Kommentar

kontertext: Im Studio mit zwei Leitwölfen

Michel Mettler © zvg

Michel Mettler /  Vor dem Hintergrund der Ukraine-Krise öffnet der Begriff der «intelligenten Munition» den Blick auf anthropologische Konstanten.

Bei der Entwicklung des Menschen zum Menschen hat der Wunsch, für jede Situation die geeignete Tötungsmethode zu besitzen, schon immer einen hohen Stellenwert gehabt. Das fängt nicht erst mit dem Bolzenschussgerät für Schlachtvieh an. Schon ältere Technikformen sind von diesem Bemühen geprägt: Das Schwert ist effektiver als die Keule, der Speer länger als das Schwert, die Kugel schneller als der Speer. Wo Tötungen unkompliziert und ohne grossen Kraftaufwand vollzogen werden sollen, sind der Fantasie kaum Grenzen gesetzt. Man denke nur an die kühle Effizienz der Guillotine, die auch noch den Vorteil hat, dass keine menschliche Hand die Klinge führen muss. Ein Zug an der Auslösevorrichtung genügt.

Solches geht mir durch den Kopf, während ich ein Gespräch zum aktuellen Ukrainekonflikt verfolge (NZZ Standpunkte vom 12.2.22 mit Korpskommandant Thomas Süssli und dem NZZ-Chefredaktor Eric Gujer). Der Begriff «geostrategisch» ist darin offenbar zentral, gemessen an der Häufigkeit seines Auftretens. Als Fragensteller betätigt sich ein marinblau gewandeter Edelmann der Presse, dessen weisses Haar vor dem dunklen Studiohintergrund besonders gut zur Geltung kommt. Ihm gegenüber sitzt der Chef der Schweizer Armee, entspannt in Uniform. Er führt den Begriff der «intelligenten Munition» ins Feld. Aus sichtlich breiter Kenntnis heraus versucht er, dem Otto Normalversteher in Sachen Kriegskunst auf die Sprünge zu helfen und der interessierten Öffenlichtkeit eine neue Waffengattung näherzubringen. Allein der Begriff «intelligente Munition», obgleich im Ton des gediegenen Kaminfeuergesprächs vorgetragen, lässt mich einige Zentimeter tiefer in den Sessel sinken. Etwas in mir will fliehen, möchte den Kopf in den Sand stecken, doch die Neugier stirbt zuletzt.

Liegt es an dem bedrängenden Thema, dass ich mich nun an eine ganz andere Sendung erinnere, in der eine Humanbiologin die Spermienqualität mit der Zivilisationsdichte verknüpfte? Ihre These war, dass dies mit Nahrung und Umweltgiften zusammenhänge. Seltsam nur, dass sie als Frau eine Flüssigkeit zu ihrem Leibthema machte, die im tiefsten, unbeobachtbaren Inneren des Mannes heranwächst. Das liess mich daran denken, wie lange Männer ihre teils abstrusen Theorien über die weiblichen Geschlechtsorgane weitergesponnen haben, ohne weibliche Kolleginnen einzubeziehen. Ich kann nicht sagen, wie gern und mit welchen Gefühlen ich meine Spermien auf ihre Qualität untersuchen liesse, denn die Frage hat sich nie gestellt. Wohl wäre ich mit ein paar ermutigenden Worten dafür zu gewinnen, so wie es bei Umfragen manchmal geschieht, wenn ich auf die erste Kontaktnahme nicht reagiert habe. Dann ruft eine nette Studentin an (auffallend oft weiblich) – Angélique könnte sie heissen oder Jennifer, auch Cheryl wäre möglich. Mit sanfter Stimme erinnert sie mich daran, dass ich die Mail des Instituts noch nicht beantwortet habe, und wirbt mit dem Versprechen, die Befragung dauere nicht länger als zehn Minuten.

Solange es um meine Einkaufsgewohnheiten geht, kann ich mir das vorstellen, da man bei der Befragung auch trinken oder Gemüse zerkleinern, ja im Grunde sämtlichen Tätigkeiten nachgehen kann, die sich einhändig verrichten lassen. Warum soll die Marktforschung nicht erfahren, dass Shampoos mit Apfelaroma nicht so mein Ding sind, dass ich bei Zedernnüssen aus dem Libanon aber schwach werden kann, allerdings nicht, weil sie die Spermienqualität verbessern, sondern aus Gründen, die ich kulinarisch nenne? Ich neige dazu, die Fitness meiner Spermien eher als Privatsache zu sehen. Meine Frau und ich haben nie nach den näheren Gründen geforscht, weshalb unsere Ehe kinderlos geblieben ist. Inzwischen gibt es äussere Gründe, damit zufrieden zu sein: Wir finden beide, dass es genug Menschen gibt. Von daher wäre es eine noble Geste, früh zu sterben und etwas Geld zu hinterlassen, für die Hungerhilfe oder bedürftige Kleinkünstlerinnen.

Früh zu sterben, könnte in der Ukraine schon bald ein Leichtes sein, wie es das bereits in Syrien, in Sierra Leone und in Burma ist. Als Smart Munition, erfahre ich, werden selbststeuernde Raketen, Flugkörper, Bomben und Artilleriegranaten bezeichnet, die nach dem Verlassen des Trägersystems ihre Fluglage ändern können. Gegenüber ungelenkter Munition können sie eine grössere Zielgenauigkeit erreichen. Mit etwas dichterischer Freiheit könnte man Spermien die intelligente Munition des Körperinneren nennen. Ihre Bestimmung ist es, sich aufzulösen, in einer neuen Umgebung aufzugehen, mit bleibender, ja durchschlagender Wirkung. Sie suchen sich ihren Weg, und ihr «Verhalten» ist darauf angelegt, dass viele von ihnen dabei scheitern und vom Körper resorbiert werden, so als würde für sie der Wahlspruch der Schweizer Eidgenossenschaft gelten, wie er in der Kuppel des Bundeshauses steht: «Einer für alle, alle für einen.»

Geht es zu weit, einem einzelnen Spermium Affekte zuzuschreiben, das Sehnen etwa, jenes eine, auserwählte Exemplar zu sein, dem das evolutionär einkalkulierte Scheitern erspart bleibt, indem es glücklich mit einer Eizelle verschmilzt? Kein Ultraschallbild konnte bisher diese Frage klären. Doch bei Smart Bombs bin ich mir sicher, dass sie frei von Emotionen sind, im Unterschied zu den Bildschirmkriegern, die sie auf den Weg bringen. Ich erinnere mich lebhaft an den zweiten Irakkrieg, der erstmals Eigenschaften eines Videogames aufzuweisen schien. Die Szenerien aus dem nächtlichen Basra gemahnten an das schartige Schwarzweiss von Ultraschall-Scans, irgendwo zwischen Leber und Nierenrinde. Zum Explodieren der Marschflugkörper hörte man die Jubelschreie derer, die im geschützten Steuerraum an ihren Joysticks sassen. Sie legten eine Matrize übers Gelände, bezogen das Wetter mit ein, der Rest war eine Frage von Rechenleistung und Kartengenauigkeit. Tod auf Bestellung war ihr Geschäftsmodell.

Zu einer solchen Formulierung ginge der rotwangige Chefstratege der Schweizer Armee bestimmt auf Distanz. Noch immer skizziert er unter dem wachsam warmen Blick seines Gegenübers die taktischen Dispositive, die zur aktuellen Konfliktlage erstellt worden sind. In seinem Bestreben, die verfahrene Situation mit militärischem Kalkül zu ordnen, wirkt er unermüdlich, fast schon obsessionell. Ich lasse ihn reden und schaue mir am Computer ein paar Abbildungen von intelligenter Munition an. Mit ihrer dreiflächigen Verjüngung zur Spitze hin, schnauzenartig abgeplattet, sieht die Cruise Missile AGM-86 von Boeing wie ein Hai aus, beweglich, drohend und streng übers Heckruder getrimmt. Eine Art Stoss-Spermium, von Technikern abgesandt, um das Firmament über einem fremden Land mit Lichthauben zu befruchten. Was, wenn die Hypothese der Humanbiologin stimmt, und auch die Befunde der Konfliktforschung, wonach in Grenzkriegen der angreifende und der eroberte Staat sich in ihrer zivilisatorischen Entwicklung mit der Zeit annähern: Stünde dann den ukrainischen Männern demnächst ein Abfall ihrer Spermienqualität ins Haus?

So habe ich Kriege noch nie gesehen: In einer ersten Welle senken sie die Bevölkerungszahl längs der Frontlinien, doch indem sie Entwicklung in wenig besiedelte Gebiete des Inneren tragen, vermindern sie auf stillem Weg die Fruchtbarkeit, gleichsam als Streitkraft in der Keimbahn der annektierten Bevölkerung. Mit solchen Mutmassungen, ich ahne es, könnten die beiden Studio-Leitwölfe nichts anfangen. Eine solche Konstruktion wäre ihnen zu spekulativ. Die blaugewandete Edelfeder und ihr feldgrünes Gegenüber glauben, sich in ihren sämtlichen Erwägungen an Fakten zu halten.

Ob der Armeechef Kinder hat, weiss ich nicht. Auch die Qualität seiner Spermien entzieht sich meinem Blick. Auf mich wirkt er prall und wohlgenährt – es sieht ganz so aus, als fühle er sich im Licht der Studioleuchten wohl. Doch das ist Interpretation. Dass er einen Hund hat, weiss ich dagegen mit Sicherheit. Er vergöttere ihn, hat seine Frau in einem Interview mit der People-Zeitschrift gesagt, so sehr, dass sie manchmal fürchte, er könnte ohne seinen Bergamaskerrüden Hektor gar nicht mehr leben.

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Link zur NZZ Standpunkte-Sendung, von der der Autor sich zu dichterischen Fortschreibungen inspirieren liess.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Michel Mettler, geb. 1966, tätig als freiberuflicher Autor und Herausgeber, interessiert sich für die Geschichtlichkeit von Gegenwart, Wortgebrauch und Erzählungen, die der Subtext schreibt. Zuletzt hat er als Co-Herausgeber den Band DUNKELKAMMERN veröffentlicht (Suhrkamp 2020).

Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe von Autorinnen und Autoren. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Die Gruppe ist dabei, sich neu zu konstituieren. Zurzeit schreiben regelmässig Silvia Henke, Mathias Knauer, Michel Mettler und Felix Schneider.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

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3 Meinungen

  • am 21.02.2022 um 11:35 Uhr
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    Ja, lieber Herr Mettler, ich weiss nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Ich habe mich fürs Lachen entschieden. Und dann wollte ich noch kurz in die Sendung der NZZ hineinschauen, und gleich am Anfang dieser idiotische von den römischen Imperialisten immer noch – mindestens in Schweizer Gehirnen – gehortete lachhafte Satz: «Jedes Land hat eine Armee, die eigene oder eine fremde. » Am liebsten hätte ich im Geiste ausgeholt und dem Typen einen ..pardon, man muss ja sehr manierlich schreiben, sonst könnte etwas Schlimmes passieren.
    Nun, was soll ich machen? Ich glaube einfach weiterlachen und warten, bis solche Typen endgültig ausgestorben sind. Das werde ich zwar nicht mehr erleben, aber irgendwann müssen auch militärfanatische Journalisten normal werden.

    1
  • am 23.02.2022 um 01:16 Uhr
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    Witziger Vergleich! Die einte Munition besteht in unseren Gefilden immer mehr aus warmer Luft. Der glatzköpfige General wird die Muntionsqualität seiner Rekruten kaum überbieten. Und die ist bekanntlich wirklich nicht gut.

    0
  • am 23.02.2022 um 23:15 Uhr
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    Sehr geehrter Herr Mettler,
    diese Entwicklung der Waffen hat mich als ehemaliger DDR-Bürger (Sachsen) schon in den Umbruchzeiten der DDR interessiert. Da kam der Spruch auf «Schwerter zu Pflugscharen.» Das konnte ohne Bedenken und Gefahr getan werden. Die Atombomben sind ja sehr viel tötlicher als ein Schwert. Und die Militärs rechen ja längst mit Megatoten.
    Der zweite Punkt ist die Zerstörung der füfr den Menschen notwendigen Natur- (Umwelt-) bedingungen. Die Natur selst kann der Mensch nicht zerstören. Er kann nur Elemente der Natur in andere umeandeln. Aberr ohne dass die Natur dem Menschen die alle Lebensnotwendingen Dinge nicht zur Verfügung stellt (Essen, Trinken, saubere Luft), kann kein Mensch auf Dauer leben. Dadurch, dass der Mensch seine Lebensnotwendigkeiten zerstört, vernichten der Mensch die Existenz der Menswchheit. Die Menschen können sehr viel von den Indianern und von alles anderen Naturvölkern lernen, was sie tun müssen, um ihre weitere Existenz auf der Erde zu sichern.

    Viele Grüße aus Braunschweig in Nidersachsen/Deutschland.

    Kurt Wolfgang Ringel
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