SRG: Linksopposition oder doch eher Sprachrohr der Regierung?
SVP-Nationalrat Thomas Matter vertritt als Präsident einer Bank die Interessen der Finanzindustrie. Über ein ganzseitiges Interview mit Matter setzten die Tamedia-Zeitungen den Titel «Wollen Sie mir ernsthaft sagen, dass die SRG keinen Linksdrall hat»?

Die «Tages-Anzeiger»-Redaktorinnen Anja Burri und Claudia Blumer liessen die provozierende Frage von Matter stehen, ohne von Matter konkrete Beispiele für den angeblichen Linksdrall einzufordern.
SRF-Sendungen schaue er «praktisch keine mehr», meinte Matter. Er schalte den Fernseher nur «bei einem interessanten Dokfilm oder auch bei Sportereignissen» ein. Trotzdem fuhr er fort: «Bei jeder Nachrichtensendung weiss ich innert zwei Minuten, wie der Moderator politisch tickt, wegen seiner Bemerkungen und Seitenhiebe.»
Nach konkreten Beispielen des «Linksdralls» wurde Matter im ganzseitigen Interview nicht gefragt. Er sehe einen Hinweis für die «Linkslastigkeit» darin, dass «SP und Grüne unsere Initiative bis aufs Blut bekämpfen». Das war alles.
Die Medienforschung widerspricht
Man kann der SRG kaum eine politische Schlagseite nach links vorwerfen. Häufig verbreitet beispielsweise die SRF-Tagesschau unbedarft Stellungnahmen der bürgerlichen Mehrheiten in Exekutiven und von Regierungsbehörden.
Die relevante Medienforschung sieht keinerlei «Linksdrall»:
- Das Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) der Universität Zürich hat die Berichterstattung von 23 grossen Schweizer Medien vor 44 Volksabstimmungen der Jahre 2018 bis 2023 untersucht und kam zum Schluss, dass sich SRF und RTS als unparteiliche Berichterstatter profilieren. SRF würde bei Abstimmungen politisch neutral berichten und bilde die politische Mehrheit der Stimmbevölkerung ab.
Studien zeigten, so das fög weiter, dass Medien bei gesellschaftspolitischen Vorlagen wie «Ehe für alle» oder der Pflegeinitiative tendenziell positiver berichten als bei repressiven Sicherheits- oder Migrationsvorlagen. Das entspreche gesellschaftlichen Trends und habe nichts mit parteipolitischer Ausrichtung zu tun.
Das fög sei eben selber «linkslastig», entgegnen Exponenten der Halbierungsinitiative aus dem Bauch heraus. Die Logik: Wer bei der SRG keinen «Linksdrall» feststellt, hat selber einen Linksdrall. - Das Institut für Politikwissenschaft der Universität Zürich hatte schon 2014 Daten der VOX-Analysen ausgewertet und kam zum Schluss: «Es gibt keine empirische Evidenz für die Linkslastigkeit der SRG.»
Die politische Linke und Mitte würden sich selbst benachteiligt sehen: «Sie bemängeln, dass in Diskussionssendungen wie der ‹Arena› Repräsentanten der SVP bevorzugt würden und der Themenfokus häufig mit der SVP-Agenda übereinstimme. - Falls die SRG die Rolle als Vierte Gewalt im Staat ausfüllen soll, muss sie Schwachstellen und Filz offenlegen und fragwürdige Entscheide von Bundesrat, Parlament und Kantonsregierungen kritisch hinterfragen. Weil diese exekutiven Behörden in den meisten Fällen bürgerlich dominiert sind, kann ihnen die Kritik in den falschen Hals geraten. – Allerdings informiert die SRG eher regierungsnah.
- Der Mittelwert der Selbsteinstufung aller befragten Journalistinnen und Journalisten liegt auf einer 0–10‑Skala (0 ganz links, 10 ganz rechts) bei 4.02, also leicht links der Mitte, jedoch nicht «drei Viertel links», wie einige Medien berichtet hatten.
- Doch selbst eine leicht linke durchschnittliche Selbsteinstufung in Redaktionen bedeutet keinen parteiisch linken Output, weil professionelle Normen wie Trennung von Nachricht und Kommentar, redaktionelle Kontrolle, Ombudsverfahren und Beschwerdestelle dagegenstehen. Den Kurs bestimmen ohnehin die Programmdirektion und die Chefredaktion.
Laut Medienanalysen ist der Vorwurf eines «linken Staatsfernsehens» in vielen europäischen Ländern ein strategisches Instrument rechter Parteien, um öffentlich‑rechtliche Medien unter Druck zu setzen.
In der Schweiz wurde dieses Narrativ bereits im Umfeld von No‑Billag genutzt. Das IPZ argumentiert, dass es weniger um eine empirische Diagnose gehe als um eine politisch motivierte Delegitimierung des Service Public.
«Die SRG vernachlässigt die Städte und informiert zu stark von ‹oben›»
Matthias Zehnder, ehemaliger Chefredaktor der «Basellandschaftlichen Zeitung» und heute Präsident des Vereins «Bajour», welcher diese ergänzende Online-Zeitung herausgibt, hatte bereits 2021 in «Bajour» festgestellt:
«Viel wichtiger als links oder rechts ist heute oben oder unten. Man könnte also SRF den Vorwurf machen, dass SRF sich in Diskussionssendungen zu sehr auf eine gesellschaftliche Oberschicht konzentriert und schlecht ausgebildete Menschen oder Armutsbetroffene zu wenig zu Wort kommen lässt.
Ähnliches gilt für den Gegensatz zwischen Stadt und Land. Nicht nur in gesellschaftspolitischen Fragen öffnet sich die Schere zwischen progressiven Städten und dem konservativen Land immer mehr. In der politischen Schweiz ist die Landbevölkerung strukturell bevorteilt: Das Ständemehr und die Zweiervertretung der Kantone im Ständerat verschaffen ländlichen Kantonen mehr Macht und Einfluss als den Städten.
So wie die SVP dem Schweizer Fernsehen vorwirft, links zu sein, könnte man vorwerfen, SRF sei zu sehr auf eine mittelalterliche, ländliche Bevölkerung ausgerichtet und lasse die jungen, progressiven Städte aussen vor.»
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Techgiganten prägen zunehmend den politischen Diskurs
Die Hintergrundsendung «SRF global» hat die heutigen Probleme der traditionellen Medien und der Social Media in einer Dokumentation analysiert: Einst galten Zeitungen, Radio und Fernsehen in den Demokratien als Vierte Gewalt. Heute prägen zunehmend Tech-Giganten mit ihren Algorithmen und Plattformen den politischen Diskurs – während traditionelle Redaktionen um Geld, Aufmerksamkeit und Vertrauen ringen.
Wer sich für Medien interessiert, sollte diese Analyse vom 29. Januar 2026 nicht verpassen:
«Medien – Kampf um Geld, Vertrauen und Einfluss»
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