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Unstatthafte Doppelspiele im Mediensektor. © mohamed_hassan

Spionierende Journalisten

Rainer Stadler /  Journalisten und Spione haben etwas gemein: Sie sammeln Informationen. Da kommt es auch zu Doppelspielen.

Dieser Tage wurde bekannt, dass ein Journalist des französischen Satireblatts «Canard enchaînè», Jean Clémentin, auch als Informant für den tschechischen Geheimdienst gearbeitet hat. Das tat er zwischen 1957 und 1969, wie der «Nouvel Observateur» berichtete. Archivdokumente, deren Geheimhaltung aufgehoben wurde, belegen dies. Clémentin wurde für seine verdeckte Arbeit vom Geheimdienst regelmässig bezahlt. Der Journalist schrieb von 1950 bis 1989 unter dem Pseudonym Jean Manan für die Satirezeitung. Dabei hat er dreimal auch Desinformation betrieben, indem er in der Zeitung Informationen publizierte, die vom Geheimdienst konzipiert worden waren. Der 1993 verstorbene Clémentin hegte Sympathien für die Staaten im Osten, brauchte aber auch wegen Liebesaffären das Geld, wie sein Verbindungsoffizier notierte.

Etliche Journalisten liessen sich auf Doppelrollen ein, wie «Le Monde» in einer kleinen Aufzählung festhält. So erinnert die Zeitung an den 2014 im Alter von 58 Jahren verstorbenen Roger Auque, der unter anderem für RTL, «Paris Match» und das «Figaro Magazine» arbeitete. In einem postum veröffentlichten Buch («Au service secret de la République») gestand der biologische Vater von Marion Maréchal, zeitweise mit dem französischen und israelischen Geheimdienst kooperiert zu haben.

Als Maulwurf im Auftrag der vietnamesischen Kommunisten operierte Pham Xuan An. Während des Indochinakriegs arbeitete er für das US-Magazin «Time», die britische Agentur Reuters und die «New York Herald Tribune». Er hatte den Ruf eines Konfliktexperten. Nach dem Krieg wurde er zum General der Volksarmee ernannt. Ein Journalist von «Le Monde» bezeichnete ihn in einem Buch als perfekten Spion.

Kim Philby, geboren 1912, schrieb während des Zweiten Weltkriegs für die «Times». Zwischen 1950 und 1960 war er in Beirut, wo er für den «Observer» und den «Economist» schrieb. Gleichzeitig kooperierte er mit der britischen Gegenspionage und dem sowjetischen Geheimdienst. 1955 stellte ein britischer Parlamentarier Philbys Aktivitäten in Frage, doch dieser konnte seine Doppelrolle weiterspielen bis 1963, als er nach Moskau fliehen musste, wo er 1988 starb.

Richard Sorge hatte den Ruf, ein Unterstützer des Hitler-Regimes zu sein. 1933 ging er für die «Frankfurter Zeitung» als Korrespondent nach Japan. In Tokyo freundete er sich mit dem dortigen deutschen Botschafter an. Doch 1941 wurde er verhaftet, weil er unter dem Namen Ramsay seit Jahren für den sowjetischen Geheimdienst gearbeitet hatte. Er übermittelte an Moskau Informationen, die zwischen Berlin und Tokyo ausgetauscht wurden. 1944 wurde er hingerichtet.


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3 Meinungen

  • am 25.02.2022 um 11:34 Uhr
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    Da gibt es ja noch so einige «Journalisten», die im Dienst von Geheimdiensten deren Version der Realität verbreiten. In Deutschland ist bspw. seit Jahrzehnten ein gewisser Gabor Steingart für seine Nähe zum BND und wohl auch zum Verfassungsschutz bekannt und berüchtigt … Ein Beispiel seiner Arbeit kann man heute gerade «nebenan» hier beim Infosperber begutachten. Der «Westen», der 20 Jahre lang Krieg in Afghanistan geführt (und durch die USA/Brzezinski 1979 die SU in «ihr Vietnam» gelockt hat), der den Irak mit einer Lüge überfallen hat (wie schon zuvor Vietnam), der in Syrien, Tschetschenien oder Libyen usw. islamistische «Freiheitskämpfer» eingeschmuggelt und bewaffnet hat (CIA-Operation Sycamore) … der die Ukraine bei der völkerrechtswidrigen, genozidalen Belagerung des Donbass unterstützt hat … dieser Westen wäre also nur ein «Maulheld»? Ein «Maulheld», dessen Rüstungsausgaben 10x über denen Russlands liegen? Auch wenn westliche Rüstung überwiegend notorisch disfunktional ist, sie reicht immer noch, um RU und die Welt mehrfach zu vernichten.

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  • am 25.02.2022 um 14:12 Uhr
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    Wir in der DDR sind mit Dr. Richard Sorges Biographie aufgewachsen. In Dresden gab es ein großes Denkmal für ihn, das nach der Wende leider von Neonazis demoliert wurde. Sein Wirken hat immer stark meine Fantasie angeregt: inmitten einer feindlichen Umgebung immer die Tarnung aufrecht erhalten, immer wachsam sein, immer äußerste Vorsicht beim Absetzen der Funksprüche an die Sowjets, nebenbei ein lachendes Gesicht, Charme, Komplimente und Täuschung, um weitere Zuträger zu gewinnen und den Feind auszuhorchen. Sorge hat mit übermenschlicher Anstrengung und Selbstbeherrschung aus echter Überzeugung für die Sowjets spioniert und sogar den Angriffstermin des Überfalls herausgefunden und immer wieder gefunkt. Stalin wollte es leider nicht wahrhaben. Sorge wurde später per Funkortung enttarnt und noch in Tokyo hingerichtet. Ich hätte ihm, wie so vielen anderen erfolgreichen Spionen auch, einen ruhigen Lebensabend gegönnt.

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  • am 26.02.2022 um 11:13 Uhr
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    Heute haben es die eingebetteten Journalisten sehr viel einfacher, da das Medienkartell selbst und fast insgesamt eingebettet ist! In einem doofen Schattenboxen wird uns dann das Theater Staatsmedien gegen Privatmedien vorgespielt.
    Zum doofen Schattenboxen gehören auch Vergleiche aus der Zeit des kalten Krieges mit der aktuellen Situation.

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