Crowdfunding Hauptstadt_gross

Ein Teil des «Hauptstadt»-Teams am ersten Tag des Crowdfundings. © Hauptstadt/Manuel Lopez

Mit Kreativität gegen den Medieneintopf

Jürg Müller-Muralt /  Berner Zeitungsfusion führt zu Nischenprodukten: ein neues Online-Medium für den Grossraum Bern und eine schräge Online-Kolumne.

Fusionen sind immer eine Herausforderung für PR-Abteilungen, ganz besonders Zeitungsfusionen. Denn das Leibblatt oder das Lieblingsmedium ist häufig mehr als ein blosses Informationsorgan, es hat für viele Nutzerinnen und Nutzer auch einen emotionalen Wert. Deshalb muss man den wirtschaftlichen Zusammenschluss für das Publikum als Mehrwert verkaufen, den Personalabbau begründen und die Nachteile der ganzen Operation schönreden. Zudem muss man die ganze Übung als Sachzwang darstellen. Und so kam es, dass die Zusammenlegung der Redaktionen der beiden Berner Blätter Bund und Berner Zeitung BZ in einer Mitteilung vom April 2021 als logische Folge des «sich rasch vollziehenden Strukturwandels in der Medienbranche» kommuniziert wurde. Die Teams würden zu einer «neuen und schlagkräftigen Redaktion» zusammengeführt, einer Redaktion mit «hoher journalistischer Kompetenz» selbstverständlich. Man tue das alles auch, «um Synergien zu nutzen».

Verlust für Debattenkultur

Schon bisher arbeiteten die beiden Berner Titel über das nationale Netzwerk von Tamedia in den Ressorts Schweiz, Ausland, Wirtschaft, Sport, Kultur und Wissen zusammen. Doch nun, ab Oktober 2021, wurde auch die Berichterstattung über Stadt und Kanton Bern zusammengelegt. Die beiden Titel Bund und BZ bleiben allerdings erhalten. Und sie sollten «sich weiterhin unterschiedlich positionieren». Was jedoch die beste PR-Botschaft nicht ausbügeln kann: Die publizistische Konkurrenz in Bern und damit die Vielfalt des journalistischen Themenzugangs gibt es nicht mehr. Die unterschiedliche Einschätzung eines politischen Sachverhalts oder eines kulturellen Ereignisses durch zwei unabhängige Redaktionen gehört der Vergangenheit an. Für den Medienplatz Bern und die Debattenkultur ist das ganz klar ein Verlust.

«Schwarzer Tage für Medienplatz»

Weil eine breite Palette unterschiedlicher Medien unter anderem auch für die Qualität der Demokratie von erheblicher Bedeutung ist, gingen Zeitungsfusionen noch nie geräuschlos über die Bühne. Redaktionen, Berufsverbände und Gewerkschaften protestierten, Politik und zivilgesellschaftliche Gruppen liessen ebenfalls von sich hören. Das war bei der ersten grossen Zeitungsfusion der Schweiz so, beim Zusammenschluss von Basler Nachrichten und National-Zeitung zur Basler Zeitung 1977, das war bei der Fusion von Berner Tagblatt und Berner Nachrichten zur Berner Zeitung BZ 1979 so – und es ist heute nicht anders. Die Berner Kantonsregierung liess im April 2021 verlauten, sie sei von der redaktionellen Zusammenlegung von Bund und BZ enttäuscht, der Medienplatz Bern werde dadurch verarmen. Ungewöhnlich scharf reagierte der Berner Stadtpräsident Alec von Graffenried. Er zeigte sich «verärgert» und sprach von einem «schwarzen Tag für den Medienplatz Bern»: «Tamedia hat die eigenen wirtschaftlichen Interessen höher gewichtet als die medienpolitische Verantwortung.»

Die «Hauptstadt» am Start

Konsequenzen haben die diversen Unmutsbekundungen so gut wie nie. Die wirtschaftliche Logik – oder was die Manager der Medienkonzerne dafür halten – hat immer das letzte Wort. Es gab und gibt allerdings immer wieder Versuche, der schwindenden Medienvielfalt mit Nischenprodukten etwas entgegenzustellen. In Bern ist derzeit eine Gruppe von Journalistinnen und Journalisten daran, ein neues, unabhängiges, gemeinnütziges Online-Medium für den Grossraum Bern auf die Beine zu stellen. «Die Bundesstadt soll eine neue publizistische Stimme erhalten, deren Redaktion zwar einen Bruchteil des Etats von Tamedia (Der Bund, Berner Zeitung) umfassen wird, die aber mit Herzblut, solidem Handwerk, lokalem Faktenwissen und Empathie für das Alltagsleben relevanten Lese- und Diskussionsstoff für die öffentliche Debatte produziert», heisst es auf der Homepage der Hauptstadt – so lautet der Titel des Medien-Embryos. Übrigens: Die Hauptstadt als Medium gab es in der Vergangenheit in Bern schon einmal, und zwar in den Neunzigerjahren des 20. Jahrhunderts als linke Berner Wochenzeitung. Es war der nach bereits einem halben Jahr wieder eingestellte Versuch, die eingegangene SP-nahe Berner Tagwacht in anderer Form weiterzuführen. Warum jetzt wieder Hauptstadt? Mitinitiant Jürg Steiner sagte in einem Podcast zur Namensfindung, der Name solle «Ausdruck eines gewissen Selbstbewusstseins» sein.

Vernetzung der lokalen Online-Medien

Die Medien-Geburt ist für März 2022 programmiert. Ganz neu ist die Idee nicht: In Zürich, Basel, Luzern, St. Gallen und Olten etablieren junge Online-Portale neue Geschäftsmodelle für professionellen Lokaljournalismus. Die Hauptstadt möchte Teil dieser Bewegung werden und sich mit den jungen Portalen vernetzen. Die Macherinnen und Macher geben sich auf ihrer Homepage optimistisch: «Markterfahrungen in anderen Städten zeigen, dass die neuen Geschäftsmodelle erfolgversprechend sein können: Wenn Journalismus und Unternehmertum gleichermassen gewichtet werden.»

Ohne Sicherheitsnetz

Der Zuspruch des Publikums sei «riesig», schreibt die Hauptstadt im jüngsten Newsletter von Anfang Dezember 2021: Über 3000 Abonnemente seien bereits verkauft worden, «mehr, als wir uns erhofft hatten». Wirtschaftlich dürfte es trotzdem nicht einfach werden, denn die Unterstützung durch Stiftungen und andere Institutionen ist bisher kleiner ausgefallen, als es sich die Macherinnen und Macher gewünscht haben. Das habe zur Folge, dass man entgegen dem ursprünglichen Projektplan «von Anfang an ohne grosses Sicherheitsnetz hart am Markt segeln und hauptsächlich leser*innenfinanziert starten» müsse.

Der kurze Scheintod der «Askforce»

Auf absolut sicherem Terrain bewegt sich die Hauptstadt also noch nicht. Dies ganz im Gegensatz zu einer Kolumne, die im April 2021 im Hinblick auf die publizistische Gleichschaltung des Bund abgesetzt wurde. Die wöchentliche Rubrik mit dem Namen Askforce war die wohl skurrilste und schrägste Kolumne der helvetischen Presselandschaft – und genoss Kultstatus. Doch das vermeintliche Ende war bloss ein Scheintod: Im Herbst 2021 tauchte die Askforce plötzlich wieder auf, in Form eines 350 Seiten starken Buches mit dem Titel «Askforce: Fachinstanz für alles. Unberechenbare Antworten auf universale Fragen»*. Der Band versammelt eine Auswahl der besten Beiträge der vergangenen 20 Jahre. Der Auftritt ist vornehm, das Buch befriedigt mit seinem edlen, knallgelben Einband höchste bibliophile Ansprüche. Das Geld dazu wurde in kürzester Zeit via Crowdfunding zusammengetrommelt.

Ab Januar 2022 auch im Internet

Das Buch darf als kreativer Aufschrei und subtile Trotzreaktion der Autorinnen und Autoren gegen das offensichtlich Unausweichliche des medialen Fusionsgeschehens auf dem Platz Bern interpretiert werden. Doch das Werk ist nicht bloss ein Denkmal; es ist vielmehr ein Markstein auf dem Weg in die Zukunft der Kult-Kolumne. Denn ab Anfang Januar 2022 feiert sie ihre Auferstehung im Internet und liefert «Antworten auf Fragen, die viele nicht zu stellen wagen», wie die Initianten schreiben.

Kolumne als «Kind der Aufklärung»

Allerdings ist es so, dass die Antworten nie Hauptzweck der Kolumne waren und wohl auch nie sein werden. Für die Autorinnen und Autoren bilden die Fragen nur den Anlass, diese tänzelnd zu umkreisen, womöglich an den Fragestellenden herumzumäkeln, sich auf Nebengeleise zu begeben, den Faden ganz zu verlieren oder vollständig im höheren Blödsinn zu landen. Alles ist möglich, nur keine argumentative Gradlinigkeit. Man trifft auf eine Mischung aus subtiler Satire und doppelbödigem Humor, immer irgendwo verbunden mit einer Prise Erkenntnis, die sich durch die sprachliche Hintertüre an die Lesenden heranschleicht.

Es ist also ein Ratgeber, der «in praktischer Hinsicht nicht durchs Leben hilft», wie Patrick Feuz, alt Chefredaktor des Bund, im Vorwort schreibt. «Die Askforce ist buchstäblich ein fragwürdiges Genre. Genau darin liegt ihr Zauber.» Und: Sie «ist ein Kind der Aufklärung. Sie lebt mit unbändigem Erkenntnishunger und unbestechlicher Skepsis klassisch journalistische Tugenden vor.»

«Warum hagelt es Katzen?»

Der heilsame Witz an der Sache ist, dass sich weder die Fragenden noch die Antwortenden tierisch ernst nehmen. Das ist auch nicht gut möglich, wenn man sich mit Fragen wie den folgenden herumzuschlagen hat: «Warum hagelt es Katzen?», «Schämen sich Nacktschnecken?», «Wie wirft man Wohnungen auf den Markt?», «Wie wärmt man ‹kalte Betten›?», «Wer ist der unbekannteste Politiker?», «Wie gesund ist der Menschenverstand?», «Gibt es auch einen Königsschnitt anstelle des Kaiserschnitts?» und «Warum gehen Handschuhe immer im Singular verloren?» Die Welt ist voller Fragen – und dank der ungewöhnlichen Ratgeber-Kolumne voller skurriler Antworten.

«Sprachlupe» exklusiv auf Infosperber

Übrigens: Mit der redaktionellen Zusammenlegung der beiden Stadtberner Tageszeitungen ist im Bund nicht nur die Askforce verschwunden, sondern auch die Sprachlupe. Infosperber-Leserinnen und -Lesern muss man die Kolumne des früheren Bund-Redaktors Daniel Goldstein nicht vorstellen: Sie erscheint seit Jahren auch auf Infosperber, seit Oktober 2021 nun aber exklusiv. Der Autor nimmt in regelmässigen Abständen sprachliche Moden, Marotten und Unarten ins Visier. Nicht nur bei Sprachinteressierten hat auch diese Kolumne längst Kultstatus.

Das Cover des Askforce-Buchs.
© Stämpfli Verlag AG, Bern

*Askforce – Fachinstanz für alles. Unberechenbare Antworten auf universale Fragen; Hrsg.: Verein Askforce; Stämpfli Verlag AG; Bern 2021; 352 Seiten;
CHF 29.–


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Der Autor war von 1993 bis 2009 Redaktor beim «Bund».
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

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3 Meinungen

  • am 22.12.2021 um 18:26 Uhr
    Permalink

    «…zwar einen Bruchteil des Etats von Tamedia (Der Bund, Berner Zeitung) umfassen wird, die aber mit Herzblut, solidem Handwerk, lokalem Faktenwissen und Empathie für das Alltagsleben relevanten Lese- und Diskussionsstoff für die öffentliche Debatte produziert». So, so. Tamedia produziert ohne solides Handwerk, wird da insinuiert. Und was bedeutet Handwerk? Schreiben die Journalist–Innen von Hand? Und verteilen ihre Artikel zu Fuss oder als Marktschreier. Dann wär’s Mundwerkpropaganda. Bitte nicht Vorspiegeln falscher Tatsachen, liebe Kolleginnen. Macht einfach eure Arbeit. Der Leser entscheidet. Vielleicht. Meist entscheiden die Finanzen. Und da ist es um alle schlecht bestellt, die Artikel schreiben. So lange der Leser nicht bereit ist zu bezahlen. Wie für ein Buch. Weshalb schreibt ihr nicht ein Buch? Wöchentlich. Immer am Freitag im Milchkasten.

    2
  • am 24.12.2021 um 15:24 Uhr
    Permalink

    Eine «kleine Zeitung alleine» hat es also schwerst, längerfristig zu über-leben.- Sodass sich gar «mittelgrosse Zeitungen» aus Selbst-Schutz-Bedürfnis zusammentun ?müssen?
    Die Furchen der «alten Wege» sind wohl mittlerweile so ausgefahren, dass man diese nicht mehr ohne Achsbruch «verlassen» kann – und dass ein «Gegen-Verkehr» zu gemeinsamen Exitus führen könnte ?!
    Also bleibt doch wohl nur, so konstruktiv wie kreativ nach sinn-vollen «neuen Wegen» zu suchen
    in Form von «verbündeten» Werbenden (Selbstvermarkter, Ökos, Dienstleister usw)
    und daraus schöpfbaren, neuen Zielgruppen.

    Im Grund könnte man an «Mitsingern im Chor» und «Zuhörern imPublikum» beispielsweise gewinnen, indem man sich beispielsweise zukunfts-trächtigen neuen Trends widmet, wie
    neuen, besseren Mobilitäten
    neuen Bauformen und urbanem Umdenken
    urban gardening
    mehr «Wassertiere» verspeisen wegen besserer Ökologie und Gesundheit
    Reduzieren von Wegwerf- und Kurz-Lebig-Produkten
    ob / wie / was das schwedische Gretelchen schaffte und plant
    Nachbarschafts-Hilfen und Ähnliches fördern und vermitteln
    Mit Fortsetzungs-Roman, täglichem Witzchen, Zeichentrick, Kreuzworträtsel, Vorstellung von «Menschen wie du und ich» … …
    also ein sinnvoller Zielgruppen-Mix + Journalismus —
    und stetig kreatives Werben um Leser-Zielgruppen

    Vielleicht die Samstags-Ausgaben (oder die zum Monats-Anfang) kostenlos –
    alle anderen Exemplare gegen cash –
    im Internet ähnlich gehandhabt.

    Wolf Gerlach
    scheinbar.org

    0
  • am 27.12.2021 um 21:43 Uhr
    Permalink

    Ich habe mir das Buch „Askforce – Fachinstanz für alles“ zu Weihnachten geschenkt. Ich war und bin enttäuscht, die Hälfte der Geschichten empfinde ich als gesucht, z.T. geradezu peinlich banal oder irrelevant, die andere Hälfte mochte ich dann gar nicht mehr lesen. Nicht für mich.

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