So greifen Verleger in die Tasten

Christian Müller ©

Christian Müller /  In der NZZ schreibt VR-Präsident Etienne Jornod, in den CH Media Blättern Verleger Peter Wanner. Kein Eintopf!

Es gibt in der Welt der Medien nicht mehr viele «Verleger»: Persönlichkeiten, die selber politisch engagiert sind und für eine – aus ihrer persönlichen Sicht – gute Sache einstehen. Und die, von Zeit zu Zeit, sogar selber in die Tasten greifen. Die meisten Medienhäuser sind heute Aktiengesellschaften und funktionieren vor allem mit einem Ziel: Profit zu erwirtschaften.

Der Zufall will es, dass heute gleich zwei der vier Schweizer Medien-Könige eigene Kommentare in ihren Blättern haben: NZZ-VR-Präsident Etienne Jornod und AZ Medien-Mehrheitsaktionär Peter Wanner. Peter Wanner, Sohn des ehemaligen Badener Tagblatt-Verlegers Otto Wanner, hat bereits vor einigen Tagen Schlagzeilen gemacht. Er kritisierte andere Medienhäuser, insbesondere die TX Group (exTamedia) für ihre Entscheidung, trotz Covid-19-Krise Dividenden für das Geschäftsjahr 2019 auszuzahlen. «Die ganze Branche hätte hier solidarisch sein sollen und auf eine Dividende für das Jahr 2019 verzichten müssen. Leider ist das nicht geschehen», schrieb Wanner gemäss dem Branchen-Dienst persoenlich.com. Was bei Pietro Supino, dem VR-Präsidenten der TX Group, vom Typ her eben der reinrassige Money-Maker, nicht gut angekommen zu sein scheint.

In der heutigen NZZ verteidigt NZZ-Verwaltungspräsident Etienne Jornod die Auszahlung einer Dividende an die Aktionäre. Die NZZ sei sehr erfolgreich, habe gerade auch jetzt wieder mehr Leser und Leserinnen erreicht und überhaupt: Die NZZ mache mit ihrem «Leitstern Qualitätsjournalismus» einen sehr guten Job. Die heutige GV der NZZ hat denn auch die Auszahlung einer Dividende gutgeheissen (CHF 200 pro Aktie, die gegenwärtig CHF 4840 kostet, also etwa 4%). Ob der heutige Leitartikel von NZZ-Chefredaktor Eric Gujer auf der Frontseite der NZZ mit der Headline «Bitte keinen Seuchen-Sozialismus» allerdings unter Qualitätsjournalismus eingereiht werden darf, bleibe dahingestellt.

Da ist AZ- und CH Media-Verleger Peter Wanner deutlich differenzierter. Auch er hat für die heutige Ausgabe in die Tasten gegriffen, im Stil echt journalistisch, gut geschrieben: «Mit dem Coronavirus leben lernen.» Er verzichtet auf mediales Eigenlob, sondern er analysiert und zieht daraus Schlüsse. Und er wünscht sich für die Zukunft sogar Politiker, die über die Schere zwischen Reich und Arm nachdenken: «Ob die Welt gerechter wird, ob sich Armut und Reichtum anders verteilen, ob Populisten aus der Krise Nutzen ziehen oder ob die Ehrlichen und Vernünftigen Oberhand gewinnen – dies alles sind politische Fragen, an denen sich das Coronavirus nicht abarbeiten wird. Dafür haben wir Politiker.» Sogar das Wort «solidarisch» kommt in Peter Wanners Leitartikel vor, und er plädiert sogar für internationale Hilfe für Italien.

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Im Fussball zählen die Goals, im Hochsprung die Zentimeter, beim Skifahren die Hundertstel-Sekunden. Gäbe es auch in der Medienbranche klar zählbare Mess-Einheiten, an diesem Wochenende dürfte Peter Wanner das Spielfeld als «Runden-Bester» verlassen, deutlich vor den selbsternannten Hütern des «Qualitätsjournalismus» à la Eric Gujer an der Zürcher Falkenstrasse.

Peter Wanners Leitartikel ist lesenswert: hier anklicken.


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2 Meinungen

  • Avatar
    am 19.04.2020 um 14:46 Uhr
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    Weder Goal noch Eigengoal und schliesslich sind ja NZZ und CH-Media miteinander verbunden!…
    Diesmal liegt die NZZ nicht falsch, fragt sich nur, ob sie daraus die richtigen Schlüsse zieht…!

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  • Avatar
    am 19.04.2020 um 16:27 Uhr
    Permalink

    Der Beitrag des NZZ-VR-Präsidenten Etienne Jornod in der heutigen NZZaS ist wohl derselbe. Er lobhudelt die heutige NZZ(aS) in den Himmel, stützt sich einzige auf nicht überprüfbare Aussagen (Reichweite, Klickzahlen), feiert den 50% Zuwachs der, im Vergleich zur Schweiz tiefen Anzahl, Abonnentenzahler in D aber vergisst (sic!) zu erwähnen, dass die NZZ in zwei Jahren fast 25% zahlende Leser in der CH verloren hat. Und weil sie das letzte Jahr ja so gut gearbeitet haben(!?), wird eine grosszügige Dividende an die Besitzer ausbezahlt, während, wie erwähnt, Teile der Belegschaft in die Kurzarbeit geschickt werden.
    Das ist tatsächlich alles, was der Mann zu sagen hat?: keine Fakten und eine falsche Rechtfertigung für die Bereicherung in Zeiten, in denen der Staat, also wir, die selbe Firma mit Geld für die Kurzarbeit unterstützt. – Und so einem Medienunternehmen soll man Glaubwürdigkeit attestieren? Wie soll das gehen? – Auch das sind die Aussagen der Politphilosophin Gentinetta in der selben NZZaS schon wieder nur sekundierend: «Ohne Wirtschaft sind wir nichts» und «Der Steuerzahler alimentiert den Staat». Wie banal, einfach doch das Weltbild des Medienkonzerns NZZ geworden ist – weit weg von Qualität.

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