Kommentar

kontertext: Plädoyer für ein Wort

Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des AutorsCorina Lanfranchi, Literaturwissenschaftlerin, lebt und arbeitet als freischaffende Journalistin und Autorin in Basel. ©

Corina Lanfranchi /  Der BaZ-Artikel über die «Vielfliegerei» von Regierungsräten gibt Anlass, über den Umgang mit der Wahrhaftigkeit nachzudenken.

Red. kontertext greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Ob Analyse, Sprachkritik oder Statement – kontertexte sind undogmatische Einwürfe, die Publiziertes ernst nehmen, ohne selber dem Ernst ganz zu verfallen.

Wahrhaftigkeit ist ein schönes Wort. Auch wenn es nicht leicht über die Lippen kommt: Wahr-haf-tig-keit. Ein altmodisches Wort? Eines jedenfalls, das aus der Mode gekommen ist. Moralisch? Ja, vielleicht auch das.
Die Wahrhaftigkeit ist das Verhältnis des Menschen zur Wahrheit. Ein wahrhafter Mensch sagt die Wahrheit und will sie auch hören. Wahrhaftigkeit meint so die Übereinstimmung der Rede mit dem Gedanken des Redenden. Dies gilt natürlich auch für Schreibende.
Der Grat der Wahrhaftigkeit ist schmal. Schnell kann es passieren, dass man abrutscht. Ohne Absicht – oder auch mit gewollter Absicht.
Wahrhaftigkeit gehört zum Grundsatz eines ehrbaren Journalismus. Ehrbare Medienschaffende sehen es als ihre Pflicht, mit ihrer «wahrhaften» Arbeit den Rezipienten so zu informieren, dass sich dieser am gesellschaftlichen Diskurs beteiligen und seine Meinung bilden kann. Das klingt so schön, als wär es nicht wahr.
In der Praxis finden sich denn auch leicht Beispiele für den fahrlässigen Umgang mit der «Wahrhaftigkeit». Eine Lehrstück solcher Art präsentierte die Basler Zeitung am 13. 9. 2016. Der Titel: «Grün predigen und dann nach Brüssel fliegen». Der Lead: «Guy Morin (Grüne) und Umweltdirektor Christoph Brutschin (SP) sind die Vielflieger der Basler Regierung. Ist das vereinbar mit ihren Grundsätzen?»
Der Verfasser leitet den Artikel ein mit Fakten, die alle schon wissen: Flugzeugreisen belasten die Umwelt. Dann folgt ein Zitat eines Mobilitätsexperten, der darauf hinweist, dass bei ökologischen Fragen vor allem beim Reisen der Unterschied zwischen Bewusstsein und Handeln offensichtlich wird. Beispiele gefällig? Diese folgen sogleich im Hauptteil des Artikels, wo sich der Verfasser mit den getätigten Flugreisen der Basler Regierung beschäftigt. Dabei stellt sich heraus: Ausgerechnet der sozialdemokratische Umweltdirektor (korrekt: Vorsteher des Amtes für Wirtschaft, Soziales und Umwelt) und der grüne Regierungspräsident sind die Viel-Flieger. Dabei geht es um Geschäftsflüge, was den Verfasser dazu veranlasst, en passant darauf hinzuweisen, dass die Privatflüge nicht eruiert werden konnten.
Doppelte Suggestion: Wer geschäftlich fliegt, fliegt auch privat. Die ebenso logische wie auch simple Schlussfolgerung: Die beiden rot-grünen Politiker lassen ihren Worten keine Taten folgen, ergo a) sind sie weder glaubwürdig noch b) erfüllen sie ihre Vorbildfunktion, die sie kraft ihres Amtes innehaben – so wie es der Legislaturplan 2013 – 2017 (bei dem die beiden Politiker auch mitgewirkt haben) vorsieht. Denn dort steht, «dass der Kanton – wozu sicher ja auch die Regierungsrätin und die Regierungsräte zählen – eine ‹Vorbildfunktion› einnehmen sollte, insbesondere auch bei der Mobilität.»
Voilà, da haben wir den Befund: Regierungsräte, insbesondere jene aus dem rot-grünen Lager, sind nur dann glaubwürdig, wenn sie ab und zu mit dem Roller nach Shanghai kurven. Die wirkliche Botschaft indes ist: Die Wahlen stehen an. Und Rot-Grün hat ausgeflogen.
Das ist Meinungsbildung ohne Wahrhaftigkeit: Denn der Beitrag will bewusst nicht informieren, sondern propagieren. Das Thema dient allein dazu, beispielhaft aufzuführen, wie unbeispielhaft sich die rot-grünen Amtsträger verhalten. Der Verfasser bedient sich dazu der Fakten, um daraus einen Vorwurf zu lancieren, der einfach nur lächerlich ist. Zitate werden aus dem Kontext gezerrt, eine komplexe Fragestellung mit simplen Beispielen beantwortet und den «Beschuldigten» wird kein Raum zur Widerrede gewährt.
Die Absicht ist augenfällig, und wäre der Artikel ein Einzelfall, einfach zu überblättern. Doch er ist kein Einzelfall, und das ist das wirklich Ärgerliche: In der Wiederholung dieser «Null-Geschichtchen» werden sie wirkungsvoll; sie erzeugen eine Stimmung, subtil und ganz leise wirkt das sprachliche Gift und beeinflusst die Wirklichkeit.
Ich lege den Artikel beiseite. Und da fällt mir das Gegengift ein. Die Wahrhaftigkeit. Ein Artikel wie dieser schärft das Augenmerk auf sie. Was unwahrhaft daher kommt, ist nicht des Lesens wert. Und was nicht gelesen wird, zeigt keine Wirkung. Die Wahrhaftigkeit ist ein nützliches Instrument. Sie schafft das Bewusstsein für die Wachsamkeit. Wachsamkeit? Auch ein schönes Wort.


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Corina Lanfranchi, Literaturwissenschaftlerin, lebt und arbeitet als freischaffende Journalistin und Autorin in Basel.

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3 Meinungen

  • am 23.09.2016 um 12:19 Uhr
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    Gut gekontert! Besser gesagt: Klar geschrieben pro Wahrhaftigsein im Journalismus wie in der Politik, diesen beiden Bereichen, in denen sich viele allzu leicht den Reichen als Hure anbieten…

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  • am 24.09.2016 um 10:54 Uhr
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    Es wäre in diesem Fall tatsächlich besser, der Artikel wäre nie geschrieben worden und die Heuchelei mit dem läppischen Herumfliegen, auch an Klimakonferenzen, würde nur intern am Stamm- und Familientisch mehr intern erörtert.

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  • am 24.09.2016 um 19:48 Uhr
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    Danke für den Beitrag – anführen möchte ich noch bezüglich der Wirklichkeitsbeeinflussung – dass diese in der Gegenwartsform stattfindet. Alles was in der Gegenwartsform ausgedrückt wird beeinflusst immer das Kommende. Folglich müsste eine jede Berichterstattung korrekterweise in der Vergangenheitsform geschrieben werden. Auf diese Weise würde die Information und/oder Wahrheit für sich stehen können ohne die Wirklichkeit zu beeinflussen. Leider wird diese Tatsache bewusst übergangen. Falls jemand aus der Branche wirklich mal wissen möchte, was genau damit gemeint ist, kann sich gerne bei mir melden.

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