Kommentar

Im Krieg bestimmt nicht die Moral, was Lüge und Wahrheit ist

Thomas Fischer © ard

Thomas Fischer /  Kriegspropaganda lügt naturgemäss. Wir sollten dies bedenken. Muss man 30- bis 50-jährige Journalisten wirklich daran erinnern?

upg. Thomas Fischer war Vorsitzender Richter am 2. Strafsenat des Bundesgerichtshofs. Im Folgenden stellen wir seine Kolumne in «Der Spiegel» etwas gekürzt als Gastbeitrag zur Diskussion.

Die «Süddeutsche» druckte eine Foto ab, welche die Pressekonferenz des Uno-Generalsekretärs António Guterres und des russischen Aussenministers Lawrow zeigte. Lawrow ist 1,87 Meter gross, Guterres 1,70 Meter. Er reicht Minister Lawrow also bis zur Oberlippe. Diese Botschaft schärfte die Fotoabteilung des Ministeriums, indem sie die Kamera frontal in Kopfhöhe vor Lawrow positionierte und ein kurzbrennweitiges Objektiv verwendete. So liess sich fast fälschungsfrei dokumentieren, dass es sich bei Herrn Guterres um einen etwa 1,35 Meter grossen Kleinwüchsigen handelt, dessen Nase knapp über die Jacketttasche des Ministers reicht. Das ist eines von mehreren willkürlichen Beispielen aus den Propaganda-Ozeanen der Wahrheitsagenturen.

Eine ultimative Herausforderung für Medienschaffende

Krieg ist […] die ultimative Herausforderung für die Millionen deutscher Menschen, die irgendetwas mit Medien studiert haben, demnächst studieren werden oder einfach machen wollen.

Es ist schön, dass wir täglich überall lernen, der Krieg der Russen sei «menschenverachtend» und «grausam», insbesondere, da sogar Kinder und Frauen dabei zu Tode kommen. Das unterscheidet ihn offenbar vom «mutigen Krieg» und allemal vom richtigen Krieg, der, wie man weiss, dem Menschen zugewandt, hart, aber zärtlich ist und bei dem praktisch alle Zivilisten evakuiert werden, bevor auch nur eine einzige Drohne vier mutmassliche Radikalislamisten plus 17 Kollateralpassanten «ausschaltet» oder 1000 Nato-Kampfflugzeuge Ziele der «zivilen Infrastruktur» in Serbien bombardieren. [Das IKRK meldet aus dem Jugoslawienkrieg noch heute über 10‘000 pendente Fälle von Vermissten, allein in Bosnien über 6000.]

Alfred Dregger, von 1982 bis 1991 Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, hatte erklärt: «Deutschland kann atomar nicht verteidigt, aber zerstört werden.» Sein Slogan war «Frieden schaffen mit immer weniger Waffen». Für diesen verkappten Früh-Putinismus fehlt aus dem CDU-Adenauerhaus noch eine Entschuldigung.

Nimmt man die überregionale deutsche Printpresse, dürften täglich mindestens 30 Zeitungsseiten mit Schilderungen der Abgründe draufgehen, die sich in Russlands Militär, Politik, Gesellschaft, Natur, Wirtschaft, Kunst, Universitäten, Mode und vor allem bei Russlands Menschen binnen kürzester Zeit aufspüren liessen. Vorher wurden diese Abgründe jahrzehntelang kaum thematisiert.

Diesen Artikel gibt es auch als Audio-Hörbeitrag: hier klicken!

Den Radio-Postcast hat Klaus Jürgen Schmidt von «Trommeln im Elfenbeinturm» realisiert.

Erlebnis-Journalismus als abstossende Selbstdarstellung

In den Redaktionen findet sich kaum noch jemand, der «aus Russland zurückgekommen», «in Stalingrad gewesen» oder die Ermordung eigener Angehöriger durch die Rote Armee miterlebt hat. Das Tag und Nacht anhaltende Schreiben, Reportieren, Filmen und Berichten stammt überwiegend von Menschen, die von Russland, Ukraine, Krieg, Militärlogistik, Gaspipeline oder posttraumatischen Belastungsstörungen bis vor vier Monaten so viel Ahnung hatten wie eine Kuh vom Fliegen […].

Der Erlebnisjournalismus der militärischen Art ist häufig eine abstossende Selbstdarstellung überforderter Personen und Strukturen. Er ist zum Ersten getrieben vom Medienmarkt selbst, also von Konkurrenz, […] zum Zweiten von einer zeitweise absurd wirkenden Übertragung eingeübter «Betroffenheits»- und Erlebnismuster aus der weltfernen Sphäre überversorgter Kinder […].

Die Besichtigung und das Abfotografieren zerstörter Aldi-Märkte ist in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa nun mal schwieriger als in Lwiw.

Niemandem soll ein guter Wille abgesprochen werden! Niemand soll gehindert sein, den Krieg so zu nennen, wie er ist. Aber von wem soll man professionelle Distanz zur Propaganda aller Seiten erwarten, wenn nicht von Menschen, die Seminare über «Propaganda» besucht haben? Man kann ja die Beschreibung der Welt nicht zur Gänze in die Hände des Twitter-Wahnsystems legen. 

Selbstverständlich lügen die Russen! Und selbstverständlich lügen die Ukrainer. Lüge und Wahrheit bestimmen sich nicht nach der Moral! 

Muss man 30- bis 50-jährige Journalisten hieran wirklich erinnern?


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

Ukraine_Sprachen

Die Ukraine zwischen Ost und West: Jetzt von Russland angegriffen

Die Ukraine wird Opfer geopolitischer Interessen. Die Nato wollte noch näher an Russland. Russland führt einen rücksichtslosen Angriffskrieg und missachtet das internationale Kriegsrecht.

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6 Meinungen

  • am 15.05.2022 um 12:28 Uhr
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    Ich bin nach wie vor journalistisch tätig. Auch wenn ich in der DDR studiert habe, wurde uns neben viel politischem Gedöns – man glaubt es kaum – auch solides Handwerk vrmittelt. Thomas Fischer kann ich gut folgen. Was in den meisten Qualitätsmedien heute für ein Unsinn verzapft wird, ist durch mangelnde Ausbildung, fehlende Kenntnisse oder eindimensionales Denken zu begründen. Es gibt wohltuende Ausnahmen an der medialen Front, aber selten an herausragender Stelle. Dafür sorgen schon die Eigentümer der Verlage. Selbst orthografische, grammatische und geografische Kenntnisse nehmen ab, von exakten Geschichtskenntnissen ganz zu schweigen. Man stellt sich in den Dienst des Mainstreams und gibt den aus dem Internet recherchierten bzw. irgendwo gelesenen Blödsinn ungefiltert wieder. Gerade wir Journalisten sollten doch zwischen Propaganda und Tatsachen unterscheiden können. Verantwortungsbewusstsein erfordert nun einmal Bildung, daran mangelt es aber auch in der Politik.

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  • am 15.05.2022 um 12:30 Uhr
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    Trotz aller Tragik immer wieder erfrischend, wie Herr Fischer da vieles so treffend auf den Punkt bringt.

    Aber ist es denn wirklich so, dass lediglich Unfähigkeit und Verwöhntheit vieler Journalisten diese Situation hervorbringen, in der uns die allermeisten Medien täglich weis zu machen versuchen, dass es keine «realistische» Alternative gäbe zu Sieg und Krieg und Waffengewalt und Sanktionen und dies mit einer so unausgewogenen «Berichterstattung» unterstützen??

    1
    • am 16.05.2022 um 12:07 Uhr
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      Wer hat wen mit welchen Mitteln angegriffen? Wer wirklich verteidigt wen und wie? Wo findet jetzt gerade „welcher“ Krieg statt? Welche uns wichtigen und gemeinsamen Grundwerte stehen auf dem Spiel? Wo bleibt unser gesunde Menschenverstand, wo die Zivilcourage?

      1
  • am 16.05.2022 um 14:30 Uhr
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    Fischer ist die Faust aufs Auge. Danke. Ganz klar und ohne Zweifel betreiben Heerscharen von Journalisten, Literaten, Künstlern und sonstigen Gefragten und Ungefragten Propaganda in diesem Krieg. Dazu gehört der sentimental aufgeblasene Erlebnisjournalismus.

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  • am 16.05.2022 um 18:25 Uhr
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    Propaganda in Text und Darstellung gehört zum Krieg. Journalisten verdienen mit Schreiben. Also schreiben sie, was Geld einbringt. Zur Waffe werden sie allerdings, wenn sie zur Verschiebung der Gewichtungen beitragen.

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  • am 16.05.2022 um 21:35 Uhr
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    Sanktionen der US oder der EU erinnern an den «garçon qui tape du pied» oder der traditionellen Version des «Rache-Schachs». Man weiss, dass man das Argument verloren hat, möchte aber doch der Welt zeigen, dass man noch da ist.

    Was Europa aktuell macht, ist inoperationnell und besten Falls ein psychologiges «exutoire». Die ganzen Sanktionen werden Europa sehr viel mehr schaden, als sie zur Verminderung der Kriegskapazitäten Russlands beitragen können.

    Ein ehrlicher Versuch Kompromisslösungen zu finden, wie anfangs der Krise mehrmals versucht, wurde durch diverse irrationale Vetos verunmöglicht.

    Der von Herrn Haller am 5.5.22 zitierte Bericht des CH-Geheimdienst-Obersten Jacques Baud ist m.E. in dieser Hinsicht eine echte «révélation».
    https://zeitgeschehen-im-fokus.ch/de/newspaper-ausgabe/nr-4-vom-15-maerz-2022.html#article_1306
    Dieser Bericht sollte von den politisch verantwortlichen studiert werden, bevor sie sich in Selenskys Propaganda-Show einbinden lassen.

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