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Der in Deutschland geborene deutsch-iranische 18-jährige Amokläufer © cc

Unverantwortliche Angstmacherei mit «Terror»

Urs P. Gasche /  Der Amokläufer brachte es zu vielen Schlagzeilen «TERROR IN MÜNCHEN». Der Isis und die rechtsnationalen Parteien freuen sich.

Ein «TERRORANSCHLAG» bringt höhere Einschaltquoten und Zeitungsverkäufe als ein «Amokläufer». Den verantwortlichen Redaktoren scheint egal zu sein, dass ihre LeserInnen und ZuschauerInnen «Terror» mit dem Isis, mit Ausländern und mit der Immigration in Verbindung bringen. Auf jeden Fall flösst ein «Terrorist mit möglichen Verbindungen zum Isis» bedeutend mehr Angst ein als die Tat eines «Amokläufers». Entsprechend gerne und vorschnell berichteten Medien auch, dass der Isis die «Verantwortung» für den «Terrorakt» in München übernommen habe. Der Isis kann sich freuen.

Angst vor Terrorismus hilft aktuell Donald Trump. Der schwer angeschlagene französischen Präsident Hollande glaubt vom ausgerufenen «Krieg gegen den Terror» ebenfalls zu profitieren.

Deutsches Handelsblatt vom 23.7.2016
Den Münchner Amoklauf bezeichnet Hollande beharrlich als «Terrorakt». Den grössten Nutzen allerdings werden in Frankreich Marine Le Pens Rechtsnationale daraus ziehen.

Die unbedarften, aber quotenbringenden Schlagzeilen dienen in den meisten Ländern Westeuropas der extremen Rechten. Je stärker die verbreitete Angst, je grösser die gefühlte Unsicherheit, je intensiver das Gefühl, dass die heute Regierenden den Terror nicht in den Griff bekommen, desto grösser das Echo auf Rufe nach der starken Partei, dem starken Mann oder der starken Frau. Desto bereitwilliger akzeptiert eine Bevölkerung den Ausnahmezustand, die totale Überwachung und eine polizeiliche und militärische Aufrüstung.

AZ-Medien vom 23.7.2016
Der ausgerufene «Krieg gegen den Terror», die geschürte Angst vor jederzeit möglichen Terroranschlägen in Westeuropa, organisiert von internationalen Terrororganisationen bzw. vom Isis, verleiten zu irrationalen, von Emotionen geschürten Reaktionen. Die Lage wird ausgenützt von der Rüstungsindustrie, der Überwachungslobby und den Abschottungspredigern.

Minimes Risiko – mit Tod durch Blitzschlag zu vergleichen
Das tatsächliche Risiko, in Paris, Nizza, München oder in der US-Stadt Orlando Opfer eines Terroranschlags oder eines Amokläufers zu werden, ist äusserst gering. Tim Harford, britischer Ökonom und Kolumnist der «Financial Times» hat die Wahrscheinlichkeiten, während eines Jahres ums Leben zu kommen, für die USA wie folgt ermittelt:

  • 1:9’000 durch Verkehrsunfall;
  • 1: 20’000 durch Mord oder Totschlag;
  • 1: 10’000’000 durch einen terroristischen Anschlag.

Die Gefahr, wegen eines Terroranschlags ums Leben zu kommen, sei in den USA und auch in Europa vergleichbar mit dem Risiko, durch einen Blitz getroffen zu werden.
Terrorangriffe und -attentate können kein westliches Land aus den Angeln heben. Das Ziel der Terroristen besteht darin, eine irrationale Angst zu verbreiten und zu irrationalen Reaktionen zu verleiten. Das scheint ihnen zu gelingen. Sogar jeder kleinere und grössere Amokläufer bringt es zu Sondersendungen und aufgeblasenen Terror-Schlagzeilen.

«Der grösste Teil der Opfer waren bisher friedliebende Muslime»
Gabor Steingart, Journalist und Geschäftsführer des deutschen «Handelsblatt» erinnerte an den grösseren Zusammenhang: «Für das feindliche Klima zwischen den Kulturkreisen trägt der Westen eine Mitschuld.» Von den 1,3 Millionen Menschenleben, die das Kriegsgeschehen von Afghanistan bis Syrien mittlerweile gekostet habe, bringe es allein der unter falschen Prämissen und damit völkerrechtswidrig geführte Irak-Feldzug auf 800’000 Tote, konstatiert Steingart. «Die Mehrzahl der Opfer waren friedliebende Muslime, keine Terroristen…

…Der Automatismus von Härte und Gnadenlosigkeit, das vorsätzliche Nicht-Verstehen des anderen, die feurigen Reden an das jeweils heimische Publikum, die schnell in Marsch gesetzten Bombergeschwader haben uns…dahin gebracht, wo wir heute stehen».
So beende man den Terror nicht, sondern fache ihn weiter an. So schaffe man keinen Frieden, so züchte man vielmehr Selbstmordattentäter.
Anstatt auf «Kampf oder Kapitulation» zu setzen, müsse man künftig «Ordnung, Respekt und Moderation» fördern: «Es gibt Alternativen zur militärischen Eskalation».
Steingart steht mit dieser Mahnung unter den führenden Köpfen der deutschen Leitmedien allein.

Es gilt, die Ursachen des Terrorismus zu bekämpfen. Siehe:

«Amokläufer verfolgen keine politischen Ziele», Infosperber 24.7.2016
«Weniger als drei Prozent der Terroropfer starben in der westlichen Welt», 10vor10 vom 18.11.2013
«Wir sind der Gegner» von Jakob Augstein in Spiegel-online
«Selektive Empathie und Kriegstreiberei» von Stefan Schaer
«Sind wir dem Terror ausgeliefert» von Erich Gysling
«Der Tod in Paris und unsere Schuld» von Heiner Flassbeck
«Public Response to Tragedy Is Disproportionate» von Daniel DeLafe
«Der Terror in Paris beschleunigt den Syrien-Prozess» von Andreas Zumach
«Zorn über den gleichgültigen Westen», Tages-Anzeiger vom 17.11.2015


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine

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10 Meinungen

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    am 24.07.2016 um 11:44 Uhr
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    Die Wahrscheinlichkeit Opfer der Medizin oder der Justiz zu werden ist weitaus größer.

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    am 24.07.2016 um 16:57 Uhr
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    Was am Samstag in den gedruckten Zeitungen stand, basierte auf dem Wissen vom Freitagabend – und das war sehr dürftig. Nicht zuletzt deshalb wäre Zurückhaltung mehr als angebracht gewesen. Unsäglich war für mich vor allem das Verhalten von ARD und ZDF, die stundenlang sendeten und nichts anderes sagten als «Wir wissen nicht mehr, als dass jemand Leute umgebracht hat.» Das wurde dann aber mit nichtssagenden Interviews so lange breitgetreten bis auch der letzte Zuschauer nicht mehr wusste, wo ihm der Kopf stand.

    0
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    am 24.07.2016 um 21:46 Uhr
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    Erweiterter Suizid aus einer ausweglosen Lage würde ich sagen.

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    am 25.07.2016 um 16:05 Uhr
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    Zur Entlastung. Beim Attentäter von Ansbach wurden Anweisungen zum Bombenbau gefunden und ein IS-Bekennervideo. Auch ist das Nachahmen von Breivik nun halt auch nicht mal ganz unpolitisch, zu schweigen von dessen Bekenntnissen. Und der lächerliche Hinweis auf die Opfer von Autounfällen hat mir vorsätzlicher Verharmlosung. Selbstvertändllich gibt es auch im Haushalt Jahr für Jahr Unfälle, die mehr Tote geben als das an der Grenze Ukraine/Russland abgeknallte Flugzeug. Christliche Fundamentalisten verweisen gelegentlich darauf, dass jährlich mehr Föten abgetrieben werden als es in Auschwitz Opfer gab. Ohnehin ist auch klar, dass es einen hohen Grad psychischer Störung braucht, um beispielsweise mit einem Flugzeug in ein Hochhaus zu rasen.

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    am 25.07.2016 um 16:15 Uhr
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    Korr. Und der lächerliche Hinweis auf die Opfer von Autounfällen hat mit vorsätzlicher Verharmlosung des Terrors zu tun. Das Schema dieser Ausreden, anderes sei noch schlimmer und gebe noch mehr Tote, ist Jahrhunderte alt und ethisch unhaltbar.

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    am 25.07.2016 um 18:28 Uhr
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    Es geht um das richtige Einschätzen von Risiken, das weitgehend fehlt. Es ist z.B. völlig irrational, wenn jetzt weniger Gäste aus den USA nach Europa reisen, weil sie Angst haben, Opfer eines Amokläufers oder eines IS-Anschlags zu werden. Das Gleiche gilt für Europäer, die nicht mehr nach Paris oder München reisen oder öffentliche Menschenansammlungen meiden. Gravierendere Konsequenzen hat das falsche Einschätzen von Risiken, wenn es um staatliche Massnahmen geht. Die verbreitete, irrationale Angst wird, wie im Artikel erwähnt, ausgenützt von der Rüstungsindustrie, der Überwachungslobby, den Abschottungspredigern und den Ausländerfeindlichen. – Für die Opfer und die Hinterbliebenen spielt es keine Rolle, ob ein Amokläufer, der IS oder ein zu schnell fahrender Autolenker schuld ist.

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    am 25.07.2016 um 18:46 Uhr
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    Der Artikel vertritt unausgesprochen die These, die Mainstream-Medien würden der politischen Rechten Sukkurs leisten. Das ist angesichts ihrer hierzulande überwiegenden Linkslastigkeit lachhaft. Viel eher waren sie in der hochsommerlichen Sauregurkenzeit und nachdem den Leuten die Brexit-Diskussionen längst zum Hals heraus hängen, froh um ein Thema, das man mit dem Wort «Terror» dramatisieren konnte. Das hat sehr viel mehr mit Kommerz als mit der unglaubwürdigen Absicht zu tun, der Rechten Argumente für Fremdenfeindlichkeit zu liefern … und mit zynischer Gedankenlosigkeit, die im Hinblick auf Auflagen und Einschaltquoten jedes tragische Ereignis möglichst aufgebauscht «verkaufen» zu müssen glaubt.
    Ich traf übrigens nur wenige Stunden nach dem Amoklauf in München ein. Von einer «Stadt der Stille, Stadt der Trauer» (Headline in der heutigen BaZ) habe ich schon am Samstag nichts mehr gespürt: Rambazamba in den Bierlokalen, Touristengedränge und fröhliche Menschen an den Hotspots der Stadt. Aber eben: «Normalität» produziert keine Schlagzeilen. Good news is bad news – BAD NEWS is good news!

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    am 26.07.2016 um 05:45 Uhr
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    @Urs P. Gasche sieht zweifelsohne richtige Aspekte. Nur ist zwischen Unfällen und Verbrechen grundsätzlich zu unterscheiden und es ist nicht angebracht, Unfallstatistiken gegen Verbrechensstatistiken auszuspielen.

    Richtig scheint mir, dass der Fall «München» längst nicht analysiert ist und dass das, was in den ersten 48 Stunden darüber geschrieben und vor allem in den elekronischen Medien gequatscht wurde, zum Teil verantwortungsloses Geschwätz war, oft mit flächendeckender Instrumentalisierung verbunden. Dass allerdings Folgen einer falschen Einwanderungspolitik politisch ausgenützt werden, scheint so unvermeidlich wie die politische Benützung von Umweltkatastrophen, wobei in keinem Fall blosse Propaganda mit Problemlösung zu verwechseln ist. Lächerlich-absurd die Unterstellung eines AfD-Mannes v. Reutlingen «Wären wir an der Macht, hätte es das nicht gegeben» usw.

    Im Rückblick auf das Wochenende: Ein guter, durch keinerlei politische Korrektheit korrumpierter deutscher Autor sollte vielleicht mal einen Roman schreiben «Die verlorene Ehre des David Ali Somboly». Diese Hintergründe scheinen lehrrreich zu sein. Die Darstellung dürfte jedoch weder auf die Verherrlichung von Amokläufen noch von Terror hinauslaufen und müsste auch die Geschichte der Opfer miterzählen.

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    am 26.07.2016 um 05:45 Uhr
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    @Urs P. Gasche sieht zweifelsohne richtige Aspekte. Nur ist zwischen Unfällen und Verbrechen grundsätzlich zu unterscheiden und es ist nicht angebracht, Unfallstatistiken gegen Verbrechensstatistiken auszuspielen.

    Richtig scheint mir, dass der Fall «München» längst nicht analysiert ist und dass das, was in den ersten 48 Stunden darüber geschrieben und vor allem in den elekronischen Medien gequatscht wurde, zum Teil verantwortungsloses Geschwätz war, oft mit flächendeckender Instrumentalisierung verbunden. Dass allerdings Folgen einer falschen Einwanderungspolitik politisch ausgenützt werden, scheint so unvermeidlich wie die politische Benützung von Umweltkatastrophen, wobei in keinem Fall blosse Propaganda mit Problemlösung zu verwechseln ist. Lächerlich-absurd die Unterstellung eines AfD-Mannes v. Reutlingen «Wären wir an der Macht, hätte es das nicht gegeben» usw.

    Im Rückblick auf das Wochenende: Ein guter, durch keinerlei politische Korrektheit korrumpierter deutscher Autor sollte vielleicht mal einen Roman schreiben «Die verlorene Ehre des David Ali Somboly». Diese Hintergründe scheinen lehrrreich zu sein. Die Darstellung dürfte jedoch weder auf die Verherrlichung von Amokläufen noch von Terror hinauslaufen und müsste auch die Geschichte der Opfer miterzählen.

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