Journalisten in Deutschland ist im Vergleich zu älteren Umfragen gestiegen.

Nur die Hälfte der Befragten kann mit ihrem Einkommen den Lebensunterhalt «immer» decken, der Grossteil hätte mit unvorhergesehenen grösseren Ausgaben ein Problem. Mehr als zwei Fünftel (43 Prozent) schätzen ihre Situation als prekär ein.

Fast drei Fünftel bewerten ihr Arbeitsverhältnis als «eher unsicher» und finden, dass Prekarität die Zukunft des Journalismus bedroht. Besonders ausgeprägt ist dieses Empfinden bei jungen Befragten. Drei Fünftel der Befragten sehen die journalistische Qualität bedroht.

Unattraktive Bedingungen für den Nachwuchs

Den Nachwuchs muss man zwar nicht mit der Lupe suchen, die befragten Journalistinnen und Journalisten sind jedoch relativ alt und überdurchschnittlich gebildet. Das Durchschnittsalter der Teilnehmenden lag bei fast 49 Jahren, die Mehrheit hat ein Diplom, einen Master- oder Magisterabschluss.

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Alter und Bildungsstand der befragten Journalisten und Journalistinnen.

Dass in den jüngeren Jahrgängen wenige nachkommen, mag an den Arbeitsbedingungen liegen. Zwei Drittel der Befragten finden, dass der Beruf für Jungjournalistinnen und Jungjournalisten unattraktiv ist.

Glückliches Bildungsprekariat mit annehmbarer Work-Life-Balance

Benachteiligt sind auch Frauen. Wenig überraschend stellte die LMU einen journalistischen Gender Pay Gap fest. Journalisten arbeiten häufiger als Journalistinnen in Festanstellung, Frauen arbeiten häufiger in Teilzeit und verdienen im Schnitt 17 Prozent weniger. Was auch daran liegen kann, dass es vor allem Männer in die «Teppichetage» schaffen. 

Erstaunlicherweise ist die Mehrheit der Befragten trotz der Sorgen um die Existenz glücklich mit ihrer Berufswahl. Fast 70 Prozent der Befragten sind mit ihrem Job «eher zufrieden» oder «sehr zufrieden».

Obwohl die Arbeitszeit sich mehrheitlich in den Abend hineinzieht, gelingt es mehr als der Hälfte (53 Prozent), bei der Planung «oft» Rücksicht auf familiäre und private Interessen zu nehmen.

Zunahme der Nebenberuflichkeit

Dennoch wandern hauptberufliche Journalisten in andere Berufe ab. Nach den Daten der LMU verschiebt sich Journalismus in Deutschland weiter in den Nebenberuf. Zwei von fünf Teilnehmern, vor allem freiberufliche Journalisten, gaben eine bezahlte Nebentätigkeit an. Der Grossteil arbeitet in berufsverwandten Bereichen wie Lehre, Kunst oder Public Relations.

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Die am häufigsten genannten Nebentätigkeiten hauptberuflicher Journalisten und Journalistinnen.

Interessenvertretungen wie die «deutsche Journalistenunion» (dju), der «deutsche Journalistenverband» (DJV) oder die Freienvertretung «Freischreiber» bewerten die Studienergebnisse als «dramatisch», «alarmierend» und «ernst» und fordern dringend gesetzliche Anpassungen, um vor allem die Lage freischaffender Journalistinnen und Journalisten zu verbessern.

Und Corona?

Die Corona-Krise hat die Entwicklung beschleunigt und fast allen im Journalismus Arbeitenden zugesetzt, zeigen die Daten. Besonders hart erwischte es Freischaffende, die beruflich viel unterwegs sind, wie Bild- und Veranstaltungsjournalisten. Das bestätigen auch andere Umfragen, beispielsweise eine Befragung des Deutschen Journalistenverbundes (DJV).

Auch für die Hälfte der Festangestellten haben sich die Arbeitsbedingungen während der Pandemie verschlechtert, besonders dann, wenn sie bei Lokal- und Regionalmedien arbeiten.

Zwei Fünftel der in Vollzeit fest Angestellten waren zum Zeitpunkt der Befragung von Oktober bis Dezember 2020 in Kurzarbeit beschäftigt. Insgesamt hatten 80 Prozent der Befragten Einkommenseinbussen, 60 Prozent bangen um ihre Existenz.

Finanziell problematisch, technisch kein Problem

Der grösste Teil der Teilnehmer (84 Prozent) arbeitete wenigstens vorübergehend zuhause und kam damit gut zurecht. Ein Viertel fand die Kommunikation mit Arbeitskollegen und -kolleginnen zwar schwieriger und ein Fünftel war durch die Betreuung von Kindern zusätzlich belastet. Die technischen und räumlichen Voraussetzungen wie einen eigenen Schreibtisch oder eine ausreichende Internetverbindung bewertete die Mehrheit aber als zufriedenstellend.

Die LMU will die Studie «Prekarisierung im Journalismus» um weitere Auswertungen und qualitative Interviews ergänzen. Besonders im Fokus stehen dabei die Bedingungen während der Corona-Pandemie, die Selbstwahrnehmung der betroffenen Journalistinnen und Journalisten, die Situation von Berufswechslern sowie die Situation in Medien-Startups.

Die Studie ist Teil des internationalen Projekts «Worlds of Journalism», das die Situation von Journalisten und Journalistinnen auf der ganzen Welt besser erfassen soll.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine.

Weiterführende Informationen

Zum Infosperber-Dossier:

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Konzerne und Milliardäre mischen immer mehr mit. – Die Rolle, die Facebook, Twitter, Google+ spielen können

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3 Meinungen

  • am 24.03.2021 um 00:14 Uhr
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    Wenn die drei Mächte Legislative, Judikative und Exekutive kalte Füsse bekommen, darf die «Vierte Macht» nicht mehr ihre Rolle wahrnehmen.
    Warum werden zum Beispiel staatliche, kantonale und städtische Institutionen zusammengelegt, umbenannt, oder ihre Kompetenzen erweitert/gekürzt? Um recherchen zu erschweren?
    Und warum werden schweizer Zeitungen eben genauso von ausländischen Verlagshäusern/Gruppen geführt?
    Der Informationskrieg dauert schon sehr lange, die Mittel der Blätter werden ohne Propaganda/Werbung immer geringer. Und die Mittel kommen dann halt von «Externen» Quellen. Die AktienGesellschaft machts möglich. Also Investoren jeglicher Interessensgruppen, NGO’s, Hedgefonds oder noch undurchsichtigere, (weil offiziell geheime) Quellen.
    Dass da eher «nach gusto des Auftraggebers» recherchiert werden soll, sonst gibt es kein Geld, leuchtet doch jedem ein, der Medieninformationen kritisch hinterfragt beim konsumieren.
    Nur weil eine Institution etwas behauptet, muss es noch lange nicht stimmen, besonders nicht, wenn sie damit gleichzeitig Geld verdienen, den eigenen Ruf aufbessern, Macht/Kontrollbereich ausweiten kann.

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  • am 24.03.2021 um 13:23 Uhr
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    In Deutschland ist noch etwas ganz anderes zu beobachten, was dem ganzen noch die Krone aufsetzt:
    Der Westdeutsche Rundfunk z.B. hat «von oben» ganz klare Anweisungen erhalten, was gewünschte und nicht gewünschte Aussagen angeht. Wer nicht spurt, bekommt als freier Mitarbeiter einfach keine Aufträge mehr und wird drangsaliert.
    In dem Buch «Mega Manipulation – Ideologische Konditionierung in der Fassadendemokratie»
    Ulrich Mies (Hg.) berichtet Claudia Zimmermann, seinerzeit Mitarbeiterin beim Westdeutschen Rundfunk über die Art und Weise, wie manipuliert wird und wie Kollegen reagiert haben.
    Im Ergebnis hat es – um etwas vorzugreifen – dazu geführt, das einigen das notwendige Rückgrat fehlt und sie keinerlei Risiken eingehen wollen, um solche «Sauereien» zukünftig zu unterbinden. Andere wiederum lassen sich nicht unterkriegen und stehen dafür ein, was sie sagen und kritisieren.

    Es lohnt auf jeden Fall das Buch zu lesen, denn auf eines können wir uns wohl schon einrichten: auch in anderen Branchen wird es sich drastisch verändern und Menschen werden gegeneiander ausgespielt. Gutes Beispiel aus Deutschland: Hartz 4; dort enden all diejenigen, die nach dem Arbeitslosengeld immer noch nicht vermittelt werden konnten. Der Bevölkerung hat man eingeredet, dass das alles nur Faulpelze sind, die auf Kosten anderer leben und viel zu viel bekommen würden. Und weil Menschen oft einfach strukturiert sind, merken sie gar nicht erst, das doch ihre Löhne viel zu niedrig sind!

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  • am 24.03.2021 um 13:30 Uhr
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    @ Claude Fontana

    Mein Tipp für Sie in zwei Buchtiteln:

    «Die Weltbeherrscher – Militärische und geheimdienstliche Operationen der USA» von Armin Wertz , Westendverlag
    und
    «Mega Manipulation – Ideologische Konditionierung in der Fassadendemokratie» ; Ulrich Mies (Hg.), Westendverlag

    Dort können sie lesen, wer denn überhaupt alles die Medien derart manipuliert, das bestimmte Dinge nicht genannt werden dürfen und andere manipulative Meldungen vermehrt «ausgestossen» werden sollen.
    Bestes Beispiel der heutigen Zeit ist das neue alte Feindbild Russland und China. Das ganze läßt sich unter der Rubrik Propaganda ablegen und ist leider sehr erfolgreich, weil viele Zeitungsleser wie auch Nachrichtenhörer/-seher nicht weiter darüber nachdenken was da so passiert.

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