NZZ über die Schweiz – und Russland

Christian Müller ©

Christian Müller /  Corona-Krise: In der Schweiz ist Föderalismus positiv, in Russland aber ein Zeichen für Putins Schwäche.

Alle Medien haben ihr grosses Thema: die Covid-19-Pandemie. Da wird nicht zuletzt mit Zahlen jongliert, die scheinbar interessant, in Wirklichkeit aber meist nichtssagend sind, weil sie auf unterschiedlichen Erhebungen beruhen. Infosperber hat ausführlich darüber berichtet.

Die NZZ vom 14. Mai bietet nun ein Musterbeispiel, wie die Pandemie auch für politische Kommentare missbraucht werden kann. Auf Seite 11 ist eine längere Geschichte, wie in der Schweiz die Massnahmen zuerst allein von «Bern» beschlossen und durchgesetzt worden sind, jetzt aber die Kantone und sogar Gemeinden wieder die ihnen zustehenden Kompetenzen zurückerhalten sollen. Die Situation im Kanton Schaffhausen ist ja auch wirklich nicht die gleiche wie die im Tessin. «Schlägt jetzt die Stunde der Kantone?»

Auf Seite 9 der gleichen NZZ-Ausgabe schreibt Auslandredaktor Andreas Rüesch zum gleichen Thema in Russland. Rüesch darin wörtlich: Putin «scheint zu befürchten, dass die Bevölkerung ihn für die Einschränkungen persönlich verantwortlich machen wird. Die Zuständigkeit für die epidemiologischen Massnahmen hat er kurzerhand den Gouverneuren der Regionen zugeschoben. Dieser neu entdeckte Föderalismus mag für den Kreml bequem sein, passt jedoch nicht zu einem politischen System, das ganz auf die Staatsspitze zugeschnitten ist.» Die Headline von Rüeschs Kommentar: «Der russische Präsident zeigt Schwäche».

Nicht ganz zufällig erwähnt Andreas Rüesch auch, dass Russland in Europa mittlerweile am meisten «Fälle» hat. Was tatsächlich stimmt. Nur die USA, mit über doppelt so vielen Einwohnern, haben mehr. Doch wenn schon Zahlen, die hüben und drüben eh unsicher sind, dann die: Die Anzahl der Toten liegt in Russland bei 1,6 pro 100’000 Einwohner, in den USA bei 25 pro 100’000 Einwohner.

Man merke: In der Schweiz, wo zwischen Schaffhausen und Bellinzona knapp 180 km Autobahn liegen, sind dezentralisierte Entscheidungen – also Föderalismus – gut und notwendig. In Russland aber, wo zwischen Moskau und Wladiwostok am Japanischen Meer 8400 km Autobahn und Überlandstrasse liegen, sind dezentralisierte Entscheidungen – also Föderalismus – nach Ansicht der NZZ ein Zeichen der Schwäche des Kremls.


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5 Meinungen

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    am 15. Mai 2020 um 12:03 Uhr
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    Typisch NZZ. Leider…Die «Swiss Propaganda Research"-Studie über die NZZ trifft voll zu…

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    am 15. Mai 2020 um 17:12 Uhr
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    Geschätzter Christian Müller,
    auch Sie kennen die Volksweisheit «Wenn zwei das Selbe tun, ist es noch lange nicht das Gleiche"! Das zeigt sich doch seit Jahrzehnten «über-deutlich» beispielsweise bei der Bewertung des von den USA mit 5 Milliarden Dollar initiierten «Umsturzes» in der vor einigen Jahrzehnten von der Sowjetunion – ohne Befragung der lokalen Bevölkerung – verschenkten Krim und der grossmehrheitlich von der Krim-Bevölkerung gewählten «Rückkehr» ins Mutterland Russland!
    Dass das flächenmäßig größte Land der Erde, Russland, nicht ebenso zentral geführt werden kann wie beispielsweise Luxemburg ist für jede und jeden open minded Schweizer selbstverständlich, aber nicht für «linien-treue» Journalisten, die in jeder russischen – oder chinesischen – «Suppe ein Haar finden» müssen!
    Nebenbei bemerkt ist für mich die schlimme Wirkung von dem Corona-Virus in Russland ein indirekter Hinweis darauf, dass seine zufällige oder absichtliche Verbreitung eher NICHT in China zu suchen sind!

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    am 15. Mai 2020 um 22:29 Uhr
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    Ist das, was die NZZ am Schluss über Putin schreibt, nicht wieder mal Putin-Bashing? Gibt ihm denn der Erfolg nicht recht, wenn die Zahlen, im Vergleich mit den USA so niedrig sind?

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    am 16. Mai 2020 um 01:05 Uhr
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    Was mich immer wieder wundert: Für wie intelligent hält eigentlich eine NZZ ihre Leser? Das Zielpublikum ist ja nicht gerade der Boulevardzeitungsleser, sondern die sogenannt «gebildete Schicht». Merkt das dort niemand, dass die Leser*innen sich wegen solcher plumpen Artikel abwenden oder nimmt man das in Kauf, weil «höhere» Ziele wichtiger sind? Denn die Leser*innen quittieren es: Die Auflage und Abonnentenzahlen der NZZ sind seit Jahren auf steiler Talfahrt. – Darum wohl auch der Mittelentzug von der CH-Media. (siehe Klein Report)

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    am 18. Mai 2020 um 08:56 Uhr
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    Leider kann ich die Vormeinungen überhaupt nicht teilen. In der Tat hat Putin wohl das eine getan und das andere nicht gelassen. Putins Beliebtheit ist zur Zeit im Sinkflug, wie mir meine Freunde in Moskau und Kazan mitteilen, und dies steht im Zusammenhang mit dem Covid 19 Virus und den getroffenen Massnahmen sowie mit der serbelnden Wirtschaft. Nur blinde Followers und Naive glauben dort den veröffentlichten Zahlen. Und trotzdem hat Putin das Richtige getan: Dezentralisation. Was von den beiden unterschiedlichen Motivationen den Ausschlag gab, Dezentralisation oder Verbesserung der Umfragewerte, wer weiss das? Warum nicht zwei Fliegen auf einen Schlag?

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